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geschrieben von As'a hel.
Veröffentlicht: 14.02.2022. Rubrik: Unsortiert


Staub

Es ist kalt.

Die zehntägige Militärübung des zweiten Jahrgangs der Militärakademie endet heute mit einer Gefechtsübung, in der scharfe Munition verwendet wird. Die Offiziersanwärter stehen in ihren Kampfständen und warten frierend und übermüdet auf den Alarm.

Die letzten Tage waren erfüllt von händischem Graben in steinigem, stark verwurzeltem Boden, durchschnittlich vier Stunden Schlaf innerhalb 24 Stunden und regelmäßigen Verpflegungsausfällen. Als die winterliche Sonne kurzzeitig hinter den Wolken hervorkommt, wenden sich die durchfrorenen Männer wie Sonnenblumen zum wärmenden Licht.

Es wird stiller Alarm ausgelöst und ohne unnötige Kraftaufwendung stellen sie die Kampfbereitschaft her. Alles in Ordnung, Fähnrich?, hört er hinter sich die freundliche Stimme eines Ausbilders. Jawohl. Melde, keine besonderen Vorkommnisse, antwortet der Fähnrich und verbirgt meisterlich seine erschöpfungsbedingte Gereiztheit. Die ausgeschlafenen, gesättigten und geduschten Ausbilder steigen in ihren sauberen Uniformen in die Erdlöcher.

Leuchtsignale und Trillerpfeifen verkünden den Angriff des nicht wirklichen Feindes und der ohrenbetäubende Lärm der leichten Infanteriewaffen lässt die Trommelfelle beben. Möglichst unauffällig gibt der Fähnrich so wenig Schüsse wie nötig mit seinem Sturmgewehr ab, um die Verschmutzung der Waffe gering zu halten, was die abendliche Reinigung deutlich erleichtert.

Panzer!, brüllen die Ausbilder mehrfach, um das Hämmern der Maschinengewehre zu übertönen. Die Panzerabwehrschützen machen ihre Panzerabwehrrohre bereit, zielen auf den unsichtbaren Feind und drücken die Abzugsknöpfe. Die Granaten verlieren sich in großer Entfernung, aber ein Kamerad vollbringt das Kunststück, das kahle Geäst des einzigen Baumes auf dem nahen Gefechtsfeld zu treffen, der außerhalb aller erlaubten Schussfelder liegt.

Statt in volle Deckung zu gehen, starrt der Fähnrich wie ein Anfänger auf die etwa 40 Meter entfernte Explosion im Baum. Angstschreie lenken seinen Blick nach rechts; im ungefähr zehn Meter entfernten benachbarten Kampfstand sieht er den freundlichen Ausbilder mit dem Kopf in Deckung, während sein Gesäß wie ein Hügel in die Höhe ragt.

Im darauffolgenden Erdloch steht ein Kamerad mit schneeweißem Gesicht, der sich mit beiden Händen an den Hals fasst; seine Finger sind dunkelrot und zwischen ihnen sprüht eine übermannshohe Blutfontäne in den Himmel; offensichtlich hat ein Splitter der Granate seine Halsschlagader geöffnet. Fasziniert von den gurgelnden Schreien, die aus der Kehle des Sterbenden dringen, vergisst der Fähnrich seine Erste-Hilfe-Pflicht.

Der Ausbilder vertauscht Gesäß gegen Kopf, erfasst blitzschnell die Situation, stürmt zum ohnmächtig werdenden Verwundeten, drückt seine Hände auf die Wunde und verzögert dadurch den Blutverlust. Geistesgegenwärtig ruft er: Verbände! Die Männer in den angrenzenden Löchern werfen oder tragen ihre Notfallverbände zum Unfallort; ein Soldat öffnet die Verbände und reicht sie dem Ausbilder.

Das Schießen ist bereits von allen eingestellt, als nach Minuten die Sanitäter eintreffen, welche die Erstversorgung durchführen und den Bewusstlosen abtransportieren. Alle Augenzeugen erweisen dem blutüberströmten Lebensretter mit Worten oder Gesten ihren Respekt. In den folgenden Stunden empfängt der Held wiederholt Lob von hohen
und höchsten Offizieren, alle wissen von seiner Tat und fast jeder kennt seinen Namen.

Drei Tage später sind die Fähnriche wieder in den Lehrsälen der Militärakademie und müssen langweilige Vorträge erdulden; unerwartet öffnet sich die Tür und das genesene Unfallopfer betritt mit erwartungsvollem Gesichtsausdruck den Lehrsaal seines Zuges.
Das beherzte Handeln des Ausbilders hat eine tödliche Verletzung in einen harmlosen Kratzer ohne bleibende Schäden verwandelt. Ohne Befehl erheben sich nach und nach die meisten Kameraden und bereiten dem Überlebenden einen herzlichen Empfang; er strahlt, als wäre er soeben zum General befördert worden.

Drei Wochen danach durchstreift der Fähnrich wieder einmal die langen Gänge der Akademie auf der Suche nach Zerstreuung vom öden Alltag in den Lehrsälen; fast übersieht er die neue Nachricht am Anschlagbrett des Jahrgangs. Auf einem Zettel wird mit schmucklosen Worten berichtet, dass der Lebensretter und Vater von drei kleinen Kindern bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt ist.

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