Kurzgeschichten-Stories
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geschrieben 2019 von Jubelich.
Veröffentlicht: 27.05.2019. Rubrik: Unsortiert


Matt in drei Zügen

Es war ein Mittwoch. Kein besonderer Tag einfach nur ein Mittwoch im Mai.
Es war nicht besonders warm, aber es war ja noch früh.
Früh war es, zumindest für mich, weil ich einem Termin hatte.
Einen Termin in Dortmund.
Eigentlich von Neuss aus keine Weltreise, aber weit genug, um mal etwas früher aufstehen
zu müssen.
Die Entscheidung wie ich meine Reise absolvieren sollte wurde mir bereits im Vorfeld von
dem Verkehrsgericht in Wiesbaden abgenommen.
Die netten Herren dort mochten meinen Führerschein so sehr, dass sie ihn noch etwas für
sich behalten wollten.
Das Ding ist ja schon ein wenig älter, ich denke mal die Inspektion war fällig, oder so.
Man muss da wohl gewisse Intervalle einhalten -zur Sicherheit aller.
Also war mir recht schnell klar, ich muss mit der Bahn dahin - Die Bahn dieses riesige
Mysterium - .
Das Konvolut an überalterten, chronisch schlecht gelaunten Beamten und neuen, im Leben
gescheiterten, Quereinsteigern.
- Der Kaugummi am Bordstein der Gesellschaft -
Naja, alles nicht so schlimm dachte ich mir.
Ich bereite mich vor.
Zumindest dachte ich das damals noch.
Ich informierte mich.
Besuchte diverse undurchschaubare Internetseiten um auch nur ansatzweise zu erfahren
wann und wie da so ein Zug fahren wird, oder besser gesagt ob er überhaupt fährt.
Schon als ich auf der Internetseite las, dass es wirklich Züge gibt, die nach Bielefeld fahren
hätte ich stutzig werden sollen.
Ich suchte mir aber unbeirrt meine Verbindung raus.
Emsig und gewissenhaft, wie ich war, druckte ich diese aus und lud mir noch obendrein die
passende App dazu runter.
Ich suchte mir eine Verbindung raus die etwas früher startet, um etwaige Störungen
abfedern zu können.
Nur war mir da noch nicht klar, dass ich wohl Aschermittwoch meine Reise hätte antreten
müssen, um auch nur ansatzweise meine Zielzeit einhalten zu können.
Also,
Der Wecker klingelte um fünf.
Eigentlich war es mein Handy, das vibrierte und piepste.
Aber ich mag diese Metaphern die Zeugen einer anderen Zeit sind.
Wobei es mir morgens um fünf Uhr auch scheißegal ist ob da was klingelt oder piepst!
Das Scheißding entriss mich meinem wohlverdientem Schlaf.
Gegen aller Erwartungen konnte mein Körper mehr mit dieser Uhrzeit anfangen als ich es
ihm anfangs zutraute.
Tschakka – neue Grenzen setzen!
Also erstmal die ganz normalem Morgenrituale abspulen.
Hier will ich jetzt niemanden mit Details vergraulen oder verunsichern.
Überspringen wir hier einfach mal ein paar Minuten.
- ein Hoch auf die Technik-
Ich war also gut in der Zeit, überraschend wach und auch sonst eigentlich ziemlich gut
drauf.
Geil – was für ein Morgen.
Ich verließ zeitig das Haus und machte mich zu Fuß auf dem Weg Richtung HBF.
Soweit für mich kein Problem.
Gehen klappte auch schon zu dieser frühen Tageszeit.
Ich kam auch recht zeitnah an.
Was mehr an der kurzen Distanz zum Bahnhof, als an meiner morgendlichen
Geschwindigkeit lag.
Angekommen stellte ich mich der ersten Herausforderung.

