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geschrieben 2019 von Jonas Fella (Jonas Fella).
Veröffentlicht: 26.08.2019. Rubrik: Spannung


Knockout

Knockout

Scheiße verdammt. Vor vier Tagen noch lieferte Henry Goldstein sich ein packendes Duell mit einem seiner langlebigsten Widersacher, Bruno Santino. Ihre Fehde war für die Ewigkeit bestimmt. Fünf Mal waren die beiden Bären in ihrer Kariere aufeinandergetroffen, über zwei Jahrzehnte hinweg. Henry war Brunos erster Gegner gewesen.
Wie passend, dass Bruno Henrys letzter war.

Goldstein lag im Sarg. Es war ein schöner Sarg, sicherlich. Aus dunklem Edelholz, recht breit geschnitten, um den Berg von einem Mann, der Henry noch in seinen Vierzigern war, zu beherbergen. Aber ein Sarg blieb ein Sarg und so oft Bruno den alten Haudegen auch beschimpft hatte, so sehr er es genossen hatte, ihm rechte Haken um die Ohren zu knallen, dass die Glocken klingelten, den Tod, nein, den hatte er ihm niemals gewünscht. Dafür hatten sie auch viel zu viel Geld miteinander gemacht und davon lebte der Boxsport schließlich. Eine Schlangengrube voll Gold.
Und jetzt stand er da, in einem piekfeinen Anzug, ausnahmsweise ohne das Präfix "Jogging". Bruno war allein auf dem Friedhof in der Nähe des Central Parks, inzwischen sogar mutterseelenallein vor dem einsamen Grab auf dem leichten Hügel unter großen Birke. In einer Affenhitze, mitten im Hochsommer. Schweißperlen rannen von seinem vernarbten Glatzkopf aus seine Stirn herab. Ein durchgehender, mäandernder Fluss.
Zumindest hatten sie Henry haargenau so begraben, wie er es sich zu lebendigeren Zeiten gewünscht hatte. Nur der Zeitpunkt passte ihm wohl nicht in den Kram.
Zum x-ten Mal ging Bruno den Kampf durch. Es war das einseitigste ihrer Aufeinandertreffen gewesen. In der zweiten Runde hatte Henry zu schwächeln begonnen. Seine Deckung, jahrelang absoluter Spitzenstandard der Welt, die Sache, für der er berühmt geworden war, weshalb sie ihn "den eisernen Vorhang" nannten, war brüchig geworden. In der dritten Runde dann hatte es richtig geknallt. Bruno hatte ihm eine blitzschnelle links, links, rechts Kombination ans Kinn gedonnert. Wie Kanonenkugeln waren seine Arme nach vorne geflogen, Henrys Spucke sauste durch die Luft, als er zu Boden ging. Da hatte Bruno bereits vermutet, dass etwas nicht richtig sein konnte, hatte es aber auf einen schlechten Tag, oder auf eine Lebensmittelvergiftung geschoben. Vielleicht wurde Henry ja auch einfach nur alt, wer wusste das schon? Der Bär hatte ja niemanden an sich herangelassen.
Er wollte keine Hilfe.
Auch im Kampf hatte er sich von selbst berappelt, bis er in der vierten Runde nach einem Maschinengewehr-Stakkato von Bruno wieder zu Boden ging. Erschaudernd erinnerte Bruno sich an das widerliche Knacken, als Henrys Keifer brach. Blut. Überall Blut. Auf Henrys Gesicht. Auf dem Ring. Auf dem Schiedsrichter. Auf seinen Handschuhen. Auf seiner Brust.
In. Seinem. Kopf.
Überall Blut. Rot.
Fröstelnd, trotz der Bullenhitze, schüttelte Bruno die Erinnerung ab. Nach dem Kampf hatte er in Henrys Kabine nach dem Rechten gefragt, wie es der Anstand diktierte. Er war an der Tür abgewiesen worden. George Whiprack, kurz Georgie, der langjährige Trainer Henrys und seines Zeichens ein grumpiger Mistkerl, der sich nur um seinen Schützling scherte, hatte Bruno klar gemacht, dass Henry mit niemandem reden wollte. Er käme schon zu Recht.
Das hatte er so abgenickt, sah dem alten Kerl ganz ähnlich.
Zwei Stunden später dann die Nachricht. In den News, auf den großen Schirmen am Timesquare, im Radio und im Fernsehen. Allgegenwärtig, sodass Bruno, beladen mit Schuldgefühlen, sich nicht vor ihr verstecken konnte.
"Henry Goldstein ist tot". Diesen vier Worten hatte er sich nicht entziehen können. Vier Worte, die in seinem Kopf herumgeisterten und noch immer keinen Sinn ergeben wollten, obwohl die Beweislast erdrückender war als ein Stahlträger im Nacken.,

