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5xhab ich gern gelesen
geschrieben 2019 von Zurheide1.
Veröffentlicht: 21.07.2019. Rubrik: Menschliches


In einem Münchner Café

Bevor ich das Haus verlasse, prüfe ich sorgfältig mein Äußeres. Da ich seit drei Jahren unverschuldet arbeitslos bin, kann ich mir keine Kleidung kaufen, die meinen Vorstellungen entspricht. So stelle ich mir auch besonders aufmerksam meine Garderobe zusammen, obwohl ich nicht sicher bin, ob eine aufmerksame Beobachterin nicht doch kleine Unregelmäßigkeiten entdecken würde, was mir sehr peinlich wäre, denn vielleicht interessiert sich gerade diese Person für mich. Und bei Kleinigkeiten fängts ja an, sagen die Leute.

Ich bin allein und hätte gern eine Frau die mich liebt, vielleicht auch einen Freund, aber mit Männern ist das merkwürdig: Sie reden interessant, sind aber nicht verlässlich und manche sprechen schlecht über Frauen.

Ich habe mir eine Tasse Kaffee bestellt. Es macht mir immer große Mühe die Kellnerinnen auf mich aufmerksam zu machen. Ich neige nicht zu dieser offensiven Art. Das Laute sollte den Kaufleuten vorbehalten bleiben, ich finde das schickt sich nicht.
Eine Dame beobachtet mich. Das ist mir unangenehm, weil ich nur ein Paar Schuhe besitze und diese nicht dem Geschmack der Zeit entsprechen. Ich werde leicht übersehen und es kommt nicht alle Tage vor, dass sich jemand für mich interessiert. Jetzt gilt es keinen Fehler zu machen. Ich schlage behutsam meine Beine übereinander und lasse meine Schuhe hinter ein Tischbein gleiten. Das erschwert eine sichere Begutachtung. Ich hoffe immer, wenn ich einem fremden Menschen begegne, Neues über das Leben zu erfahren, doch fällt es mir bei mageren Antworten sehr schwer meine Enttäuschung zu verbergen.
Mir haben schon einige Frauen gesagt, dass ich interessant ausschaue und ein Leben mit mir sicher nie langweilig würde. Ich glaube es auch, aber die Frauen verlassen mich nach einiger Zeit. Wahrscheinlich weil ich so arm bin. Manchmal bin ich so verzweifelt, dass ich mitten in der Stadt einen Pfeifton von mir gebe.

Über mir wohnt ein Musikstudent. Ich sehe ihn gelegentlich im Treppenhaus und ich grüße ihn jedes Mal freundlich, doch er schaut nicht auf und murmelt auf die Treppe starrend eine Silbe vor sich hin. Wahrscheinlich wähnt er sich schon als der neue Klaviertitan und glaubt, nur weil ich ein sehr kleines Zimmer bewohne mich nicht grüßen zu müssen, aber ich höre seine täglichen Bemühungen und weiss wie unbegabt er ist. Ich warte auf sein erstes Konzert. Es sollte ein junger Kritiker anwesend sein, ein Mensch der die Wahrheit nicht scheut. Wahrscheinlich wird er sein Klavier verkaufen müssen.

Die Dame hat das Interesse an mir verloren. Sicher sehe ich ihr zu armselig aus, denn ihre Garderobe macht einen sehr vermögenden Eindruck. Es gibt viele Witwen in München, aber sie haben nur Augen für diese aufgeblasenen Jünglinge, bei denen ich den Atem anhalte, wenn sie an mir vorbeigehen. Gewöhnlich wechsele ich die Straßenseite.
Es ist nicht leicht ohne Einkommen. Die Leute glauben man ist ein Faulenzer und macht sich einen schönen Tag, aber wie kann ein Tag schön sein, wenn einen die Leute nicht mögen.
Ich habe an unzufriedenen Tagen eine Neigung zum Dünkel, den ich mit einer gewissenen Genugtuung erleide.

Ich habe den Eindruck, die Kellnerin schaut ständig zu mir, aber ich kann mir nur eine Tasse Kaffee leisten.
Wieder einer dieser Tage ohne Hoffnung.

5xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Noxlupus am 21.07.2019:

Ein Text, der zum Nachdenken einlädt. LG




geschrieben von Zeit-Geisterfahrer am 15.10.2019:

Hallo Zurheide1, ein grundehrlicher Text, vielen Dank dafür! Munich loves you… prangt von den Werbebannern, gemeint ist das Geld und die Jungen und Vitalen. Das sind wir uns einig. Früher hieß es mal "München - Weltstadt mit Herz!" Das klang schöner... wahrscheinlich haben es die Stadtoberen bewußt/unbewußt? abgelöst durch eine nichtssagende internationale Variante, weil das Alte sich schlicht und ergreifend wie ein Lüge angehört hätte. - Ich wünsche Dir einen Ort, eine neue Heimat, wo man Dich als Menschen, nicht als Konsumenten sieht. Ich bin immer im Allgäu sehr glücklich...

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