• der Ticketautomat -
Vielleicht sagen hier jetzt einige ich hätte mir so ein Ding ja auch online oder via App
bestellen können, aber he das liegt alles im gleichen Verkehrsverbund, da mach ich so einen
Aufstand nicht und ich bin halt mehr der haptische Mensch. Ich mag es den Fahrschein
stundenlang in der Tasche zu suchen und dabei mit angstverschwitztem Gesicht dem
Kontrolleur mein verkrampftestes Lächeln zu präsentieren.
Bis ich ihn dann erleichtert raushole und er nur kopfschüttelnd weitergeht.
Das war immer so, das wird auch so bleiben.
Also steh ich jetzt vor diesem Automaten.
Der Startpunkt ist vorgegeben, und das Ziel weis ich ja.
Also alles nicht so wild.
Nur will dieser Automat mein Ziel nicht.
Er hat jede Menge andere Ziele nur nicht meins.
Nach kurzer Suche gebe ich auf und nehme eins seiner Ziele, ist vielleicht auch ganz schön
da.
Und vielleicht kennt von dort aus einer den Weg zu meinem eigentlichen Ziel.
Oder ich kolonisiere mit allen anderen dort Gestrandeten.
Ne alles Quatsch, wie gesagt selber Verkehrsverbund, also einfach das teuerste Ticket
gekauft und gut ist.
Gekauft, naja so weit ist es ja leider noch nicht.
Ich muss noch bezahlen.
Schnell den zerknüllten Zwanziger aus der Geldbörse gefummelt und......nix!
Er zieht ihn noch nicht mal ein.
Nächster versuch…nix!
Nächster Schein, gleiches Resultat.
Scheine zurück, Karte raus.
Karte rein.
Links im Display bestätigen, rechts Code eingeben.
Misst.
Erst nochmal links was drücken, jetzt rechts den Code.
Dann wieder was bestätigen und wieder was drücken immer hin und her.
Karte entnehmen, Ticket entnehmen…ab zu Bahnsteig.
Zug sehen wie er vor der Nase die Türen schließt.
Super!
Einmal fahren sie pünktlich dachte ich mir und dass gerade jetzt.
Ich nahm es mit einem Lächeln und schob es auf meine Unwissenheit im Umgang mit ihren
Ticketmaschinen.
Das auch diese Automaten nur der erste Schritt zu einem diabolischen Plan sind, mir den
Morgen zu versauen, konnte ich bis dahin nicht deuten.
6:49 und pünktlich wir die Bahn ist setzt sich der Zug geschmeidig in Gange.
Da fährt er mein RE.
Aber wie gesagt ich habe noch einen zeitlichen Puffer, sowas bringt mich nicht aus der
Ruhe.
Am gleichen Bahnsteig fährt ja auch die S-Bahn.
Naja, oder auch nicht.
Also fahren wird sie schon, nur steht jetzt schon dran das sie Verspätung haben wird.
Aber was soll ich machen, ich muss ja irgendwie dahin.
Also warte ich.
Warte mit allen anderen hier Zurückgelassenen.
Einsam stehen wir hier am windigen Bahnsteig, alle star auf ihrer Position wie in einer Gruppe brütender Kaiserpinguine.
Die Bahn kommt.
Ja sie kommt und man sagt ja „je später der Abend...“ aber naja schön ist sie trotzdem
nicht, aber sie ist da. Fast!
Alle setzen sich in Bewegung und werden nervös.
Hektisch werden Köpfe hin und her gerissen zwischen heranfahrender Bahn und
Bahnsteigkante.
Jeder versucht auszurechen wo wohl die Tür stehenbleiben könnte, um den bestmöglichen
Platz zu bekommen.
Sie tippeln vor, sie tippeln zurück.
Es hat etwas von Squaredance, der ganze Mopp swingt im gleichen Rhythmus.
Die Bahn fährt langsam ein und ihre Anspannung wird größer.
Ihre Hände verkrampfen zu Fäusten, und ihr Blick weicht nicht mehr von der von Ihnen
ausgewählten Tür.
Bis sie langsam an ihnen vorbei rollt.
Ein kurzer Moment der Ratlosigkeit in ihren Gesichtern und schon wird die nächste Tür
fokussiert.
Bis auch diese vorbeirollt.
Etwas langsamer schon, aber immer noch unerreichbar für sie.
Und die nächste und die nächste.
Irgendwann hatte dann wohl der Zugführer ein Einsehen und hält dem Zug wirklich an.
Zu meiner totalen Verwunderung ist dieser fast leer.
Was das ganze vorherige Prozedere ins totale absurdum führt.
Vielleicht hatte der Zugführer auf den vorherigen Stationen nicht so viel Mitleid mit dem
rehäugigen Zombie an der Bahnsteigkante.
Drin in der S-Bahn ist alles erstmal sehr unaufgeregt.
Ich schau mich um, schau in die Gesichter von Menschen, die so aussehen als hätten sie
sich extra so angezogen, dass sie niemand anschaut. Ich schau raus in den grauen Morgen.
Auch nicht besser.
Es rattert und rollt, das ist mir erstmal wichtig.
Es geht voran.
Ob es jetzt Leidensgenossen sind wage ich noch nicht zu beurteilen.
Langsam geh ich mit dem Gedanken schwanger das Menschen um 6 Uhr morgens so
aussehen müssen.
Wie oft bin ich um 6 nach Hause gekommen und sah nicht besser aus.
Vielleicht haben sich die ganzen Pendler einfach nur diesem >6 Uhr-morgens-Styl<
angepasst.
Vielleicht ist es so eine unterbewusste Psychokiste.
Wie dem auch sei, ich fühl mich fehl am Platz.
Meine Kleidung hat nur die ab Werk gewollten Löcher für meine Extremitäten und obendrein
bin ich auch geduscht.
Ich fühle mich selbst gerade argwöhnisch beobachte während ich Sie beobachte.
Aber Menschen sind ja heute gar nicht mein Problem.
Nach einer gefühlten Ewigkeit fährt die S-Bahn auch brav in dem Düsseldorfer
Hauptbahnhof ein.
Ich als Leihe würde salopp sagen „alles nach Fahrplan“.
Also Tasche gepackt, und &#64258;ux dem Mopp hinterher.
Frei nach dem Motto: ‚alles was rein ging, muss auch wieder raus‘, quetschen wir uns durch
die engen Türen unseres stattlichen Gefährts.
Würde man die Reibungsenergie die beim Gedränge des Ein- und Aussteigen in solch einer
Bahn entsteht sinnvoll nutzen, unsere Energiesorgen wären längst ad Acta gelegt.
Naja, ich bin raus!

