Kurzgeschichten-Stories
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geschrieben 2019 von Ada Eritrea (Ada Eritrea).
Veröffentlicht: 08.05.2020. Rubrik: Unsortiert


About Time

Rose holte tief Luft. Keine Ahnung was sie hier eigentlich tat. Sie packte ihre neu gekauften Sachen für die Wanderung. Sie war praktisch noch nie richtig wandern gewesen. Was für sie unter Wanderung fiel, war für richtige Bergsteiger maximal ein Spaziergang. Sie hatte keine Ahnung mehr wie sie sich von ihren Freunden dazu überreden lassen konnte. Sie seufzte. Egal, es half nichts. Sie hatte sich bereits für die Tour angemeldet und jetzt zog sie das auch durch. Die neue, selbstbewusste Rose hatte keine Angst vor einer Herausforderung. Jedenfalls versuchte sie sich das einzureden. Eigentlich ging ihr der Arsch auf Grundeis. Sie waren zu sechst in der Gruppe. Vier Mitglieder und zwei Bergführer. Die Wanderung würde fünf Tage dauern mit Übernachtung in einer Hütte und dann der erneute Abstieg. Das Wetter war ihnen nicht gut gestimmt. Es sollte bitterkalt werden und es wurde auch etwas Neuschnee angekündigt. Viel lieber würde es sich Rose an solchen Tagen in ihrer kleinen Wohnung gemütlich machen und dem Schneetreiben vom Fenster aus zu sehen. Bevor sie es sich noch anders überlegen konnte, packte sie ihre Tasche und verließ die Wohnung. Draußen kam ihr ein beißend kalter Wind entgegen. Sie zog den Schal noch enger um ihr Gesicht und machte sich auf den Weg. Beim Büro der Naturfreunde angekommen konnte Rose es kaum erwarten endlich wieder in ein warmes Gebäude zu kommen. Ihre Zehen waren bereits durchgefroren. Mit Schwung öffnete sie die Tür und sah nicht, dass sich dahinter jemand befand. “Pass doch auf, hast du keine Augen im Kopf? Verdammt”. Ein junger Mann drehte sich zu Rose um und funkelte sie böse an. Er schien etwa in ihrem Alter zu sein, eventuell etwas älter. Er hatte etwas Bedrohliches an sich und das lag nicht daran, dass er sie gerade so angeherrscht hatte. Rose konnte es nicht genau benennen, aber er war ihr sofort unsympathisch. Hoffentlich war er nicht Mitglied in ihrer Gruppe. “Tut mir leid, ich habe Sie nicht gesehen. Da draußen herrscht das reinste Chaos und es ist eiskalt” “Das ist keine Entschuldigung. Passen Sie in Zukunft besser auf”. herrschte er sie erneut an. Hinter dem Tresen kam ein älterer Mann hervor: “Lass gut sein, Henry. Sie hat es ja nicht absichtlich getan. Du musst Rose sein, die Letzte im Bunde. Die Anderen sind schon hier. Willkommen. Ich bin Bill. Freut mich sehr.” Er schüttelte ihr mit kräftigem Druck die Hand. “Danke, freut mich auch. Ich bin Rose.” “Komm, ich stell dich dem Rest der Gruppe vor.” Bill deutete ihr an ihm zu folgen. In einem Nebenraum waren bereits alle Gruppenmitglieder versammelt und begutachteten die Kletterausrüstung. “Hallo Leute, heißt bitte alle Rose willkommen. Sie ist die Unerfahrenste in der Gruppe, daher werden wir auf sie besonders Acht geben, aber ich bin mir sicher sie ist gut bei uns aufgehoben!” Nacheinander schüttelte Rose alle Hände und hatte Schwierigkeiten sich alle Namen so schnell zu merken. Ann und Joel waren ein Ehepaar um die vierzig, die schon viel Erfahrung mit schwierigen Wanderungen und Klettersteigen aller Art haben. Dann war da noch Fred, ein Bursche Anfang zwanzig, der aber aussah wie sechzehn und scheinbar auch noch wenig Erfahrung mit Klettern hatte. Gottseidank war sie nicht die Einzige. “Und Henry hast du ja bereits kennengelernt. Er ist der zweite Bergführer” “Na toll”, dachte Rose. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Dieser arrogante Kerl war nicht nur Teil der Gruppe, er war natürlich auch der Bergführer und sagte wo es langging. Und Rose musste gehorchen. Das gefiel ihr gar nicht. Solche Leute nutzten diese Machtverhältnisse immer aus. Henry teilte Seile an alle Mitglieder aus und erklärte ein paar Regeln. Rose war mit den Gedanken woanders und merkte nicht, dass sie seufzte als er bei ihr ankam. “Wenn ich dich langweile kannst du jederzeit gehen. Da ist die Tür” Er sah Rose auffordernd an. Rose erwiderte trotzig seinem strengen Blick. “Natürlich nicht. Tut mir leid, ich bin jetzt voll und ganz konzentriert.” “Wenn man’s glauben soll”, antwortet Henry mürrisch und erklärte weiter. Nach einer Stunde brachen sie schließlich auf. Das Wetter ist etwas besser geworden und allmählich kam auch die Sonne raus. Zwar war für die nächsten Tage etwas Neuschnee angesagt, aber ansonsten sollte das Wetter weitgehend stabil bleiben. Der erste Teil der Wanderung war fordernd, aber nicht allzu anstrengend. Rose konnte halbwegs gut mithalten. Sie hatte ein paar Monate vorher angefangen im Fitnessstudio zu trainieren, um zumindest nicht schon am Anfang völlig aus den Latschen zu kippen. Nach ca. zwei Stunden waren sie beim Einstieg zum ersten Klettersteig angekommen. Bill erklärte nochmal allen kurz die Regeln. Er würde vorangehen und hinter ihm Ann und Joel, danach kamen Rose und Fred. Henry machte das Schlusslicht. Allmählich wurde Rose etwas nervös. Vielleicht hatte sie sich doch zu viel zugemutet. Eigentlich hatte sie keine Probleme mit Höhenangst, aber jetzt wurde ihr schwindelig. Auch Fred wurde etwas stiller. Vorhin hatte er noch ununterbrochen gequasselt, doch jetzt kam von ihm kein Mucks mehr. Henry kontrollierte bei allen die Gurte und Helme und zog gegebenenfalls noch etwas fest. Dabei sprach er so gut wie nichts. “Komischer Kauz, findest du nicht?”, flüsterte Ann ihr zu. “Warum ist der nur so mürrisch? Er scheint nicht freiwillig hier zu sein”. “Dann fällt das also nicht nur mir auf? Ich dachte schon er würde nur mich so abschätzig behandeln.” Rose war erleichtert. Es machte die Situation zwar nicht angenehmer, aber zumindest schien es nicht an ihr zu liegen. “Naja, an dir scheint er einen Narren gefressen zu haben. Halt dich lieber von ihm fern. Wenn er nur nicht so gut aussehen würde. Es sind immer die Männer mit der gewissen Ausstrahlung die so ihre Macken haben.” Ann zwinkerte Rose zu. “Was schwärmst du da für einen anderen Mann, der noch dazu viel jünger und so gutaussehend ist?” Joel kam von der Seite angetanzt und funkelte Ann gespielt böse an. “Ach mein Schatz, du weißt doch, du bist der einzige Kindskopf in meinem Leben. Als würde ich mir die Arbeit antun und neben dir noch jemanden dazu bringen wollen, dass er seine Socken aufhebt!” Ann küsste ihren Mann. “Wir haben uns nur über Henry unterhalten. Er wirkt sehr schroff und ist nicht sehr nett. Vor allem gegenüber Rose.” “Wisst ihr denn nicht wer das ist? Er ist der Sohn des Besitzers. Dürfte ein paar harte Zeiten hinter sich haben. Ich weiß nicht was passiert ist, aber er hat wohl eine Zeit lang gesessen. Jetzt ist er auf Bewährung raus und muss bei seinem Vater arbeiten. Das passt ihm natürlich gar nicht. Ich glaube er wäre im Grunde in Ordnung, aber irgendwie ist er wohl auf die schiefe Bahn geraten und muss da jetzt wieder rausfinden. Mit Ende zwanzig dazu verdonnert werden bei Papa mitzuhelfen entspricht wahrscheinlich nicht ganz seinen Vorstellungen vom richtigen Leben.” “Woher weißt du das alles?”fragte Ann verblüfft. “Ich war mal mit Bill alleine auf einer Wanderung, da haben wir abends auf der Hütte ein paar Schnäpschen getrunken und dann wurde er Redselig. Du weißt ja, Schatz. Bei mir fangen sie irgendwann alle an zu plaudern. Ich hab die gewisse Aura.”meinte Joel lachend und küsste seine Frau. “Ach hau schon ab, du Kindskopf!” Ann wuschelte ihrem Mann durch die lockigen Haare und dieser ging zurück zu Bill und half ihm bei den letzten Vorbereitungen. Die Anderen haben von ihrem Gespräch nichts mitbekommen. “Ach so ist das also. Dann ist er sogar ein richtiger Bad Boy. Halt dich lieber von ihm fern, Rose. Ich weiß solche Jungs haben immer eine gewisse Ausstrahlung. Aber sie verheißen nichts Gutes und am Ende stehst du alleine da.” Ann’s Blick triftete kurz ab. Der Moment war so schnell vorbei, dass sich Rose auch irren konnte, aber es schien als dachte Ann an etwas aus ihrer Vergangenheit. “Danke Ann, das werde ich tun. Er scheint