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geschrieben von Markus Juncker.
Veröffentlicht: 10.11.2020. Rubrik: Unsortiert


Alles über Jana

Alles über Jana

Tobias dachte oft darüber nach, wie sein Leben wohl weiter verlaufen wäre, hätte er sich an jenem Nachmittag nicht entschlossen, einen früheren Zug als ursprünglich geplant zu nehmen, um bei diesem Wetter, im Hinblick auf etwaige Verzögerungen, nicht allzu spät nach Hause zu kommen. Es war ein schneereicher Sonntag im März, das Land war flächendeckend weiß, der Winter schien auf seine alten Tage noch einmal alles zu geben zu wollen.
Was, wenn es an jenem Sonntag nicht geschneit, er keinen früheren Zug genommen hätte, er Jana also nicht begegnet wäre?
Wäre Tobias noch derselbe Mensch?
So aber war Jana Schüttle, 21, BWL-Studentin plötzlich in sein Leben getreten. Das heißt, genau genommen hatte sie sich eher nach und nach eingeschlichen. Eigentlich war es sogar so gewesen, dass Jana ihm mit ihrem andauernden Geschwätz zunächst sogar gewaltig auf die Nerven gegangen war. Zeitweise hatte Tobias sogar mit dem Gedanken gespielt, sich einen anderen Sitzplatz im Zug zu suchen, um sich in Ruhe in seine Lektüre vertiefen zu können. Und sie redete die ganze Fahrt über praktisch ununterbrochen mit ihren beiden Begleitern, einem weiteren Mädchen und einem Jungen, mit denen sie offensichtlich 2 Jahre zuvor in Abitur gemacht hatte. Dies entnahm er jedenfalls dem Sweatshirt, welches Jana auf jener Zugfahrt trug. Offensichtlich war dies in Friedrichshafen am schönen Bodensee geschehen, wie er ihren Gesprächen entnahm.
Tobias war schließlich in Stuttgart ausgestiegen, um in einen ICE umzusteigen, ohne mit Jana oder ihren Begleitern auch nur ein Wort gewechselt zu haben. Wozu auch? Tobias war noch nie der Typ gewesen, der fremde Mädchen oder Frauen in Zügen oder an anderen öffentlichen Orten angesprochen hatte. Alle seine bisherigen Beziehungen hatten sich mehr oder weniger zufällig ergeben oder durch tatkräftige Vermittlung von Freunden oder seiner großen Schwester. Sophia, jene Schwester war fast 10 Jahre älter als Tobias und hatte ihn mehr oder weniger groß gezogen, da seine Eltern, beide Diplomaten, berufsbedingt meist unterwegs waren.
Und warum hätte er Jana auch ansprechen sollen?
Dieses Warum sollte erst in den folgenden Tagen und Wochen, in denen mit Macht der Frühling und bald darauf der Sommer ins Land kam überhaupt erst zu einer Frage werden. Nach und nach begann Tobias nämlich, eine handfeste Obsession für Jana zu entwickeln. Vor allem der Gedanke, diese sich vorzustellen, wie sie auf jüngere Schüler aufpasst elektrisierte ihn auf eine unerklärliche Weise.
„Mika, kommst du mal bitte? Ich hab‘ hier verschiedene Käsesorten“, fragte Jana jenen 11-jährigen Nachbarsjungen, dessen Pausenbrot sie gerade zubereitete, bevor sie ihn und dessen 13-jährige Schwester Laura zur Schule brachte. Da Mika, dem eine solche Auswahl aus seinem Elternhaus eher fremd war, unentschlossen wirkte ließ sie ihn an verschiedenen riechen oder probieren. „Ja, ich weiß, stinkt voll. Is‘ jetzt auch nicht so meins“, kommentierte Jana in einem Fall. „Aber meine Mutter, die steht da voll drauf.“ „Echt oberstinkig“, stimmte Mika zu.
