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3xhab ich gern gelesen
geschrieben von Federteufel.
Veröffentlicht: 23.11.2022. Rubrik: Unsortiert


Kamingespräche 2

„Ich verstehe die Grausamkeiten dieser Leute vom Islamischen Staat nicht“, stöhnte Gisela. „Was wollen die damit bezwecken? In keinem Land der muslimischen Welt werden Frauen noch gesteinigt! Noch nicht einmal in Saudi-Arabien! Und da liegt, was die Menschenrechte betrifft, einiges ganz schön im Argen!“ Sie schüttelte ratlos den Kopf.
„Es ist ja nicht nur das“, ergänzte Irani mit bitterer Miene. „Sie steinigen die Frauen nicht nur ... Sie peitschen sie auch noch öffentlich aus. Sie schneiden Ohren ab, sie amputieren Hände, sie verhängen drakonische Prügelstrafen, die kaum einer überlebt. In Saudi-Arabien wurde ein Blogger zu tausend Stockschlägen verurteilt. Das ist doch Barbarei! Und alles im Namen Allahs! Dieser Islam ist eine furchtbare Religion und sollte verboten werden.“
„Vorsicht, Vorsicht“, protestierte Holger, „das ist mir jetzt doch etwas zu pauschal gedacht.“
„Wie? Höre ich recht?“, brauste Gisela auf, „willst du diese Verbrecher auch noch verteidigen? Das hörte sich eben aber ganz anders an.“
„Nein. Ich will nur auf Folgendes hinweisen: Hier haben wir es mit dem harten Kern von Fundamentalisten zu tun, die anscheinend in einem bestimmten Entwicklungsabschnitt einer Religion immer wieder ihr Unwesen treiben. Es wird häufig übersehen, dass der Islam erst vor sechshundert Jahren mit der Flucht des Propheten aus Mekka Verbreitung fand. Nun rechnen wir mal sechshundert Jahre zurück. Wo landen wir denn da nach moderner Zeitrechnung? Im vierzehnten Jahrhundert. Und wie sah es denn im vierzehnten Jahrhundert im ach so christlichen Abendland aus? Ging es da etwa weniger grausam zu? Mitnichten! Beim Kampf um Sizilien zum Beispiel wurde gefangenen islamischen Kämpfern bei lebendigem Leib die Haut abgezogen, man band sie an Pfähle und ließ sie in der Sonne schmoren. Oder denkt an die Hexenverbrennungen, die jetzt begannen und sich über Jahrhunderte hinzogen. Dagegen ist eine Steinigung doch fast schon human. Ein gut gezielter Steinwurf, die Frau ist betäubt und merkt nicht mehr viel. Ein Tod auf dem Scheiterhaufen hingegen –“
Bei den letzten Worten war Gisela rot angelaufen. „Was redest du da für einen hirnverbrannten Schwachsinn!“ rief sie. „Beides sind himmelschreiende Grausamkeiten und durch nichts zu rechtfertigen!“
„Natürlich nicht. Ich wollte auch auf etwas ganz anderes hinaus. Beide Grausamkeiten haben einen vergleichbaren Grund: Die Bedrohung der angeblich reinen Lehre durch profane Einflüsse. In Europa des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts waren es die neuen Ideen der Aufklärung“, klärte Holger auf, „die sich allmählich am geistigen Horizont abzeichneten – ich erinnere nur an Kepler, Bacon, Galilei –, und die den religiösen Hardlinern Angst machten, und die sie mit allen Mitteln unterdrücken wollten –“
„Und deshalb schickten sie Frauen auf den Scheiterhaufen“, unterbrach Gisela. „Versteh ich nicht. Was haben Frauen überhaupt mit Aufklärung zu tun? Meine Mutter hat mich nie aufgeklärt.“
„Nicht nur Frauen“, sagte Holger über sein Glühwein-Glas hinweg, ohne auf Giselas Blödelei zu reagieren, „auch Männer. Aber meistens Frauen, denn Frauen galten damals als die geborenen Verführerinnen, die man verdächtigte, sie würden okkultes Wissen unter die Gläubigen bringen.“
„Und es war ein Riesengeschäft!“, rief Rainer scheinbar vergnügt, „aus England wird von einem Hexenjäger berichtet, der sich rühmte, allein in einem Jahr 5000 Hexen auf den Scheiterhaufen gebracht zu haben, und zwar jeweils gegen eine saftige Gebühr.“
„Krass“, murmelte Gisela, „ich könnte kotzen.“
„Dann tu´s doch“, sagte Irani, „aber du änderst damit nichts. Religion, Geld und Macht waren schon immer Geschwister.“
Schweigen.
Dann Gisela: „Die Kirche bezeichnet sich neuerdings gerne als das Reisebüro Gottes und die Priester als Gottes Agenten. Inzwischen habe ich den Eindruck, dass daraus eine Bank geworden ist mit den Priestern als Anlageberater.“
„Traue eher einer Bärin, der die Jungen geraubt wurden, als einem Anlagebe –“
„Herrgottnochmal, Rainer! Kannst du nicht einmal deine saudummen Bemerkungen sein lassen?“, schimpfte Holger.
„`tschudige. Werd mir Mühe geben.“
„Nun weiter im Text“, sagte Holger, nun wieder ruhig. „Die Arabische Welt hat dieses Gebot, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen und dass wissenschaftliche Erkenntnisse mindestens so wichtig für das Wohlergehen der Menschen sind wie Glaubensgewissheiten, meines Erachtens nie mitgemacht. So wüsste ich zum Beispiel auf Anhieb keine moderne Erfindung, die in einem islamischen Land gemacht wurde. Und wieder fühlen die Fundamentalisten die reine Lehre bedroht – die übrigens nie rein war, denn sowohl in der Bibel als auch im Koran stecken unterschiedliche Philosophien – diesmal durch Internet und Schulbildung – “
Rainer sprang auf. „Kackerdu-Gekakel!“ rief er energisch und bewusst falsch, denn Holgers Anschiss wurmte ihn, „was du da schwafelst, Zimmermann – alles nur Kackerdu-Gekakel! Alles zu abgehoben! Das erklärt mir nicht, warum eine junge Muslima haufenweis´ Leute totschießt, wie jüngst in Amerika, und warum der Kalif von Dingsda –“
„Aun!“
„– eine junge Frau steinigen lässt, wie neulich, und dass einige Barbaren das Verbrechen auch noch filmen und ins Netz stellen!“
„Nun halt´ doch mal die Beine still! Das will ich ja gerade erklären!“
„Dann aber gefälligst nicht so weitschweifig wie eben!“
„Gut, ich werd´ mir Mühe geben. Also, das Problem ist, dass wir uns anscheinend wieder einmal nicht verstehen. Wenn ich Fundamentalist sage, meine ich Fundamentalist, und nicht Extremist oder Bombenleger. Weder die Taleban noch die Mudshahidin sind als ursprünglich als Terroristen angetreten. Oder willst du den Papst in Rom etwa auch als Terroristen bezeichnen? Er ist ein Fundamentalist, der eisern an gewissen Dogmen festhält, genauso wie diese Islamisten. Man muss mit dem Islam Geduld haben.“
Holger unterbrach seinen Vortrag und steckte eine Praline in den Mund.
Rainer:. „Man merkt, dass du mal Pastor werden wolltest!“
Holger lutschte leicht verschnupft seine Praline zuende.

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