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5xhab ich gern gelesen
geschrieben von Marianne Lubos.
Veröffentlicht: 08.04.2026. Rubrik: Unsortiert


Die heimliche Liebe zu meinem Zahnarzt

Die heimliche Liebe zu meinem Zahnarzt

Es gibt zwei Sorten Menschen: die, die beim Zahnarzt cool bleiben und mich. Niemand geht gern zum Zahnarzt. Ich schon aber eher wegen der Gesellschaft.
Inzwischen sind von meinen 32 Zähnen noch 4 im Mund, wo sonst. Andere winken von der Brücke. Schon als Kind hatte ich furchtbare Angst vor dem Zahnarzt.
1953 geboren, kannte ich als Kind nur zwei Informationsquellen: die Nachbarin und mein Bauchgefühl. Also saß ich im Behandlungsstuhl,
Lippen zu wie ein Tresor, und wurde postwendend wieder nach Hause geschickt. Später, schon als eigenständige Selbstversorgerin, verschob ich die Termine immer mal wieder aufs Neue, bis die Schmerzen sagten:“Wir sehen uns heute noch“!

Mit 20 Jahren hatte ich einen Termin, da ich fürchterliche Zahnschmerzen hatte. Ich kaufte einen Strauß Rosen für meinen Zahnarzt, mit der Bitte, nicht zu bohren. Er nahm den Strauß dankend an, und bohrte trotzdem. Es war die Hölle.
Als meine Tochter sich entschieden hatte, Zahnarzthelferin zu werden, habe ich meinen Glauben an die direkte Verwandtschaft infrage gestellt.
Sie begleitete mich bei meinen Zahnarztbesuchen. Im Warteraum schaute ich nach Fluchtwegen und sie hielt meine feuchten Hände und versuchte, mich zu trösten. Ihr Schmerzempfinden ist weit von meiner sensiblen Seele entfernt. Zwischen uns liegen Welten.
So kann ich mich erinnern, dass sie als Kind Nierenschmerzen hatte. Ihr wurde ein Katheter eingeführt, den sie, ohne einen Laut von sich zu geben, hinnahm.
Mit drei Jahren fiel sie von einem Stuhl, und da sie nicht weinte, konnte ich nicht erkennen, dass sie sich doch verletzt hatte. Sie hatte sich das Schlüsselbein gebrochen.
Das zum Thema: Wie viel Schmerzen kann man ertragen? Offentsichtlich,
ich nicht so viele. Oder doch?
Immerhin habe ich zwei Kinder, nach mehreren Stunden gesund zur Welt gebracht.
Dann kam die Wende nicht nur in meinem Leben. Wir zogen nach Marzahn. Auch meine Zähne bekamen die Wende zu spüren. Sie meldeten sich, und ihre Meldung kam mit Bravour.

Ein neuer Zahnarzt wurde von mir gesucht. Er sollte folgende Voraussetzungen erfüllen: Verständnis für meine Angst, geduldig sein, mir die einzelnen Schritte erklären und so wenig wie möglich bohren. Das ist doch nicht zu viel verlangt.


