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4xhab ich gern gelesen
geschrieben von Federteufel.
Veröffentlicht: 01.10.2022. Rubrik: Unsortiert


Ein paar Gedanken zu einem kaiserlichen Nasentropfen

Selten hat mich ein Satz so nachdenklich gestimmt wie jener in Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch“, in dem er beschreibt, wie der greise Kaiser Franz Joseph I. vor seinen Truppen steht, umgeben vom dürren Gelb der Stoppelfelder und dem blutigen Rot der Kavalleriehosen, bereit, die Parade abzunehmen. „Dabei bemerkte er nicht“, heißt es da, „dass an seiner Nase ein glasklarer Tropfen erschien und dass alle Welt gebannt auf diesen Tropfen starrte, der endlich, endlich in den dichten, silbernen Schnurrbart fiel und sich dort unsichtbar einbettete. – Und allen ward es leicht ums Herz.“
Warum teilt uns der Dichter mit, dass „alle Welt gebannt auf diesen Tropfen starrte“? Und warum wird dann allen leicht ums Herz, wenn er gefallen ist? Ferner kann ich nicht einsehen, warum der Kaiser den Tropfen nicht bemerkt haben soll. Ich zum Beispiel habe bisher jeden Tropfen bemerkt, der mir unter der Nase hing.
Fragen, eine abgründiger als die andere.
Nun ja. Möglicherweise war der Kaiser zu stark gefesselt vom bunten Militärspektakel, das sich da vor seinen Augen abspielt, zu sehr abgelenkt durch die Erinnerung an gewonnene und verlorene Schlachten, zu sehr berauscht vom gewaltigen Tschingderassabumm der Militärkapellen, zu sehr erschüttert von der Vaterlandsliebe, die ihm aus allen Ecken des weiten Platzes entgegenschallt.
Aber, aber, aber –
Da steht der Herrscher über ein Reich, in dem die Sonne nicht untergeht, in dem die Frösche fast die einzigen Untertanen sind, die unbeschwert ihre Meinung sagen können, der sich haarklein alles berichten lässt, was im Lande so passiert. Der in jüngeren Jahren wie zehn Feldwebel brüllen konnte, wenn er auch nur die kleinste Nachlässigkeit an der Uniform eines Ulanen sah – dieser Mann bemerkt einen Tropfen unter seiner Nase nicht? Unwahrscheinlich, höchst unwahrscheinlich!
Irrte hier der Dichter?
Man verstehe mich bitte nicht falsch. Ich gehöre nicht zu jenen Schlaumeiern, die sich mit Schriften wie: „Hier irrt Goethe!“ unsterblich blamieren. Was ich sagen will ist dies: Nicht der Dichter irrt, sondern diejenigen, die der Meinung sind, es handele sich um einen – na sagen wir – normalen Schnupfen-Tropfen, denn der Kaiser ist stark erkältet, wie ich lese. Solch ein Tropfen wäre der Rede nicht wert. Also was hat es nun mit diesem Nasentropfen auf sich?
Mein Vorschlag: Es erinnert den „guten“ Kaiser an die Schmach, die er täglich und im zunehmendem Maße erleiden muss. Die Niederlage vor dem „letzten Tropfen“ verschmilzt mit der Niederlage bei Solferino . . .
Deshalb übersieht ihn der Kaiser, die Sonne Habsburgs. Von Tropfen hat er nicht nur die Nase voll, von Niederlagen auch. Er spürt ihn wohl, den Tropfen, aber „alle Welt“ soll denken, er bemerke ihn nicht. So war er schon immer. Er gönnt den Leuten ihre Irrtümer. Und jetzt? Soll er doch sehen, denkt er, wie er ohne mich klar kommt, der verfluchte Tropfen . . . Ja. Irgendwann wird er schon fallen, wie seine Soldaten gefallen sind, es ist nur eine Frage der Zeit. Und ja, früher, in Jahren feuriger Jugend, da hätte er gebrüllt: „Wachtmeister! Festnehmen und abführen!“ Doch jetzt, „zerschmettert am Urgrund der Welten“, kommt es ihm auf einen naseweisen Tropfen mehr oder weniger nicht an.
Je nun –
Es ist verwirrend, solchen Gedanken nachzugehen, besonders für unsereinen, der sich zwar etwas mit Tropfen auskennt, aber nicht mit dem Hochadel, welcher Couleur auch immer. Und ich bin niemand, der die Philosophie schlürft wie ein rohes Ei, dazu sind ihre Aussagen zu widersprüchlich. Hinzu kommt noch, dass mir die Gnade der Einfalt versagt blieb. Also grübele ich auf eigenes Risiko weiter.
Vielleicht verhält es sich ja so!
Der Dichter meint gar nicht einen materiellen Tropfen, sondern er ist ihm ein Symbol gebrechlicher Anhänglichkeit. Dann wäre auch erklärt, a), warum der Tropfen noch nicht fällt, und b), warum, warum ihn „alle Welt“, zum Beispiel der Leutnant Trotta, anstarrt. Ich stelle mir die Szene so vor: Hier der Kaiser, groß, schlank, leicht gebeugt, „vom eigenen Alter erschrocken“, den schmalen Mund „zwischen die Flügel seines Bartes“ gezwängt; vor ihm, in geziemendem Abstand, der junge Leutnant, in weißer Uniform, strahlend „wie Feuer vom Himmel“, den Hals goldkragen-umrundet, den Krapphut in der Hand. Der stahlblaue Blick ist starr auf den Tropfen gerichtet. Der hängt am Kaiser, wie der Trotta am Kaiser hängt. Der ihm verziehen hat, dass er einen Aufstand slowenischer Bauern gnadenlos niederkartätschen ließ und noch einiges mehr. Gleichzeitig wissen beide, dass die Bindungskräfte abnehmen, nicht nur zwischen Tropfen und Nase, sondern auch zwischen Kaiser und Untertan. Die Tage der Monarchie sind gezählt wie die Sekunden des Tropfens. Und damit die der „guten alten Zeit“, von der Mme de Pompadour behauptete, wer sie nicht mitgemacht habe, „weiß nicht, was Leben heißt“.
Da kommt mir eine Idee . . . Der Nasentropfen des Kaisers, ein Symbol staatsmännischer Größe?
Meine lieben Lesenden, haben Sie bei einem unserer Politiker oder Verbandspräsidenten jemals einen Tropfen unter der Nase entdeckt? Ich jedenfalls noch nie! Dabei böten doch die modernen Medien ideale Möglichkeiten einer solchen Inszenierung! Ich stelle mir vor, unser Bundespräsident (den ich übrigens sehr schätze), hält, bei klirrender Kälte, eine Rede, an seiner Nasenspitze ein Tropfen, der nicht fallen will. Oder an der der Bundeskanzlerin (die ich übrigens sehr schätze). Und das in Nahaufnahme! Welch herrliches Bild staatsmännischer Gelassenheit!
Wenn er dann endlich fällt, der Tropfen, ist auch die Rede zuende.
Und allen wird es leicht ums Herz.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Christelle am 13.10.2022:

Schöne Geschichte um einen Nasentropfen, sehr gut und flüssig erzählt, Satire pur!




geschrieben von Kurt Brunner am 18.10.2022:

Ihre/Deine ironisch-witzige und kritische Geschichte ist bei mir sehr gut angekommen. Kurt Brunner

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