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geschrieben 2022 von Stefan Zivny (StefanZivny).
Veröffentlicht: 26.08.2022. Rubrik: Fantastisches


Donnergrollen

„Brrr“
Er befiehlt seinem Pferd, einer jungen Stute, anzuhalten, da er sein Tagesziel nun erreicht hat. Ansgar reitet nun schon den ganzen Tag mit nur kurzen Unterbrechungen durch Wälder, die Prärie und die urbanen Vororte der Großstädte des ehemaligen großen Reiches Kelbrus. Die Ortschaft Dreußen, die sich seinen müden Augen nun offenbart und in die er vom örtlichen Bürgermeister bestellt wurde, ist, so hofft er, noch nicht in einen tiefen Schlaf verfallen, da es ihm noch stark nach einer Mahlzeit verlangt bevor er sich dann endlich ein wenig ausruhen sollte. Und einen Humpen Bier, denkt er sich. Ein Humpen Bier und ein Schnaps würden helfen, um schnell ein angenehmes Gefühl von Benommenheit im Kopf hervorzurufen, um dann in ein gemütliches Bett oder seinetwegen auch in das Stroh des örtlichen Stalls zu fallen.
Er bugsiert sein Pferd am Zügel und schreitet schnurstracks den Hauptweg entlang die Augen nach einem Gasthof Ausschau haltend. Er gähnt und fühlt sich nach wie vor ausgelaugt vom Galoppieren und der anstrengenden Konzentration auf potentielle Hindernisse, an denen es so weit im Osten auf den schlechten Wegen nicht mangelt. Nach ein paar Minuten langsamen Gehens beginnt er, seine Umgebung genauer zu betrachten, die er trotz der weit fortgeschrittenen Dämmerung in dieser Vollmondnacht noch gut erkennen kann. Nur selten hört er noch leise Gespräche oder sieht ein schwaches Licht, was durch die dünnen Holzwände der einfachen Hütten nach Außen dringt.
„Hallo! Wie heißt du?“, ruft ihm ein junger Bursche zu, der nebenhergelaufen kommt und plötzlich hinter seiner Stute auftaucht.
„Wo gehst du hin?“, ruft er neugierig hinterher. Es handelt sich um einen Jungen von bestimmt nicht einmal 5 Jahren mit dreckiger Hose und neugierigem Blick. Ansgar ist jedoch zu müde, um sich jetzt noch der Energie solch junger Gemüter zu widmen.
„Kaspaaar!“, ruft eine Frau aus ihrem Fenster heraus, was den Burschen sofort aufhorchen lässt.
„Komm sofort nach Hause! Du bist schon wieder unmöglich, Junge!“, schreit die Mutter mit gar Mark- und Bein erschütternder Stimme, sodass es selbst Ansgar kurz in seine eigene Kindheit und die Folgen seiner Scherereien zurück versetzt.
Der Bursche macht nun auf der Stelle kehrt und läuft dem Elternhaus entgegen.
„Sprich nie wieder mit fremden Reitern! Es kann außerdem jederzeit der Donner beginnen.“, hört Ansgar die Mutter noch sagen bevor sie die Türe hinter sich und dem Jungen schließt. Nach einem Gewitter sieht der Himmel gerade nicht aus, denkt sich Ansgar und schreitet weiter den Hauptweg voran. Vielleicht wollte die Mutter dem Kleinen nur Angst machen, kommt ihm in den Sinn. Aus seinen Gedanken reißt ihn zunächst ein dumpfes lautes Geräusch. Es hört sich an, als ob etwas Schweres zu Boden fällt. Dann erspäht er etwas auf dem Hauptweg, was zuvor nicht dort gewesen ist. In der klaren Vollmondnacht erkennt er vor sich eine gute Achtelmeile entfernt einen grauen Holzbalken mitten auf der Straße, den Ansgar nicht den üblichen Begegnungen auf einem Hauptweg einer kleinen Ortschaft wie Dreußen zuordnen kann. Er fühlt sich nach wie vor müde, hungrig und auch genervt, dass er immer noch keinen anständigen Gasthof gefunden hat. Vereinzelt hat er bereits Vorgärten vor den Hütten gesehen, in denen große ausufernde Weißdornbüsche wachsen. Vielleicht handelt es sich bei dem merkwürdigen Balken am Ende des Weges ja um jenen solchen Busch