Veröffentlicht: 18.01.2026. Rubrik: Unsortiert
Ein Mann zur Unzeit
Mein Schwager Erich ist immer dann zur Stelle, wenn er nicht gebraucht wird. Darauf kann ich mich verlassen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Wenn bei mir alles gut läuft, erscheint mein Schwager mit der Frage: „Na, alles im Griff?“
Natürlich habe ich alles im Griff. Genau deshalb ist Erich da. Er setzt sich zu mir, nickt verständnisvoll, öffnet eine Flasche Bier und beginnt zu erzählen. Ich erfahre Dinge, die ich nie wissen wollte und die mich noch nie interessiert haben. Aber es hält die Stimmung und erdet mich. Das rechne ich ihm hoch an.
Wenn allerdings richtige Hilfe notwendig ist, folgt Erich einem inneren Auftrag.
Vielleicht muss er dann über sein Leben nachdenken, oder darüber, mit welchem Geschenk er meine Schwester zum Frauentag überraschen kann. Jedenfalls ist er dann kurz beschäftigt. Sehr kurz. Mehrere Stunden. Auch Tage.
Beim Renovieren meiner Gartenlaube, wartete ich auf Erich. Hilfe hätte ich gut gebrauchen können. Doch Erich erschien nicht. Ich tapezierte deshalb diesen Raum allein. Strich auch das Fenster und die Tür.
Als ich fertig war, tauchte Erich wieder auf, so, als hätte ich ihn gerufen.
„Ich habe gespürt, dass du gleich fertig bist“, sagte er zufrieden, öffnete eine Flasche Bier und lehnte sich an den noch nicht getrockneten Türrahmen. Ich runzelte die Stirn, war ihm jedoch nicht gram. Aus einem unbekannten Grund glaubte ich ihm das sogar.
Erich bringt nie Unruhe mit. Er ist anwesend. Erich stellt keine Fragen, die wehtun. Und er gibt Ratschläge, die niemand benötigt, aber freundlich gemeint sind.
Erich ist ein Mann, der den Raum füllt, wenn alles erledigt ist. Er sitzt dann da, trinkt eine Flasche Bier und sagt: „Schön, dass ich hier sein darf.“ Und das stimmt.
Möglich, dass ich auf seine Hände verzichten könnte. Auch seine Hilfe werde ich nicht nötig haben. Aber seine Gesellschaft, ein freundliches Gesicht und jemand, der zuverlässig zur falschen Zeit kommt, sind für mich eine echte Bereicherung.
Meine Schwester jedoch hat mein tiefes Mitgefühl. Ein Mann, der stets zur falschen Zeit kommt, sorgt nur bedingt für Höhepunkte.
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