Tobias ertappte sich dabei, wie er auf jenen kleinen Hosenscheißer, im Gedanken eifersüchtig wurde. Auch kam er an keiner Käsetheke mehr vorbei, ohne Jana im Gedanken Pausenbrote zuzubereiten zu sehen.
"Ey, die Alte hat mir echt voll das Ohr abgelabert mit ihren Käsesorten", meinte Mika, in der Schule angekommen, zu seinem Banknachbarn. "Aber sie ist trotzdem 'ne coole Socke", sind die beiden sich schnell einig. Und: „Sie kann Mathe so erklären, dass man es voll gut versteht“.
Wegen der Formulierung „die Alte“ wurde Tobias zunächst ein wenig zornig auf Mika, aber das Lob für Janas Mathe-Nachhilfe macht dies wieder wett. Ein bisschen jedenfalls.
In ihren Beziehungen wunderte Jana sich nicht besonders, dass die Jungs von ihr immer wieder Oralsex wollten. Ihr wäre nie der Gedanke gekommen, dass dies auch damit zusammenhängen könnte, dass Jana sehr viel zu quasseln pflegte. 2 Minuten Ruhe also. Jedenfalls als angenehmer Nebeneffekt.
Paul, ihr damaliger Freund begrüßte Mika eines Morgens, wenige Wochen vor ihrem Abitur, als Jana ihn zur Schule mitgenommen hatte.
„Immer brav aufessen, die Pausenbrote, die meine Freundin dir macht“, um dann, im freundlichen Ton zu ergänzen: „Ne, alles ganz easy, Kumpel!“, gefolgt von einem Handshake.
Gelegentlich kochte Jana für Mika und Laura auch Mittagessen. „Ist es okay, wenn ich euch einfach Nudeln mit Tomatensoße mache? Is‘ jetzt nicht so mega gesund, aber…“ – „Jaaa“, unterbrachen die beiden Kids sie jubelnd.
Seltsamerweise war Tobias auf Mika in weitaus stärkerem Maße eifersüchtig als auf alle ihre bisherigen Lover zusammen.
Zu den Abiturprüfungen trug Paul, wie zahlreiche andere Jungs seines Jungs Anzug und Krawatte. „Was für ein Krawattentyp bist du?“, fragten manche sich gegenseitig.
„Krawattentyp?“, fragte Kevin, Janas späterer Begleiter auf der besagten Bahnreise entgeistert.
„Mehr gestreift oder mehr einfarbig?“, erläuterte Paul.
„Ne, mehr so.“ - „Du machst das voll komisch.“ Michael und Sven, 2 weitere Jungs aus Janas Mathe-LK diskutierten inbrünstig darüber, wie man Krawattenknoten bindet. „Na, Jungs, soll ich euch mal zeigen, wie man sowas macht?“, schaltete sich Saskia, Janas spätere Reisegefährtin schließlich ein.
Tobias‘ Kopf schwirrte vor Geschichten von Pausenbroten, Mittagessen, Mathe-Nachhilfestunden und Krawattenknoten. Schließlich vertraute er sich Sophia an.
"Warum sagst du nicht einfach wie jeder andere 'Dieses Mädchen aus dem Zug neulich hat mir total gut gefallen und geht mir nicht mehr aus dem Kopf?' Warum musst du dich schon wieder verstecken hinter irgendwelchen komischen Geschichten von Käsebroten und Krawatten?"
Die Reaktion der großen Schwester auf seine Geschichten machte Tobias einerseits wütend, andererseits wärmten diese Worte ihn in gewisser Weise auch.
„Weil das banal wäre“, versuchte sich Tobias an einer Antwort. „Außerdem geht es nicht darum, ob dieses Mädchen mir gefallen hat. Sondern um eine große Erzählung.“
Sophia schien nicht so recht überzeugt zu sein. „So, so“, meinte sie nur. „Weiß das was? Ob du es glaubst oder nicht: So besonders bist du nicht. Du bist auch nur ein ganz normaler Typ mit ganz normalen Problemen.“
Und so gingen die Jahre dahin. Tobias etablierte sich als Autor, ohne privat jedoch sein Glück zu finden.