mich sowieso nicht sonderlich zu mögen und das beruht auf Gegenseitigkeit.” In diesem Moment blickte Henry zu ihr auf und sah ihr tief in die Augen. Rose wusste, er konnte sie nicht gehört haben und doch wirkte es so, als hatte er die ganze Zeit gewusst, dass sie sich über ihn unterhielten. Rose ignorierte das komische Gefühl in ihrem Bauch und ging zu Bill. Er half ihr den Klettergurt anzulegen und erklärte ihr nochmal genau was jetzt passieren würde. Rose wurden nun richtig nervös. Es sollte also losgehen. Sie reihten sich wie angewiesen nacheinander ein und starteten in den Klettersteig. Der erste Teil sollte noch der Leichteste von allen sein. Zuerst kamen sie gut voran und Rose fand sogar Gefallen daran. Es war gar nicht so schwer, sie musste sich nur darauf konzentrieren keine Fehler zu machen und bloß nicht nach unten zu sehen. Nach einiger Zeit merkte Rose aber, dass sie langsamer wurden. Fred kam nicht mehr ganz so zügig nach wie zu Beginn. Auch Rose merkte nun, dass ihre Kraft weniger wurde. Der Anstieg war sehr anspruchsvoll und mit der Wanderung zuvor war sie bereits etwas ausgelaugt. “Kommt schon Leute. Es ist nur mehr ein kleines Stück, dann haben wir die erste Etappe geschafft und es gibt eine Pause!” Bill versuchte die Gruppe zu motivieren und Rose packte der Ehrgeiz. Sie konzentrierte sich vollends auf den Aufstieg und nach circa zehn Minuten hatten sie es geschafft. Rose sprang euphorisch auf und ab. “Das war ja krass! Wir haben es geschafft! Sie umarmte Fred in ihrer Euphorie und lachte. Sie war erleichtert, dass die erste Etappe vorbei war. “Freu dich nicht zu früh, das war das einfache Stück. Kein Grund so herum zu hopsen”, raunzte Henry sie an. Rose ließ sich davon aber nicht beeindrucken und streckte ihm einfach keck die Zunge raus. Sie war nicht zu stoppen, wenn sie mal gut drauf war. Bill teilte Proviant für alle aus und sie setzten sich auf ein paar Steine. Die Sonne wärmte ihnen angenehm das Gesicht und aufgrund der Anstrengung beim Aufstieg war niemanden kalt, obwohl man schon eine gewisse Frische spüren konnte. “Also zum restlichen Tag. Wir haben jetzt noch eine kurze, aber anspruchsvolle Wanderung vor uns. Dann kommen wir zur ersten Basis. Dort werden wir übernachten. Morgen starten wir um fünf Uhr früh, damit wir die zweite Etappe schaffen. Das Wetter spielt für morgen noch gut mit, aber ab übermorgen soll es kälter werden. Kein Grund zur Sorge. Es wird etwas Neuschnee geben, aber ansonsten bleibt das Wetter stabil.”, erklärte Bill den restlichen Ablauf. Rose blickte sich zum ersten Mal, seit sie oben angekommen sind, um. Es war ein wunderschöner Ausblick. Kein Foto wurde dem gerecht. Sie genoss die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht und lächelte. Es war die richtige Entscheidung gewesen. Auch wenn es ihr alles abverlangte, so wurde sie von einem herrlichen Ausblick belohnt und hatte obendrein noch ein paar nette Leute kennen gelernt. Henry davon mal ausgeschlossen, aber sie verdrängte den Gedanken an ihn, um sich nicht zu ärgern. Nach einer fünfzehnminütigen Pause brachen sie wieder auf. Das Wetter war herrlich und Rose genoss den Ausflug in vollen Zügen. Ja, es war definitiv die richtige Entscheidung gewesen. Rose war zufrieden mit sich selbst und ihrer Leistung und das kam weiß Gott nicht all zu oft vor. Die nächste Wanderung hatte es wirklich in sich und es ging durchgehend steil bergauf. Wie Bill versprochen hatte, war das Stück aber nicht allzu lange und auch den zweiten Klettersteig meisterten alle mit bravour. Der Tag war so schnell vergangen und Rose spürte jeden Knochen in ihrem Körper, als sie endlich bei der Basis angekommen sind. Dort standen bereits ein paar Zelte für sie bereit. Nicht auszudenken, wenn sie das ganze Material dafür auch noch mitschleppen hätten müssen. Sie hatten alle einen Riesenhunger und bereiteten gemeinsam für alle ein Abendessen vor. Die Situation hatte etwas heimeliges. Sie und Ann schnippelten Gemüse, die Jungs kümmerten sich ums Feuer. Alle waren müde und K.O. und trotzdem froh hier zu sein. Henry murmelte etwas von “brauchen mehr Holz” und war schon kurz darauf verschwunden. Er schien sich auch mit dem Rest der Gruppe nicht sonderlich zu verstehen. Später saßen sie gemeinsam gemütlich vor dem Feuer und Bill und Joel erzählten viele Geschichten von ihren gemeinsamen Reisen die sie bisher gemacht hatten. Fred verabschiedete sich als Erster. Er hatte nach dem Essen kaum mehr gesprochen, so fertig war er. Auch Rose konnte kaum mehr die Augen offen halten und ließ den Rest der Gruppe bald allein. Sie kuschelte sich in ihren Schlafsack, den sie extra für die Reise gekauft hatte. Der sollte sie schön warm halten. Sie war völlig erledigt und kaum hatte sie den Reißverschluss zugezogen, fielen ihr auch schon die Augen zu.
Nach gefühlten fünf Minuten Schlaf, erwachte sie von einem lauten Geräusch. Es war Bill, der sie alle aus den Federn schmiss. “Aufwachen Leute, Tagwache! Morgenstund hat Gold im Mund! Wir müssen aufbrechen!” Rose rührte sich nicht. Ihr ganzer Körper tat weh. Sie spürte Muskeln von denen sie nicht mal wusste, dass sie sie hatte. Keine Ahnung wie sie den heutigen Tag schaffen sollte. Die nächsten Etappen schienen ihr unüberwindbar. “Komm schon du faule Haut, aufgestanden” Ann öffnete bereits den Reißverschluss von Rose’ Zelt. Sie drehte sich weg, als ihr Sonnenstrahlen ins Gesicht fielen. “Nein, ich will nicht. Lasst mich hier. Ich will schlafen und meinen Muskelkater auskurieren” “Sei nicht so bockig, der Tag ist wunderschön, das Wetter ist herrlich! Komm raus an die frische Luft und trink erstmal einen Kaffee, dann fühlst du dich wie ein neuer Mensch!” Rose stieg der angenehme Duft von frisch gebrühten Kaffee in die Nase, dem sie nie widerstehen konnte. Widerwillig richtete sie sich auf und krabbelte auf allen vieren aus dem Zelt. Just in dem Moment kam Henry um die Ecke, beobachtete die Szene und schüttelte nur den Kopf. “So wie du aussiehst, wirst du die Etappe heute nicht schaffen.” Ohne stehen zu bleiben oder sie weiter zu beachten ging er weiter. Rose seufzte. Musste er ausgerechnet jetzt um die Ecke biegen? Idiot. In ihr stieg Trotz auf. “Dem werde ich es schon zeigen”, dachte sie sich und richtete sich auf. Sie strich sich die wilden Strähnen aus dem Gesicht und band sie zu einem Zopf. Sie holte ihre Toilettesachen aus dem Zelt und putzte sich die Zähne und wusch sich notdürftig das Gesicht. Ann war bereits wieder zu den anderen gegangen und Rose hörte sie von weitem Lachen. Wo hatten die nur die ganze Energie her? Halbwegs für die Begegnung mit anderen Leuten gewappnet, gesellte sich Rose zu den anderen dazu und trank einen Kaffee. “Oh Mann, den hab ich jetzt bitter nötig. Mir tut alles weh.” “Ja mir auch”, sagte Fred ehrlich. “Was steht für heute an, Bill?”, fragte Ann. “Also die heutige Etappe wird nochmal etwas stärker, aber dann haben wir das Gröbste geschafft. Wir sollten nicht allzu viel Zeit verlieren, weil für heute Nachmittag schlechteres Wetter angesagt wird als gedacht, aber ich denke wir schaffen es rechtzeitig zur zweiten Basis.” Gesagt getan, packten sie alle ihre Sachen und waren bereits eine halbe Stunde später Aufbruchbereit. Sie kamen gut voran, waren aber trotzdem deutlich langsamer als am Tag zuvor. Hauptsächlich weil Rose und Fred nach hinkten. In beider Einvernehmen sprachen sie nicht viel, um ihre Kräfte zu schonen. Der Rest der Gruppe war ein Stück weiter vorne. Solange sie noch nicht beim Klettersteig angekommen waren, konnte jeder so schnell gehen wie er wollte. Nach einer dreistündigen Wanderung waren sie beim Einstieg angekommen. Bill half ihnen wieder bei dem Kletterzeug. Rose Finger fühlten sich etwas klamm an, das Wetter hatte über den Vormittag deutlich aufgefrischt und ein kalter Wind blies ihnen um das Gesicht. Sie schaffte es nicht den Verschluss festzumachen, egal wie stark sie es versuchte. Da kam Henry und riss ihr die Kappe förmlich aus der Hand. “Ich kann dir gar nicht zusehen, wie du dich anstellst. Nächstes Mal solltest du zu Hause bleiben, Mädchen.”, knurrte er. “Nenn mich gefälligst nicht Mädchen, Junge. Du bist kaum älter als ich. Und ich habe dich auch nicht um Hilfe gebeten”, raunzte sie zurück. Sie hatte keine Geduld mehr mit diesem Typen. Eigentlich wollte sie seine arrogante Art ignorieren, aber die Müdigkeit und der Muskelkater wirkten sich auch auf ihr Gemüt aus. “Henry, lass sie in Ruhe. Es ist deine Pflicht ihr zu helfen. Also, sind wir alle soweit? Dann kann es ja losgehen.” Bill versuchte die Situation zu entschärfen, indem er die Gruppe zum Start antrieb. Rose sammelte all ihre Kräfte und legte los. In einem steten Rhythmus stiegen sie bergauf. Der Wind wurde stärker, also versuchten sie so gut es ging weiterzukommen. Rose spürte irgendwann ihre Hände nicht mehr, aber sie spürte Henrys abfälligen Blick hinter ihr, sobald sie etwas langsamer wurde und riss sich zusammen. Fred sah ebenfalls aus als würden ihn bald seine Kräfte verlassen aber auch er hatte einen trotzigen Gesichtsausdruck. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten sie das Ende des Klettersteigs. Rose meinte sie würde keinen Schritt mehr machen können. Sie war fix und alle und wollte sich am liebsten auf den Boden werfen und nie wieder aufstehen. “Komm schon, Rose. Jetzt gibt es erstmal eine heiße Tasse Tee” Ann legte ihr den Arm um die Schulter und zog sie in Richtung Gruppe. Joel teilte bereits die Tassen aus und goss heißen Tee aus einer Thermoskanne. Rose hatte nicht einmal mitbekommen, wann sie den Tee vorbereitet hatten. Es musste heute früh gewesen sein, als sie noch geschlafen hat. “Okay dann erzähl mal Bill. Was steht uns heute noch bevor?” bat Ann. “Wir werden hier mal ein paar Minuten rasten, damit wir für die nächste Etappe gerüstet sind. Wir haben bereits die Hälfte geschafft. Leider scheint das Wetter doch schlechter zu werden als gedacht, also sollten wir uns sputen, damit wir die heutige Etappe noch schaffen. Ich hoffe es wird morgen besser, dann schaffen wir den Rest zur Hütte bevor es dunkel wird.” Das waren ja rosige Aussichten. Die Wanderung war eine Sache, aber das Ganze auch noch bei schlechten Wetterbedingungen zu schaffen, eine andere. Solange Bill noch entspannt aussah, versuchte Rose sich keine Sorgen zu machen. Sie vertraute ihm völlig. Der Wind wurde immer stärker und sie kamen noch langsamer voran als vorher. Das Stück zum nächsten Klettersteig war glücklicherweise nicht allzu lang und ging fast ebenmäßig dahin. Während der Wanderung sprach fast niemand mehr. Auch Ann und Joel schienen ihre Kräfte zu sparen. Der Klettersteig hatte es nochmal in sich. Der Wind kam nun böenartig von oben herab und erschwerte ihnen den Aufstieg. Sie kamen nur sehr langsam voran und Rose meinte schon sie verließen alle Kräfte. Aber hier zu bleiben war auch keine Option also biss sie die Zähne zusammen und ging weiter. Oben angekommen hatten sie noch ein kurzes Stück zur nächsten Basis. Sie tranken alle nochmal eine Tasse Tee bevor sie sich in den Zelten verkrochen. Rose war bitterkalt. Der Wind blies laut über ihr Zelt hinweg. Sie glaubte nicht, dass sie heute gut schlafen würde auch wenn sie völlig kaputt war. Allmählich machte sie sich Gedanken. Was wenn es morgen noch schlimmer wurde mit dem Wetter? Würden sie es bis zur Hütte schaffen? Was würde passieren, wenn sie es nicht rechtzeitig schafften? Sie schüttelte den Kopf. Sie durfte sich jetzt nicht verrückt machen. Trotz ihres dicken Schlafsacks war ihr bitterkalt. Der Wind blies die ganze Nacht laut über sie hinweg und Rose tat kaum ein Auge zu. Völlig gerädert erwachte sie am nächsten Morgen. Der Wind war etwas weniger geworden, aber die Sonne ließ sich kaum blicken. Sie zog sich warm an und kroch aus dem Zelt. “Okay Leute, wir müssen zusehen das wir wegkommen. Das Wetter wird nur kurze Zeit so gut sein wie jetzt, dann wird es schlimmer. Der für heute angekündigte Neuschnee wird wohl doch ein bisschen mehr als gedacht. Ich hoffe uns bleibt ein Schneesturm erspart, aber zurzeit kann ich das noch nicht sagen.” Nun klang auch Bill nicht mehr ganz so positiv gestimmt wie an den Tagen zuvor. “Leider kann man so etwas nur schwer voraussagen. Als wir aufgebrochen sind schien die Wettervorhersage stabil. Das kann sich aber in den Bergen innerhalb kurzer Zeit ändern. Aber wir machen das Beste daraus. Wir sind doch hart im Nehmen oder Leute?” Er versuchte die Gruppe zu motivieren, aber allen lag noch die Kälte aus der vergangenen Nacht in den Knochen. Fred sah blass aus und wirkte, als würde ihn die nächste Windböe wegblasen. “Alles in Ordnung bei dir?” Rose flüsterte ihm zu. Er wollte bestimmt nicht, dass alle es mit bekamen, fall etwas nicht in Ordnung war. “Mir ist schlecht. Ich glaube ich muss mich übergeben. Was ist wenn der Sturm schlimmer wird? Ich will nicht hier oben sterben.” Er sah sie mit Angst in den Augen an. “Ach uns wird nichts passieren. Das würden Bill und Henry niemals zulassen. Okay, Henry vielleicht schon aber Bill, Joel und Ann passen auf uns auf. Sie haben Erfahrung und werden uns helfen. Wir schaffen das schon!” Rose versuchte so gut es ging Fred aufzumuntern und sie schaffte es sogar ihm ein kleines Lächeln zu entlocken. “Kommt schon ihr Schnecken, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.” Henry trat von hinten an sie ran und gab ihnen ihre Rucksäcke. Rose hatte allmählich genug von ihm. “Ach halt doch die Klappe du arroganter Sack”, sagte sie in einer Lautstärke, die gerade laut genug war, dass Henry sie verstehen konnte aber der Rest der Gruppe nichts mitbekam. “Was hast du gerade gesagt?” Er funkelte sie böse an. “Du hast mich schon verstanden. Deine Aufgabe ist es uns sicher zur Hütte zu bringen und uns zu motivieren, wenn wir keine Kraft haben aber du führst dich auf wie ein trotziger, kleiner Bengel. Werd erwachsen und stehe zu deinen Pflichten anstatt immer nur Ärger zu machen.” Rose wählte ihre Worte mit bedacht zweideutig. Henry schaute sie irritiert an, als wäre er nicht sicher was sie über ihn wusste. Er schüttelte den Kopf und schnauzte sie an: “Ich soll mich erwachsen verhalten und bin mit euch beiden Kindern unterwegs. Ihr seid nicht bereit für so eine Tour. Ich habe die Schnauze voll von euch Idealisten, die glauben sich selbst Verwirklichen zu müssen indem sie weit über ihre Grenzen gehen. Ich hätte dich und Fred gar nicht mitgenommen, aber Bill musste ja mal wieder den Samariter spielen. Ihr bringt uns noch alle in Gefahr mit eurer Unerfahrenheit. Ihr habt keine Ahnung was sich in den Bergen abspielt, aber Hauptsache ihr habt nachher ein tolles Foto für eure Instagram Story.” Er zog entnervt von dannen ehe Rose darauf reagieren konnte. Das also dachte er von ihr. Arroganter Sack. SIe überlegte bereits ihn vor allen Leuten anzuschnauzen, ließ es aber dann doch sein. Das hatte ja doch keinen Sinn. Menschen wie er fühlten sich durch so eine Aktion noch viel mehr in ihrer Wahrheit bestätigt. Sie sollte wieder dazu übergehen ihn zu ignorieren. Trotzig schloss sie zum Rest der Gruppe auf. Das Wetter blieb am Vormittag halbwegs beständig und sie kamen gut voran. Auch Fred schien wieder bei Kräften zu sein und unterhielt sich angeregt mit Ann und Joel. Rose erwischte sich beim Gedanken, dass Fred vielleicht doch fitter war als angenommen und vielleicht nur ihr zu Liebe den Schwachen gespielt hatte. Jetzt wo Rose es sich überlegte, waren seine Handgriffe beim Klettersteig doch sehr gefestigt und bei den Wanderungen erschien es ihr, als hätte er seine Schritte den ihren angepasst. Vermutlich hatte er nur etwas mit Höhenangst zu kämpfen und war deshalb immer so blass geworden. Rose musste schmunzeln. Fred war echt schwer in Ordnung. Sie mochte ihn gerne. Um die Mittagszeit kamen sie beim Einstieg zum Klettersteig an. Mittlerweile waren sie sehr routiniert und jeder kannte die Handgriffe. Das Wetter war ihnen leider nun nicht mehr hold und wurde immer schlechter. Mittlerweile hatte es zu schneien begonnen. Rose konnte kaum noch Ann erkennen, die vor ihr ging. Sie sah gerade noch den nächsten Griff und versuchte den Wind und