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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2017 von Hans aus H.
Veröffentlicht: 21.12.2017. Rubrik: Unsortiert


Ofen TV

Leicht vorgewärmt von der unverhältnismäßig hohen Heizölrechnung, stand am Anfang der unbedingte Wille, Energie zu sparen. Beschluss: Wir kaufen uns einen Ofen. So einen richtig schönen Kaminofen mit dickem Speckstein drum herum und mit großem Fenster. So ein richtig stabiles Teil zum Flammenfernsehen.

„Schwere Qualität“, hatte der Verkäufer gesagt. Das stimmte, wie man noch heute an der Haustür sehen kann, wo der klotzige Wärmespender damals einen anderen Radius gewählt hatte als seine Transporteure.
Zunächst einmal hatten wir aber Schwierigkeiten mit den Auflagen, die uns der Schornsteinfeger bescherte. Das geplante lange Ofenrohr zum Schornstein konnten wir uns gleich abschminken. Dafür war der Schornstein nicht hoch genug. Der Ofen musste mit Abstand und funkensicherem Untergrund am Schornstein stehen.
Der zog sich allerdings durch das an das Wohnzimmer grenzende Kinderzimmer, welches aber bereits seit einiger Zeit als Gästezimmer eingerichtet war.

Nach eingehender Beratung kamen wir zu dem Entschluss, der Energiekrise auch hier noch Tribut zu zollen und den Raum dem Ofen zu überlassen. Gemütlichkeit hat seinen Preis. Wir entfernten die Wand zum Wohnzimmer, zogen eine gewölbte Decken-verschalung, ähnlich einer Waggondecke ein und malerten und tapezierten dem Ofen ein tolles Kaminzimmer.
Dreizehn zusätzliche Quadratmeter taten auch dem Wohnzimmer gut. Drei ausgewachsene Männer und 2 Sackkarren hatten später einige Mühe, den dominanten Heizschönling an den vorgesehenen Platz zu bugsieren. Da stand er nun, der zertifizierte Holzverwerter und wartete auf trockenes Scheitholz. –

Holz beschaffen, Bäume fällen, das ist doch eigentlich was für Männer mit dicken Armen und kleinem Kopf. Das sollte doch wohl die kleinste Übung sein, auf dem Weg zum Energiesparer des Jahres.
„Das kannst du Kasper später auch machen“ hatte damals mahnend mein Klassenlehrer gesagt, als er uns den Dokumentarfilm über Kanada und die dortige Holzwirtschaft vorführte und ich mal wieder nicht stillsitzen konnte oder wollte. Aber die Männer hatten mich sehr beeindruckt.

Ich schafte mir eine Kettensäge an. Eine für den richtigen Mann; mit 40cm Schwert für richtige Bäume, die auf den Herrn des Ofens warteten. Eine bekannte Marke, klar, so mit 4 PS für 580,00€, 3 Reserveketten, 2 Schärffeilen, 2 Keile, 1 Holzwender, Axt, Beil, Sägekettenöl und Spezialbenzin = 210,00€

Dafür braucht man noch eine Art Kettensägen-Führerschein mit der Unterweisung im „Holz machen“ für 100€. Es folgte eine Verabredung mit dem Förster im Wald. Dieser verlangt von selbstsägenden Brennholzmachern das Tragen von Schnittschutzhose und ebensolchen Stiefeln. Dazu noch den Helm mit Drahtvisier. Zusammen rund 200,00€.

