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geschrieben 2015 von Anita Voncina (Anita Voncina).
Veröffentlicht: 21.05.2015. Rubrik: Unsortiert


Das Kind, der Vater und das Meer

Sein sonnengeölter Bauch klebt an der Strandmatte aus Stroh, die Hände hat er bis zu den Gelenken im heißen Sand vergraben und die Haut auf der Hinterseite seiner Oberschenkel beginnt sich bereits unangenehm zu spannen, doch er will sich jetzt noch nicht erheben. Jetzt noch nicht und auch nicht in absehbarer Zeit. Er denkt daran, wie sehr er in den vergangenen Wochen diesen Urlaub herangesehnt hatte, wie er im Büro beinahe unentwegt daran gedacht und Pläne geschmiedet hatte. Und nun ist es endlich soweit, nun liegt er tatsächlich hier am endlos langen, goldgelben Sandstrand und will sich heute, am ersten Tag, durch wirklich gar nichts aus der Ruhe bringen lassen.
Unter den halb geschlossenen Lidern beobachtet er die Kinder wie sie eine Sandburg bauen. Seit Stunden schon graben sie unermüdlich im Puderzuckersand. Es entstehen dabei Gräben und Wälle, die jedoch am Ende dann doch wieder allesamt von den heranrollenden Wellen zerstört werden. Und dann laufen die Kinder wieder los, ohne sich darüber zu beschweren, und füllen die bunten Eimer erneut mit Wasser. Mit diesem herrlichen, salzigen Wasser, das heute so spiegelglatt daliegt, als wäre es eine riesige, glänzende Ölfläche. Seit Stunden immer das selbe, denkt er bei sich und weiß dabei nicht, ob er diese kindliche Ausdauer bewundern oder sich über sie lustig machen soll.
„Papa schau doch!“, ruft der Kleinste, seine blonden Locken schimmern im gleissenden Sonnenlicht wie Engelshaar und fallen bis auf die Schultern des zierlichen, leicht gebräunten Körpers des Vier-Jährigen herab. „Papa, der Turm will einfach nicht höher werden“, klagt er erneut, doch der Papa ist im Moment unansprechbar. „Jetzt nicht, vielleicht etwas später, wenn sich der Papa ausgeruht hat“, tröstet die Mutter und versucht mit ihren geschickten Händen dem einsturzgefährdeten Bauwerk mehr Standfestigkeit zu geben. Erst als die Kinder plötzlich lautes Freudengeheul anstimmen erhebt sich der Papa schließlich, seufzend, stützt sich träge auf die Ellbogen und vergräbt sein Kinn in der rechten Handfläche. Dabei beginnt nun die Sonnenbrille von selbst von seiner schweißnassen Stirn zu rutschen und landet schließlich dort, wo sie eigentlich hingehört. „Schön gemacht“, lobt er anschließend halbherzig und versteht noch immer nicht, wie man sich nur so ausdauernd mit etwas so Nutzlosem beschäftigen kann.
Doch der Friede unter den Brüdern währt nicht lange. Aus heiterem Himmel entsteht plötzlich wildes Gezänk, weil der Mittlere keine Lust mehr hat noch länger im Sand zu buddeln und lieber mit der Luftmatratze raus aufs Wasser will. Und weil der Grosse sich diese darauf hin ohne weitere Umschweife schnappt und mit ihr davonrennt. Ohne dabei auf das Geheul des Kleinsten zu achten, der nun gar niemand mehr zum Spielen hat. Doch als der Mittlere den Papa um Unterstützung bittet, schließt dieser nur entnervt wieder die Augen und lässt sich mit einem tiefen Seufzer zurück auf seine Matte fallen. Dabei wünscht er sich für einen flüchtigen Augenblick die Zeit zurück, als sie noch zu zweit gewesen waren, und er lächelt bei dem Gedanken an den klapprigen Fiat, der sie auf all ihren Reisen damals niemals im Stich gelassen hatte. Das Leben hatte sich damals so federleicht angefühlt und so überschäumend. Damals, und er bedauert fast, dass es nun nicht mehr so ist. Aber dann schämt er sich für seine Unzufriedenheit und sagt sich, so als müsse er sich selbst davon überzeugen, dass er auch jetzt eigentlich keinen Grund zum Klagen hatte und sich alles eben nur ein bisschen anders anfühlte, nicht mehr so ungebunden, nicht mehr so unbeschwert, nicht mehr so frei.