den Schnee der ihr in die Augen blies zu ignorieren. Sie betete, dass sie es bald geschafft haben. Sie hatte völlig die Orientierung verloren und konnte nicht sagen, wie weit es noch war oder wie lange sie schon unterwegs waren. Plötzlich machte etwas hinter ihr einen Ruck. Sie sah gerade noch wie Fred versuchte sich beim Griff festzumachen, aber seine Finger waren so steif, dass er es nicht mehr schaffte. Eine Böe ergriff ihn und er stürzte nach unten. Rose schrie auf. Bill und Joel reagierten sofort und hielten sich und das Seil so fest sie konnten. Ann rutschte aus, fand aber rasch wieder halt und hielt auch am Seil fest. Bill schrie etwas zu ihnen hinunter, aber Rose konnte nichts verstehen. Henry versuchte Fred zu helfen, der mit einem Bein im Seil festhing und verzweifelt versuchte sich hochzuziehen. Rose wollte helfen, aber sie wusste nicht wie und obwohl sie die nächste in der Reihe war, konnte sie die beiden fast nicht erkennen. Irgendwann erkannte sie, dass Henry sich auch vom Seil losgemacht hatte, weil er Fred sonst nicht erreichen würde. “Henry, nicht!” Bill schrie aus vollen Kräften. Er brachte sich damit selbst in höchste Gefahr aber er schien nicht darüber nachzudenken. Er schaffte es irgendwie Fred hoch zu helfen und Fred erfasste nach einer gefühlten Ewigkeit einen Griff. Mit wackeligen Beinen rutschte er immer wieder am Hang ab, aber er hielt sich weiterhin fest. Henry stützte ihn so gut er konnte, bis Fred wieder gesichert war. Mit zittrigen Händen und all der Kraft die Fred aufwenden konnte, versuchte er sich wieder zu sichern. Schließlich schaffte er es und atmete erleichtert auf. Henry hing noch ohne Sicherung in der Wand, als der Wind noch stärker wurde. Er versuchte Richtung Klettersteig zu kommen, fand aber nicht den nötigen Halt. Schließlich nahm er Schwung und versuchte mit einem Sprung den Griff zu erreichen. Kurz schien es als würde er Halt finden, doch seine Füße fanden keinen Halt und er rutschte ab. Rose schrie und wollte am liebsten nachspringen doch Ann hielt sie fest. “Nicht Rose, du kannst ihm nicht helfen”. “Aber wir müssen doch was tun. Ich sehe ihn nicht mehr”. Entsetzt starrte Rose den Hang hinab. Sie konnte nichts mehr erkennen. Was wenn er bis ganz unten gestürzt war? Sie mussten doch nach ihm sehen. Rose war verzweifelt. Das war doch nicht wirklich gerade passiert? Plötzlich meinte sie eine Gestalt zu erkennen. Erst glaubte, sie würde es sich nur einbilden aber es war tatsächlich Henry. “Er hat es geschafft” Rose schrie erleichtert auf. Henry kämpfte sich Schritt für Schritt den Steig hinauf. Er griff das Seil und schaffte es sich wieder zu sichern. “Kann weitergehen”, schrie er zu Bill hinauf. Bill ging weiter. Sie mussten rasch ans Ende des Steigs kommen. Das Wetter wurde immer schlechter. Noch so eine Aktion würde nicht so glimpflich ausgehen. Der Aufstieg war noch hart und Rose glaubte fast nicht mehr daran, dass sie es noch schaffen würden aber irgendwann hatten sie tatsächlich das Ende des Steigs erreicht. Sie verstauten die Kletterausrüstung in den Rucksäcken. “Alles in Ordnung bei dir, Junge?” Bill sah Henry besorgt an. Er fühlte, dass etwas nicht in Ordnung war. “Nein, alles okay. Ich bin nur ein paar Meter runtergerutscht, bevor ich wieder Halt fand. Nichts passiert”. “Na gut Leute, das ist nochmal gut ausgegangen. Wir müssen jetzt noch besser aufpassen. Das Wetter wird immer schlechter und wir haben noch ein Stück zur Hütte. Wenigstens haben wir keine Steige mehr, aber die Wanderung wird noch ein paar Stunden in Anspruch nehmen. Sie machten sich auf den Weg ohne eine Pause einzulegen. Das Schneetreiben wurde immer dichter. Sie blieben eng beisammen, da sie nur eine Hand weit sehen konnten. Bill orientierte sich mithilfe eines Kompass und er kannte den Weg in und auswendig, also vertraute Rose darauf, dass sie sich nicht verlaufen würden. Immer wieder sah sie verstohlen zu Henry. Er wirkte irgendwie nachdenklich und konzentriert. Sie konnte es nicht genau benennen. Erst nach einiger Zeit merkte sie, dass er sich die Hand ungewöhnlich an der Seite seines Bauches hielt. War er vielleicht doch verletzt? “Ann, ich glaube Henry ist verletzt.” flüsterte Rose ihr zu. “Wie kommst du darauf?” Nun musterte auch Ann ihn. “Er hält sich die Hand seitlich an den Bauch, als hätte er Seitenstechen. Aber das hat er bestimmt nicht. Da stimmt etwas nicht.” “Er hat gesagt es ist alles in Ordnung. Wird schon nicht so schlimm sein. Er ist ein harter Bursche, er schafft das schon. Mach dir keine Sorgen” Ann’s Worte beruhigten Rose nicht wirklich. Unauffällig passte Rose ihren Schritt an Henry an und ging hinter ihm her. Er schien es nicht zu bemerken oder ignorierte sie weiterhin, weil er nicht auf ihre Nähe reagierte. Allein dieser Umstand hätte Rose schon zu Denken geben sollen. Sie beobachtete Henry weiterhin und versuchte heraus zu finden, ob er verletzt war. Da erkannte sie einen dunklen Fleck am Ende seiner Jacke. Er passte farblich nicht zum Rest. Rose schrie entsetzt auf, als sie erkannte was es war: “Henry, du blutest! Du bist verletzt!” “Halt den Mund, Rose” fauchte Henry sie an. “Das ist gar nichts, mir geht’s gut.” “Aber du musst die Wunde verbinden, ich werde Bill Bescheid sagen!” Rose wollte schon nach vor laufen, doch Henry hielt sie auf: “Einen Scheiß wirst du tun. Ich habe bereits gesagt, es geht mir gut. Du wirst jetzt ganz bestimmt keine Szene machen. Wir müssen zur Hütte und da werde ich mich dann um die Wunde kümmern, aber jetzt bleibst du still und machst was ich dir sage, hast du mich verstanden?” Rose wollte widersprechen, aber mittlerweile kannte sie Henry gut genug um zu wissen, dass er nicht einlenken würde. “Wie weit ist es noch bis zur Hütte?” fragte Rose. “Noch ein oder zwei Stunden, ich bin mir nicht ganz sicher. Scheiß Wetter.” “Okay, ich verhalte mich ruhig. Aber ich bleibe in deiner Nähe, ob es dir passt oder nicht.” Henry wollte bereits zu einer Antwort ansetzen, doch Rose unterbrach ihn. “Keine Widerrede Henry, oder ich gehe sofort zu Bill.” Henry murrte, ließ Rose aber gewähren. Obwohl sie so eng beisammen waren, bekamen die anderen nichts von ihrer Auseinandersetzung mit. Der Wind und Schneefall wurde immer stärker. Rose meinte nach einiger Zeit eine Hütte zu erkennen, es konnte aber auch ein Trugschluss sein. Als sie weiter voran kamen wurden die Umrisse immer stärker. Da war tatsächlich eine Hütte, sie hatten es fast geschafft. Doch die Hütte war auf einer Anhöhe und da mussten sie erst hin kommen. Henry stand bereits der Schweiß auf der Stirn. Ihm ging es gar nicht gut, das wusste Rose, aber er beschwerte sich mit keinem Mucks. Plötzlich spürte sie wie Henry neben ihr zusammen sank. Mit einem Satz war sie bei ihm und schrie gleichzeitig nach Bill und den anderen. Er war zusammengebrochen und Blut kam unter seiner Jacke hervor. Seine Augen flackerten und er reagierte nicht auf Rose Rufe. Bill und die anderen kamen zu ihnen. “Was ist passiert?” “Er ist verletzt! Er hat mich gezwungen nichts zu sagen, er wollte es alleine bis zur Hütte schaffen aber jetzt ist er zusammengebrochen. Er blutet unter der Jacke an der Seite, siehst du?” “Du hättest etwas sagen sollen, Rose!” Bill herrschte sie an. “Henry, sag doch was! Kannst du aufstehen!” Henry sah Bill verwirrt an. Er brauchte einen Moment, um sich wieder zu fassen. “Komm schon mein Junge, ich helfe dir auf. Joel komm her und hilf mir. Wir müssen ihn bis zur Hütte schaffen. Hier draußen erfriert er!” Gemeinsam nahmen sie Henry zwischen die Arme und trugen ihn Richtung Hütte. Henry war ihnen dabei kaum eine Hilfe. Immer wieder sackte er weg und verlor den Halt. Als die Hütte in Sicht kam, rannten Fred und Ann vor und machten den Weg frei. Rose trug Henry’s Rucksack und kam nur schwer voran. Als der Rest der Gruppe bei der Hütte ankam, versuchte Ann bereits Feuer im Kamin zu entfachen. “Legt ihn auf die Couch”, befahl Ann. “Da können wir die Wunde am Besten versorgen. Sie legten Henry auf der Couch ab und befreiten ihn von seiner Kleidung. Die Wunde sah schlimmer aus