Einige Jahre, 5 Jahre, um genau zu sein, nachdem Tobias seine Geschichte "Alles über Jana" veröffentlicht hatte und diese kurz darauf auch verfilmt worden war reiste Tobias eines schönen Sommertages an den Bodensee.
Was ihm dort wiederfuhr sollte sein Leben für immer verändern.
Tobias blieb fast das Herz stehen, als ihn plötzlich ein Junge mit kurzen, rötlichen Haaren in einem schicken Poloshirt und einer karierten Hose von der Seite ansprach. „Tobias Kemmering? Der Autor von ‚Alles über Jana?‘ Ich bin Mika, der Junge mit den Pausenbroten und den Käsesorten. Und den Nudeln mit Tomatensoße, natürlich.“
„Mika, dich gibt’s wirklich?“, fragte Tobias ungläubig, fast erschrocken.
„Logisch“, antwortete dieser, mit einer für männliche 16-Jährige typischen Pose. „Alive and kicking. Jana wartet übrigens da drüben“, ergänzte Timo, fast beiläufig, eine Zeigebewegung in Richtung eines Tisches auf der angrenzenden Bistro-Terrasse vollziehend. „Wir haben schon viel von dir gesprochen. Sie freut sich schon auf dich. Hat mir schon wieder mal das Ohr abgelabert, wenn du verstehst.“
Tobias konnte nur noch stammeln. „Aber, Moment mal, das stimmt wirklich alles, aber, das habe ich doch nur erfunden. Ich kannte dich doch gar nicht.“
Mika schien nicht überrascht. „Alles easy. Du hast das alles echt mega fett rübergebracht.“
Sie waren an jenem Tisch, an dem Jana und Mika saßen angekommen. „Also, das ist Jana“, sagte Mika in Tobias‘ Richtung. „Jana, hier der Autor unserer und vor allem deiner Geschichte.“ Sie gab ihm die Hand, die Tobias zögerlich ergriff. „Keine Angst, Jana redet nur viel, aber sie beißt nicht.“
Im folgenden Gespräch stellte sich heraus, dass praktisch alle Details, die er beschrieben hatte stimmten, selbst die Krawatten-Diskussionen zwischen den Jungs in Janas Jahrgang. Aber warum wunderten die beiden sich deshalb überhaupt nicht? Nur eine Sache fragte Jana plötzlich, wenn auch eher beiläufig.
„Woher wusstest du das mit den Pausenbroten? Und das mit den Käsesorten?“
„Eigentlich steh‘ ich inzwischen mehr auf Wurst“, warf Mika schmunzelnd ein.
Tobias durchzuckte eine Idee. „Du musst damals im Zug davon geredet haben. Alles wir uns zum ersten Mal gesehen haben.“
Jana lachte verlegen, während Tobias gedanklich mehr und mehr in die bewusste Zugfahrt, an jenem verschneiten Sonntag im März rutschte, wie in einen Tunnel, in dem er vom Sommer am Bodensee wieder in den Märzwinter im Regionalzug glitt.
Dann plötzlich wurde er wach. Er stellte fest, dass er sich noch immer in jenem Regionalzug befand, der plötzlich ruckartig gebremst hatte. Vor dem Fenster war das Land weiß. Und Jana unterhielt sich weiterhin angeregt mit ihren beiden Begleitern, während sie zwischendurch Kartoffelchips knabberten. Beruhigt vom Rattern des Zuges und dem sanften Grundrauschen der Gespräche musste Tobias für einige Minuten eingeschlafen sein.
Jedenfalls wusste er nun genau, was zu tun war, bevor diese Bahnfahrt zu Ende ging, er Jana wohl nie mehr wieder sehen würde. Schüchtern stand er auf und steuerte in Janas Richtung, die sich bei seinem Anblick mit einer Hand durch ihre Haare fuhr. „Darf ich mich kurz zu euch setzen?“, begann er.

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