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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Doris Fischer.
Veröffentlicht: 19.08.2021. Rubrik: Persönliches


Gedanken über meine Kinder

Ich gebe zu, dass ich nicht die übliche Klischeevorstellung erfülle, wenn ich über meine Kinder nachdenke oder über sie spreche. Ich bin nicht die glückliche und zufriedene Mutter zweier erwachsener Kinder. Ich bin auch nicht die besonders stolze Mutter, die ihre Kinder in den höchsten Tönen lobt und verherrlicht. Das bin ich nicht. Das kann ich mit Gewissheit sagen. Ich weiß, dass diese Worte bitter klingen und irgendwie schäme ich mich auch dafür. Aber diese Worte entsprechen der Wahrheit. Das ist leider so. Es gibt nichts zu beschönigen. Ich bin eine traurige und verzweifelte Mutter, wenn ich mir diese Gedanken über meine Kinder bewusst mache. Ich weiß, dass ich nichts mehr daran ändern kann und damit leben muss, wie die Situation eben ist. Das ist schwer für mich. Ich leide sehr darunter, aber ich gebe nicht auf.

ER wurde als Wunschkind in eine glückliche Paarbeziehung hinein geboren. ER war ein ruhiger und braver Junge, sehr wissbegierig und interessiert an allem Neuen. Seine kognitive Entwicklung war erstaunlich. ER war von Anfang an der „Star“ am Familienhimmel. ER begriff sehr schnell, diese Position für sich auszunutzen. Es wurde ihm jeder Wunsch von den Augen abgelesen und die ganze Familie, Omas und Opas, lagen ihm zu Füßen. In dieser „Märchenwelt“ wuchs er auf und alles was er anpackte, gelang ihm ohne große Anstrengung. Die Familie war sehr stolz auf den „Stammhalter“ und ER genoss dieses wundervolle, leichte Leben in vollen Zügen. ER war ja der „Superman“ und konnte sich alles erlauben. Wir als Eltern waren jung und unerfahren in der Erziehung unseres Sprösslings und merkten nicht, in welche Richtung sich alles entwickelte. Rückblickend stelle ich fest, dass bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt grundlegende Fehler bei der Erziehung gemacht wurden: zu viel Gutmütigkeit aus lauter Liebe zum Kind, zu viel inkonsequentes Verhalten aus purer Liebe zum Kind, zu viel Nachgiebigkeit aus purer Liebe zum Kind, zu viel Aufopferungsbereitschaft und persönliches Zurückstecken aus purer Liebe zum Kind. Das alles geschah aus bester Absicht , weil ich mein Kind so sehr liebte und alles richtig machen wollte. Und dabei habe ich so viel falsch gemacht.