als gedacht. Er musste beim Abrutsch einen rostigen Nagel oder etwas Ähnliches gestreift haben, denn ein roter Schimmer war in der Wunde zu sehen die sehr tief aussah. “Der Nagel muss raus, sonst läuft er Gefahr einen septischen Schock zu erleiden”, meinte Bill. “Ich hab ein paar Verbandssachen mit, aber ich bin mir nicht sicher ob das funktionieren wird”. Er machte sich an seinem Rucksack zu schaffen. Rose beobachtete die Szene wie gelähmt. Sie konnte nicht glauben, was sie da hörte. Septischer Schock? Das klang gar nicht gut. Die anderen machten sich alle nützlich und sogar Fred hatte ein paar gute Ideen wie er Henry helfen konnte. “Okay Henry, das wird jetzt etwas weh tun, aber ich hol den Nagel raus, okay?” Bill sah angestrengt zwischen Henry und der Wunde hin und her. “Kann sein das du Bewusstlos wirst, der Schmerz wird bestialisch sein. Ich hab nur ein bisschen Alkohol zum Betäuben da. Hier beiß da drauf.” Er gab ihm ein kleines Holzstück. Henry biss hinein und nickte Bill zu. Er legte los. Henry schrie auf und biss gleichzeitig auf das Holzstück. Seine Halsadern traten kräftig hervor und er krallte seine Hände in die Couch. Der Schmerz muss unausstehlich sein. Rose konnte kaum hinsehen. Fred wurde weiß im Gesicht und wandte sich ab. Ann und Joel blieben bei Henry. Joel hielt ihn fest, damit er sich nicht bewegen konnte und aus versehen den Nagel berührte. Ann leuchtete mit einer Taschenlampe in die Wunde, damit Bill besser sehen konnte. Das Ganze ging eine Ewigkeit so dahin und Rose hielt es fast nicht mehr aus. Irgendwann wurde Henry bewusstlos und die Schreie hörten auf. Bill hatte es endlich geschafft den Nagel aus der Wunde zu holen und versorgte die Stelle so gut es ging. “Das wäre mal geschafft. Ich hoffe es entzündet sich nicht. Ich werde ihn weiter beobachten und seine Atmung kontrollieren. Kümmert ihr euch mal ums Abendessen. Ann und Rose bereiteten ohne zu Reden das Essen her. Fred war immer noch kreidebleich und verzog sich in eines der Zimmer. Er würde heute ohnehin nichts mehr essen können. Joel half Bill bei der Versorgung von Henry und gesellte sich später zu den Damen. “Das wird schon wieder, macht euch keine Sorgen. Henry ist ein harter Bursche!” versuchte er die beiden Frauen aufzumuntern. “Wenn du das sagst, Schatz!” Ann seufzte. “Der arme Junge. Ich hoffe er hält durch. Das Wetter scheint immer schlechter zu werden.” Rose schluckte. Sie fühlte sich dafür verantwortlich, obwohl sie wusste, dass es nonsens war. Er hatte sich nicht ihretwegen verletzt und auch Fred konnte man dafür nicht die Schuld in die Schuhe schieben. Es war Henry’s Entscheidung die Sicherung zu lösen. Er hat es auf eigenes Risiko getan. Später saßen sie gemeinsam beim Abendessen. Keiner sprach ein Wort, man hörte nur das Knistern des Feuers und ab und zu ein leises Stöhnen von Henry. “Er schläft jetzt. Vorher wurde er nochmal kurz wach, er schien klar im Kopf. Das ist ein gutes Zeichen. Er wird schon wieder” meinte Bill. Rose war sich nicht sicher, ob er das zu ihnen oder mehr zu sich selbst sagte um sich zu vergewissern. Bill blieb die ganze Nacht bei Henry und befahl den anderen sich schlafen zu legen. Sie würden morgen weiter sehen. Rose konnte nicht schlafen. Sie machte sich riesige Sorgen um Henry. Sie hoffte, er würde wieder gesund und dass sich die Wunde nicht entzündete. Irgendwann fiel sie in einen ruhelosen Schlaf. Sie träumte wirre Sachen von Henry, dem Klettersteig und Fred. Diesmal war sie es die abstürzte und Henry kam ihr zur Hilfe. Doch als es darauf ankam, ließ er ihre Hand los und sagte: “Pech gehabt, du hast es so gewollt. Du bist zu unerfahren um so eine Tour zu machen. Er lachte höhnisch und sah zu wie sie den Hang hinunter fiel. Rose wachte schwitzend auf. Sie brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Erleichtert stellte sie fest, dass alles nur ein Traum gewesen war, bis ihr einfiel, dass Henry verletzt auf der Couch lag. Sie stand auf und holte sich aus der Küche ein Glas Wasser. Bill war auf dem Sessel neben der Couch eingeschlafen. Vorsichtig näherte sie sich der Couch, um nach Henry zu sehen. Er schien zu schlafen. Sie wollte schon beinah seinen Puls fühlen, als sie merkte, dass seine Augen leicht geöffnet waren. “Was starrst du mich so an?, flüsterte Henry in einem bedrohlichem Ton. “Ich wollte nur sehen, wie es dir geht” Rose stieg nicht auf seine Provokation ein. “Wie soll es mir schon gehen? Ich lieg hier rum und kann mich nicht bewegen. Die Wunde tut höllisch weh und ich hab Durst.” “Ich kann dir was zu trinken holen.” meinte Rose. Henry widersprach, doch Rose war bereits mit einem Glas Wasser aus der Küche unterwegs. “Hier”, Rose gab ihm das Glas. Ihm fiel es schwer halbliegend zu trinken, aber er schaffte es einigermaßen. Er stellte das Glas auf den Tisch, anstatt es Rose zu geben. “Ich werde wieder schlafen gehen. Gute Nacht” Rose wartete keine Antwort ab und ging. Dieser Mann irritierte sie zutiefst. Sie konnte nicht verstehen, dass jemand so viel Groll in sich haben konnte, dass er gegen alles und jeden wetterte und keine Hilfe annahm auch wenn er verletzt war. Auf jeden Fall schien es ihm besser zu gehen, wenn er bei Bewusstsein war. Rose fiel bald darauf in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen wachte sie von lauten Geräuschen aus dem Wohnzimmer auf. “Henry, Henry hörst du mich? Er ist nicht ansprechbar!” Bill versuchte Henry wach zu kriegen und tätschelte ihm gegen die Wange, doch dieser gab keine Reaktion. “Gestern Abend sah er noch ganz fit aus, aber vor ein zwei Stunden hat er angefallen zu schwitzen. Ich denke er hat Fieber. Da stimmt was nicht”, vermutete Bill. “Das ist alles meine Schuld, es tut mir so leid Bill. Was können wir nur tun?” rief Fred verzweifelt. “Ach Fred, es ist nicht deine Schuld, du kannst nichts dafür. Er wollte dir nur helfen.” versuchte Ann ihn zu beruhigen. “Wir müssen Hilfe holen, ansonsten wird er es nicht schaffen.” Betretenes Schweigen trat in die Hütte. Niemand wollte hier bleiben. Bis sie den Abstieg geschafft haben, wird das Schneetreiben so stark sein, dass vorerst niemand mehr hier runter kann. Zumindest nicht ohne Hilfe und schon gar nicht mit einem Verletzten. “Die Hütte wird ohne Zweifel eingeschneit. Auch der Abstieg wird nicht leicht, aber machbar. Wir müssen etwas tun.” meinte Joel.
“Ich mach’s.” Alle sahen Rose geschockt an. “Ausgerechnet du? Bist du sicher? Wieso solltest du das tun?” “Ich bin die Langsamste. Ohne mich seid ihr schneller unten und könnt Hilfe holen. Außerdem brauche ich nicht viel. Ich habe Holz für 2 Wochen. Wasser kann ich mir holen indem ich Schnee zum Schmelzen bringe und zum Essen brauche ich nicht viel. Lasst mir einen Rucksack da und ich komme einige Tage aus. Er braucht ja vorerst nicht viel außer Suppe. Wenn es ihm besser geht und ihr uns noch nicht holen könnt, werde ich mir etwas überlegen. Lasst mir Trockenfleisch und ein paar Dosen Sauce mit Nudeln. Das sollte reichen.” “Das würdest du für ihn tun? Er hat dich bisher nur schlecht behandelt und niedergemacht. Ich hatte nicht den Eindruck, dass ihr euch versteht.” meinte Bill. “Das tut doch jetzt nichts zur Sache. Er braucht Hilfe, sonst stirbt er vielleicht!” entgegnete Rose. “Du hast Recht”,grübelte Bill, “okay, dann haben wir einen Plan. Wir werden sicher etwas länger für den Abstieg brauchen aber sobald wir unten sind, kümmern wir uns um Hilfe und holen euch da raus, ich verspreche es.” Also gut Leute, packt nur das Nötigste ein. Wir wollen rasch vorankommen.” Geschäftiges Treiben setzte ein und trotzdem sprach keiner ein Wort. Allen war zu sehr klar was dieser Abschied bedeuten konnte. Auch wenn das Wetter noch nicht so schlimm war, so würde es nicht besser werden. Sie waren guter Dinge, dass der Abstieg gut verlaufen würde, aber niemand konnte sagen wie rasch das Wetter wieder umschlagen würde. Für morgen war nochmal ein guter Tag angesagt, aber gleich übermorgen soll es wieder schlechter werden. “Nehmt das dicke Seil und zieht euch so viel an wie nur möglich. Da draußen wird es eiskalt.”
