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3xhab ich gern gelesen
geschrieben von EliJ (EliJ).
Veröffentlicht: 19.03.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Ratten

Jeden Tag stehe ich an derselben U-Bahn-Station.
Dieselbe Uhrzeit, derselbe Bahnsteig, derselbe Zug.

Über mir das Dröhnen der Stadt, unter mir das Summen der Leitungen.
Ich sehe hinab.
Dorthin, wo das Licht nicht reicht.

Zwischen den Gleisen, unter den Fliesen, kleine Löcher im Beton.
Dort leben sie.

Manchmal huschen sie vorbei, graue Schatten mit schnellen Füßen.
Die Menschen schreien, springen zur Seite, als fürchteten sie Gift.

Sie glauben, Ratten hätten Angst vor uns.
Sie denken, sie fliehen, wenn wir näherkommen.

Aber wir sind es, die sich fürchten.

Sie leben in der Dunkelheit.
Haben gelernt, sich anzupassen.

Ich sehe ihnen zu.
Wie sie verschwinden, wieder auftauchen.
Sie folgen einem Plan. Mir ist er verwehrt.
Manchmal frage ich mich, ob sie zurücksehen.


Heute kriecht eine hervor.
Langsam, als wüsste sie, dass ich hier sein werde.

Ihr Fell glänzt stumpf im Neonlicht, ihr Blick auf mich gerichtet.
Sie bleibt stehen - gegenüber von mir. Zwischen uns die Gleise.
Sie starrt.

Ein Moment vergeht. Dann noch einer.
Ich spüre ihren Blick; er packt mich tief.

„Komm“, sieht sie mich an.
„Entfliehe deinen Fesseln und schließ dich uns an.
Wir mögen klein sein, doch wir sind frei.“

Fast gehe ich einen Schritt nach vorn.
Ich will hinunter, weiß, dass ich dorthin gehöre.

Da unten, zwischen Dreck und Kabeln, ist etwas,
das alle vergessen haben.

Ich sehe in die Schatten.
Es zerreißt mich fast, doch ich sage:
„Ich kann nicht.
Ich bin zu groß. Ich passe nicht hinein.“

Die Ratte wendet sich ab.
Verschwindet in der Dunkelheit.

Ein warmer Wind weht aus dem Tunnel.
Er riecht nach Metall. Nach Elektrizität.

Der Zug kommt.
Die Türen öffnen sich.
Ich steige ein.


Seit diesem Tag sehe ich sie überall.
Im Augenwinkel.
In Mauerritzen.
Hinter Mülltonnen.

Wenn ich blinzle, ist da ein Rascheln.
Ein graues Zucken, das verschwindet, sobald ich hinsehe.
Vielleicht sind es andere. Vielleicht dieselben.
Für sie ist das bedeutungslos.

Auf dem Weg zur Arbeit spüre ich sie unter dem Pflaster.
Ein dumpfes Scharren.
Als würde die Stadt selbst atmen.

Im Büro riecht es nach Staub und Kabeln.
Die Lüftung summt.
Ich höre etwas darin kratzen.
Leise, gleichmäßig, beruhigend.

Ich starre auf den Bildschirm, aber die Buchstaben verschwimmen.
Hinter ihnen huschen Schatten.
Wörter verlieren Bedeutung.
Sie sagen mir nichts mehr.

Wenn ich abends nach Hause komme, schalte ich kein Licht an.
Ich öffne die Fenster, lasse Dunkelheit herein.
Ich will sie spüren.
Die Welt, wie sie es tun.

In der Stille höre ich Schritte.
Winzige, rasende Schritte über den Boden.
Ich sage nichts.
Atme in ihrem Rhythmus.
Sie wissen, dass ich einer von ihnen bin.


Diese Nacht kann ich nicht schlafen.
Etwas ruft mich.
Nicht laut. Beständig.
Ein Kratzen. Ein Zerren.

Ich gehe hinaus.
Die Stadt liegt still, der Wind schmeckt nach Eisen.
Die Straßen glänzen feucht, vom Regen frisch gewaschen.
Ich weiß, wohin ich muss.

Die U-Bahn-Station ist leer. Regungslos.
Nur die Lampen flackern.

Ich stehe an derselben Stelle wie immer.
Doch der Zug wird nicht kommen.
Nicht zu dieser Zeit.
Nicht für mich.

Ich sehe hinab.
Dorthin, wo das Licht endet.
Etwas bewegt sich dort unten.
Es wartet.

Dann kommen sie.
Viele.
Hunderte.
Eine Masse.
Sie sitzen still, sehen zu mir hinauf.

Kein Laut.
Nur dieses gemeinsame Atmen.
Ich fühle es im Brustkorb.
Eine Einladung.

Ich gehe in die Hocke, lege meine Hand auf die Kante.
Eine Ratte tritt hervor, geht auf die Gleise.

Sie hebt den Kopf, sieht mich an.

Ich weiß, was sie will.
Auch, was ich will.

„Ich bin nicht mehr groß“, flüstere ich.
„Ich passe hinein.“

Ich klettere hinunter, ganz ruhig.

Wir kommen uns näher,
ich und die schwarze Masse.
Sie umhüllt mich.


Zurück.
Zurück in die Schatten, in die Löcher.
Wir bewegen uns im Strom.

Dorthin, wo das Licht endet.
Dorthin, wo ich jeden Tag hineinsah.

An derselben U-Bahn-Station.

-----
 
Ich bin viele.
Und keiner.

Ein Flüstern aus Zähnen und Staub,
das sich fortbewegt;
ohne Ziel,
ohne Erinnerung.

Wir gleiten,
wo das Licht nicht reicht.
Durch Röhren.
Durch Erde.
Durch Atem der Steine.

Hier kennt niemand Namen.
Nur Schatten.
Nur Hunger.
Nur das warme Zittern des Nächsten.

Kein Ich.
Kein Du.
Nur das Wir,
das sich windet,
sich teilt,
sich wiederfindet im Dunkel.

Oben die Schritte,
ein fernes Stampfen,
der Herzschlag der Welt.
Doch nicht der unseren.

Wir sind darunter.
Unter allem.
Wir sind, was bleibt,
wenn die Formen zerfallen.

Wir sind Strom.
Wir sind Nacht.
Wir sind eins.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von HanaLores am 20.03.2026:

...bin fast sprachlos.. fantastisch! danke ^^

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