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geschrieben 2020 von Mariele Märzenbecher (Mariele Märzenbecher).
Veröffentlicht: 26.10.2020. Rubrik: Märchenhaftes


Sempre Sempre to... das ist der Zauber der Musik!

Sempre Sempre to… das ist der Zauber der Musik!

Ich heiße Mariele, 50 Jahre, lebe alleine, bin Mutter zweier erwachsener und nicht mehr im Haus-halt lebender Söhne, habe schon alles erfahren im Leben und jetzt irgendwie übrig geblieben sozu-sagen.
Wenn ich nicht arbeiten muss, versuche ich die freien Stunden zu genießen – wirklich, ich versuch’s ja. Schnell bin ich gelangweilt und sehne mich nach dem Alltag. Dabei kann es wirklich schön sein, so ganz alleine mit mir selber. Nur wer mit sich selbst im Reinen ist, kann das Alleinsein genießen… diese Sprüche immer – es ist sicher etwas Wahres dran, nur erkenne ich es manchmal einfach nicht.
Nun will ich erzählen, was mir eines Morgens passierte – oder habe ich es nur geträumt – ich weiß es nicht mehr so genau…
Wieder einmal ein Morgen, an dem ich ausschlafen könnte, aber ich habe ein Alter erreicht, in dem man nicht mehr so viel Schlaf braucht. Kaffee allerdings – Kaffee geht immer! Es verspricht ein schöner Tag zu werden, genau richtig für eine Runde Walking: Also das Kurzprogramm im Bad; Zäh-neputzen, Haare kämmen – oha, wann ist denn das passiert – mein Spiegelbild flößt mir Ehrfurcht ein. Etwas Creme und etwas Schwarz um die Augen, die Sportsachen liegen bereit. Ich ziehe die Tür hinter mir zu, hab die Kopfhörer schon in den Ohren… Sempre Sempre to… ich mag diese alten ita-lienischen Schlager und sie geben mir all die nötige Motivation, die ich brauche. Doch leichtfüßig für meine Jahre nehme ich die Stufen und stehe auf der Straße, genieße die morgendlich wärmenden Sonnenstrahlen in meinem Gesicht und im Gleichklang des Liedes bewegen sich meine Beine und die mit Stöcken versehenen Arme.
Gleich links sehe ich das Dorf langsam erwachen, Nebelschwaden hängen noch in den Bäumen, an der Kreuzung muss ich rechts über die Bahnstrecke gehen und lese oft das Schild „Hochspannung – Achtung Lebensgefahr!“ Jedes Mal denke ich darüber nach, ob, wenn ich über die Brücke laufe, mir etwas passieren kann – dabei ist mir noch nie etwas passiert. Am Ende der Brücke teilt sich die Straße den Platz mit einem Radweg – ich nehme natürlich den Radweg. Im Frühjahr stand hier der Raps prächtig gelb in voller Blüte und die Sonne tauchte ihr Licht in das Feld. Ich hätte dem Gelb stundenlang dabei zu sehen können… Ich laufe parallel zur Straße, auf der um diese Uhrzeit kein Verkehr herrscht. Auch kein Radfahrer kommt mir entgegen – wie sonst: Ein junger Mann mit sei-nem Mountainbike und einem Helm, der einem Topf auf seinem Kopf gleicht. Wir haben uns schon so oft an dieser Stelle getroffen, wir grüßen uns mittlerweile. Aber von ihm keine Spur – schade, ein gesprochenes „Guten Morgen“ hätte mir gut getan…
Ich kann die Sonne sehen und fühlen und mich freut es, wie sie die Nebelschwaden langsam aber sicher besiegt. Mein Rhythmus beim Laufen ist im Gleichklang mit der Musik in meinen Ohren… Caro amore… und treibt mich immer weiter voran. Ich sehe das Rot der Ampel an der Kreuzung, es gilt nicht für mich! Der Radweg mündet in die schmale Straße hin zum Bahnhof, rechts einsam und verlassen die Bahngleise, links große alte Bäume, deren Blätter sich leicht im Wind bewegen… oder vielleicht auch zu meiner Musik. Jetzt gelange ich gleich an meine Lieblingsstelle: Die Bäume wei-chen kniehohen Büschen und es gibt freie Sicht auf die Berge auf der gegenüberliegenden Seite.

