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5xhab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von Christelle (Christelle).
Veröffentlicht: 09.12.2021. Rubrik: Menschliches


Aber ich mag ihn auf einmal nicht mehr leiden- Geschichte über ein älteres Ehepaar

Hermann liebte es, täglich in Ruhe seine Zeitung zu lesen. Da es sommerlich warm war, setzte er sich nach dem Frühstück in seinen uralten Schaukelstuhl, der auf der Terrasse stand. Zuerst schaukelte er - die Zeitung auf dem Schoß - genüsslich hin und her. Das Knarren und Knirschen des alten Möbels war Musik in seinen Ohren, viel schöner als das Zwitschern der Vögel ringsum. Dann endlich breitete er die Zeitung aus und war bald in das Blatt vertieft.

Käthe, seine Frau, mit der er die Goldene Hochzeit längst hinter sich gelassen hatte, hatte noch in der Küche zu tun. Sie räumte das gebrauchte Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine, packte Butter, Wurst und Käse wieder in den Kühlschrank, wischte den Tisch ab und fegte die Krümel vom Boden.

Hermann ließ sie machen, was sie nicht lassen konnte. Damit hatte er nichts zu tun. Schließlich war seine Frau schon immer für jegliche Art von Hausarbeit zuständig, denn sie hatten eine strenge Arbeitsteilung.
Er war der Ernährer der Familie gewesen. Er arbeitete immer hart, nur um seiner Familie einen gewissen Lebensstandard bieten zu können. Dass er als Rentner seit mehr als 20 Jahren nicht mehr hart arbeitete, blendete er dabei völlig aus.

Solange Käthe in der Küche hantiert, habe ich meine Ruhe, dachte er. Sie würde dort viel länger beschäftigt sein, hätten sie nicht diese verdammte Spülmaschine angeschafft. Er war gegen den Kauf dieses neumodischen Krams gewesen, schließlich war es viele Jahre ohne gegangen. Aber Käthe war ihm damit so lange auf die Nerven gegangen, bis er endlich nachgab. Sie wollte unbedingt eine Spülmaschine, nur weil Frau Kleinschmidt, die Nachbarin von nebenan, auch eine hatte.

Als Käthe ihre Arbeit in der Küche beendet hatte, kam sie ebenfalls auf die Terrasse und setzte sich in ihren Schaukelstuhl, der mindestens genauso alt war wie seiner. Sie versuchte, einen Blick ihres Mannes zu erhaschen, doch dieser hatte sich hinter der Zeitung verbarrikadiert. Sie sah nur die Rückseite der Zeitung und fragte lautstark: „Was gibt es Neues?“ Keine Antwort! Als sie ein zweites Mal noch lauter, noch energischer fragte, antwortete er brummig: „Nichts.“ „Und wofür liest du dann Zeitung?“ Sie klang beleidigt. Ihr großes Problem mit Hermann war nämlich, dass er keine vernünftigen Antworten gab. Sie wusste nicht, warum er überhaupt Zeitung las, wenn er nie wusste, was drinstand. Sie selbst erfuhr sehr viel mehr Neuigkeiten von den Nachbarn ringsum.

Aber etwas aufmerksamer könnte er sein. Er könnte mal das Mittagessen, das sie ihm täglich bereitete, loben oder ein vernünftiges Gespräch mit ihr führen. Es war, als lebe sie mit einem Geist zusammen, den sie von morgens bis abends bedienen musste und der ständig gefüttert werden wollte.

Hermann und sie hatten 1967 geheiratet. Damals hatte er sie vergöttert und auf Händen getragen. Das war vorbei. Wahrscheinlich bin ich heute zu schwer, um auf Händen getragen zu werden, dachte sie voller Sarkasmus.
Sie grübelte noch eine Weile über ihre Beziehung zu Hermann, dann fasste sie einen Entschluss.

Am nächsten Morgen fuhr sie nach dem Frühstück mit dem Bus in die Stadt. Mit Hermanns Kreditkarte in der Tasche!

