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1xhab ich gern gelesen
geschrieben 2017 von Tina.
Veröffentlicht: 28.11.2018. Rubrik: Persönliches


Wir zwei gegen den Rest der Welt

Als ich 12 Jahre alt war, bedeutete mir meine Mama mehr, als alles andere auf der Welt. Ich liebte sie so sehr und brauchte nur sie. Ich brauchte nur meine Mama um glücklich zu sein. Papa zog aus, als ich 9 Jahre war, aber das war mir egal. Mama sagt immer, dass wir keine Männer brauchen, denn wir haben ja uns. Ich besuchte Papa nur zu Feiertagen, er war mir total unwichtig. Meine Mama hat mir erzählt, dass er mich nicht lieb hat und mich nie wollte. Ich schlief nie bei Freunden und ging nie zu ihnen nach Hause, denn dann vermisste ich meine Mama so sehr, dass ich mir eine Ausrede einfallen ließ, um wieder nach Hause zu gehen. Wenn meine Mama sich mit Oma gestritten hat, war ich immer auf Mama´s Seite und wir redeten tagelang nicht mit Oma. Sie sagte dann immer: "Wir zwei gegen den Rest der Welt." Als ich 10 Jahre alt war, fing es an, dass ich ihr das Geld geben sollte, was ich zu Feiertagen bekam. Es war kein Problem für mich, denn sie war ja meine Mama und ich vertraute ihr blind. Zwei Jahre später gab es eine Phase, in der Mama selten zu Hause war, denn sie war oft mit den älteren Mädchen aus meinem Turnverein, feiern. Zu dieser Zeit habe ich mich zum ersten Mal geritzt, mit der Nagelschere, und in der Schule erzählt, dass ich mich beim Abwaschen geschnitten hätte. Als ich 13 Jahre alt war, zogen Oma und ich in eine Wohnung in Bernau, weil sie das Haus in Schwanebeck verkaufte, und meine Mama zog in eine Wohnung, die zwei Straßen weiter lag. Sie wollte mir ihren neuen, alten Freund vorstellen, denn sie waren schon einmal ein Paar, jedoch in ihrer Schulzeit. In der Nacht davor träumte ich, dass mich ihr neuer Freund anfassen würde. Aus diesem Grund belastete mich das bevorstehende Kennenlernen. Wir zogen zu ihm und ich musste ihn unter "Papa" und meinen Papa unter "Peter" in meinem Handy einspeichern, was jeden Tag kontrolliert wurde. Ich musste auch "Papa" zu ihm sagen und wenn ich über meinen Papa sprach, musste ich "Peter" sagen. Peter besuchen durfte ich auch nicht, denn der hatte mich ja nicht lieb. Ich mochte Mama´s Freund nicht, denn er kam mir immer zu nah. Am schlimmsten war es, dort zu Duschen, denn das Bad war im Keller, hatte keine verputzten Wände und um die Dusche herrum war eine Bauplane gehängt. Im Februar 2006 habe ich ihr erzählt, dass er mir immer zu nah kommt. Sie schmiss mich raus und mit Worten: "Das hast du dir doch gewünscht!" Von diesem Zeitpunkt an wohnte ich bei Oma und hatte keinen Kontakt mehr zu meiner Mama, weil sie nichts mehr mit mir zutun haben wollte. Mein 14. Geburtstag, war der erste, ohne meine Mama. Ab da begann ich auch mit dem Ritzen. Meine Mama lud einmal in der Woche alle aus meiner Klasse ein, um über mich zu reden und sie gegen mich aufzuhetzen, was gut funktionierte, denn ich wurde von der Schule gemobbt. Alle hassten mich, weil meine Mama ja so toll war und ich so eine verzogene und verlogene Göre. Als meine Oma mir ein Girokonto anlegte, worauf mein Papa den Unterhalt überwies, fing es an. Meine Mutter bekam meine Daten herraus, fälschte meine Unterschrift und ich bekam regelmäßig ein Buch aus dem Kontoauszugautomaten ausgedruckt, wenn ich Kontoauszüge holte. Schulden. Als ich 16 Jahre alt war passierte die Wende. Meine Mama schenkte mir einen Chiwawa zum Geburtstag und sie hatte mich wieder lieb. Sie sagte, wenn ich zugebe, dass ich alles nur erfunden habe, dann darf ich wieder zu ihr nach Hause ziehen. Ich entschuldigte mich bei ihrem Freund und sagte auch jedem anderen, dass ich das alles erfunden hatte und alles gelogen war. Ich gab ihr immer all mein Geld, was ich bekam und ihr Freund kam mir weiterhin zu nah. Es war mir egal, denn ich hatte meine Mama wieder. Ich ritzte mich immer