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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2016 von Melissa Ruthig (Melissa R.).
Veröffentlicht: 19.10.2016. Rubrik: Persönliches


Der Kuss, der mir das Leben rettete

Seit meinem 5. Lebensjahr kenne ich alles Zählen, seitdem zähle ich alles was ich tue oder sage, einfach alles. Es ist eine psychische Krankheit,die meine Eltern einfach ignoriert haben. Seitdem ich 18 Jahre alt war, arbeitete ich als Handwerker in einem kleinen Vertrieb. Das Leben ist ziemlich öde, wenn man alleine lebt, und keine Freunde hat. Doch alles änderte sich am 13.01:

Es war ein ganz normaler Morgen, so wie an jedem Tag stand ich um 7:30Uhr auf, ging 3 Schritte zu meinem Kleiderschrank, nahm mir die Kleidung für den jeweiligen Tag heraus und zog mich an. Danach ging ich 12 Schritte zum Badezimmer, wo ich mich rasierte. Anschließend lief ich 23 Schritte zu meiner Kaffeemaschine und trank eine halbe Tasse davon.
Wenn ich dies hinter mich gebracht hatte, machte ich mich auf den Weg zur Arbeit. Es waren genau 203 Schritte zum Bahnhof, manchmal 204 durch den plattgetretenen Schnee an verschneiten Häusern vorbei.
Von dort aus stieg normalerweise ich in den Zug, setzte mich auf den zehnten Platz von rechts und wartete 15 Minuten und 42 Sekunden auf die Ankunft. Währenddessen zählte ich die anderen Leute im Wagon.
Doch heute traf ich eine Entscheidung und blieb ich auf der ungemütlichen Bank sitzen und lies den Zug ohne mich losfahren. Nachdem ich 3 Minuten gewartete habe ging ich zu den Schienen, bemühte mich die Schritte nicht zu zählen und lief nach links. Nach gefühlten 400 Schritten blieb ich stehen und nahm einen tiefen Atemzug. Mein Herz hämmerte heftig gegen meine Brust. Dann setzte ich mich auf den Boden und lauschte ob ein Zug kam. Ich hoffte es aus tiefstem Herzen, dass gleich alles vorbei sein würde, ich nicht mehr zählen müsste was ich tat, und auch nicht die dämliche Arbeit in der Werkstatt zu machen muss.
Ich wollte mein Leben beenden und endlich den Drang auf der Erde zurücklassen immer alles zu zählen. Dann wäre alles vollkommen friedlich, meine ganzen Probleme wären in Luft aufgelöst. Außerdem gibt es niemanden, dem mein Leben etwas bedeutete, ich kann ohne schlechtes Gewissen loslassen und von allem Abschied nehmen. Bei dem Gedanken schlich ein kleines Grinsen auf mein Gesicht.
Plötzlich hörte ich Schritte hinter mir, erschrocken drehte ich mich um. Und da stand SIE!
Völlig perplex starrte ich sie mit offenem Mund an. Ich hatte diese Frau, die mir buchstäblich den Atem raubte noch nie zuvor gesehen, doch ich konnte meinen Blick einfach nicht von ihr abwenden. Ohne ein Wort zu sagen setzte sie sich neben mich und begann zu plappern : "Hi, ich bin Tracy. Ich spaziere jeden Tag hier entlang und habe dich noch nie zuvor hier gesehen, ich habe dich eine Weile beobachtet. Also ich habe zwei Fragen an dich. Erstens, wie heißt du? Und woher kommst du?"
Die freundliche Art, wie sie sich einfach zu mir setzt und mit mir plaudert, fasziniert mich. Aber ich möchte nichts mit ihr zu tun haben, das einzige was ich will, ist mein Leben zu beenden. Also ignoriere ich sie.
Doch Tracy hatte andere Pläne, "Also gut. Du willst nicht mit mir reden, das verstehe ich. Denn wenn ich deine Situation richtig deute, bist du hier um dich von einem Zug überfahren zu lassen. Warum?"
Was will sie denn von mir?! kann sie mich nicht einfach in Ruhe lassen? Wut staute sich in mir auf, doch kalt wie Eis erklärte ich ihr : " Ich bin psychisch krank und muss alles was ich tue und alles was um mich herum passiert zählen. Können Sie sich vorstellen wie es ist, den ganzen Tag zu zählen? Jeden einzelnen Schritt, jedes Wort, ALLES muss ich zählen! Ich kann nicht anders. Außerdem bekam ich vorgestern, vor genau 47 Stunden und 12 Minuten eine Diagnose. Zu allem Übel habe ich noch Krebs und bevor er mich qualvoll umbringt, und ich meine letzten Stunden zählen muss, bis ich irgendwann sterbe, beende ich lieber selber mein Leben. Können sie mich jetzt verstehen und mich endlich in Ruhe lassen? Bitte?"
Inzwischen laufen mir Tränen die Wangen herunter, aber das ist mir egal.
Ihr Gesicht nimmt einen Ausdruck an, den ich nicht deuten kann. Ohne ein Wort stand sie auf, nahm meine Hand und sagte deutlich: " Ja, ok dein Leben läuft gerade echt Scheisse, das verstehe ich. Aber deshalb beendest du es nicht! Das ist das schwachsinnigste, was ich je gehört habe!" Dann tat sie etwas, was mich total aus der Fassung brachte. Tracy beugte sich zu mir vor und küsste mich. Ein unbekanntes Gefühl durchströmte mich, und plötzlich war ich mir sicher, ich habe einen Grund um weiterzuleben!

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