"Ganz schön miese Nummer, was?"
Bruno drehte sich nicht um. Er kannte die brüchige, alte Stimme, die sich von hinten anschlicht.
"N'abend Georgie. Hatte mich schon gefragt, wann du hier auftauchst. Bei der Beerdigung habe ich dich vermisst. Da war ich nicht der einzige." Das Letzte ließ er mit seiner tiefen Stimme wie eine Drohung klingen.
"Hatte noch einiges zu regeln, wegen Henrys Nachlass, weißt du? Weil er keine Familie hat, der das ganze Geld in den Schoss fallen kann, gestaltet sich die Erbensuche bestenfalls kompliziert. Ist wie die Nadel im Heuhaufen zu suchen, nur dass irgendein Spaßvogel ein paar Granaten ins Nest gelegt hat."
Bruno nickte mit einem tiefen: "Hmm."

George schloss zu ihm auf, trat von links her in sein peripheres Sichtfeld und stellte sich neben ihn. Der Alte war neben Bruno ein richtiger Zwerg, mindestens zwei Köpfe kleiner. Und er schwitzte so erbärmlich, dass Bruno fürchtete, er würde noch eine Nummer eingehen.
Unterschätzen sollte man George trotzdem nicht. Zwar war er in die Jahre gekommen, wie man so schön sagt, doch zu seiner Zeit war er der dominanteste Leichtgewichts-Boxer der Welt gewesen. Hatte überall Stadien gefüllt und Herausforderer in Grund und Boden gestampft. Doch der alte Ruhm war längst vergangen und blätterte von Georgie ab wie billige Farbe von schäbigen Motel-Wänden. So ganz hatte er das nie verkraftet. Vermutlich hatte er sich deswegen an Henry gehängt. Wenn Georgie nicht mehr der Main-Event sein konnte, dann wollte er ihn zumindest managen.
Zwei Jahrzehnte hatte er in Henrys Scheinwerferlicht gebadet und zugleich in seinem Schatten gestanden. Er hatte brav seine Weltmeistergürtel, von denen er zu besten Zeiten drei trug, zum Ring getragen. Zu guter Letzt hatten seine Arme unter dem Gewicht geschwächelt, die Dinger wogen immerhin gute zwanzig Kilo, was man gar nicht dachte, wenn man sah, dass die Champs sie wie Presspappe durch die Gegend schleuderten.

Einige Minunten lang standen sie stillschweigend vor dem Grab, die Blicke auf den schlichten Stein fixiert. Ein einsamer, grauer, halbrunder Stein, der die Aufschrift "Henry Goldstein. Sohn, Vater, Ehemann" trug. Eine Aufschrift, die dem Kerl nicht im Geringsten gerecht wurde. Gut, "abgebrühter Bastard und Knochenbrecher" machte sich nicht allzu gut als Manifest fürs Jenseits.

"Die haben herausgefunden, woran er gestorben ist", murmelte George schließlich. Bruno spitzte die Ohren. Nun gut, das eine, das ihm seit dem Kampf mit dem verrückten Hund vor acht Jahren geblieben war.
"Und?", drängte er den kleinen Mann.
"Gute Nachricht: Es war nicht der Kieferbruch. Du bist also aus dem Schneider. Schlechte Nachricht: Es war Gift und damit bist du wohl wieder mitten im Schneider drin."
Brunos Welt drehte sich ein Mal um die eigenene Achse, indes er die Worte verarbeitete. "Ich? Warum ich?"
Georgie zuckte mit den Schultern. "Keine Sorge, ich weiß, dass du es nicht warst, aber andere könnten das vermuten. Denk doch mal nach! Zwei Legenden treffen in einem entscheidenden Duell aufeinander. Auf einmal bricht der eine zusammen, wurde offenbar vergiftet. Was meinst du, wie viele Leute werden auf den Wagen aufspringen und schreien: Der war's! Der Bruno, der wollte den Kampf so unbedingt gewinnen, dass er unserem Henry etwas untergejubelt hat."

Bruno ging in Gedanken die Geschichte durch. Vor seinem inneren, zugegebenermaßen pessimistischen Auge sah er bereits die Schlagzeilen. Die Boulevardpresse würde sich auf diese Sage stürzen wie ein Chamäleon auf eine Ameisenkolonie. Eine Woche, dann war er in den Medien und fand sich in allerlei Überschriften, in die er nicht hinein wollte.
"So was würde ich niemals tun", sagte er ungläubig und starrte auf die Innenflächen seiner breiten, sonnengegerbten Hände. "Niemals."
"Das weiß ich. Und das werde ich der Presse auch genauso sagen, falls irgendeine Tussi, die drei Nummern zu klein für ihre Schuhe ist, mir die Story serviert", versicherte Georgie und klopfte ihm beruhigend auf die Schulter.
"Danke Mann. Das weiß ich zu schätzen. Wirklich."