noch, immer mehr. Ich hatte meine Mama wieder. Als ich wieder bei ihr wohnte, hatte ich immer ein bisschen Angst, dass sie mir etwas ins Essen mischen würde. Ich habe sie auch beim Kochen nie allein gelassen. Schließlich hatte sie, als wir kein Kontakt hatten, zwei Mal versucht mich umzufahren. Das vergisst man nicht. Ich wusste nicht, ob sie mich vergiften würde oder zu seinen Gunsten willenlos machen. Beides hätte ich nicht ertragen. Nach meinem ersten beinahe geglückten Selbstmordversuch, steckte sie mich in die Psychartrie. Keine schlechte Idee, jedoch sinnlos, wenn sie mir immer sagte, was ich dem Psychologen zu erzählen habe. An einem freien Wochenende sagte sie mir, dass sie mich nicht mehr zur Klinik zurückfahren würde. Ich hasste die Klinik. Am nächsten Morgen fuhr sie mich, entgegen dem was sie sagte, zurück in die Klinik. "Du bist krank, zurückgeblieben und gehöre weggesperrt.", sagte sie so überzeugt davon, dass sie mich im Auto einsperrte und mich zurückfuhr. Immer die selben Worte. Wenn man das oft genug gesagt bekommt, dann glaubt man es am Ende selbst. Wochen später wurde ich entlassen und wohnte wieder daheim. Ich hatte auch so etwas wie Freunde. Hauptsächlich kamen sie nur zu mir um den ganzen Tag mit meiner Mama zu verbringen. Ihr beim Haushalt zu helfen, mit ihr zu reden und etwas mit ihr zu unternehmen. Ich wurde ausgetauscht. Nun hatte sie bessere Töchter gefunden. Ich fand mich damit ab, Hauptsache ich konnte bei ihr sein. Ihr Freund war ein Säufer und zerschlug regelmäßig irgendetwas. Einmal hat er die Rohrleitungen im Haus mit der Axt zertrümmert. Als ich bei einem Kumpel war, schrieb sie mir eine Nachricht. "Kommst du mit mir mit, egal wohin?" Ich fuhr sofort nach Haus, falls sie gleich los wolle. Sie ging nie von ihm weg, egal wie oft wir zusammensaßen und nach Wohnungen schauten und uns ausmalten, wie wir dann leben würden. Dann sagte sie auch immer: "Wir zwei gegen den Rest der Welt" Und Ich sagte daraufhin: "Wer braucht schon den Rest der Welt." Ich liebte sie so sehr. Es kam, wie es kommen musste, ich hielt es nicht mehr aus, sagte ihr, dass er mich immer noch anfässt und flog wieder raus. Zwischendurch hatten wir Kontakt, was ihr Freund nicht wissen durfte. Ich beantragte regelmäßig bei der Bank eine neue Karte, weil meine Kontodaten immer missbraucht wurden, sowie meine Unterschrift und ich dadurch in Schulden versank. Unseriöse Geldeintreiber, bei denen meine Mutter Schulden hatte, standen an Oma´s Wohnungstür Schlange, verschafften sich mit ihren Quarz-Sandhandschuhen Eintritt und wollten ihr Hab und Gut. Weil meine Oma immer für meine Mutter bürgte, musste sie das Geld für die netten Leute herran schaffen. Und weil ich ihr Kind bin, musste ich meiner Oma das Geld für Mama´s Schulden geben, welches sie dann immer dem Geldeintreiber gab. Das begann schon, als ich 14 Jahre war. Ich ging fast nicht mehr zur Schule, sondern ging Tag und Nacht arbeiten, um Mama´s Schulden bei Oma zu bezahlen, damit sie mich nicht rauswirft. Auch um meine Schulden zu bezahlen, denn meine Mama missbrauchte noch immer meine Kontodaten. Trotzdem liebte ich sie und gab ihr immer das bisschen Geld, was ich besaß, wenn wir uns heimlich trafen. Einmal lieh ich ihr meine Kontokarte, weil sie sie brauchte. Als ich sie wieder abholte, stellte ich kurze Zeit später fest, dass sie mir die falsche gegeben hatte. Sie gab mir eine Karte, die ich 4 Jahre zuvor verloren hatte. Sie hatte sie mir scheinbar damals geklaut und für diese Gelegenheit aufgehoben. Daraufhin folgte der erste Bruch meinerseits. Natürlich hielt dieser nicht lange an, denn egal was sie mir alles antat, ich vergaß es, wenn sie weinend vor mir stand und mir sagte, dass sie mich liebt und ihr alles so leid tut. "Wir zwei gegen den rest der Welt. Ich brauch den Rest der Welt nicht, nur dich.", waren immer ihre verweinten Worte. Ich liebte sie und vergaß alles.