Aber der Geruch der großen Freiheit ist das hier nicht.
Und irgendwie hatte ich mir es auch entspannter vorgestellt, endlich draußen zu sein.
Hier draußen herrscht das gleiche Gedränge wie in der Bahn.
Alle versuchen schnellstmöglich die Treppen nach unten zu erreichen laufen, laufen, laufen.
Ich bin mir nicht sicher ob die Hälfte von ihnen nicht gleich wieder auf das gleiche Gleis
hochläuft.
Es kommt mir alles recht kop&#64258;os vor.
Es wirkt als würde hier blinder Aktionismus herrschen.
Aber vielleicht emp&#64257;nde nur ich es so.
Ich als Leihe.
Es wirkt ein wenig wie in den amerikanischen Börsen&#64257;lmen der 90er Jahre.
Nur als Stumm&#64257;lm Version.
Ich lasse mich einfach mit dem Strom treiben, bin einfach Teil der Masse.
Teil der Bewegung!
Ja wir scha&#64256;en es! - wir sind auf dem richtigen Weg!
Wir sind das Volk!
Wo wollte ich eigentlich noch mal hin?

Halt Stopp - Auszeit.
Erstmal dem Anker werfen und rechts ran.
Was mache ich hier eigentlich nochmal?
Ach ja Dortmund!
Ich schaue verwirrt und verlegen auf meinen Zettel.
RE 1 - Gleis 17.
Drei Polizisten schreien einen kleinen Mann mit Kappe an, er solle jetzt endlich seinen
Ausweis zeigen.
Für mich das Zeichen mal langsam hier weiter zu gehen.

Gleis 17
Bingo.
Hier bin ich, hier ist der Zug.
Ein Mann, ein Plan!
Also rein in den Zug und einen Sitzplatz gesichert.
Ich lasse mich entspannt in meinen Sitz gleiten.
Was nur bedingt gelingt, weil mein Sitz steinhart ist und es somit auch nichts mit
Entspannung zu tun hat.
Aber ich habe einen Sitzplatz.
Ich hole mein Tablet raus und fange an den erlebten Tag niederzuschreiben.
Bis eine verzerrte Stimme mit stark klingonischen Akzent irgendwas von Verspätung
murmelt.
Einige der mit mir hier Sitzenden springen auf und rennen raus.
Der Asiat vor mir nicht und auch andere bleiben drin.
Es liegt wohl an unseren mangelnden Klingonischkenntnissen.
Ein Mann raunzt den Scha&#64256;ner an und beleidigt ihn.
Wobei ich mir jetzt gerade gar nicht sicher bin, ob ich ihn mit der Begri&#64260;ichkeit Scha&#64256;ner
nicht noch mehr beleidigt habe, als es der Mann gerade getan hat.
Ich weiß aber leider wirklich nicht wie die richtige Titulation für den Beruf jetzt ist.
Sorry liebe Bahnangestellten an dieser Stelle.
Naja, der Mann stieg aus, der „Scha&#64256;ner“ blieb drin, und auch sonst alle anderen.
Ich schaue beruhig wieder runter auf mein Tablet.
Das Licht geht aus.
Alle bleiben sitzen.

