Veröffentlicht: 20.03.2026. Rubrik: Spannung
Die Stalkerin
Als das Licht im Treppenhaus aufflammte, hörte er das leise Schnappen eines Türschlosses. Wer mochte jetzt noch auf den Beinen sein? Er wappnete sich für ein mögliches Zusammentreffen, ließ die Schultern nach vorn sacken, als würden sie unter dem Gewicht des Rucksackes, den er sich übergeworfen hatte, wegrutschen. Seinem Gesicht verlieh er den müden Ausdruck eines Nachtschichtlers. Nur das Funkeln in seinen Augen konnte er nicht unterdrücken. Doch wer sollte das bei einer flüchtigen Begegnung wahrnehmen?
Er schlurfte zu seiner Wohnung im 1.Stock. Beim Hantieren mit dem Schlüssel bemerkte er, dass die Tür zur Nachbarwohnung einen Spalt weit offenstand. Ein schwacher Lichtstreifen fiel auf den Flur. Gedämpfte Musik drang nach draußen. Eine junge Frau tauchte in einem verführerischen Negligé an der Tür auf, in den Händen hielt sie zwei Sektkelche.
„Hallo“, säuselte sie. „Ich bin Ihre neue Nachbarin, und wollte mich endlich bei Ihnen vorstellen.“
„Jetzt?“, fragte er überrascht.
„Sie sind doch auch ein Nachtschwärmer. Also ist der Zeitpunkt ideal.“ Einladend gab sie die Tür frei.
Wollte ihn das Glück in dieser Nacht für die vielen Male entschädigen, die es ihn vorher im Stich gelassen hatte?
Er drängte an ihr vorbei. Dabei spürte er, wie sie sich an ihn lehnte. Ein Träger des Negligés glitt von ihrer Schulter.
In diesem Moment geriet er ins Straucheln. Ob er über die Türschwelle oder ihre Beine gestolpert war, wusste er nicht. Er taumelte vorwärts. Versuchte, sich mit den Händen an der ihm entgegenkommenden Wand abzustützen. Vergeblich. Er knallte zu Boden. Der Rucksack öffnete sich. Ein goldener Armreif rutschte heraus und rollte davon. Er grapschte danach, doch er erreichten ihn nicht, weil die Nachbarin plötzlich auf seinen Fingern stand.
Als er wütend nach oben starrte, sah er, dass sie jetzt statt der Sektgläser eine Pistole und Handschellen in den Händen hielt. „Polizei. Sie sind verhaftet!“
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