“Also gut, Rose. Du bist nun auf dich alleine gestellt. Und du bist dir sicher, du schaffst das?”, Ann umarmte sie zum Abschied. “Pass auf dich auf Kleines”. “Danke dir Ann. Passt auch gut auf euch auf.” Sie drehte sich zu Bill: “Ich werde alles versuchen ihn am Leben zu halten, mehr kann ich nicht tun.” Er nickte ihr kurz zu und dann verließ die Gruppe die Hütte und verschwand kurze Zeit später im Schneetreiben. Im Kamin hörte man das Feuer knistern. Hier drin war es gemütlich warm und wäre die Lage nicht so prekär, könnte Rose es sich nun gemütlich machen und ein Glas Wein bei einem guten Buch genießen. Aber sie musste sich um Henry kümmern. Er stöhnte und hielt sich den Bauch. Sie haben die Wunde so gut es ging erstversorgt, aber sie hatten nicht genügend Medikamente und Verbandsmaterial hier, um ein Ausbreiten der Infektion zu verhindern. Sie ging zu ihm hin und fühlte seine Stirn. Sie war glühend heiß. Rose hatte früher in einem Altersheim gearbeitet und Menschen gepflegt, von daher hatte sie etwas Erfahrung. Aber mit Wunden wie dieser war sie überfordert. Sie musste improvisieren. Vorsichtig nahm sie den Verband ab. Vorher hatte niemand die Wunde genau inspiziert aber jetzt sah sie, dass ein Splitter des Nagels noch in der Wunde war. So würde es den Zustand von Henry nur verschlechtern. Sie musste die Reste irgendwie rauskriegen. In der Küche fand sie eine Flasche Schnaps. Damit konnte sie die Wunde desinfizieren und eine Pinzette hatte sie so gut wie immer dabei. Sie tauchte etwas Alkohol in ein Tuch und brannte die Pinzette im Feuer an. Sie hatte keine Ahnung ob das funktionieren würde, aber sie musste es versuchen. Henry würde das bestimmt nicht gefallen. Er war die ganze Zeit über nicht ansprechbar und schwelgte zwischen Trance und Bewusstlosigkeit. Vielleicht würde er vor Schmerz völlig Ohnmächtig werden, dann würde er sich auch nicht wehren. Rose atmete tief durch und zählte bis drei. Dann hielt sie das Tuch mit dem Alkohol gegen die Wunde. Henry stöhnte auf und versuchte sich wegzudrehen. Zum Glück hatte er aber kaum Kraft dazu. Im normalen Zustand hätte er sie mit links umgeworfen. Vorsichtig pullte Rose mit der Pinzette in der Wunde und versuchte das kleine Nagelstück zu erwischen. Henry wimmerte aber hielt still. Rose konzentrierte sich völlig auf die Wunde, es war nun ihr persönlicher Kampf gegen die Nagelreste. Eins ums andere fischte sie mit ihren kleinen und feinen Fingern heraus, bedeckte die Wunde immer wieder mit Alkohol und arbeitete weiter. Sie merkte gar nicht, dass Henry sie beobachtete. Er hielt ruhig, sah sie dabei aber unentwegt an, als könnte er nicht glauben was er da sah. Rose hatte es fast geschafft. Nur ein feiner Rest hatte sich in der Wunde verkeilt und war nicht leicht erreichbar. Rose sah zu Henry auf und bemerkte, wie er sie beobachtete. Schweiß stand ihm auf der Stirn. “Henry, hörst du mich?” Er nickte kaum merklich. “Ich hab die Wunde soweit es ging gesäubert, es ist nur ein kleiner Rest aber der ist tiefer in der Wunde. Es wird jetzt nochmal weh tun, aber es muss sein. Ansonsten wird sich der Eiter ausbreiten und infizieren. Verstehst du das? Du musst absolut ruhig halten, egal wie groß der Schmerz ist.” Rose sah ihn eindringlich an. Henry schnaubte verächtlich. “Leg schon los.”, bekam er mühsam raus. Rose verdrehte die Augen und konzentrierte sich wieder auf ihre Aufgabe. Sie öffnete die Wunde etwas mit ihren Fingern, damit sie besser sehen konnte. Henry sog scharf die Luft ein und ballte die Fäuste. Rose sah kurz zu ihm und Henry nickte ihr zu. Es konnte losgehen. Rose blendete alles rund um ihr aus. Wie bei dem Kinderspiel mit der Doktornadel, wo man den Rand nicht berühren darf, während man versucht Teile aus dem Doktor zu pullen, versuchte sie so vorsichtig wie möglich an den Nagelrest ranzukommen. Zuerst funktionierte es ganz gut, aber da war ein Hautteil oder Nerv im Weg. Sie musste daran vorbei, um tiefer zu kommen. Gerade als sie mit der Pinzette das Teil erwischte, berührte sie den Nerv und Henry wimmerte auf. Seine Augen weiteten sich und er wollte schreien, hielt aber weiterhin ruhig. Der Schmerz musste unglaublich sein. Rose ignorierte das. Sie hatte das Teil erwischt und musste es nun vorsichtig rausziehen, damit sie es nicht wieder verlor. Sie hielt die Pinzette so fest sie konnte umschlossen und betete, dass der Nagel nicht davon glitt. Es waren nur noch ein paar Millimeter. Aus dem Augenwinkel erkannte sie, dass Henry nicht mehr lange stillhalten konnte. Er hielt die Luft an und presste die Faust in die Couch. Er würde in ein paar Sekunden anfangen sich zu bewegen. Rose versuchte es zu ignorieren und konzentrierte sich voll auf die Wunde. Langsam und stetig zog sie die Pinzette raus ohne sie dabei links oder rechts zu drehen und keine Nerven zu verletzen. In der Sekunde wo Rose die Pinzette mit der Nadel vollständig raus gezogen hatte, begann Henry zu schreien und drehte sich wild auf der Couch umher. Rose fiel die Pinzette vor Schreck aus der Hand aber die Nadel war noch dran, also hatte sie es geschafft. Sofort sprang sie auf und hielt Henry so gut es ging an den Schultern fest. “Henry, Henry du musst dich beruhigen! Halt still. Wir haben es fast geschafft! Die Nadelreste sind raus, aber du bist noch lange nicht über dem Berg. Ich muss die Wunde noch säubern!” Nach ein paar Sekunden schienen allmählich Rose’ Worte zu Henry durch zu dringen und er begann sich zu beruhigen. Er atmete ruhiger und entspannte sich soweit es ging. Rose versuchte so vorsichtig wie nur irgend möglich die Wunde zu säubern und von möglichen Eiterstellen zu befreien. Sie hatte keine Ahnung ob es etwas bewirken würde, aber etwas besseres fiel ihr nicht ein. Als die Wunder halbwegs gut aussah, verband sie sie neu und schloss sie mit einem großen Pflaster. Gott sei Dank hatte ihr Bergführer eine Top-Ausrüstung und ausreichend Verbandsmaterial mit. “Geschafft. Das war’s erstmal” Rose sagte das mehr zu sich selbst. Henry war bereits eingeschlafen oder vielleicht auch Ohnmächtig geworden. Sie holte einen Topf aus der Küche und schaufelte vor der Hütte Schnee rein. Damit wollte sie eine Suppe für Henry kochen. Mit einer Schüssel füllte sie nochmal Schnee auf und tunkte einen Lappen ein. Damit begann sie vorsichtig Henrys Stirn und Oberkörper ab zu tupfen. Er glühte nahezu, was Rose Sorgen machte. Er hatte hohes Fieber. Die nächsten Stunden verbrachte sie damit immer wieder das Tuch in den kalten Schnee zu drücken und Henry damit zu kühlen. Außer einem gelegentlichen Stöhnen seinerseits kam keine Reaktion. Die Nacht würde wohl entscheiden, ob Henry das Ganze überstehen würde oder nicht. Jetzt wo sie ihn betrachten konnte, ohne dass er sie sehen konnte musste Rose sich eingestehen, dass er gut aussah. Er hatte Muskeln und einen definierten Körper, aber nicht so stark, dass er als Muskelprotz gelten würde. Seine Arme waren kräftig, ohne übermächtig zu wirken. Wäre er nicht so ein Kotzbrocken, könnte Rose fast für ihn schwärmen. Aber ein hässlicher Charakter verdirbt ihr jede Attraktivität bei einem Menschen. Henry hatte nicht immer ein leichtes Los in seinem Leben, so viel wusste Rose. Aber das war für sie noch lange kein Grund, andere Menschen so herablassend zu behandeln, wie Henry es bei anderen und vor allem auch bei ihr tat. Rose setzte sich auf. Sie konnte kaum noch die Augen offen halten. Henry’s Augen waren nach wie vor geschlossen. Er atmete ruhig und schien zu schlafen. Sie griff nach der Decke und legte sie über Henry. Vorsichtig strich sie ihm eine Strähne aus dem Gesicht. Im Schlaf war jeder Mensch gleich. Alle Sorgen schienen vergessen, kein Groll wird gehegt und die Züge sind friedlich. Rose liebte diesen Anblick bei den Menschen. Im Altersheim hatte sie viele Leute schlafen sehen. Viele sahen auch so aus wenn ihre Augen für immer geschlossen waren. Sie setzte sich in den großen Sessel neben der Couch und legte sich ebenfalls hin. Augenblicke später war auch sie eingeschlafen. Am nächsten Tag wachte Rose gerädert auf. Ihr ganzer