Es ist ein wenig wie in der Kirche, man sucht immer den der Ahnung hat an welcher Stelle
der Zeremonien man sitzt, steht oder sich sogar hinknien muss.
Hier hat leider gerade keiner Ahnung, somit bleiben wir alle sitzen.
Erstarrt wie das Wild im Autoscheinwerferschein.
Nur das hier das Licht aus ist.
Ich würde auch rausgehen, ich wüsste aber gerade auch überhaupt nicht wohin.
Nach Hause!
Ja nach Hause wäre eine nette Option, aber ich muss ja noch Dortmund.

Das Licht geht an.
Alle bleiben sitzen.

Ich wühle in meiner Laptoptasche und suche einen Handspiegel, dem ich einigen meiner
MitfahrerInnen unter die Nase halten will.
Nicht das sie auf einer anderen Fahrt, schon ihre letze Fahrt angetreten haben.
Aber ich &#64257;nde Keinen.

Das Licht geht aus.
Ich muss gerade unwillkürlich an die Schöpfungsgeschichte denken.

Ein Mann steht auf.
- gut das ich keinen Spiegel hatte, das wäre ja peinlich geworden -
Und geht Richtung Tür.
Auch er will raus, aber es geht nicht.
Die Tür bleibt verschlossen.
Der Scha&#64256;,..äh der Bahntyp kommt.
Hitzige Diskussion um die Tür entfacht.
Der „Bahntyp“ murmelt irgendwas in seine Hand.
Ach, es ist ein Funkgerät.
‚Future is now‘ liebe Bahn.

Das Licht geht an!
Die Tür geht auf und der Mann verlässt wutschnaubend die Bahn.
Ich höre nur noch
„Es wäre toll gewesen, hätten sie es gesagt bevor der andere Zug abfuhr!“
Mir wird klar, er meinte den anderen Zug auf dem gleichen Bahnsteig wie unserem, der
losfuhr, als bei uns mal wieder das Licht aus ging. In den alle klingonischsprechenden
Mitreisenden reingerannt sind.
Mir wird klar, dass wird hier nix mehr.
Missmutig, desillusioniert und total planlos trotte ich aus der Bahn.
Als Letzter!
Sogar der Asiat, der hiervon wohl am wenigsten verstanden hat, hat es gescha&#64256;t diese
Bahn früher zu verlassen.
Langsam sieht man mir meine Enttäuschung und meine Verwirrtheit auch an.Ich passe mich der Umgebung langsam an, werde Stück für Stück mehr zu einem
Bahnfahrer.
Der Bahnsteig ist nahezu verlassen, was meiner Orientierung zu jetzigem Zeitpunkt nicht
wirklich hilft.
Ich renne erstmal instinktiv runter.
So habe ich es hier gelernt.
Ein Blick auf meine App zeigt mir meine weiteren Möglichkeiten auf, alle be&#64257;nden sich jetzt
schon über meiner Soll-Ankunftszeit.
Man könnte sagen, der RE 1 war der Punkt, wo die Bahn mir gezeigt hat, dass mein Plan
scheiße war.
Mir gezeigt hat das Sie hier die Regeln macht und nicht ich.
Ich ergebe mich in meinem Schicksal und trotte langsam zum mir angezeigten Bahnsteig.
12 Minuten Wartezeit machen die Sache nicht besser.
19 Minuten nach soll der Zug anrollen laut App, die Anzeige am Gleis schreit mir eine
schalend lachende 22 entgegen.
Ich nehme es hin.
Die Bahn steht, ich steige ein.
Ich bekomme einen Sitzplatz.
Wenigstens das Mindestmaß an Würde lässt sie mir noch.
Irgendwann fahren wir dann los.
Ich weiß nicht wann, ich weiß nicht wohin, aber wir fuhren los.

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