SIE war das zweite Wunschkind und wurde mit großen Freuden in unserer Familie aufgenommen. SIE war ein lebhaftes und kräftiges Baby und forderte von uns Eltern die größte Aufmerksamkeit. SIE wuchs aber dann zu einem zurückhaltenden und schüchternen Kleinkind heran. SIE hatte Schwierigkeiten, auf Menschen zuzugehen und versteckte sich am liebsten hinter der Mama. Es stellte sich heraus, dass der große Bruder nicht viel anfangen konnte mit der kleinen Schwester. Streit, Geschrei und Hänseleien bestimmten die Tagesordnung. Das war eine bittere Erkenntnis für mich, und ich verlangte mir täglich alles ab, für Ausgleich zwischen den beiden zu sorgen. Es gelang mir nicht. Es entwickelte sich keine „Geschwisterliebe“ zwischen den beiden. SIE fühlte sich von ihrem großen Bruder zurückgestoßen, und ER machte sich lustig über seine dumme, kleine Schwester. ER war ja der „Held“ der Familie und nicht SIE. An diesem Punkt wurde der Grundstein gelegt für Verhaltensmuster und Eigenarten, die SIE in ihrem weiteren Leben begleiten sollten und sie vom einen in den anderen Konflikt stürzen ließen. SIE wendete sich von ihrem Bruder ab und forderte von mir eine derart intensive Zuwendung, dass ich zu ersticken glaubte. SIE war ein ängstliches, hilfloses und oft trauriges Kind. Das änderte sich bis heute nicht. SIE entwickelte sich zu einer jungen Frau mit einer schwach ausgeprägten Persönlichkeit, ohne Selbstvertrauen, ohne Selbstwertgefühl und mit einer negativen Lebenseinstellung. SIE glaubte nicht an sich selbst und an ihre Kraft. SIE traute sich nicht zu, ihre Aufgaben selbst lösen zu können. SIE war stets unsicher in ihren Entscheidungen und verließ sich ganz darauf, dass die Mama für alle ihre Probleme eine Lösung wusste. Denn die Mama war ja eine starke Persönlichkeit. Die Mama machte dann aber den großen Fehler, dass sie vor lauter überschwänglicher Liebe vergaß, die Tochter zum richtigen Zeitpunkt loszulassen. Denn SIE erweckte immer den Eindruck, dem Leben nicht gewachsen zu sein. Das förderte bei der Mama wiederum den „ Beschützerinstinkt“ und Mamas wollen ja bekanntlich immer das Beste für ihre Kinder. Auch wenn die Kinder schon lange erwachsen sind. Im Nachhinein betrachtet gebe ich zu, dass dies ein Fehler war, der nicht mehr rückgängig zu machen ist. Deshalb bin ich keine glückliche Mutter, wenn ich über meine Kinder nachdenke. Denn die Kinder sind ja letztendlich für meine Fehler, die ich bei ihrer Erziehung machte, nicht verantwortlich. Trotzdem haben SIE und ER mit den Folgen meiner Fehler ein ganzes Leben zu kämpfen. Weil ich aus lauter Liebe zu meinen Kindern Fehler machte. Das ist so fatal. Das macht mich unendlich traurig und unglücklich zugleich.

2xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Christine Todsen am 22.08.2021:

Hallo Doris, ich find’s gut, dass Du dies geschrieben hast. Es kann als Warnung für andere (auch zukünftige) Eltern dienen und hätte dann doch noch sein Gutes gehabt. Im Übrigen: Menschen werden nicht NUR vom Elternhaus geprägt, und wenn sie als Erwachsene Probleme haben, kann das auch an anderen Ursachen liegen. Vielleicht würde Deiner Tochter eine Therapie helfen, die Lebhaftigkeit und Kraft, die sie als Baby hatte, wiederzugewinnen? Viele Grüße Christine




geschrieben von Doris Fischer am 23.08.2021:

Hallo Christine, danke für deine offenen Worte die mir wieder ein wenig Mut geben. Das ist mir schon bewusst, dass nicht nur die Eltern Schuld sind, wenn etwas schief läuft. Die Wesenszüge meiner Tochter sind leider auch zu einem nicht unerheblichen Teil erblich bedingt. Die negative Prägung von außen fand durch eine unglückliche Partnerschaft statt, die sie als Teenager hatte. Zu einer Therapie kann ich sie nicht ermutigen, denn sie will das alles selbst wieder ins Lot bekommen. Viele Grüße Doris




geschrieben von Susi56 am 25.08.2021:

Das hast du sehr schön beschrieben, es war gut nachzuvollziehen. Deine Fehler hast du aus Liebe gemacht, da gibt es nichts zu verzeihen oder zu beklagen oder zu bereuen. Wir alle machen Fehler und Fehler aus Liebe sind gewiss nicht die Schlimmsten. Zu erkennen, dass es Fehler waren, das ist gut, das ist menschlich und das bietet die Chance, das Segelboot in eine andere Richtung zu steuern. Dir Vorwürfe zu machen und gleichzeitig zu betonen, dass deine Kinder ja ihr Leben lang an deinen Fehlern zu leiden haben... Nein, das ist nicht gut. Heißt es nicht: Jeder ist seines Glückes Schmied? Erwachsene sind, wenn sie keine geistige Behinderung o.ä. haben, in der Lage, ihr Leben selbst zu steuern, Verantwortung für den eigenen Lebensweg zu übernehmen. Das ist nicht einfach, weiß Gott. Dir die Schuld dafür zu geben, wenn sie es nicht tun, ist der falsche Weg. Das heißt, dass du immer noch die Verantwortung für das Handeln deiner erwachsenen Kinder übernehmen willst. Und DAS halte ich für einen Fehler. Ganz liebe Grüße!

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