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geschrieben von Burghart Scheidt.
Veröffentlicht: 05.12.2020. Rubrik: Unsortiert


Der Tag vor Heiligabend

Ein Tag vor Heiligabend
Man schrieb das Jahr 1951. Wir lebten in Erfurt, meine Mutter Anneliese und ich, ihr neunjähriger Sohn Burghart. Mein Vater lebte in Westdeutschland, die Ehe meiner Eltern war geschieden worden. Das Miethaus, in dem wir wohnten war zum Glück nicht vollends im Krieg zerstört. Nur der südlich gelegene Teil des Hauses war zerbombt.
Wir wohnten in der zweiten Etage in einer relativ komfortablen Wohnung. Da große Wohnungsnot herrschte, teilten wir die Wohnfläche mit Verwandten. Somit gehörten uns eine Küche, ein Schlaf- und Wohnzimmer und ein Teil vom Flur. Ein zusätzliches Zimmer, das auch noch zu unserem Part gehörte war zerstört. Das heißt, ein Teil der Außenwand war durch Bombenschaden weggerissen worden. Wenn man die stets verschlossene Tür des Zimmers aufschloss, schaute man sofort ins Freie, auf das benachbart gelegene Gebäude, eine ehemalige Reithalle.
Sie diente als Vorratslager der Sowjetarmee Dort wurden Unmengen von Weißkohl gelagert, der von russischen Soldaten bewacht wurde. Natürlich waren wir Kinder neugierig und versuchten ab und an in diese Halle zu kommen. Und taten das auch. Die Soldaten waren freundlich, wollten uns auch gern etwas schenken, hatten aber außer dem Kohl nichts. So kamen wir Kinder an manchen Abenden mit einem Weißkohl nach Hause. „Wo habt ihr denn den Kohl her“, fragten manche Mütter. Und wir berichteten von unseren Begegnungen mit den Sowjetsoldaten.
Es war im Dezember kurz vor Weihnachten. Meine Mutter ging tagsüber zur Arbeit und kam abends spät nach Hause. Nur am Sonnabend war es anders. Da arbeitete sie nur bis zur Mittagszeit und ich konnte mit ihr gemeinsam etwas unternehmen. An diesem Sonnabend überraschte sie mich mit etwas Besonderem. „Zieh dich um, nimm eine saubere Hose und ein Hemd aus dem Schrank im Schlafzimmer, wir fahren in die Stadt.“ Natürlich wunderte ich mich ein wenig, denn meistens hatte meine Mutter sonnabends im Haushalt zu tun und nicht mit mir in die Stadt zu gehen. Doch ich fragte nicht lange, zog mich um und wir fuhren gemeinsam mit der Linie fünf der Erfurter Straßenbahn in das Stadtzentrum. Das war der Anger in Erfurt. Wir stiegen aus und meine Mutter nahm mich an die Hand und wir liefen von der Haltestelle um die nächste Straßenecke in die damalige Schlösserstraße. Ich wunderte mich sehr, denn ich wusste nicht was sie vorhatte. Als wir um die Ecke bogen sah ich schon von weitem eine Menschenschlange vor einem neu eröffneten Geschäft anstehen. Beim Näherkommen las ich das Schild über der Eingangstür der Verkaufsstelle: Handelsorganisation Erfurt - HO. „Das ist der erste HO-Laden in Erfurt,“ sagte meine Mutter. „Und da gibt es natürlich etwas Besonderes.“ Sie stellte sich ebenfalls in der Menschenschlange an und ich wartete vor dem Geschäft. Schaufenster aus Glas gab es noch nicht. In den dafür vorgesehenen Rahmen waren Pappen eingezogen worden. Schließlich war meine Mutter in das Geschäft eingetreten und nach einer geraumen Weile kam sie mit einer ziemlich großen Tüte wieder aus dem Laden. Auf der Papiertüte stand mit großen Buchstaben: HO – Lebensmittel. Ich konnte es kaum erwarten, zu erfahren, was sie denn gekauft hatte. „Warte bitte bis wir wieder zu Hause sind. Dann werde ich dir meinen Einkauf zeigen.“ Wir liefen zur Straßenbahnhaltestelle. Mit der Linie fünf ging es wieder nach Hause. Dort angekommen packte Mutter die geheimnisvolle Tüte der „HO“ aus und ich durfte mir ein riesengroßes Kuchenbrötchen und einen Becher Aprikosenmarmelade nehmen. „Siehst du, das ist doch eine geglückte Überraschung, das erste Kuchenbrötchen mit einer besonderen Marmelade, mit einer Aprikosenkonfitüre. Zum ersten Mal nach dem Krieg,“ sagte meine Mutter, „gibt es so feine weiße Kuchenbrötchen mit so einer auserlesenen Konfitüre. Das konnten wir lange nicht essen.
Am nächsten Tag feierten wir den Heiligabend.

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