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1xhab ich gern gelesen
geschrieben 2018 von IXOXO.
Veröffentlicht: 21.01.2018. Rubrik: Unsortiert


Für alles gibt es eine Erklärung

Das Wirken von Geistern, also übernatürlichen Kräften, wurde oft benutzt, um ganz natürliche Ereignisse zu seinem eigenen Vorteil zu erklären: die miese Laune des Sonnengotts, der besitzergreifende Charakter eines Dämons, die verschnupfte Reaktion der Börse.
Lars, dänischer Bauingenieur, hatte bewusst darauf verzichtet, sein Können und Talent in den Dienst gewinnbringender Investoren zu stellen, und war stattdessen in eine Gegend auf diesem Planeten gereist, die seine Fähigkeiten tatsächlich noch brauchte. Er wollte bauen, was tatsächlich gebraucht wurde. Darum hatte er seine Familie eingepackt und nach Afrika verschickt, in ein Gebiet, dem nicht nur Erbauliches fehlte, sondern auch das Nötigste.
Im Gwampa Forest gab es das Nötigste. Was fehlte für ein zukünftig nachhaltiges Leben war eine Schule, damit die kleinen Ndebele Kinder begreifen würden, dass die Welt doch größer ist als sie bisher dachten und sie daher doch mehr benötigen. So zeigte Lars den erwachsenen Ndebele Männern, wie man aus Lehm und Wasser und mit einem einfachen Holzrahmen von der Sonne Ziegel brennen lassen konnte. Und Sonne war nun wirklich im Überfluss vorhanden im Matabeleland. Wenn sie die fertigen Ziegel danach Lars‘ Anweisungen entsprechend fachgerecht aufeinander legten, würde bald eine Mauer entstehen, dann noch drei weitere, und dann wäre der größte Teil des ersten Klassenraums für die neue Schule entstanden.
Nun waren seit Baubeginn schon drei Wochen vergangen, und so war es höchste Zeit, so dachte sich Lars, die erste Wand seines neuen Lieblingsprojekts zu inspizieren. Lars hatte sein vorheriges Lieblingsprojekt, ein kleines, aber recht gemütliches Guesthouse hier im sogenannten Growth Point Nkayi gerade beendet, und es waren auch schon einige Gäste gesichtet worden. Ein Growth Point ist ein künstlich angelegter kleiner Ort, an dem man irgendwann einmal das Nötigste für die erfolgreiche Verwaltung eines ganzen Distrikts finden würde; also eine Tankstelle, eine Polizeistation, eine Post, zwei Schulen, einen Markt, ein paar Kramläden und ein Großhandelslager, von dem die Besitzer der Läden ihren Kram bezogen. Von Nkayi Growth Point bis Gwampa Forest waren es gerade einmal 40 Kilometer.
Um mich mit einem weiteren Beispiel dänischer Baukunst zu beeindrucken, wollte er mich mitnehmen zur Geburtsstätte künftiger europäischer Bildung. Meine Frau und ich unterrichteten zu der Zeit in einer der zwei Schulen im Growth Point, die Lars nicht gebaut hatte, die aber auch ganz gut gelungen waren. Ich stieg also in seinen Toyota Landcruiser und schnallte mich an, da Lars außer Bauingenieur auch Mitglied im dänischen Landrover Club war, gerne beim Fahren über die Überlegenheit des Landrovers referierte und diese oft auch direkt demonstrierte, indem er dieses eigentlich unterlegene Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit über die Pisten jagte, um dann plötzlich einer eigens gebauten Brücke geschickt auszuweichen und doch lieber durch den lokalen Fluss, den Shangani, zu furten.
Am Ende des Growth Points, also circa 50 Meter hinter unserm Haus, fuhren wir auf die nur in der Mitte und das schon vor langer Zeit geteerte Piste in Richtung Bulawayo, der Hauptstadt des Matabelelands. Bis Bulawayo wären es 160 Kilometer gewesen, also weniger als zwei Stunden, wenn Lars fuhr, und wenn er in der einzigen Linkskurve auf dem Weg bei Lonely Mine nicht besonders stark abbremsen musste. Wir brauchten der Straße aber nur 40 Kilometer zu folgen, um dann scharf rechts in den Wald abzubiegen und dem Toyota das Finden eines Weges zwischen den Bäumen zu überlassen. Bei der kurzen Strecke war auch nur mit circa einem Fahrzeug Gegenverkehr zu rechnen. Wenn das kein typisch simbabwischer Bus sein würde, der in seiner Bewegungsart wegen schwer beanspruchter Aufhängungen mehr an einen Krebs erinnerte, würden wir ohne Verzögerungen auch einfach auf den staubigen Rand der Straße ausweichen können bis die Gefahr an uns vorbei gerauscht wäre.