oder vielleicht einen Baum, den er zuvor übersehen hatte oder aber es ist ein liegengebliebener Wagen. Trotz dieser logischen Gründe, die er sich ausmalt, ist ihm ungut zumute, was vielleicht auch an dem merkwürdigen Geräusch liegt, dass er zuvor hörte. Dann scheint sich der Strich plötzlich zu bewegen. Er scheint sich auf Ansgar zu zu bewegen, bemerkt er und erkennt schließlich, dass es sich um einen Reiter handelt, was ja im Grunde nichts Ungewöhnliches ist. Dennoch durchdringt seine Glieder eine unangenehme Kälte und Angst kriecht in seine Gedanken. Auf seinen Händen bildet sich ein unangenehmer Schweißfilm. Ansgar kennt es normalerweise gut, bei Dunkelheit zu reisen, aber so ein spontaner Anfall von Angst und Kälte ist ihm neu. Vielleicht liegt diese ja auch begründet in seinem argen Schlafmangel, der eigentümlich leeren Hauptstraße oder eben jenem Geräusch, was seine Ohren erspähten kurz bevor der Reiter aufgetaucht war. Jener Reiter, der noch anfänglich leicht antrabte, geht nun in den Galopp über, stellt Ansgar fest. Offenbar ist der Reiter eine wichtige Person, wenn sie zu dieser späten Stunde noch in Eile durch den Ort reitet, denkt er sich. Dann nimmt er wahr, was kaum zu überhören ist. Der Boden scheint unter dem Galopp des Reiters zu beben und ein donnerndes Geräusch erfüllt die Luft, was überhaupt nicht mehr zu Ansgars Vorstellung eines einzelnen Reiters passt. Umso lauter dieses wird, umso unangenehmer wird es für ihn, hier alleine auf der Hauptstraße zu wandeln. Er möchte lieber bereits im Gasthof sitzen und sein Bier serviert bekommen, denkt er sich und ist abermals entnervt, dass es in dieser Ortschaft offensichtlich so wenig Gasthöfe gibt. Normalerweise trifft er in einer Ortschaft bereits nach einigen Schritten auf jene Angetrunkenen und Streuner, die ständig zu den üblichen Gästen einer solchen Lokalität gehören. Als das donnernde Geräusch des Reiters jedoch weiter zunimmt, bleibt Ansgar stehen. Er registriert nun auch, dass seine Stute bereits unruhig an den Zügeln zieht, auf der Stelle trampelt und laut schnaubt. Ansgar kann sie nicht mehr beruhigen, da die fortschreitende Angst seine Glieder bereits erstarren lässt. Die junge Stute zieht so stark an den Zügeln, dass er sie nicht mehr festhalten kann ohne seinen eigenen Stand zu verlieren. Er dreht sich noch zu dem nach hinten ziehenden Pferd um und muss ein paar Schritte in dessen Richtung machen bevor er die Zügel endgültig loslässt und sein Pferd davon prescht. Als sich Ansgar wieder reflexartig umdreht, ist das Donnergrollen verstummt und der Erdboden scheint wieder in Ruhe zu sein. Der Reiter ist nun so nah gekommen, dass er seinen Galopp beendet hat, was es Ansgar auch einfacher macht ihn zu betrachten. Zunächst trabend und dann langsam schreitend nähert sich der Reiter, als ob auch er vorhat sich Ansgar genauer anzuschauen. Sein Herz schlägt in unsagbar schnellem Tempo. Es sind nun nicht nur seine Hände schweißnass, sondern auch auf seiner Stirn und auf den Armen haben sich Bäche aus Schweiß gebildet. Er betrachtet zunächst den Kopf des Pferdes, das langsam an ihm entlang schreitet. Es ist ein pechschwarzes Tier, das ungewöhnlich groß ist und eine lange schwarze Mähne hat. Beim Anblick der Augen des Tieres schluckt Ansgar kräftig und nimmt reflexartig die Hände nach oben und weicht ein paar Schritte zurück. Das blaue rechte Auge des Pferdes sieht aus wie das tiefe Blau des Ozeans oder das heiße Blau einer Esse und scheint ihn irgendwie anzustarren. Während Ansgar zurück weicht bringt ihn ein Schlagloch auf der Hauptstrasse aus