Nun, wenn es denn sein musste, den Tag Urlaub opferte ich für die gute Sache auch noch. Den Lehrgang buchte ich sofort bei „meinem“ Förster. „Und bringen Sie ihre Säge mit!“ Aber gern, dachte ich.
Meine Säge, gekauft im absoluten Profishop, beraten von schlecht rasierten Männern, die nach Nadelholz und Tabak rochen – eben echten Outdoortypen - war der Star des Seminars. Sie sprang gut an und machte mächtig Späne. Von einem gelungenen Test, berichtete ich zuhause.
Der Förster zeigte mir im Wald markierte Bäume, am Wegesrand, die ich von nun an in Brennholz umwandeln durfte. Ich konnte es kaum erwarten.
Meine Familie war vorbereitet, sozusagen eingenordet. Jeder wusste was Er (Junior), oder Sie (Frau), zu tun hatte. Ich, der Seminarteilnehmer im Holzfällerdress, führte selbstverständlich die Motorsäge und hatte das Kommando. Das neue Werkzeug lag griffbereit im Kofferraum.
Das Auto mit Anhänger stand bereit. Das Fäll- Kommando rückte aus, in den Wald. Ein markierter Baum wurde ausgeguckt – die Fallrichtung festgelegt, gesägt, wie gelernt – flach über dem Boden den Keil ausgesägt – Schnitt von der Gegenseite – „Achtung, Baum fällt“- … Denkste.
Der wollte fallen, drehte sich aber etwas, so dass er mit der Krone im Nachbarbaum hängen blieb. Das wars. „Den Stamm säge ich von unten in Meterstücken ab, dann wird er schon fallen.“ sagte ich.
Meine Frau bewunderte ihren bisher so zahmen, braven Ehemann. Von wegen Ersttäter und Greenhorn und so. - Nichts da. Voller Elan und wie ein erfahrener Holzfäller ging der zu Werke. Ob Männern das im Blut liegt? Waren vielleicht unter seinen Vorfahren schon Holzfäller oder Waldarbeiter? Sie hat sich das bestimmt gefragt.

Nach zwei Schnitten ging nichts mehr. Die Kronen waren total verhakt. Eine Leiter und ein Seil mussten her. Zwölf km fahren, aufladen – zurück, zwei Stunden gingen dahin.

Das Seil verband den widerspenstigen Baum mit der Anhängekupplung. Der PKW zog und wurde von den federnden Kronen zurückgezogen. Es ging hin und her aber der eigensinnige Brennholzträger fiel nicht. Der PKW brachte seine PS nicht auf den weichen Waldboden. Fazit:
Der andere Baum musste auch fallen. Den hatte der Förster zwar nicht markiert aber der abgeschnittene Baum durfte so nicht hängen bleiben. Ich setzte die Säge an und dann wurde es gefährlich. Meine Mitarbeiter wurden fortgeschickt – der Holzfäller war mit „seinem“ Baum allein.
Zwei Keile wurden in den Schnitt getrieben und der Kern gesägt. Über mir knackte es gefährlich. Ich schrie: „Holz kommt!“ Äste brachen und mit furchtbarer Wucht krachte die Baumdoublette gegenüber ins Unterholz.

Dann lag die ganze Pracht da. Machtgefühle wallten hoch. Eine Seelenverwandtschaft mit den kanadischen Holzfällern schien sich anzubahnen. So sah das damals im Film auch aus. Ich war baumgefährlich.
Man fängt von der Spitze her an, die Äste und Zweige abzusägen um das Holz frei zu legen. Welch eine Arbeit. Die vielen Abschnitte mussten gleich fortgeschafft werden, sonst kommt man nicht an den Stamm. Mutter schleppte. Junior schleppte und maulte. Da musste mit versprochenen Konzertkarten nachmotiviert werden.

Die schwere Säge schaffte den richtigen Mann. Mir fielen fast die Arme ab, weil ich für jeden ollen Ast die 4PS Säge heben oder stemmen musste. Oftmals klemmte irgendein blöder Ast das Schwert ein. Das war ein ständiges Ziehen und Zerren mit der schweren Säge in den verhakten Kronen. Richtig stehen konnte ich auch nicht. Bis ich an das richtige Holz kam war ich schon durchgeschwitzt, müde und kaputt.
Es lag noch kein Baumtrendel in dem 750kg Anhänger. Wie die kanadischen Holzteufel Brennholz machen und verladen, hatte der Film nicht gezeigt. Die Kanadier gerieten in Vergessenheit.