Alles verlief an diesem Tag allerdings nach Plan, kein Mensch, kein Tier, kein Gegenverkehr auf der Straße. Lars erzählte von der ersten Mauer des Guesthouses, die er direkt wieder einreißen ließ, da sie schief war, als er sie inspizierte. Das ging nun wirklich nicht. Hinterher hätte es geheißen: das war der Däne. Eine erste grade Wand hat er, glaube ich, auch diesmal nicht erwartet. Aber, was wir zu sehen bekamen, als wir auf die Lichtung fuhren, war weit entfernt von der Vorstellung eines dänischen Bauingenieurs von einer Wand. Zwei Ziegel hoch zog sich eine ungefähr sieben Meter lange Narbe durch den Busch. Davor saßen acht Männer mit niedergeschlagenem Blick. Ansonsten sah ich noch einen Haufen Holzrahmen in Ziegelgröße, auf dem Gelände verstreute blaue Plastiktonnen in verschiedenen Formationen und ganze Flächen von Ziegelresten verschiedener Größe.
Lars verließ den wenig geliebten Toyota in der Manier des überlegenen Landroverfahrers und ließ seinen Blick langsam und europäisch ordentlich über das Ergebnis dreiwöchiger Anstrengungen schweifen. Der ausländische Experte in ihm sagte ihm etwas, das ich mir gut vorstellen konnte, hier aber nicht wiederholen möchte. Ein zum Bauarbeiter umfunktionierter Bewohner des Gwampa Forest ging schließlich mit großen Unschuldsaugen auf ihn zu, hob die Arme und gab einen Laut von sich, den ich, der sich inzwischen aus dem Sicherheitsgurt befreit hatte, als „Thokolotsh“ identifizierte. Dieses Wort bezeichnet im südlichen Afrika ein Wesen, das über magische Kräfte verfügt und das man sich zu Hilfe rufen kann, danach aber nicht wieder los wird; also so ein Klabautermann, nur dunkler.
Nachdem Lars seine spontane Reaktion „Es gibt keine Geister, Ihr faulen …“ vielleicht auch wegen meiner beschwichtigenden Hand auf seiner Schulter heruntergeschluckt hatte, erzählte der verängstigte Mann, was nun schon seit fast drei Wochen jeden Tag passiert war. Sie hatten alles genauso gemacht wie der hilfsbereite dänische Fachmann ihnen beigebracht hatte. Sie hatten spät nachmittags die nassen Ziegelformen großzügig auf dem Gelände ausgebreitet, die Tonnen zum Fluss gebracht, mit Wasser gefüllt, die ganze Strecke zurück gerollt und in die Mitte der Baustelle gestellt, damit sie am nächsten Morgen gleich wieder mit dem Ziegelformen anfangen konnten. Nur, was sie am nächsten Morgen zu sehen bekamen, war immer dasselbe gewesen: die Ziegel über Nacht zu Staub zerfallen, die Wassertonnen leer und auf der Seite liegend. Und sie würden jetzt gehen, bevor auch ihnen etwas zustoßen würde. Und das taten sie dann auch. Immerhin hatten sie tapfer ausgeharrt, bis der Baumeister selbst sich das mutwillig zerstörte Ergebnis ihrer wochenlangen Anstrengungen angesehen hatte.
Das hatte er, und sein Entschluss stand fest. Er würde sich den Klabautermann bei der Arbeit ansehen. Ich wäre lieber wieder zurück gefahren; aber die Aussicht, um die Uhrzeit einen Wagen an der Straße nach Nkayi anzuhalten, war wesentlich geringer als auf dem Weg zur Straße einen „Thokolotsh“ auf dem Weg zur Arbeit zu treffen. Also blieb ich mit Lars im am Rande der Lichtung geparkten Toyota und schaute dem Licht zu, wie es sich auch langsam verabschiedete.
Bevor es aber richtig dunkel wurde, konnten wir Umrisse erkennen, die sich bedächtig und lautlos auf die Baustelle zuschoben. Er war nicht allein. Er hatte alle seine Brüder und Schwestern mitgebracht. Sie betraten die Lichtung, gingen zielbewusst auf die blauen Tonnen zu und warfen sie enttäuscht zurück in den Wald. Heute Abend würden sie tatsächlich bis zum Fluss laufen müssen, um zu saufen. Wozu hatte man diese teuren Experten aus Europa geschickt, wenn man sich nicht mal auf die verlassen konnte?

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