Majestätisch anmutend prangen die Häuser im Schein der Sonne an den Hängen. Kleine sind es und auch große. Passend zu meiner Lieblingsstelle höre ich leise Töne im Ohr… lauter werden sie… ein Bouzouki-Solo beginnt… wie oft habe ich schon versucht, diese Musik verzweifelnd mit meinen kurzen Beinen in den Tanz meiner Träume zu verwandeln – nie ist es mir gelungen; einfach wie verhext das Ganze. Der stampfende Rhythmus dieses Liedes lässt mich ungewohnt innehalten, ich genieße den Ausblick, die Sonne, die Musik und stehe jetzt mitten auf der Straße.
Schemenhaft kann ich von der Sonne geblendet den Mountainbikefahrer mit dem Topfhelm er-kennen, er fährt mir entgegen, verlangsamt, hält sein Rad an, steigt ab und lehnt es gegen die Leit-planke. Im schwarzen Radlerdress und einem Rucksack auf dem Rücken kommt er ohne ein Wort zu sagen auf mich zu… er ist vielleicht einen Kopf größer als ich. Darauf konnte ich nie achtgeben, sah ich ihn doch bisher nur fahrend – was hat er vor? Mich packt das blanke Entsetzen, es ist früh am Morgen, kein Mensch weit und breit zu sehen… Er hebt die Hand – oh nein – nestelt an mei-nem Kopfhörer, nimmt ihn mir aus dem Ohr und steckt ihn in seines. Einen Augenblick lauscht er, lächelt leicht, umfasst mich von hinten, seine Hand bleibt auf meiner Schulter liegen. Ich kann die Wärme spüren, die von ihr ausgeht, auch den leichten Druck, den sie auf mich ausübt und in die linke Richtung lenkt. Es fühlt sich nicht unangenehm an… langsam bewegen wir uns in die von ihm vorgegebene Richtung und gehen im Kreis. Er hebt das linke Bein und tritt seitwärts in die Luft. Sei-ne Augen suchen die meinen und fordern mich stumm auf, es ihm gleichzutun. Nach zwei Schritten auf der Straße im Kreis heben wir nun gemeinsam das rechte Bein und synchron treten wir mit ihm in die Luft. Ich kann es kaum glauben, geht es doch so leicht. Die Musik wird schneller und ich im-mer mutiger. Mit seinem Arm um meine Schulter fühle ich mich sicher der Schritte zu den traum-haften Klängen. Wir wechseln die Richtung, bleiben in der Schrittfolge und ich werde übermütig und wage es ihm ins Gesicht zu schauen. Unter seinem Topfhelm sehe ich zwei blaue Augen, die mindestens genauso strahlen wie sein Mund. Immer schneller bewegen wir uns zur Musik, haben den gleichen Rhythmus, unsere Beine schlagen nie gegeneinander und wir lachen.
Aus dem Augenwinkel kann ich einen stehenden Zug wahrnehmen – ungewöhnlich an dieser Stel-le, die Haltestelle ist viel weiter vorn… einige Köpfe sind an den offenen Zugfenstern, unglaublich – die Menschen schauen uns aus dem haltenden Zug zu und winken mit weißen Tüchern… auch der Straßenrand hat sich mit Menschen gefüllt… alle blicken freundlich lächelnd drein und manche klat-schen sogar… während wir die letzte Runde ausgelassen drehen und die Beine immer wieder im Gleichklang zur Seite treten.
Plötzlich ist der letzte Ton der Bouzouki verstummt, wir versuchen ebenso mit einem Ruck anzuhal-ten, aber der Schwung ist noch in unseren Körpern und nach ein paar Schritten bleiben wir stehen. Lachend entlässt er mich aus der Umarmung, die der Tanz erfordert, führt seine Hand, die eben noch warm auf meiner Schulter gelegen hat, zu seinem Ohr, nimmt den Kopfhörer und steckt in wieder in mein Ohr. Wie zufällig streift sein Zeigefinger dabei leicht meine Wange und es fühlt sich wie eine Streicheleinheit nach einem gelungenen Auftritt an. Er dreht sich um, geht zu seinem Rad, steigt auf und fährt davon – ohne ein Wort, ohne sich noch einmal umzuschauen.

Sempre, Sempre, Sempre to… nellamente… höre ich aus den Lautsprechern und setze auch mei-nen Weg fort… in meinem Kopf tanzen die Gedanken – was war das? Gerade sehe ich keine Sonne mehr, fühle sie nicht auf meiner Haut, ich gehe die Stufen der Unterführung hinunter auf das wirk-lich schöne Graffiti mit dem Namen Lea zu – an dieser Stelle habe ich immer den Duft der Sprayfar-be in meiner Nase als wäre es gerade fertig geworden, aber jetzt ich rieche nichts, rein gar nichts. Auf der anderen Seite der Bahngleise nehme ich die Stufen, gleich zwei Stück auf einmal. Oben angekommen, kann ich in der Ferne noch die roten Rücklichter des Zuges erkennen… auf den Glei-sen liegt ein weißes Tuch… und ich stehe auf der anderen Seite des Geschehens… was war gesche-hen?
Nun gut, ich kann jetzt Sirtaki tanzen – ich nehme es als Gewissheit, die mich nochmals lächeln lässt und laufe heimwärts – die Sonne im Rücken, die Wärme tut mir gut.
Aufgeschrieben, erlebt und geträumt von Mariele Märzenbecher.

2xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Susi56 am 12.01.2021:
Sehr schön geschrieben. Auch die Landschaftsbeschreibung gerade rechtzeitig unterbrochen. Top! Ich wünsche dir, dass es kein Traum war. Wäre das nicht toll?

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