Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie Du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
FacebookMenu anzeigenMenu anzeigen
1xhab ich gern gelesen
geschrieben von Adler.
Veröffentlicht: 28.01.2019. Rubrik: Unsortiert


Wider das Vergessen

Auch ich war in Ausschwitz
Noch heute kann ich sie hören: die leisen und lauten Rufe der verwaisten Mütter, das Weinen der Kinder und das Beten der Alten. Der Zug bewegt sich in Richtung Osten, überfüllt und voller Gerüche, die anscheinend keiner der Anwesenden wahrnimmt, weil jeder mit seinem eigenen Schicksal und seinen Ängsten beschäftigt ist. Ich sitze als einziger auf einem Stuhl aus massivem Holz und breiten Lehnen rechts und links. Ich sehe, dass alle frieren. Warum ich nicht? Der Viehwaggon ist nicht dicht, überall pfeift durch große und kleine Ritzen eiskalter Wind. Vor Erfrieren schütz die Gruppe hier nur ihre hohe Anzahl. Die Wärmeabgabe ihrer schwachen und ausgemergelten Körper reicht gerade noch aus, um die Temperatur über 0 Grad zu halten. Von alledem spüre ich nichts. Mein tadelloser Anzug aus gutem Stoff, die halbhohen Schuhe sind wahrscheinlich gut genug, um mich die immer größer werdende Kälte nicht spüren zu lassen. Neben mir weint ein Kind. Im Halbdunkel des Waggons suche ich nach seiner Mutter. Zuerst vergeblich, doch nachdem sich meine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, sehe ich eine auf dem Boden liegende Frau. Ihre Augen sind glasig. Ich ahne, dass sie bereits tot ist. Mit der linken Hand hält sie das schmutzige Hemdchen des Kindes fest, als möchte sie es noch schützen, obwohl sie es nicht mehr kann. Plötzlich merke ich, dass mich ein alter Mann anstarrt. Seine Augen sind voller Wut und seine knochige Hand zeigt in meine Richtung, mit erhobenem Zeigefinger und zittrig. Ich fühle mich gar nicht wohl in meiner Haut. Warum bin ich so anders als die Menschen hier? Ich weiß es zwar, doch will es nicht ganz glauben. Wir schreiben das Jahr 1942 und ich werde erst in 6 Jahren geboren. Hier bin ich als Gast. Längst habe ich es aufgegeben, nach meinen Großeltern zu suchen. Auch sie saßen in einem dieser Züge und fuhren in Richtung Osten. Das Ziel erreichten sie nicht. Ich weiß nicht, warum ich da bin. Neben mir unterhalten sich zwei Mädchen in einer Sprache, die ich zwar schon gehört habe, die ich jedoch nicht identifizieren kann. Ist es russisch, polnisch oder tschechisch?
„Tschechisch“, flüstert eine Stimme neben mir. Es ist eine weibliche Stimme. Vielmehr eine Mädchenstimme. Ich starre durch die Dunkelheit und sehe plötzlich das Gesicht eines etwa 15-jährigen Mädchens.
„Kannst du tschechisch?“, frage ich sie, wenn auch diese Frage ohne Bedeutung für mich ist und fast als logische Konsequenz erscheint. Wer soll sonst eine Sprache erkennen, wenn er sie gar nicht spricht. Die junge Frau scheint auf ihre Art hübsch zu sein. Da es draußen heller und heller wird, erkenne ich langsam auch ihre Gesichtszüge. Am faszinierendsten sind ihre pechschwarzen, großen runden Augen. Der Mund lächelt, doch ihre Augen sind voller Kummer und Trauer.
„Du musst es allen erzählen! Verstehst du?“ Fast flehentlich richtet sie dieses Anliegen an mich. Nein, ich verstehe gar nichts. In meinem Kopf ist etwas, das mich beinah umbringt. Ich drehe mich zu dem Mädchen, weil ich sie fragen will. Ich möchte schließlich wissen, was es alles bedeutet. Sie sitzt da, als würde sie alles beobachten. Das Dunkle ihrer Augen ist jedoch weg. Der Glanz, der mich vorher so fasziniert hat, wurde durch das matte Licht der aufgehenden Sonne ersetzt. Das Mädchen ist tot und das seit mehreren Stunden.