Da stand er, mit einem Lächeln auf den Lippen. Seine beruhigende und einfühlsame Art machte mir Mut. Die erste Sitzung war überstanden. Dann kam, nach einiger Zeit, ein Wochenende mit sehr starken Zahnschmerzen. Auf dem Bett schaukelte ich hin und her, wie ein Eisbär. Keine Tabletten halfen. Es war an einem Samstag, als ich seine Handynummer anrief und ihm meine Not schilderte.
Er bot mir an, in seine Praxis zu kommen. Das war 1992. Er entschuldigte sich für sein Outfit, da er mir in Jogginghose die Tür öffnete.
Ich sagte ihm: „Von mir aus können Sie mich auch in Badehose behandeln, Hauptsache, die Schmerzen gehen weg.“
Er erklärte jeden Schritt, spritzte nach, wenn nötig und irgendwo
zwischen zweiter Erklärung und dritter Spritze passierte es: Ich verliebte mich. In die Ruhe,
in die Freundlichkeit und in das Gefühl, ernst genommen zu werden.
Ich hatte ihn gefunden, den Zahnarzt meiner Träume.
Er sah nicht nur gut aus, er war auch sympathisch.
Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich meine Ängste nach und nach verlor. Seit über 30 Jahren bin ich bei ihm in Behandlung.
Das Tolle an unserer medizinischen Beziehung ist, dass wir denselben Humor haben. Wenn ich Angst habe, dann rede ich noch mehr Blödsinn. Diese Art, mit Ängsten umzugehen, hat bei ihm Verständnis gefunden. So lachen wir vor der Behandlung und danach. Während der Behandlung mache ich Pantomime.
Wenn er dann zu mir sagt: „Dann wollen wir mal anfangen und spritzen.“
Antworte ich: “Na, dann los – wir schaffen das.”
Die Jahre brachten Brücken, zwei Prothesen und viel Erfahrung. Wenn er Urlaub macht, warte ich auf seine Rückkehr.
Fremde Notaufnahme? Nicht mit meinem Herzblatt in Weiß oder Jogginggrau.
Inzwischen ist er auch schon über 60 Jahre jung, aber ich gehe davon aus, dass er bis hundert praktiziert. Das nennt man: Realistischer Optimismus!
Es gab schon Situationen, da sage ich ihm, bevor ich mich auf den Behandlungsstuhl setze: „Ich habe nichts – ich wollte Sie nur wiedersehen.“ Er findet natürlich doch kleine Baustellen.
In einer Geheimsprache werden die wenigen Zähne nummeriert und analysiert, und es gibt einen Behandlungsvorschlag.
Mein Vertrauen zu ihm ist grenzenlos.

Was mir auch sehr gefällt, ist die Farbe seiner Einrichtung. Diese Farbe findet sich auch in meinem Outfit – nämlich ein wunderschönes Grün. Manchmal sieht man mich nicht auf dem Behandlungsstuhl, da sich meine Kleidung mit dem Zahnarztstuhl optisch verschmilzt.
Vor Jahren hing an der Decke über dem Behandlungsstuhl ein Bild mit Instrumenten und Werkzeugen aus dem 18. Jahrhundert.
Nach der Behandlung habe ich höflich angemerkt: Vielleicht lieber Landschaften ohne Folter-Vorschau anzubringen.
Sein Team? Ein Traum. Freundlich, aufmerksam, empathisch. Die Hand der Schwester liegt warm auf meinen Schultern. Für Menschen, die beim Bohrgeräusch innerlich eine Feuerwehrsirene hören, unbezahlbar.

Einmal saß ich verkleidet mit Perücke im Wartezimmer und motzte über die Wartezeit, inclusiv mit einem schwarz angemalten Zahn.
Er erkannte mich nicht, bat seine Mitarbeiterin, die Dame zu
beruhigen. Als ich mich zu erkennen gab, haben wir Tränen gelacht.

Auch wenn ich fast eine Stunde unterwegs bin – mir egal. Ich folge ihm, wohin auch immer!

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Rautus Norvegicus am 09.04.2026:

Liebe Marianne,

du hast deine Erfahrungen so schön und humorvoll niedergeschrieben, dass ich es kaum erwarten kann, auch mal wieder meinen Lieblings-Dentisten aufzusuchen

Ich habe deinen Bericht sehr gern gelesen😃!

Liebe Grüße
🐀
Rautus Norvegicus




geschrieben von Rika am 09.04.2026:

Schön, dass du einen Zahnarzt gefunden hast, mit dem du gut kannst und der Verständnis für dich hat. Ich selbst müsste auch dringend wieder zum Zahnarzt, hab aber im Moment noch keinen gefunden und verschiebe das immer wieder. Aber jetzt habe ich vor, das wirklich mal in Angriff zu nehmen, da sich ein Zahn schon zweimal schmerzhaft bemerkbar machte. Hab ich wieder gerne gelesen.




geschrieben von Jo Hannes Coltitz am 09.04.2026:

Hallo @Marianne, mir selbst geht der Frack, wenn ich zu Zahnarzt muss.
Ich war auf dem Zahnarztstuhl stets so angespannt und verkrampft, dass meine Unterwäsche komplett durchgeschwitzt war.
Dabei hat die Zahnärztin Gott sei Dank nie viel machen müssen.
Jetzt hat eine neue Zahnärztin die Praxis übernommen und die ist so feinfühlig, dass selbst ich entspannt aus der Behandlung herausgehe. Sehr gern gelesen.
Viele Grüße, Jo

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