Veröffentlicht: 23.04.2026. Rubrik: Lustiges
Wartezimmerwarten
Kalendereintrag:
16:30 Uhr Hausarzt/Kontrolle

Mit deutscher Überpünktlichkeit sitze ich bereits 16:10 Uhr im Wartezimmer und warte.
17:00 Uhr,
ich warte immer noch.
Die bunten Illustrierten sind durchgeblättert und die Schlagzeilen gelesen, ich bin auf dem aktuellsten Stand: wer mit wem und wer nicht mehr mit wem und wer gerade wem auf den Docht geht.
Gähn.
Ich habe auch ein Buch dabei. Nur kann ich mich nicht auf den Inhalt konzentrieren, die Gespräche in der Wartezimmerrunde sind zu interessant. Ich muss lauschen. Vermuteter Darmverschluss (der Herr ist aufgebläht und kann nicht flatulieren) vs. eingeklemmter Ischiasnerv (der Schmerz zieht vom Rücken bis rein in den Arsch). Es wird gefachsimpelt. Die Diagnosen stehen fest. Ursachen, eventuelle Therapien und Medikationen werden akribisch dargelegt. Die Ärztin kann getrost auf eine Untersuchung verzichten, die Befundungen werden gerade treffsicher im Wartezimmer erhoben.
17:20 Uhr,
der Herr mit dem Darmverschluss hat den Raum verlassen. Jetzt sitzen wir zu fünft und schweigen. Ich lese in meinem Buch. Der Mann mit dem geklemmten Nerv stöhnt ein wenig, ansonsten: Stille.
Der kleine Zimmerbrunnen plätschert vor sich hin. Dumpfes Gemurmel schwappt aus Richtung Rezeption herüber.
17:40 Uhr,
ich muss kurz eingenickt sein. Statt zu fünft hocken wir nur noch zu dritt. Wann sind die anderen zwei gegangen? Hab ich geschnarcht?
18:00 Uhr,
jetzt ist mein Hintern eingeschlafen.
18:01 Uhr
Ich scrolle mich durch die sozialen Netzwerke, der erste Clip lässt nicht lange auf sich warten und beschallt mit formidabler Lautstärke das Wartezimmer. Ich ernte erschrockene Blicke und scrolle schnell weiter - die Schrecksekunde ist vorbei, man fällt zurück in die kollektive Wartezimmermeditation.
18:07 Uhr,
ich sinniere darüber, warum Uhrzeiten bei der Terminvergabe so wichtig sind.
"Kommen Sie am soundsovielten Nachmittags und warten Sie, bis Sie aufgerufen werden", wäre auf jeden Fall die ehrlichere Variante.
18:10 Uhr,
ich entdecke eine Zeitschrift mit Südtiroler Rezepten und beginne einige abzufotografieren, wohlwissend, dass diese nie wieder angeschaut werden.
18:20 Uhr,
ich befinde mich im Dämmerschlaf. Das Buch rutscht vom Schoß und kracht auf den Boden.
Es folgen abermals erschrockene Blicke.
18:30 Uhr,
endlich wird mein Name aufgerufen ...
18:40 Uhr,
Abflug nach Hause
mit Knochen, die vielleicht nicht ganz dicht sind und laut Cholesterinwert bin ich immer noch ne schlechte Fette, aber auf dem Weg der Besserung, Statine sei Dank
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