Wieder Schweigen. Wie ein unsichtbares Tuch legte es sich schleichend über die Szene. Über die Beiden, über den Park und sogar über den Sonnenuntergang und das Rascheln der Blätter im Wind.

BUMM!

Ein Schuss zerfetzte das Tuch. Bruno verfiel in Schockstarre, in seinen Ohren piepte es, so nahe war der Donner erklungen. Eine halbe Sekunde später spürte er warmes Blut über seine Brust laufen. Es quoll fröhlich aus einem fingergroßen Loch über seiner linken Brustwarze.
Mit weit aufgerissenen Augen und in einem atemlosen Schrei gefangen drehte er sich zu George um. Die fiese Ratte hatte einen Revolver in der Hand. Ein silberner Lauf, vielleicht sechs Zoll lang, schwarzer Griff. Eine sechsteilige Trommel, aus deren Kammern er eine Patrone direkt in sein Herz geballert hatte.

Gut, dass Brunos Welt sich daran gewöhnt hatte, zu rotieren, so bekam er immerhin keine Motion-Sickness, als sie einen Purzelbaum schlug und ihn erst auf die Knie und dann auf den Rücken zwang.
George hockte jetzt über ihm und starrte, selbst ein wenig ungläubig, auf die Waffe.

"Ironisch", murmelte er, "zwanzig Jahre lang habe ich diese Knarre bei mir getragen, bereit, jeden niederzuwalzen, der Henry zu nahe kommt. Und die einzigen Schüsse, die sie abfeuert, zielen auf dich." Er schüttelte den Kopf in klassischer "Schade-dass-die-Welt-so-ungerecht-ist-Manier.
"Aber was sollte ich machen? Einfach abwarten, bis irgendjemand die Story ausgräbt? Vielleicht sogar du? Nein. Nein. Das ist der falsche Weg. Ich muss den Zeitungen eine andere Geschichte bieten. Eine, die filmreif ist. Der neidische, perfide Boxer fällt seinen Konkurrenten mit Gift und nimmt sich wenig später das Leben an dessen Grab, weil die Schuld so schwer wiegt. Hört sich gut an, nicht wahr? Ich sollte wohl nach Hollywood gehen, jetzt, da der Boxsport mich nicht mehr braucht."
Schmerz. Heißer, brennender Schmerz schoss auf der Überholspur durch Brunos Körper. Unter Aufbringung all seiner Disziplin brachte er ein gekrächztes Wort über seine schäumenden Lippen.
"Warum?", fragte er bebend.
"Weil Georgie in niemandes Schatten steht", hauchte der Trainer. "Nicht in Henry Goldsteins und sicher nicht in Bruno Santinos. Adieu."
Seine Krampfader-überzogenen Finger krümmten sich um den Abzug des Revolvers. Der Hahn schlug auf den Schlaghammer, der wiederum auf den Patronenrücken ballerte, die Ladung auslöste und das Geschoss auf seine tödliche Tournee schickte. Über den geriffelten Lauf direkt in Brunos Kopf.
"Basta-", schimpfte Bruno mit letzter Kraft.
Schwarz.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Dan Prescot am 27.08.2019:

Klasse Story, sehr gelungen.




geschrieben von Hubi am 20.05.2021:

Super nice ... Gleich Mal recordet https://youtu.be/WSqgqcUc3eg




geschrieben von Metti am 20.05.2021:

Klingt gut. Mit dem Autoren abgesprochen?




geschrieben von Hubi am 20.05.2021:

Hallo Metti... Danke.... ☺️ Nein nicht wirklich... Ich bin hier irgendwie neu... Habe gesucht und gesucht: a in den AGBs und nichts gefunden - das klang eher so das sobald sie hier öffentlich sind sind sie frei verfügbar. Außerdem weiss ich nicht wie ich den Autor direkt kontaktieren kann... 😳... Sollte es über diesen Weg hier sein dann bitte ich um Entschuldigung und gerne um eine Info ob ich diese Vertonung so weiter nutzen darf, oder ob ich sie löschen soll.... Zudem würde ich gerne mehr machen - gibt's hier eine Rubrik zum "veröffentlichen"????




geschrieben von Metti am 21.05.2021:

Ich empfehle, vorher zu fragen. Die Rechte liegen bei den Autoren.




geschrieben von Hubi am 21.05.2021:

Wie mache ich das?? Kann man den Autor persönlich erreichen???




geschrieben von Metti am 21.05.2021:

Das Kommentarfeld ist schon der richtige Ort für eine solche Anfrage. Punkt 2 der Regeln besagt, dass er Autor das Recht einräumt, die Geschichte auf dieser Seite zu veröffentlichen. Mehr nicht.

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