Ich hatte mittlerweile beim Ausästen schon mehrmals in den Boden geschnitten und schon zweimal die stumpfe Sägekette ausgewechselt. „Das klappt ja schon ganz gut“, lästerte der Sohnemann.
Der Schnittschutzanzug hatte anscheinend auch eine eingebaute Heizung. Der Schweiß tropfte nur so in die Schutzhaube und bevor es an die dicken Äste und den Stamm ging war ich schon ziemlich alle.

Ich schnitt dann gleich passende Ofenlängen, damit ich die Stücke zu Haus nur noch spalten musste.- Ich mochte gar nicht daran denken.
Die dicken Stücke trugen Sohnie und ich gemeinsam. Wer hätte gedacht, dass Holz so schwer ist. Eine Schlepperei war das wie zu Großvaters Zeiten. Da kannst du die blöden Sprüche von der „Deutschen Eiche“, die gewöhnlich immer Stimmung bringen, aber nicht mehr hören.
War mal ein Abschnitt, ein Trendel etwas länger, sagte Sohnie: „Darf`s für einen Euro mehr sein?“ Der Bengel schmeckte mir heute.
Der Anhänger war für das Holz eines Baumes schon zu klein. – „Egal, wir müssen die Leiter auch nachholen. Wir sägen alles und holen das Holz und die Leiter morgen.“ Alle waren froh über Vaters Einsicht, denn alle waren ganz schön mitgenommen und überanstrengt.
Frauchen sagte: „Das war früher aber eine schwere Arbeit hier im Wald. Als man die Bäume noch mit der Axt und mit der langen Säge schneiden musste. Andererseits ist aber auch sehr gesund so im Wald und immer an der frischen Luft zu arbeiten.“ Meine Frau sagt immer so kluge Sachen.
„früher“ Mir, dem Sägenführer, brannte da die Seele. Ich hatte eine scharfe Antwort auf der Zunge aber ich musste fahren und der überladene Anhänger schaukelte und hüpfte auf den schlechten Waldwegen. Außerdem war ich froh, dass sie dabei sein wollte. Zudem war ich körperlich echt erledigt, zu schlapp für einen heftigen Widerspruch.
Die Säge, das starke Gerät, mein ganzer Stolz. Die Säge hatte mich geschafft. Wo früher mein Rücken war führten ganze Muskelpartien Krieg gegeneinander. Dort wütete ein grausamer Schmerz und der Bizeps schien verhärtet zu sein. Die Säge ist ein wildes Tier. Ich brauchte noch eine andere, eine Leichte für die Äste. Mann - hatte die Säge mich geschlaucht.

Der Anhänger wurde entladen und mir fiel ein, dass ich zum ofengerechten Spalten der Trendel, ja noch einen Hauklotz schneiden musste. Kein Problem ich wollte ja noch öfter in den Wald. Die heutige Aktion hatte vielleicht gerade drei Raummeter Holz gebracht.
Da lag ja noch einiges im Wald. An Äxte und an Spalten, mochte ich heute nicht mehr denken.
Am nächsten Nachmittag waren wir einigermaßen erholt. Das Holz und die Leiter sollten geholt werden. Das Brennholzteam machte sich wieder auf den Weg. Junior hatte eine Schippe gezogen und etwas von krankhaft rotierenden Holzwürmern gemurmelt, doch Vater hat sich durchgesetzt.
Dreißig Minuten und zwölf Kilometer später stand eine kleine ratlose Gruppe im Wald – unmittelbar vor den glatten Sägeflächen der gestern gefällten Bäume, die alle total geschafft hatten. Sie mussten feststellen, dass es Menschen gibt, die keinerlei Anstand besitzen. Holz weg – Leiter weg; Sohnie wollte Spuren suchen.

