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geschrieben von Waldfee.
Veröffentlicht: 05.06.2018. Rubrik: Unsortiert


Heimat

Heimat
Heimat? In der Jugend ein komischer Begriff. Nicht definierbar. Vielleicht noch am ehesten zu Hause, wo ich ein Essen bekomme, wo der Kühlschrank gefüllt ist, wo meine Wäsche gewaschen ist. Im besten Fall Eltern, oder zumindest ein Elternteil, der für einen da ist, auf den man sich verlassen kann. Bei dem man sich auch fallen lassen kann. Ein kurzer Anruf: „Mama, bitte komm zu mir, ich brauche Dich“. Und man weiß, wenn es irgendwie geht, wird Mama es möglich machen. Das ist Heimat auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Natürlich auch die Freunde, mit denen man stundenlang alles bequatscht, durchdiskutiert.
Aber schon damals das Gefühl, in der Natur geht es mir gut, wenn ich draußen bin, im Wald, am Wasser, in den Bergen, bin ich zu Hause. Es erdet mich. Macht mich leicht. Lässt vieles in einem anderen Licht erscheinen. Kaum wagte sie es auszusprechen. Hatte diese Gedanken einmal einem Freund, einem den sie wirklich liebte gestanden. Wurde ausgelacht. Ob sie sich denn am nächsten Baum aufhängen wolle war die Frage. Sie hatte es ihm nie wieder erzählt. Gab dann auch irgendwann keine Gelegenheit mehr dazu. Die Liebe bei ihm war ganz schnell beendet. Sie vergaß ihn nie.
Die Liebe zur Natur blieb. Irgendwann dann traf sie einen der genau das aussprach, was sie fühlte, der immer in die Natur musste, wenn er nach Hause kam. Die Großstadt war nicht sein Ding. Das gefiel ihr an ihm. Die ersten Berührungen, der erste Kuss, dann, ganz logisch auf einem Spaziergang. Die Liebe war da. Er war da. Jahre später sollte sie begreifen, der andere war nur nach hinten gerutscht. Niemals weg gewesen. Und plötzlich wieder da. Mit einer Präsenz, die ihr den Atem raubte. Sie taumeln ließ. Schmetterlinge im Bauch. Ein Auf und Ab. Beziehungsneurotiker, einer voll von Bindungsängsten. Ihr Leben glich einer Achterbahn. Ihr Sicherheitsnetz – die Natur. Stundenlange Wanderungen. Draußen. Zu allen Jahreszeiten, bei jedem Wetter. Der Wunsch einmal länger auf der Strecke zu sein, mit sich selbst unterwegs zu sein, wurde stärker. Die Verwirklichung? Etappenweise, schrittweise. Aber der Wunsch zu laufen, immer da.
Zuerst, weglaufen – von zu Hause, von den Zwängen. Mit dem anderen ein ganz neues Leben beginnen. Dann die Erkenntnis, seine Visionen nur Geschwätz. Wunschgebilde eines Träumers wenn er getrunken hatte. Auf ihn zu bauen wäre fatal gewesen.
Dann der eigene Traum irgendwo anders ein neues Leben anzufangen, ganz alleine. Weg, raus aus dem Trott. Wie würde es sich anfühlen? Sie blieb Realist. War im Grunde genommen ein Familienmensch, wollte für andere da sein. Fürsorge, sich kümmern. Das Muttertier in ihr doch ganz groß. Aber das Gefühl der Enge, des Eingesperrtsein in diesem kleinen Ort blieb. Sturköpfe, eingefahrene Typen ohne Weitblick, der Horizont endete am nächsten Berg. So empfand sie es lange Zeit. Ruhelos, rastlos wurde sie genannt. Für sie zu negativ belegt. Eine Suchende, das traf es für sie schon eher. Auf der Suche nach sich selbst, nach ihrer Erfüllung, nach einem Platz im Leben, an dem sie ankommen konnte, zur Ruhe kommen, daheimsein. Das Schlüsselerlebnis ereilte sie an einem Ort, an dem sie überhaupt nicht damit gerechnet hatte. Ein Kinofilm. Bilder ihrer Heimat. Und plötzlich ein Gefühl – das ist mein Zuhause, hier gehöre ich hin. Ganz wichtig, hier bin ich verwurzelt. Das war es – ihre Wurzeln waren hier, genau hier. Tiefer als je gedacht, hatten sich diese Wurzeln eingegraben. Diese Wurzeln trugen sie, gaben ihr Halt. Das wurde ihr erst viel später bewusst.
Wo immer sie auch noch auf dieser Welt hinkam, hinreiste, ihre Wurzeln waren zu Hause. Das Gefühl, immer wieder zurückkehren zu können, nicht mehr zwanghaft wegzumüssen wurzelte auch tief in ihr. Wenn sie auf ihren Streifzügen durch die Natur ihren Blick schweifen ließ und aus vollem Herzen sagen konnte: Hier gehöre ich her, hier bin ich zu Hause. Unbeschreiblich dieses Gefühl, dass sich dann in ihr ausbreitete. Die Sicherheit, die es ihr gab. Hier darfst du immer wieder ankommen, du selbst sein, dich fallen lassen.
Ein Großstadtmensch würde sie nie werden. Einzelne Tage, Ausflüge ja. Aber bitte nicht mehr. Zurück zu Hause. Ruhe, Natur, leben im Rhythmus der Jahreszeiten. Der Frühling, wenn alles erwachte, neu erblühte, lange Sommerabende draußen, Weintrinken, mit Freunden die Welt bequatschen, im Herbst am Morgen der Bodennebel, der sich langsam lichtete und sehr oft dem Sonnenschein Platz machte, abends dann die ersten Kaminfeuer, Rotwein, heißer Tee, je nach Lust und Laune. Der Winter konnte sich oft lang und trist hinziehen, aber auch hier Kraft daraus schöpfen, zur Ruhe kommen, sich einkuscheln warm halten. Gerade in dieser Jahreszeit sehr liebevoll zu sich selbst sein. Eine warme Suppe wärmt nicht nur den Bauch auch die Seele.
In diesen Phasen sich selbst ganz nahe kommen. Augenblicke erleben in denen man aus tiefstem Herzen spürte, man war ganz bei sich. Fühlte sich mit sich eins mit sich selber wohl. Es war ein rundes gutes Gefühl. Die Gedanken an den anderen, immer wieder da, konnten einem die Tage verdunkeln. Aber irgendwo ganz tief drinnen die Gewissheit, da musst du durch, es kommen wieder bessere Tage. Genau das war es und das war das Leben. Nichts anderes, ein Auf und Ab der Gefühle. Aber immer in der Gewissheit, da wo ich bin, bin ich zu Hause, da ist meine Heimat. Ein unglaublich schönes Gefühl, das einem gut tat.

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