Insgesamt hatte ich rund 40.000 Euro Schulden wegen ihr. Ich war noch nicht mal 18 Jahre alt und schon am Ende. Mit der Zeit wurde mir klar, dass sie mir nicht gut tat und ich sagte mir: Wenn mir Jemand nicht gut tut, ist es egal, wie sehr ich ihn liebe. Was mir nicht gut tut, möchte ich nicht bei mir haben. Ich lernte, dass jedes Wort was sie sagte, gelogen war. Nur damit ich auf sie herreinfalle. Immer wenn sie weinend vor mir zusammenbrach und mir all das sagte, von dem ich mir so sehnlichst wünschte, dass es wahr wäre, log sie mich an. Ich konnte auch nie mit auf Klassenfahrten fahren, weil sie diese nie bezahlt hat. Einmal wollte ich mit nach London fahren und habe mich so sehr auf die Reise gefreut. Sie setzte mich an der Schule ab und fuhr nach Hause. Als ich dann in den Bus steigen wollte, sagte mir die Lehrerin, dass ich nicht mitfahren könne, weil die Fahrt nicht bezahlt wurde. Ich musste also mit der, für London gepackten, Reisetasche wieder nach Hause laufen. Ich habe den ganzen Weg lang so geweint. Leider war das nicht das letzte Mal. Mit ihr hatte ich nie ein Zuhause, denn in jeder Wohnung, die wir hatten, wohnten wir höchsten 3 Wochen und zogen dann einfach in eine andere. Ohne unsere Sachen. Nie konnte ich Poster oder Bilder in meinem Zimmer aufhängen oder mich zu Hause fühlen. Ich hatte eine unbezogene Matdratze als Bett und ein Bettbezug als Bettdecke. Einmal sind wir in einem einzigen Jahr 54 Mal umgezogen.

Heute bin ich 25 Jahre alt, habe sie seit 6 Jahren nicht mehr gesehen und ritze mich nicht mehr. Meine Schulden sind abbezahlt oder wurden mir freundlicher Weise erlassen und seitdem habe ich eine eigene Wohnung. Ich fahre jeden Sonntag zu meinem Papi. Obwohl es mein Papi ist, ist er mehr eine Mama, als sie es jemals war. Ich liebe und vermisse sie nicht mehr. Nur zu Weihnachten tut es noch sehr weh, denn sie liebte Weihnachten. Heute habe ich das Gefühl, dass jedes einzelne Licht zur Weihnachtszeit nur für sie leuchtet. Das tut weh, aber ich hoffe, dass auch das eines Tages vergeht. Ihre Worte: "Wir zwei gegen den Rest der Welt.", passen trotzdem noch, denn sie kämpft gegen ihre Welt, in der sie regelmäßig im Gefängnis sitzt, sich verstecken muss, Schulden macht und niemanden hat, außer ihren Säufer. Und ich kämpfe in meiner Welt, für das Leben, was ich mit ihr nie hätte haben können.
Ich hasse sie nicht, ich danke ihr sogar, denn wenn sie nicht gewesen wäre, wüsste ich nicht, dass ich nur ohne sie glücklich sein kann und dass sie der Grund dafür gewesen ist, dass ich nie glücklich war.
"Wir zwei gegen den Rest der Welt" , vielen Dank für diese Welt.

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