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1xhab ich gern gelesen
geschrieben von studer barbara.
Veröffentlicht: 12.08.2019. Rubrik: Unsortiert


Maschinenschwäche

Maschinenschwäche

‚Guck mich doch nicht so belämmert an!’, denkt Franziska und tut so, als ob sie in ihrer Tasche etwas suche. Nach einer Weile schaut sie auf. Der Mann, der alleine im gegenüberliegenden Abteil sitzt, hat seine Augen noch immer auf sie gerichtet. Aber er schaut sie gar nicht an, er sieht durch sie hindurch, mit starrem Blick.

‚Blödmann!’, denkt sie und greift zu ihrem Mantel.

Da setzt sich ein jüngerer Mann vis à vis vom Starrenden hin. Dieser ist abgelenkt und nimmt den Neuankömmling ins Visier, fixiert den linken Arm des anderen, der in einem weissen Gipsverband steckt.

‚Da kann ich ja sitzenbleiben.’ Franziska greift zur Zeitung und ist froh, ungestört lesen zu können.

„Hab Pech gehabt“, sagt plötzlich der mit dem Gipsarm.

„Unfall?“, fragt der andere.

„Nein, ich hab die Sache ganz einfach verhängt. Jetzt sind meine Hände voller Drähte und Eisen“.

Der mit dem Gipsarm riecht nach Alkohol. Ein dritter Mann setzt sich zu den beiden, in der einen Hand eine Bierdose, in der anderen eine Plastiktüte gefüllt mit Aludosen, die scheppern, wenn die Tüte in Bewegung ist. Auch er verströmt einen säuerlichen Biergeruch. Franziska hält die Zeitung etwas näher ans Gesicht.

„Wie geht’s?“, fragt der mit der Bierdose den mit Gipsarm, den er offenbar kennt.

„Nicht schlecht, kann die Finger aber immer noch nicht gut bewegen“.

„Immerhin besser als ich“, sagt jener, der als erster im Abteil gesessen hat. „Schaut, hier!“

Franziska guckt hinter der Zeitung hervor.

Der Starrende streckt beide Arme aus und präsentiert den anderen seine Hände. Die Finger sind stark nach innen gekrümmt.

„Was ist mit deinen Händen?“, fragt der mit der Bierdose.

„Mehr kann ich sie nicht öffnen. Zwölf Jahre tagtäglich am Kompressor. ‚Maschinenschwäche’ nennt man das“.

Die beiden schauen ungläubig auf seine Hände.
„Und so arbeitest du noch?“, fragt Gipsarm und deutet auf den Overall des anderen auf dem „Gasser Bau AG“ aufgedruckt ist.

„Klar, obwohl mir die Ärzte gesagt haben, mit dreissig würde es aus sein.

Jetzt bin ich sechsunddreissig und noch immer dabei, als Baggerführer.“

Die anderen schweigen. Nach einer Weile fragt der mit der Bierdose jenen mit Gipsarm: „Was machst du heute Abend?“.

„Ich bin um acht in der Krone, jassen und ein paar Bier, wie immer … kannst ja auch kommen!“

Der Baggerführer räuspert sich: „Ich hab jahrelang täglich sechzehn Flaschen Bier gesoffen, schon am Morgen angefangen, hab lange nichts gemerkt … Dann hat mir meine Frau gesagt – war damals frisch verheiratet ...“,

„… hast eine Mutige gefunden!“, unterbricht ihn Gipsarm grinsend.

„… ja, aus Rumänien … als ich mal wieder betrunken von der Arbeit heimkam, hat sie gesagt, ich solle aufhören mit dem Saufen. Ich wurde wütend, hab mit Stühlen um mich geworfen und bin ins Bahnhöfli gegangen. Da war einer, der hat gesagt, er offeriere alles, was ich saufen könne … zweiundzwanzig Flaschen Bier musste er bezahlen … Ich ging heim, brach zusammen, meine Frau holte den Arzt und ich musste ins Spital. Als ich wieder nach Hause kam, war meine Frau weg. Sie hatte mir einen Brief hingelegt und geschrieben, dass sie wieder komme, wenn ich nicht mehr trinke. Da ging ich nochmals saufen und traf wieder den, der mir alles bezahlt hatte.“

„Und, hast du wieder zweiundzwanzig Flaschen gesoffen?“ Der mit der Bierdose hält sein Getränk augenzwinkernd in die Höhe, als ob er dem anderen zuprosten wolle.

„Nicht ganz, dann bin ich nach Hause gegangen, hab geduscht und mich ins Bett gelegt. Das war am 15. November – vor sechs Jahren. Seit diesem Tag hab ich keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken.“

Die anderen schweigen eine Weile, dann fragt der mit der Bierdose leise. „Wie hast du’s gemacht?“

„Einfach durchgehalten, allein. Ich hab gezittert wie ein Schwein. Ging ein paar Wochen nicht mehr auf die Baustelle, das wär nicht gegangen … ich hätte nichts in meinen Händen halten können …“.

Er macht eine Pause und schaut die beiden lange prüfend an. „Wann habt ihr das letzte Mal nachts das Licht brennen lassen?“

Der mit der Bierdose lacht, Gipsarm auch.

Nachdem sich die beiden beruhigt haben, fährt der Baggerführer unbeirrt weiter. „Ich hab damals das Licht brennen lassen, jede Nacht, weil sie immer gekommen sind, der Sensemann und seine Gehülfen … keine netten Gesellen, das kann ich euch sagen. Die haben alles versucht, alles … Sie haben mich gepeinigt, gelockt, verführt, das Saufen in den höchsten Tönen gelobt, mich als Versager und Verräter aufs Schlimmste beschimpft, mir den Schlaf und fast den Verstand geraubt. Beinah hätten sie mich gehabt, beinah … dann liessen sie mich plötzlich in Ruh.“

Der mit der Bierdose nimmt einen grossen Schluck, Gipsarm starrt den Baggerführer an. „Und jetzt, kehrst du nicht mehr ein? Ist doch nicht lustig, wenn man nicht saufen kann“.

„Das macht mir nichts aus. Ich geh ab und zu – wenn meine Frau weg ist – ja, sie ist wieder zurückgekommen, nach einem halben Jahr, als ich ihr geschworen habe, dass ich nie mehr saufen werde – ich trink dann mein alkoholfreies Bier und freu mich, dass ich so zufrieden in der Beiz sitzen kann“.

Gipsarm und Bierdose schweigen. Machen kurz darauf Platz, weil der Baggerführer aussteigt. Er wünscht den beiden einen schönen Abend, worauf sie etwas Unverständliches murmeln. Als er an Franziska vorbeigeht, senkt sie verschämt den Blick und verstaut ihre Zeitung in der Tasche.


Barbara Studer, Guntershausen, Schweiz

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