„Pod sem, prcko“, höre ich eine etwa 40 –jährige Frau rufen. Ja, es ist tschechisch! Wieso verstehe ich plötzlich diese Sprache? Der Alte, der mich vorher so angestarrt hatte, ist inzwischen aufgestanden und in meine Richtung gegangen. Es war nicht einfach. Sein Alter und die vielen Fahrgäste machten seine Bemühungen fast zunichte. Fahrgäste! Wie sich das hier in diesem stinkenden Loch anhört! Es sind keine Fahrgäste. Völlig unerwartet steht der Alte auf einmal vor mir. Er nimmt neben mir Platz, der gerade noch für seine knochige Figur übrig geblieben ist.
„Wer bist du?“, fragt er mich. Sein akzentfreies Deutsch überrascht mich.
„Jakub Adler“, antworte ich langsam und ein bisschen leise, als hätte ich Angst, meinen Namen zu verraten. „Wieso kannst du mich sehen?“ will ich wissen, ohne zu merken, dass ich den Mann duze.
Das Lachen des grauhaarigen Mannes ist laut, hämisch und doch nicht ganz echt. So lachen Demenzkranke und Psychopaten. Als könnte er meine Gedanken lesen, hört er auf zu lachen. „Du begreifst es nicht, oder?“, raunte er mir ins Ohr. „Du begreifst gar nichts! Schau dich um, siehst du einen Menschen, der im Leben steht? „
Was heißt hier im Leben stehen? Ich drehe mich zu dem alten Mann um und erstarrte. Er war es noch immer, seine Haut war jedoch ganz grau und seine Augen verschwanden fast in dem kahlen und fleischlosen Schädel. Plötzlich herrschte hier eine unerträgliche Stille und ein seltsamer Geruch breitete sich im Waggon aus. 67 Tote und einer, der nicht hierhergehört! Dieser Gedanke schoss mir durch den Kopf gerade als wir die Rampe erreicht haben, die „Arbeit macht frei“ verkündet hat. Ich ging zu der schweren halbgeöffneten Schiebetür und schlüpfte mit einer Leichtigkeit durch diese ins Freie. Beim Hinausspringen stellte ich fest, dass meine Schuhe nicht mehr so neu waren, wie zum Beginn dieser seltsamen Reise. Am linken Ärmel meines Anzuges entdeckte ich kleine Risse im Stoff und einige unfeine Flecken. Vor mir standen wie brave Kinder lange Baracken nebeneinander, vor denen Menschen in gleichen, gestreiften Kleidern nebeneinander standen und wahrscheinlich darauf warteten, neue Befehle zu erhalten. Ein junger Häftling hielt ein Stück Brot in der Hand und biss hinein. Blicke voller Neid verfolgten diese Bewegung. Im gleichen Moment liefen etwa 15 Kinder hinter einer uniformierten Frau, die es anscheinend sehr eilig hatte. Als ein ungefähr 3-jähriges Kind stehen blieb, versetzte ihm diese große und auch äußerlich wenig ansprechbare Frau einen Fußtritt, sodass das Kleine im Staub der Straße lag. Ich wartete darauf, dass es gleich zu weinen beginnt, zu meiner Überraschung stand das Kind auf und lief schneller hinter den anderen. Im gleichen Moment verließ ein etwa 5-jägriger Junge die kleine Gruppe und lief zu mir. „Vergiss nie, was du gesehen hast!“, konnte ich noch hören, bis auch dieses Kind von seiner Begleiterin wegen dieses Vergehens bestraft worden ist.
Zum zweiten Mal an diesem Tag wurde ich ermahnt, alles im Gedächtnis zu behalten. Zum dritten Mal wurde ich von anderen wahrgenommen, von zwei Kindern und einem alten Mann. Während ich noch versucht habe, alles zu begreifen, fiel mein Blick auf meinen Anzug. Die Naht war offen und beide Ärmel sahen aus, als hätte ich mich im dreckigsten Schlamm gewälzt.
Beim Aufwachen in meinem zerwühlten Bett war die Welt nicht mehr so wie früher. Auch ich war ein anderer. Vor meinem Bett entdeckte ich meinen schönen Stuhl, mit den festen Lehnen rechts und links. Über dem Stuhl wurde mein Anzug etwas unordentlich hingeworfen. Mit kleinen Rissen im Stoff, vielen Flecken unbekannter Ursache. Neben dem Stuhl standen meine neuen Schuhe, voller Dreck und gar nicht so neu wie am Vortag.

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

Weitere Kurzgeschichten:

Das Arbeitszeugnis
Aller Welt träumt vom Weltall
Dativ-David