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geschrieben von death_soukls.
Veröffentlicht: 01.07.2016. Rubrik: Unsortiert


Metal Gods

Metal Gods

Ist es Euch auch schon mal aufgefallen? Die Helden Eurer Jugend sind die Helden Eures Lebens. Der Soundtrack, den ihr mit 15 hattet, bleibt auf der Universität und prägt euch vielleicht noch länger. Einem Metalhead sieht man auch im Businesslook an, dass er einer ist, vielleicht sein ganzes Leben lang.

Es ist ein Aufwachsen in der niedersächsischen Provinz. Die erste Zigarette hinter der Turnhalle hat ihm nicht geschmeckt. Trotzdem eine gute Alternative zur Musikauswahl der drinnen stattfindenden Schuldisko. Der Grunge seiner Schulkolleg*innnen ist nicht seines. Metal ist out. Die zweite Garnitur hat das Sagen. Angesagt ist, wer nach schlechter Garagenband klingt. In der benachbarten Kreisstadt sieht´s besser aus. Er lernt, seine Provinz zu hassen und die Metalszene in der großen Stadt zu lieben. Der Song „Metal Gods“ ist Programm. Die Sehnsucht nach der großen weiten Welt bleibt. Auch wenn er nur 30 Kilometer entfernt zum Studium landet, findet er wenig gutes über seine Heimatregion. Er liebt die Wälder und Flüsse, hasst die Engstirnigkeit der Anwohner, die was-sollen-die-Nachbarn denken Mentalität. Wild und frei leben, an der Uni kann er das, im „Einheitsstudiengang“ Politikwissenschaft.

Die Vorlesung heißt „Einführung in die Epochen des Deutschen Staatsrechts“ sie kommen wieder mal beide auf den letzten Drücker. Eigentlich geht man dort nur hin, weil der Professor so kultig ist. Aber er hat einen weiteren Grund. Sie ist groß, schlang. Die Haare ihres Ponys hängen ihr ein Stück zu weit in die großen, aufmerksamen Augen. Sie ist ihm schon am ersten Tag in der Mensa aufgefallen. Nun sitzen sie nebeneinander. In der letzten Reihe natürlich. Bei der Hitze zieht er sein Hemd aus, das „British-Steel“-T-Shirt kommt zum Vorschein.

   „Du hast ein geiles T-Shirt, Baby! Hat Dir das schon mal jemand gesagt?“
   „Nee, ehrlich gesagt noch nicht...“
   „Bei mir sagen immer alle Kerle, `zieh Dich aus, ich will Dein T-Shirt haben´“
   [...]
   „Süß, Du bist Schüchtern. Die Vorlesung bringt´s eh nicht. Lass uns Kaffee trinken gehen.“

Sie lieben sich. Den ganzen Sommer lang. Tagsüber brütet er über seinem Max Weber, abends ziehen sie durch die Rockclubs ihrer Stadt. Viele Zigaretten, Kaffee und abends Bier. Sie sind das hübscheste Paar der kleinen Universitätsstadt. Plötzlich ist der Wurm drin. Er sitzt auf ihrem Bett, während Cyprus Hill läuft - Hits from the Bong.

„Nicht lange, warte, ich mach Dir Metal an.“ Die gleichen Songs wie immer. Sie geht kurz duschen.
„Weist Du schon, wo Du heute hin willst?“ Rhetorische Frage. Sie will in einen anderen Club als sonst. „Ich habe nachgedacht. Ich finde, es macht keinen Sinn mit uns.“ Auch ein Metal God weint und das nicht zu knapp. Es ist der erste Tag ihres neuen Lebens. Sie hört auf zu studieren, beginnt in ihrem Betrieb eine kaufmännische Lehre. Es ist auch der erste Tag seines neuen Lebens. Sie hat sein Herz gebrochen. Vielleicht für immer. Er hat etwas behalten. Nach einer verregneten Nach hat sie ihm eines ihrer Metalshirts gegeben. Es ist die Trophäe, die an seine erste große Liebe erinnern sollte.

Die nächste Freundin mochte kein Metal. Besonders, als sie erfuhr, was es mit dem T-Shirt auf sich hatte, dass nicht angerührt werden durfte. Die Erzählung, dass die ursprüngliche Besitzerin keinen BH unter ihren T-Shirts trug, machte es nicht besser. „Es ist halt die erste große Liebe gewesen, da kannst Du nichts dran ändern, “ pflegte er zu sagen, als das T-Shirt mal wieder in die Altkleidersammlung gesteckt werden sollte.

Die Haare sind inzwischen ab, das branchenübliche Schwarz erinnert an früher. Das T-Shirt hat alle Beziehungen überlebt, liegt aber unbehelligt im Kleiderschrank. Am Ende des Studiums kündigte sich ein Sohn an, sein ganzer Stolz. Selbst ein Teenager beginnt er die alten Platten seines Vaters durchzusehen. Bei ihrem Vater-Sohn Ausflügen klingt die gemeinsame Hymne über die Landstraße: Metal Gods.

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