Veröffentlicht: 20.04.2026. Rubrik: Satirisches
Der Vegane Vampir
Graf Dracula der Dritte war die Schande der Ahnenreihe. Er hing nicht wie seine Vorfahren in einer modrigen Gruft in Transsilvanien ab, sondern in einer sündhaft teuren Loft-Wohnung in Berlin-Mitte. Und das Schlimmste: Er war seit 2014 Veganer.
„Blut ist Raubbau am Individuum“, pflegte er zu zischen, während er an seinem Glas Rote-Bete-Smoothie nippte, das er mit Eisenpräparaten angereichert hatte. „Und die CO2-Bilanz eines Dorfmitbewohners? Katastrophal.“ Sein Diener Renfield, der früher Fliegen gefressen hatte und jetzt meistens damit beschäftigt war, Grünkohl-Chips zu dehydrieren, sah ihn skeptisch an. „Meister, Sie sehen blass aus. Also, blasser als sonst. Fast schon durchsichtig.“

„Das ist der Glow, Renfield!“, entgegnete Dracula und versuchte, sich die Fangzähne zu putzen, die mangels Nutzung langsam stumpf wurden. „Ich fühle mich leicht. Rein. Ethik ist der neue Durst.“
Der schwarze Humor der Situation offenbarte sich meistens bei den „Jagdausflügen“. Statt sich im Schatten an junge Jungfrauen heranzupirschen, schlich Dracula nachts in den Bio-Supermarkt. Sein größter Kick war es, eine Kiste Bio-Tomaten zu „erlegen“, deren Haltbarkeitsdatum kurz vor dem Ablaufen war.
Eines Nachts jedoch überkam ihn der alte Hunger. Er stand in einer dunklen Gasse vor einem Hipster, der gerade ein Avocado-Brot verspeiste. Dracula spürte das Pochen der Halsschlagader. Es klang wie eine Einladung. Er entblößte seine Zähne, stürzte nach vorne und... stoppte abrupt.
„Ist das Fleisch da drin?“, fragte er mit grabesähnlicher Stimme und deutete auf das Sandwich.
„Äh, nein, nur Kichererbsenmus und Alfalfa-Sprossen“, stammelte der Hipster.
Dracula seufzte erleichtert. „Gott sei Dank. Ich dachte schon, ich müsste dich wegen deiner schlechten Lebensentscheidungen aussaugen. Aber sag mal... ist die Avocado aus fairem Handel?“
Der Hipster zuckte mit den Schultern. Dracula schüttelte angewidert den Kopf. „Mörder“, murmelte er und verschwand in einer Wolke aus (ökologisch abbaubarem) Staub.
Zurück im Loft betrachtete er sein Spiegelbild – das er natürlich nicht sah. „Renfield!“, rief er. „Bestell mir eine Kiste Eisenkraut-Tee. Und wenn du nochmal vergisst, die Hafermilch zu schütteln, dann... dann werde ich sehr passiv-aggressiv!“
Dracula legte sich in seinen Sarg aus recyceltem Treibholz und schloss die Augen. Er war zwar verdammt hungrig, aber wenigstens war sein Gewissen so rein wie eine frisch gewaschene Leinen-Tunika. Und am Ende des Tages war das der einzig wahre Weg, die Ewigkeit zu überstehen: mit einer ordentlichen Portion Selbstgerechtigkeit.




