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geschrieben 2020 von Mikayla Weiland (mikaylajuliets).
Veröffentlicht: 22.12.2020. Rubrik: Unsortiert


Ein außergewöhnlicher Heiligabend

Ein außergewöhnlicher Heiligabend
von Mikayla Weiland

„Last Christmas“ spielte gerade im Radio, als ich aus dem Fenster unseres Wohnzimmers schaute. Nachdenklich beobachtete ich, wie die Schneeflocken langsam vom dunklen Himmel herunter fielen. Noch vor einem Jahr war Heiligabend mein Lieblingstag gewesen. Vor einem Jahr war noch alles beim Alten. Ich blickte zu unserem halbherzig-geschmückten Weihnachtsbaum und auf den leeren Fleck neben ihm. Dort wo früher sein Körbchen stand, war nun nichts.
Erinnerungen tauchten vor meinem inneren Auge auf. Momente, die nie wieder kommen würden. Momente, die ich in meinem Kopf schon Tausende Male abgespielt hatte – nur, um sie noch einmal erleben zu können: Papa und ich beim Dekorieren, während unser Hund Charly immer wieder versuchte, die Weihnachtskugeln zu klauen. Papa, der ihm fluchend hinterher eilte.
Meine Schwester, die strahlend ihre Geschenke aufriss, Charly schwanzwedelnd neben ihr.
Ich schloss die Augen und seufzte schwer. Charly wollte immer überall dabei sein. Für andere war er nur ein Hund gewesen, doch für uns war er so viel mehr. Er war ein Teil unserer Familie. Er war mein bester Freund.
Mit schmerzendem Herzen erinnerte ich mich an den Moment zurück, als er vor ein paar Monaten für immer von uns ging. Sein Tod hatte eine Lücke in unserer Familie – und schließlich auch in unseren Herzen gelassen. Charly hatte viele Weihnachten von uns versüßt. Doch dieses Jahr würde uns keiner die Kugeln klauen und laut bellen, wenn wir Weihnachtslieder singen.
„Wie kannst du nur so etwas sagen?“ Die wütende Stimme meiner Mutter riss mich aus den Gedankenkarussell. Verwirrt drehte ich mich um. Meine Eltern standen in der Küche. Während mein Vater seine Arme verschränkte, stemmte meine Mutter ihre Hände an die Hüfte. Stritten sie sich etwa schon wieder?
Meine kleine Schwester kam auf mich zu gelaufen. Ihren Lieblings-Teddybär hielt sie an ihre Brust gedrückt. „Wollen wir etwas spielen, Jack?“, fragte sie fröhlich.
Ich verdrehte die Augen. „Sorry Lucy, keine Lust“, gab ich grummelnd zurück.
Das Lächeln in ihrem Gesicht erstarb. „Aber heute ist doch Weihnachten. Warum sind alle so komisch und schlecht gelaunt?“
Wie vom Blitz getroffen schoss mein Kopf nach oben. Sie wusste doch ganz genau wieso.
„Das wundert dich? Hast du schon einmal daran gedacht, dass es vielleicht ohne Charly einfach nicht mehr dasselbe ist?“, fuhr ich sie an.
Bei meinen Worten zuckte Lucy zusammen. Schmerz blitzte in ihren Augen auf. „Es tut mir leid …“, stotterte sie los. „Ich dachte nur ...“ Ihre Worte endeten in einem Schluchzen.
Oh, oh! Schnell versuchte ich sie zu trösten. „Nicht weinen! Das war nicht so gemeint!“
Es war zwecklos. Sie schluchzte und schniefte, als ginge die Welt gleich unter.
Ihr Weinen erregte nun auch die Aufmerksamkeit unserer Eltern.
„Was ist denn hier los?“, fragte Vater streng, der ins Wohnzimmer geeilt kam.
Unsere Mutter stellte sich neben ihn. Vorwurfsvoll sah sie mich an. „Das würde ich auch gerne wissen. Lässt du deine schlechte Laune wieder an anderen aus?“
Jetzt wurde es mir eindeutig zu viel. Mit einem Mal sprang ich auf und steuerte auf die Haustür zu.
„Wo willst du jetzt hin, Jack?“, hörte ich meine Mutter rufen.
Hastig zog ich meine Jacke und Schuhe an. „Auf den Weihnachtsmarkt. Da ist wenigstens bessere Stimmung.“
Es war klirrend kalt, als ich den kurzen Weg über die schwach beleuchtete Straße zum Marktplatz eilte. Sobald ich den menschengefüllten Platz betrat, wehte mir der Duft von Glühwein und Früchtepunsch entgegen. Die Stände waren festlich beleuchtet, das Gelächter und Geplauder von Menschen erfüllte die Luft.
Ich schloss die Augen und lauschte der leisen Weihnachtsmusik, die im Hintergrund spielte. An diesem Ort konnte ich meine Anspannung fallen lassen und auf andere Gedanken kommen.
Langsam schlenderte ich inmitten des Getümmels. Trotz Heiligabend war heute viel los.