Inzwischen ist seine Frau mit den Kindern vom Wasser zurückgekommen. In der einen Hand trägt sie den gefüllten Eimer, aus dem das Wasser im Takt ihrer Schritte herausschwappt, unter dem anderen Arm hält sie den Ältesten im Schwitzkasten. Gefolgt vom Mittleren und dem Kleinen, die einträchtig die nasse Luftmatratze hinter sich herschleppen und dabei ausgelassen kichern. „Wie macht sie das bloß?“, murmelt er bei diesem Anblick und denkt darüber nach, wie sie es wohl schaffte, immer diese gute Laune, immer diese unendliche Geduld für die Kinder aufzubringen. „Mein Gott, werden ihr die drei denn niemals zuviel?“ raunt er und beschließt seinen Gedankengang mit dem Eingeständnis, dass ihm ihre Güte, ihre ewige Fürsorge für die Familie manchmal sogar etwas auf die Nerven ging.
Als die Sonne beinahe senkrecht vom wolkenlosen Himmel brennt, setzt er sich auf und blinzelt übers flimmernde Wasser, beobachtet dabei eine ziemlich rundliche Frau, wie sie träge in einem riesigen Plastikreifen dahindümpelt, ungeachtet der Luftmatratzenschlacht, die neben ihr gerade in vollem Gange ist. Er fühlt, wie sich seine Abgespanntheit langsam verliert, wie sein Interesse an dem Gejohle und Gekreische um ihn herum erwacht und er sich schließlich von der überschäumenden Heiterkeit des Strandlebens anstecken lässt. Knapp hinter dem abgegrenzten Bereich für die Badenden entdeckt er dann ein weißes Kajütboot, auf dem drei Männer hinten am Heck in ganz offensichtlich ziemlich ausgelassener Stimmung etwas zu feiern haben. Er lächelt als er sieht, wie einer von ihnen eine Flasche hochhält und den anderen beiden zuprostet, und erinnert sich dabei an so manche ähnliche Situation in seiner Junggesellenzeit. Plötzlich jedoch blinzelt er ungläubig gegen die Sonne und versucht angestrengt genauer zu erkennen, was er in einem flüchtigen Augenblick bemerkt zu haben glaubt.
„Tatsächlich!“, sagt er zu sich selbst und meint damit das Kind, das vorne am Bug des Kajütbootes sitzt. Ein kleines Kind, er schätzt es auf etwa drei Jahre, das sich ganz alleine vorne an der Spitze des Schiffes befindet, dort, wo seine kurzen, nackten Beinchen beinahe von der weißschäumenden Bugwelle umspült werden. Es hat seine Arme um das zierliche Gitter der Reling geschlungen und seine dunklen Locken tanzen dabei im Fahrtwind. „Donnerwetter!“, raunt er und schüttelt noch einmal ungläubig den Kopf, bevor er sich wieder auf seine Matte fallen lässt und die Sonnenbrille nachdenklich hinauf über das Haar schiebt. Dann schließt er erneut die Augen und lauscht träge der Geräuschkulisse um sich herum.
Gerade als er beschließt, dass er dem Wasser nun auch einmal wieder einen Besuch abstatten müsse, ist da dieser Schrei. Langgezogen, unheimlich, schmerzvoll, schauerlich. Als er sich deshalb rasch von seiner Matte erhebt und mit der Handfläche die Augen vor dem Sonnenlicht schützt, stehen die meisten Leute schon am Wasser und versperren ihm so die Sicht. Und wieder ist da jener entsetzliche Schrei, bahnt sich seinen Weg übers Wasser, hinweg über die Menschen, die da nur stehen und starren, sich einander nicht verstehen in dem Gewirr der verschiedenen Sprachen, und doch so genau erahnen, dass etwas Entsetzliches passiert sein muss. Das Lachen der tobenden Kinder am Strand ist damit verstummt und auch alle übrigen Geräusche an Land. Es scheint als warteten alle nur darauf, wann dieser Schrei erneut übers Wasser fliegen würde, schneidend, quälend, eigentlich nicht zu ertragen. Noch einen weiteren Augenblick lauscht er mit angehaltenem Atem, er muss endlich wissen, was das zu bedeuten hat. Danach läuft er los und erreicht die erstarrte Menge am Wasser.
Und da ist er wieder, dieser entsetzliche Schrei, immer die selben, unverständlichen, gequälten Laute. Nun wissen die Leute am Strand, dass die Stimme von dem weißen Kajütboot unmittelbar hinter der Bojenkette kommt. Er erkennt es gleich wieder, doch nun fährt das Schiff in die entgegengesetzte Richtung. Nur noch zwei Männer sind jetzt hinten an Deck auszumachen, der dritte steht vorne am Bug, da, wo vorhin das kleine Kind saß, rauft sich die Haare, zerreißt sich das Hemd und schreit, immer wieder die selben Worte, die selbe Verzweiflung, der selbe Schmerz.
