Veröffentlicht: 20.01.2026. Rubrik: Unsortiert
Zwischen Terz und Saitenspiel
Kapitel 1
*Zwischen Saucenspiegel und Saitenspiel*
In der kleinen Stadt Ochtrup kannte jeder den jungen Daniel nur mit Kopfhörern. Während andere Kinder Fußball spielten, trommelte er mit Kochlöffeln auf leeren Farbeimern oder zupfte an einer alten, verstimmten Gitarre, die er auf dem Flohmarkt gefunden hatte. Musik war für ihn kein Hobby; sie war die Sprache, in der er dachte.
„Träume füllen keinen Magen, Junge“, sagte sein Vater oft, während er den Duft von frisch gebackenem Brot aus der Familienbäckerei einatmete. Daniel verstand das. Er liebte die Kreativität der Küche, das Zusammenspiel der Aromen, das fast wie ein Akkord funktionierte.
Kapitel 2
*Der Takt der Küche*
Heute, mit 26 Jahren, trägt Daniel keine Lederjacke, sondern eine weiße Kochjacke. Er arbeitet im „Goldenen Anker“, dem besten Restaurant am Platz. Sein Alltag ist getaktet wie ein Metronom:
09:00 Uhr: Warenannahme und Mise en Place.
12:00 Uhr: Das Mittagsgeschäft. Das Zischen der Pfannen ist sein Schlagzeug, das Besteckgeklapper sein Rhythmus.
17:00 Uhr: Die Ruhe vor dem Sturm, in der er schnell ein paar Zeilen in sein zerfleddertes Notizbuch kritzelt.
Daniel ist ein verdammt guter Koch. Seine Saucen sind legendär, weil er sie mit der gleichen Geduld komponiert wie eine Ballade. Doch unter der Haube, wenn er das Fleisch wendet, summt er Melodien, die noch niemand gehört hat.
Kapitel 3
*Die zweite Schicht*
Wenn um 22:30 Uhr das Licht in der Küche ausgeht und die Kollegen in die Kneipe ziehen, beginnt für Daniel die eigentliche Arbeit. In seinem kleinen Kellerzimmer, das nach Basilikum und altem Holz riecht, tauscht er das Messer gegen seine Fender Telecaster.
Sein rechtes Handgelenk schmerzt oft vom harten Schneiden des Gemüses, doch sobald er den ersten Akkord greift, ist die Müdigkeit vergessen. Er nimmt Demos auf, verschickt E-Mails an kleine Labels und lädt Videos auf Social Media hoch – oft noch mit einem kleinen Brandfleck am Unterarm, dem Souvenir vom Abendservice
Kapitel 4
*Der Moment der Wahrheit*
Letzte Woche passierte es: Ein Gast, ein Musikproduzent auf der Durchreise, hörte Daniel in der Pause am Hintereingang des Restaurants summen und Gitarre spielen. Er hinterließ kein Trinkgeld, sondern eine Visitenkarte mit einer handschriftlichen Notiz:
„Deine Stimme hat mehr Tiefe als deine Rotweinsauce. Ruf mich an.“
Daniel steht nun am Herd. Die Pfannen glühen, die Bons stapeln sich. Er ist Koch. Er ist Musiker. Und während er das nächste Filet perfekt auf den Punkt brät, weiß er: Der Refrain seines Lebens hat gerade erst begonnen.
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