Körper war verkrampft und verspannt und sie brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Hütte, Henry, Schneechaos. Jetzt fiel ihr alles wieder ein. Im nächsten Moment sprang sie auf und sah nach Henry. Sein Atem ging schnell und flach. Das war nicht gut. Seine Temperatur war weiterhin erhöht. Er war also noch nicht über dem Berg. “Verdammt, Henry. Lass mich nicht hängen. Die werden glauben ich habe dich absichtlich krepieren lassen.” Rose Stimme klang belegt. Sie wusste nicht weiter. Verzweifelt suchte sie im Verbandskasten von der Hütte nach fiebersenkenden Medikamenten. Sie fand welche, aber sie waren bereits abgelaufen. “Besser als gar nichts”, dachte Rose. Sie zerkleinerte die Medikamente mit einem Messer und gab sie in ein Glas mit Wasser. Anders würde sie es nicht schaffen, dass Henry in diesem Zustand eine Tablettezu sich nahm. Vorsichtig hob sie seinen Kopf. “Okay Henry, du musst mir jetzt helfen.” Sie wusste nicht, ob Henry sie verstand aber sie klammerte sich an die vage Hoffnung. “Du musst das hier trinken. Das wird dir helfen. Henry reagierte nicht auf Rose, seine Augen flackerten aber dennoch schaffte er es ein paar Schlucke von dem Wasser zu trinken ehe er sich verschluckte. Es dauerte eine Weile aber nach einiger Zeit hatte er das ganze Glas getrunken. Erschöpft von der Anstrengung sank er wieder auf die Couch. Rose legte ihm vorsichtig die Decke über. Sie hatte in einem Schrank eine alte Wärmflasche gefunden und mit heißem Wasser gefüllt. Sie legte sie auf die Rückwand der Couch, damit Henry sie nicht versehentlich runterschmeissen konnte. Sie griff erneut nach seiner Stirn. Kalter Schweiß. Er hatte Schüttelfrost. Rose ging hinter die Hütte und holte Holz. Sie wollte das Feuer nochmal richtig entfachen, damit es schön warm blieb in der Hütte. Sie betete, dass die Tabletten Wirkung zeigten. Die nächsten Stunden verbrachte Rose damit so gut es konnte Henrys Körper trocken zu halten. Seine Kleidung war nass geschwitzt. Behutsam zog sie ihm die Hose aus. Das T-Shirt hatten sie bereits bei der Unfallstelle zerschnitten. Wenn er realisiert, dass er halbnackt vor ihr liegt würde er ausrasten. Rose musste schmunzeln. Jetzt hoffte sie natürlich er käme wieder zu Bewusstsein und könnte sich darüber aufregen. Das würde nämlich bedeuten, er wäre wieder gesund. Der Tag ging vorbei ohne das Rose es wirklich bemerkte, so sehr war sie damit beschäftigt Henrys Kleider zu wechseln, Holz nachzulegen oder die Wärmflasche neu aufzufüllen. Henrys Zustand schien stabil. Zumindest plagten ihn kein Schüttelfrost mehr. Er schwitzte das Fieber aus. Zweimal am Tag wechselte Rose den Verband und versorgte die Wunde neu. Auch diese schien keine neuen Eiterstellen zu bekommen und soweit sie es beurteilen konnte, verheilte sie. Sie seufzte erleichtert durch. Vielleicht hatte sie es gerade noch so geschafft. Rose betrachtete wieder den schlafenden Henry. Seine Züge waren friedlich und sein Atem ging gleichmäßig. “Stirb mir nicht heute Nacht, okay?” Sie zögerte einen Moment, griff dann nach seiner Hand und gab ihm einen leichten Kuss auf die Stirn. Sie wusste selbst nicht warum sie das tat, aber es fühlte sich im Moment richtig an. Sie rückte den Stuhl näher zur Couch und machte es sich gemütlich.
In der Nacht wachte sie von einem Poltern auf. Sie schrak hoch. Henry versuchte aufzustehen und hatte dabei die Flasche Schnaps umgeschmissen. “Henry, du darfst nicht aufstehen. Du bist zu schwach” Mit einem Satz war Rose bei ihm. “Ich muss aber mal. Es geht schon.” Er ächzte. “Dir scheint es besser zu gehen” Rose konnte ein kleines Lächeln nicht verbergen.”Komm schon, ich helfe dir” Henry schnaubte, sah aber ein, dass er es ohne Hilfe kaum von der Couch schaffte, geschweige denn bis zum Bad. Rose griff seinen Arm und stützte ihm die Schulter. Langsam und bedächtig gingen sie Richtung Toilette. Sie sprachen nicht. Henry stand der Schweiß auf der Stirn. Diesmal aber vor Anstrengung vom Gehen und nicht vom Fieber. “Lass die Tür offen. Wenn du da drin umkippst habe ich keine Chance dir zu helfen, die Tür geht nach innen auf.” “Das glaubst du ja selbst nicht.” erwiderte Henry verächtlich. “Komm schon, Henry. Stell dich nicht so an.” “Soll doch einer von den anderen die Tür eintreten, ich kippe schon nicht um” “Die anderen sind nicht da. Wir sind allein. Sie sind vor zwei Tagen abgestiegen, um Hilfe zu holen” Henry sah sich verwundert um, als würde er Rose nicht glauben und gleich kam der Rest der Gruppe um die Ecke. Aber da war niemand. Er ging den Rest zur Toilette allein und ließ wider Erwarten die Tür offen. Er hatte tatsächlich auf Rose gehört. Sie hielt ein paar Meter Abstand zur Tür und ließ ihm seinen Freiraum. Als er nach ein paar Minuten aus der Tür kam, war er kreidebleich. “Henry alles in Ordnung?” “Keine Ahnung, alles dreht sich. Ich kann nichts mehr sehen”. Seine Stimme klang leicht panisch. “Komm ich helfe dir. Lass uns zur Couch gehen. Ganz langsam.” Sie brauchten eine gefühlte Ewigkeit und kamen nur sehr langsam voran. Immer wieder musste Henry stehen bleiben und blinzeln, weil ihm schwarz vor Augen wurde. Seine Gesichtsfarbe wurde immer kränklicher. “Okay, wir haben es gleich geschafft. Jetzt setz dich vorsichtig hin. So da sind wir.” Henry ließ sich langsam auf die Couch fallen und sank erschöpft zusammen. Er bewegte sich nicht. “Warte, ich helfe dir. Leg dich richtig hin.” So gut sie konnte, hievte sie seinen schweren Körper auf die Couch, damit er angenehm lag. Henry’s Augen waren geschlossen. Aber man sah ihm an, dass es ihm nicht gut ging. Die Anstrengung war zu viel gewesen. Nun setzte wieder ein Schüttelfrost ein. Er bat um eine Decke und redete wirres Zeug. Rose versorgte ihn so gut es ging. Ihm erneut eine Tablette einzuflößen erschien ihr gerade unmöglich. Dazu war er viel zu unruhig. Sie versorgte die Wunde neu, da das Pflaster beim Aufstehen aufgerissen ist. Henry schien halb Ohnmächtig, halb im Schlaf zu sein. Er wehrte sich gegen die Schmerzen, hatte aber zu wenig Kraft. Nach fast einer Stunde schlief er endlich ein. Rose atmete durch. Sie fühlte seine Stirn und wechselte erneut Kleider und Decke und füllte die Wärmflasche auf. Es sah doch schon so gut aus. Jetzt war sie sich nicht mehr sicher, ob alles gut werden würde. Wann kam endlich Hilfe? Sie hatte ein paar Mal versucht einen Notruf auf dem Handy abzusetzen, aber niemanden erreicht. Sie hatte keinen Empfang und auch keine Nachrichten von den anderen erhalten. Sie wusste nicht, ob sie wohlbehalten unten angekommen sind und schon Hilfe verständigen konnten. Sie hoffte es. Mehr blieb ihr nicht übrig. Das Wetter draußen wurde immer schlimmer. Sie hoffte nur, dass das Dach dem Druck des vielen Schnees standhalten würde. Sie konnte auf keinen Fall da raus und Schnee vom Dach schippen. Dafür war sie viel zu schwach und würde sich wahrscheinlich verletzen. Sie legte sich wieder in den Stuhl neben der Couch. Mit einer Hand hielt sie Henry’s Armgelenk umfasst, damit sie seinen Puls spüren konnte. So fiel sie in einen unruhigen Schlaf. Mitten in der Nacht wachte sie von einem leisen Geräusch auf. Sie brauchte einen Moment um das Geräusch Henrys Stimme zuzuordnen. “Durst….ich habe...Durst.” Henrys Stimme war nur ein ächzen. Rose sprang sofort auf und ging in die Küche. Sie holte ein Glas Wasser und gab nochmal eine Tablette vom fiebersenkenden Medikament hinein. Das konnte auf keinen Fall schaden. “Kannst du dich etwas aufsetzen. Warte ich helfe dir” Henry kam nur ein kleines Stück hoch, den Rest half Rose mit. Sie stützte seinen Kopf und half ihm beim Trinken. Henry sah sie dabei eindringlich an, als könnte er immer noch nicht glauben, dass sie hier war. “Danke” ächzte Henry und sank sogleich wieder auf die Couch. “Gern geschehen”. Rose stellte das Glas Wasser am Tisch ab und breitete die Decke wieder über Henry aus. Sie machte es sich wieder im Stuhl gemütlich und hörte auf Henrys Atem. Diesmal nahm sie seine Hand nicht mehr. Sein Atem ging schon nach kurzer Zeit gleichmäßig und ruhig. Er war eingeschlafen. Auch