Ich sagte schreckliches und verwünschte die Holzdiebe auf das Schlimmste. Wir traten den Heimweg an und trafen auf den Förster. Der hielt uns erst einmal einen Vortrag darüber, wo man beim „Holz machen“ die Zweige lässt. Auf die Holzdiebe angesprochen erwiderte er: „Über so schöne fertige Arbeit freut sich doch jeder. Lassen sie drei Meter Längen hier, die nimmt keiner“. Das hatte die Stimmung noch weiter gedrückt.
Zwei Wochen später hatte ich wieder Mut gefasst. Hatte mir eine kleine Säge, knapp vier Kilo schwer, mit dreißiger Schwert geliehen. Es ging in den Wald. Die kleine Säge wurde getestet und mit voller Begeisterung gleich festgefahren. Nichts ging mehr. Der Seminarteilnehmer hatte vergessen, was der Förster ihn gelehrt. Hatte Keile und Holzwender vergessen.
Da hatte ich eine zündende Idee. Das war die Rettung. Mein Junior sollte die große Säge starten um die Kleine frei zu schneiden. Der Bengel setzte Säge an, wie ihm geheißen und sägte los. Die Sägekette hakte die andere und fuhr sogleich ohne Wenn und Aber mit Vollgas in die kleine Säge.
Daraus spritze sogleich das Ketten Öl. Aus dem schartig zerfetzten Tank ragten zackige Aluminiumgrate und grinsten mich hämisch an. Ich ließ die kleine Säge fahren und schrie meine Wut in den Wald.
Dann schimpfte ich, genau wissend, dass dieser Super-Sägen Gau ausschließlich mein Verdienst war und dieser unnötige Ausfall allein durch mich zustande kam, meinen Sohn völlig zu Unrecht einen „Primaten“ und einen „Einzeller.“ Der drehte sich wortlos um und ging weg.
Der Tag war schon am Morgen hin. Irgendwie wurde ich allein fertig. Die Mischung aus Kerl, Wut und Frust sägte mit dem schweren Gerät den Anhänger voll und brachte ihn heim. Frauchen sagte nichts zum Sägen Fiasko und das war gut so.

Das Holz wurde mit der neuen Axt gespalten und mit Frauchens Hilfe in eine Fieme gestapelt.
Die Reparatur der kleinen Säge geschah im Fachhandel. Das Gehäuse musste erneuert werden. 178,00€. Schärfen der 4 Ketten: 28,00€ Die Anschaffung einer kleinen Säge, gebraucht, fünf Jahre alt, für 120€ bei eBay ersteigert.
Die kleine Wiedergutmachung bei Junior wird nicht angerechnet. Ach ja, der Förster kassiert von Selbstsägern für den RM Eiche 30,00€. Ich erwäge jetzt die Anschaffung eines Hydraulik Spalters. Der kostet bei 6t Spaltdruck 880,00€. Die Chinesen verkaufen einen ähnlichen schon für 480,00€.
„Die Holzfieme ist schon wieder umgefallen und muss neu gestapelt werden. Ich glaube, das liegt am Trocknen.“ sagt meine Frau. „Das liegt am Stapeln!“ sage ich, aber ich kann`s auch nicht besser. Ich weiß jetzt, warum Brennholz so teuer ist. Allein wegen dem Preis und dem Arbeiten im Wald, hatte ich mich entschlossen, selbst zur Säge zu greifen.
Apropos Sägen. Die müssen gewartet werden. Ich bringe sie zur Jahresinspektion. Die lassen mich dann bei Saisonbeginn im November nicht im Stich. Das sind Siebzig Euro, die sich lohnen. Es gibt nur wenig Schlimmeres, als im Wald zu stehen und die Säge springt nicht an.

Auf die Wege muss ich besser aufpassen. Die Reparatur der Spurstange, wegen einer dummen Baumwurzel mitten im Weg, darf ich dem Brennholz nicht anlasten.
Dass „Ofen TV“ kein billiges Vergnügen werden würde, war mir schon klar. Darüber will ich auch nicht mehr sinnieren. Ich will auch nicht ausrechnen wie viel Öl ich sparen kann oder statt der Waldausrüstung hätte kaufen können. Das habe ich alles hinter mir, das macht müde.
Ich habe auch den Menschen vergeben, die mir mit allerlei Bedenken die Holzmacherei ausreden wollten. Das Erlebnis und die Erfahrung haben wir anscheinend gebraucht. Es war eine Bereicherung für die ganze Familie.
Das Holz muss drei Jahre trocknen. Dann wollen wir Flammen sehen und eine Hitze spüren, die mich in meiner Holzmacherkarriere bestätigen.

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