Zunächst ging sie in einen Friseursalon und ließ die mittlerweile grauen Haare rotbraun färben. Die Friseuse hielt ihr einen Spiegel hin. Was sie sah, ließ ihr Herz höher schlagen. Sie fühlte sich mindestens 10 Jahre jünger mit der neuen Frisur und Haarfarbe. Hermann würde staunen!

Ihr nächstes Ziel war das Modehaus Schneider, das für seine gute und individuelle Beratung bekannt war. Die Verkäuferin empfahl ihr ein dunkelblaues schmal geschnittenes Kostüm mit einer passenden blau-weiß gemusterten Bluse. Als sie sich damit im Spiegel betrachtete, fand sie, dass sie viel schlanker aussähe als sonst mit ihrer alten Küchenschürze. Sie war begeistert und kaufte sowohl das Kostüm als auch die Bluse.

„Jetzt fehlt nur noch ein schöner Hut, „ sagte die Verkäuferin und holte einige Exemplare heran. Sie entschied sich für ein keckes dunkelblaues Hütchen mit einer auffälligen weißen Feder.

Sie behielt die neuen Klamotten gleich an und ließ ihre alten in eine Einkaufstüte packen. Dann ging es in das Schuhgeschäft nebenan. Die ausgetretenen Latschen, die sie trug, passten nicht mehr zum neuen Outfit. Schmerzlich musste sie sich eingestehen, dass sie hier einen Kompromiss zwischen Eleganz und Bequemlichkeit eingehen musste. Ihre Füße waren für höchste Eleganz nicht mehr geeignet.

Am späten Nachmittag war sie wieder zu Hause. „Wo warst du denn so lange?“ schimpfte Hermann, ohne ihr verändertes Aussehen zu bemerken. „Fällt dir was auf?“ fragte sie erwartungsvoll, doch er maulte nur, weil er so lange gehungert habe.

„Es gibt ja gleich was zu essen“, beruhigte sie ihn. Sie lief schnell in die Küche und schaltete eine Herdplatte an, um die vorbereitete Kartoffelsuppe zu erhitzen. Zurück im Wohnzimmer, fragte sie noch einmal: „Wie gefällt dir mein neues Outfit?“ Er schaute sie eingehend an. „Rausgeschmissenes Geld“ war sein Urteil, „du gehst doch nirgendwohin, wo du ein Kostüm brauchst.“

„Ich wollte dir, mein Liebster, gefallen“, sagte sie in einem schmeichelnden Tonfall, „besonders mein keckes Hütchen soll dazu beitragen.“

„Aber es steht dir doch gar nicht“, rief er empört, „du bist viel zu alt dafür. Du siehst aus wie ein Zirkuspferd mit dieser komischen Feder.“
Enttäuscht riss sie den Hut vom Kopf und knüllte ihn mit den Händen zusammen.

„Ich hab’s nicht so gemeint“, lenkte Hermann ein, denn er bemerkte jetzt den Duft, der aus der Küche kam: Kartoffelsuppe mit dem Aroma von frischem Majoran. Das stimmte ihn versöhnlicher. Sie war eben auch nach 53 Jahren Ehe immer noch sein gutes Käthchen. „Mein Liebes, ich war einfach überrascht. Ich muss mich erst an den Hut gewöhnen. Dann finde ich ihn wahrscheinlich ganz nett.“

„Aber ich mag ihn auf einmal nicht mehr leiden,“ schluchzte sie herzzerreißend und warf das zusammengeknüllte Etwas in ihren Händen in den Müll.

5xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Christine Todsen am 13.12.2021:

Mir gefällt der Titel, da man ihn so oder so verstehen kann... ;-)




geschrieben von Susi56 am 14.12.2021:

Ich stimme Christine zu... 😆 Hübsch geschrieben. Vielleicht schmeißt Käthe in der Fortsetzung nicht den Hut weg, sondern den Herrmann aus der Bude. 👍🏻😎




geschrieben von Christelle am 15.12.2021:

Gute Idee, Susi56, vielleicht mache ich das irgendwann! Obwohl die Geschichte erfunden ist, habe ich bei Hermann einen bestimmten Menschen vor Augen, Jahrgang 1917, der allerdings nicht mehr lebt. In dieser Altersgruppe gab es - scheint mir - viele „Hermänner“.

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