Plötzlich, wie aus dem Nichts, ertönte ein panischer Schrei.
„Achtung!“, schrie ein Mann in der Menge. Verwundert sah ich mich nach ihm um. Inmitten der Menschenmassen wedelte der Mann mit seinen Armen in der Luft. Wovor wollte er uns warnen?
Auf einmal sprangen die Menschen vor mir zur Seite und gaben einen überraschten Schrei von sich. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte ich etwas zu erkennen.
Da sah ich den Grund für die Panik: ein ausgerissenes Ferkel. In Windeseile hetzte es durch die Menschenmenge, -- direkt auf mich zu.
Gerade als ich reagieren wollte, war es schon zu spät. Das Ferkel versuchte noch zu bremsen, die Augen vor Schreck aufgerissen; dann krachte es mit mir zusammen. Augenblicklich fiel ich zu Boden. Das Schwein auf mir.
Als ich meine Augen öffnete, sah ich in ein verdutztes Schweinegesicht. Der feuchte Rüssel pustete mir warme Atemluft ins Gesicht. Dann sprang das Ferkel von mir herunter. Schnell stützte ich mich mit den Armen auf. Da tauchte auch schon der Mann auf, der mit den Armen gestikuliert hatte. In seinen Händen trug er ein Seil. „Ganz ruhig, Kleiner“, sagte er leise und schritt auf das Ferkel zu. Dieses machte einen Schritt zurück, wobei es den Mann nicht aus den Augen ließ. Kurz bevor er es erreichte, grunzte es laut, drehte sich um und preschte wieder davon.
Ich musste lachen. Dieses Schwein ließ sich wohl so schnell nichts gefallen.
„Du Mistvieh!“ Fluchend stolperte der Mann hinter dem Tier her.
Eine Frau half mir auf die Beine. „Alles okay?“, fragte sie besorgt.
„Ja, danke“, sagte ich schnell und lächelte. Wo war das Ferkel hin? Mit klopfendem Herzen streckte ich den Kopf nach oben, um über die Menschenköpfe zu sehen. Von weitem sah ich, wie das Ferkel den ganzen Weihnachtsmarkt in Aufregung brachte. Es warf sämtliche Tische um, riss Weihnachtsdeko mit sich und trickste den Mann aus. Belustigt sah ich zu, wie es den Mann immer verrückter machte. Das Ferkel erinnerte mich an die Zeit, als Charly noch ein Welpe war. Damals hatte er unser Weihnachtsfest zu einem völligen Chaos gemacht. Er hatte es geschafft, den Weihnachtsbaum umzureißen und die Gäste zur Verzweiflung zur treiben, indem er mit ihren Schuhen davonrannte.

Plötzlich steckte das Ferkel in der Klemme. Es war in eine der Stände gerannt und kam nicht mehr heraus. Der Verkäufer blockierte mit ausgestreckten Armen den Ausgang.
Fieberhaft kämpfte ich mir einen Weg durch die Massen.
Der Mann rieb sich gerade triumphierend die Hände. „Ha! Das war dein letztes Abenteuer gewesen, mein Freundchen! Jetzt geht es zum Schlachter.“
Mir stockte der Atem. Was hatte er da gesagt?
Mein Herz klopfte, als ich auf den Mann zuging. „Es ist doch aber noch ein Ferkel!“, protestierte ich.
Der Mann kniff die Augen zusammen. „Ja. Ein Spanferkel“, gab er grimmsch zurück.
Meine Gedanken wirbelten herum. Dieses Ferkel hatte mir heute mein erstes Lachen geschenkt. Und obwohl es so um sein Leben kämpfte, sollte es jetzt sterben? Das konnte ich unmöglich zulassen.
Ich nahm allen Mut zusammen. „Wie viel kostet es?“
Der Mann zog die Augenbraue hoch und musterte mich misstrauisch. „Du willst es doch nicht wirklich kaufen, oder?“
Entschlossen sah ich dem Mann in die Augen. „Doch. Es ist Weihnachten und dieses Schwein hat es verdient, zu leben.“
Für einen Moment zögerte der Mann, dann zuckte er mit den Schultern. „Weißt du was? Du musst nichts zahlen, Kleiner. Ich weiß zwar nicht, was du mit dem Vieh anstellen willst, aber bitte. Mir hat er jedenfalls schon genug Ärger eingebrockt.“ Er schritt auf mich zu und drückte mir das Seil in die Hand.
„Du hast ein Schwein mitgebracht?“ Meine Mutter blickte mich ungläubig an. Mit dem Ferkel in meinen Armen stand ich im Garten und nickte. Seit dem es bei mir war, schien es vollkommen entspannt zu sein. Mit wedelndem Ringelschwänzchen und wachen Augen beobachtete es uns.
„Ich konnte nicht zulassen, dass sie ihm was antun.“, sagte ich leise und begann zu erzählen, was passiert war.
Auch Vater und Lucy blickten aus der Tür und hörten meiner Geschichte aufmerksam zu.
„Also ich finde das Schwein toll!“, quiekte Lucy fröhlich, als ich fertig war. Mit leuchtenden Augen lief sie auf mich zu und streichelte dem Ferkel über den Kopf.
Meine Eltern warfen sich zweifelnde Blicke zu. Angst machte sich in mir breit. Würden sie wollen, dass ich es zurückbrachte?
Plötzlich lächelte mein Vater. „Es ist Weihnachten“, sagte er mit sanfter Stimme. „Vielleicht ist das unser kleines Weihnachtswunder.“
Erwartungsvoll blickte ich zu meiner Mutter. Nun umspielte auch ihre Lippen ein Lächeln. „Da hast du allerdings Recht. Zumindest strahlen unsere Kinder wieder.“
Mein Herz machte einen Hüpfer. „Heißt das, es darf bleiben?“
Meine Mutter nickte. „Heute kann es bei uns bleiben. Aber morgen müssen wir uns überlegen, wo es zukünftig leben kann.“
Lucy rannte auf unsere Eltern zu und umarmte sie. „Ihr seid die besten!“; quiekte sie glücklich.
Sanft streichelte ich dem Ferkel über die Ohren. „Frohe Weihnachten, mein Verrückter.“
An diesem besonderen Abend wurde nicht nur unser Weihnachten gerettet, sondern auch das Leben eines Kämpfers.

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