Niemand hier am Strand ist schwer von Begriff, man greift sich, was man kriegen kann, Luftmatratze, Gummiboot, Schnorchelbrille, oder aber man rennt einfach nur los, stürzt sich ins Wasser, möchte helfen, will nützlich sein. Auch er. Und er fühlt, wie sein Herz jetzt rast, die Beklemmung ihm seinen Atem raubt und er immer wieder nur den selben Gedanken hat. „Mein Gott mach, dass man das Kind findet!“ Beinahe jeder ist jetzt im Wasser und sucht mit, taucht so gut er kann, durchpflügt die kleine Bucht kreuz und quer, beinahe jeden Zentimeter des Meeresbodens, auf dem die Strömung viel deutlicher zu spüren ist als auf der Oberfläche, und kann das Gesuchte doch nicht finden. Schon längst ist das weiße Kajütboot nicht mehr das einzige Schiff in der Bucht, man hat sich organisiert, blitzschnell, von den benachbarten Stränden, aus der Fischfabrik am anderen Ende der Insel, und natürlich auch aus dem Ort. Eines davon, ein schäbiger Fischkutter, zieht unter Wasser sein Schleppnetz am Grund entlang, hinten an Deck steht ein älterer Mann in einer dunkelblauen Trägerhose und starrt dumpf ins aufgewühlte Kielwasser. Vielleicht der Großvater, schießt es ihm durch den Kopf, bevor er wieder abtaucht in das nicht allzu tiefe Wasser der Bucht.
Tief steht die Sonne schon am Himmel, als man in der kleinen Buch zögerlich beginnt aufzugeben, nur ein paar wenige suchen noch weiter, manche von ihnen sind schon seit Stunden ununterbrochen im Wasser. Auch das weiße Kajütboot dümpelt noch in der Mitte der Bucht und die beiden Männer hinten an Deck starren unverwandt ins dunkle Wasser. Der junge Mann vorne am Bug kniet jetzt hinter der Reling, mit aufgerichtetem Oberkörper und weit ausgebreiteten Armen und schreit noch immer „Meer, gib mir mein Kind zurück!“. Irgendjemand hier am Strand hat die Worte wohl doch verstanden und nun kennt sie jeder, auch er. Er kniet erschöpft und ausgelaugt im Sand und auch er bittet lautlos das Meer, Himmel und Hölle, dass sie dem Vater sein Kind zurückgeben mögen.
Ein alter Mann, vermutlich ein Einheimischer, deutet auf ein dunkles, schmiedeeisernes Gartentor am staubigen Weg gleich hinter dem Strand und raunt, da wohne die Mutter des Kindes, und er erschaudert bei dem Gedanken, was der Ehemann seiner Frau nun erklären müsse. Dann schließt er die Augen, muss den Kloß hinunterwürgen, der ihn zu ersticken droht, und will sich den Schmerz dieser beiden Menschen gar nicht vorstellen. Diese Schuld, diesen Verlust, das könnte er niemals ertragen. Da ist er sich sicher.
„Meer gib ihm sein Kind zurück, das hat der arme Mann doch nicht verdient, das verdient doch niemand!“, murmelt er und kniet noch immer im Sand, als es ihm wie Schuppen von den Augen fällt. Hastig wendet er sich um und sieht sie alle drei auf der karierten Decke neben der Luftmatratze und den bunten Eimern sitzen, stumm, verängstigt, auch diese Kinder haben schon begriffen, was passiert ist. Und da ist plötzlich das Gefühl, als könne er nicht schnell genug zu ihnen laufen, sie nicht fest genug umfangen und ihnen auch nicht mit Worten erklären, wie sehr er sie liebte, wie sehr er ihre Unversehrtheit wünschte und auch, dass er sein Leben, wie es vor ihnen war, nie, niemals wieder zurückhaben wollte. Als er am späten Nachmittag den Wagen anlässt und einen letzten Blick über die Bucht wirft, weiß er, dass er hier hin niemals wieder zurückkommen wird. Hier hat ein Vater sein Liebstes verloren, und, dass er selbst heute nicht an dessen Stelle sein muss, dafür wird er sein Leben lang dankbar sein.

4xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von ehemaliges Mitglied am 02.08.2015:

Also ich war noch nie am Meer und ich glaube nach dem lesen dieser GESCHICHTE überlege ich es mir ;) Den letzten Satz kann ich gut verstehen und ich finde du hast es so geschrieben,als wäre ich dort auch gewesen. Lg




geschrieben von ehemaliges Mitglied am 04.04.2020:

zehn Sterne von fünf Möglichen ... ein Stern Abzug - den schenke ich dem Kind im Meer ...




geschrieben von Winterrose am 29.09.2021:

Eine tiefsinnige Geschichte, sehr gern gelesen. :)

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