dem Gleichgewicht, wodurch er keuchend zu Boden fällt. Er landet auf seinem Hintern, aber wendet seinen Blick nicht ab und betrachtet nun auch die Person, die im Sattel des Pferdes sitzt. Ansgar erstickt einen Schrei. Der Kloß in seinem Hals lässt kaum einen Deut Luft mehr hinein oder hinaus gelangen. Er sah zuerst die schwarzen Lederstiefel der Person, die irgendwie von einer klebrigen Flüssigkeit bespritzt sind, den langen abgewetzten Wollmantel, das Schwert, das unter dem Mantel hervorragt, den imposanten Kragen sowie die breiten Schultern eines Ritters. Nur den Kopf der Person konnte er nicht sehen, da dieser vollends fehlte. Dort wo Ansgar bei jedem Menschen seinen Kopf erwartet, sieht er nur die Konturen des Mantelkragens. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die Ansgar damit verbringt, zähneklappernd auf das tiefschwarze Loch im Torso des Reiters zu starren, bringt dieser sein Pferd nun mittels seiner Zügel zum Stehen, was dem Tier nicht zu gefallen scheint, da es dies mit lautem Schnauben und dem Aufschlagen der Hufen quittiert. Ansgar beobachtet wie sich der Torso des Reiters daraufhin langsam unter einem fürchterlichen Knarren zu ihm herum dreht als ob er ihn mit seinen Augen fixieren zu vermag. Verängstigt beginnt er leise zu stottern und zu ächzen und schließt anschließend seine Augen und presst die Lider stark zusammen so wie er es oft in seinen Alpträumen tut, um das Aufwachen zu erzwingen. Das ohrenbetäubend laute Schnauben des Pferdes lässt ihn plötzlich aufschrecken und er reißt schockiert seine Augen wieder auf. Der schwarz gekleidete Reiter streckt langsam, aber bestimmt, seine Hand in Ansgars Richtung aus, die in einen stählernen Handschuh gehüllt ist. Er deutet mit gespreizten Fingern auf Ansgars Kopf, dem nun die Tränen die Wangen hinunter laufen. Darauf nimmt der Reiter seine Hand vor seinen Torso und ballt sie unter knarrenden Metallgeräuschen zur Faust. Ansgar möchte etwas stottern, um sein Leben betteln, aber seine Stimme scheint vollständig verschwunden zu sein. Er schluchzt, wimmert und schüttelt verneinend den Kopf, als ob er etwas sagen will. Wie vom Blitz getroffen wiehert plötzlich das blauäugige Pferd und bäumt sich auf, wodurch sich der Reiter, offenbar aus dem Konzept gebracht, wieder auf sein Pferd konzentrieren muss. Ansgar erschrickt und zieht den an der Nase herunterlaufenden Rotz hoch. Als die Vorderhufe des Tieres wieder den Boden berührt, scheint er ein Zittern des Erdbodens wahrzunehmen. Anschließend prescht der Reiter im Galopp unter tosendem Donnergrollen los. Er reitet die Straße entlang, die Ansgar zuvor gekommen ist und verschwindet wie im Flug in deren Dunkelheit. Das ihm begleitende Donnergrollen ist trotzdem noch für so einige Zeit später zu hören.

Als Ansgar wieder ein wenig zu sich gekommen ist, ist es Still geworden auf der Hauptstraße. Er steht trotz weicher Knie auf und blickt in alle Himmelsrichtungen, in denen er zunächst keinerlei Bewegungen erkennt. In Windeseile rennt er zum Rand der Straße und duckt sich an den Zaun eines Vorgartens. Sein Atem rast, er wimmert und starrt schockiert mit aufgerissenen Augen auf den Erboden vor ihm. Dann lässt ihn ein raschelndes Geräusch erschrocken nach Hinten blicken. Er erblickt den jungen Burschen, der aufgeregt an ihn herantritt.
„Bist du immer noch hier? Mama hat gesagt, dass du weg bist, wenn es donnert“

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Gari Helwer am 26.08.2022:
Kommentar gern gelesen.
Spannend geschrieben, gruselig! LG

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