sie fiel Augenblicke später in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Tag war das Wetter erneut sehr schlecht. Man konnte kaum was sehen und Rose war froh noch genügend Holz in der Hütte zu haben. Es würde noch für ein paar Tage reichen, aber dann musste sie zusehen wo sie Brennbares her bekam. Sie stand in der Küche und kochte Suppe aus ein paar Gemüseresten die sie im Lager gefunden hatte. Die vorherigen Besucher mussten sie dagelassen haben. Als die Suppe fertig war, füllte sie sie in eine kleine Schüssel und ging damit zur Couch. Henry saß leicht aufrecht da. Man sah ihm an, dass er nach wie vor Schmerzen hatte aber es ging ihm schon viel besser als in den Tagen zuvor. Vielleicht hatten sie es doch nochmal geschafft, wenn nur bald Hilfe kam. “Hier, ich hab Suppe gemacht”. Rose gab ihm die Schüssel. Henry beäugte kritisch die Zutaten. “Was soll das für eine Suppe sein? Willst du mich vergiften?” “Ja genau, nachdem ich mich seit Tagen darum kümmere, dass du nicht hier oben verfaulst und ein paar Rehe oder Wölfe dich zerhacken, vergifte ich dich mit einer Suppe. Mehr war nicht da. Entweder du isst das oder gar nichts. Du bist nicht fit genug für feste Nahrung. Vielleicht morgen.” “Okay, okay schon gut. Ich esse es ja”. Henry kostete vorsichtig von der Suppe. “Schmeckt ganz okay.” grummelte er. Er löffelte langsam weiter und Rose lächelte zufrieden. “Hör auf mich so anzustarren, wenn ich esse. Da kriegt man ja Angst.” “Tschuldige, aber meine Aufgabe ist es, dich nicht aus den Augen zu lassen. Das letzte Mal als du um mehr Selbstständigkeit gebeten hast, wärst du fast am Klo umgekippt.” Rose ließ nicht locker und beobachtete ihn weiterhin. “Dein Freund muss sich ja fühlen wie im Gefängnis” erwiderte Henry spitz. “Ha ha. Ich bin mir sicher mein zukünftiger Freund wird es zu schätzen wissen, wenn ich mich um ihn kümmere.” “Oh ein Single. Ich hätte schwören können, Mauerblümchen wie du sind bereits verliebt, verlobt, verheiratet und du planst bereits dein hübsches Haus mit Garten und Hund.” “Tja, manchmal spielt das Leben nicht wie im Märchen. Was kümmert es dich? Du scheinst mir nicht einer zu sein, der solche Träume verfolgt.” “Ganz bestimmt nicht.” Beide schwiegen und Rose widmete sich ihrem Buch. Es schien Henry soweit gut zu gehen, wenn er sie wieder provozieren wollte. “Also was ist dann deine kleine traurige Geschichte? Hat er dich für eine andere verlassen? Wolltest du heiraten und er war noch nicht so weit und ist schreiend davon gelaufen?” “Natürlich, ich hab ihm im Schlaf einen Ring um den Finger und einen Strick um den Hals gelegt, genau so war’s. Dann hab ich gesagt ich wär schwanger, nur damit er bei mir bleibt.” “Oh ich glaube ich bin nah dran, weil es dich so ärgert. Na komm schon, erzähls mir.” stichelte Henry weiter. “Nein.” Rose stand auf und ging in die Küche. Sie holte sich eine Tasse Tee. “Hat er sowas gesagt wie: Schatz, es liegt nicht an dir, es liegt an mir? Ich muss mich jetzt mal um mich kümmern?” Henry lachte über seine eigenen Witze und prustete fast die Suppe durch die Nase. Rose gab ihm keine Antwort mehr und starrte aus dem Fenster. Ihre Gedanken drifteten ab. Sie war nicht mehr auf diesem Berg und in dieser Hütte mit diesem Scheißkerl. Sie war wieder in ihrem kleinen Haus mit Garten. Sie hatten es gerade erst gekauft und waren so glücklich. In diesen Momenten fühlte Rose sich vollkommen. Alles war perfekt. Sie wollten heiraten. Ein Baby war unterwegs. Sie hätte platzen können vor Glück. Ben war der typische nette Kerl von nebenan. Stets hilfsbereit und zuvorkommend. Er versuchte Rose jeden Tag mit einer Kleinigkeit zu überraschen und sei es nur, dass er die Wäsche bügelte oder ihre Lieblingsteesorte besorgte, wenn sie bereits leer war und Rose wieder einmal vergessen hatte sie zu kaufen. Sie freute sich auf ihr Leben mit ihm. Doch das Schicksal hatte andere Pläne für sie. Sie feierten ihren Jahrestag in ihrem Lieblingsrestaurant. Rose fuhr, damit Ben etwas trinken konnte. Vielleicht war es die Müdigkeit der letzten Tage oder die Strapazen des Hauskaufs und das Baby. Sie hatte den LKW völlig übersehen. Sie kann sich an nichts mehr erinnern, außer an das gleißend helle Licht der Scheinwerfer und dann wirbelte das Auto herum bis ihr schwarz vor Augen wurde. Später wachte sie im Krankenhaus auf. Sie wusste sofort, dass etwas Schlimmes passiert war. Obwohl sie damals erst im dritten Monat war und das Baby noch nicht wirklich spürbar war, wusste sie sofort dass es gestorben war. Ben lag mehrere Stunden im OP und war schwer verletzt. Sie kämpften um sein Leben. Rose weinte und betete unentwegt, dass er überlegen möge aber auch er wurde ihr genommen. Von einer Sekunde auf die andere hatte Rose ihre Zukunft verloren. Alles was sie sich aufgebaut hatte war dahin. Die Liebe ihres Lebens, das Baby. Irgendwann hatte sie keine Tränen mehr. Sie stumpfte ab und ließ keine Emotionen mehr an sich ran. Sie hatte keine Kraft mehr dafür. Das Haus war schnell wieder verkauft und sie zog in das kleine Apartement, dass sie jetzt noch hatte. Das war nun einige Jahre her und sie schaffte es mittlerweile damit umzugehen, doch in einigen dunklen Momenten kam alles wieder zurück. Henry’s Anspielungen waren da nicht gerade eine Hilfe. Sie atmete durch. Er konnte es ja nicht wissen. Langsam kam sie wieder zu sich und realisierte, dass der Tee in ihrer Hand bereits ausgekühlt war. “Rose, Rose. Hallo? Erde an Rose? Ich kann nicht aufstehen, aber ich werde es jetzt machen wenn du mir keine Antwort gibst. Hallo? Wo bist du denn mit deinen Gedanken? Hey, ich hab das nicht so gemeint okay. Das ihr Mädchen immer gleich so sentimental werden müsst. Ich bin mir sicher er ist ein Idiot und in Wirklichkeit liebt er dich abgöttisch aber er ist noch nicht reif genug für eine ernsthafte Beziehung.” Henry versuchte die Situation wieder etwas aufzulockern. Rose drehte sich langsam um und ging zu ihrer Schlafzimmertür. “Du liegst falsch Henry. Es gibt Menschen die eine Zukunft haben wollen und die auch dafür bereit sind.” “Und warum ist er dann nicht da?” “Weil er tot ist.” Damit ließ sie Henry allein auf der Couch zurück und schloss die Tür hinter sich. Den restlichen Tag kam Rose nicht mehr aus ihrem Zimmer. Sie wusste, Henry würde auf seine Art etwas unpassendes sagen, um die Situation aufzulockern, aber sie hatte dazu gerade keine Kraft. Die letzten Tage zerrten an ihr. Und die Sorge hier noch ein paar Tage fest zu stecken ließ sie fast verzweifeln. Sie wollte endlich wieder nach Hause und in ihre Wohnung. Sie wollte ihre Freunde sehen und unter Menschen gehen und nicht hier abgeschnitten vom Rest der Welt mit diesem emotionslosen Typ festhängen. Irgendwann war sie eingeschlafen. Sie war so müde, dass sie vergaß auf Henry aufzupassen. Sie wollte eigentlich in der Nacht aufstehen und sich wieder in den Sessel legen aber sie schlief bis in den Morgen durch. Sie wachte von Geschirrgeklapper auf. Sie sprang aus dem Bett. Konnte das wirklich sein? War endlich jemand gekommen und holte sie hier raus? “Endlich ist jemand da! Ich dachte schon ihr habt uns vergessen!” rief Rose erleichtert aus. Doch in der Küche stand niemand außer Henry. Er machte gerade Rührei. “Guten Morgen, Schatz. Wenn hast du denn erwartet?” “Henry was soll das? Du sollst liegen bleiben, deine Wunde kann sich immer noch entzünden? Was machst du da?” “Rührei. Und mir geht’s gut. Ich hab die Wunde soeben selbst versorgt, sieht alles gut aus. Außer das du mir ein Loch in die Seite gebuddelt hast, das sieht ja ziemlich wild aus. Hier komm, es gibt Frühstück.” Er verteilte die Rühreier auf zwei Teller. “Bist du verrückt. Das ist zu viel! Wir müssen unseren Vorrat einteilen. Keiner weiß, wann die uns hier rausholen.” “Ich weiß, ich weiß. Aber ich brauch richtiges Essen, um wieder zu Kräften zu kommen und du scheinst mir auch seit Tagen nichts gegessen zu haben. Wir gönnen uns diese Portion und den Rest teilen wir strikt ein.” Rose wollte nochmal widersprechen. “Keine Widerrede, Rose. Ich hab keine Kraft für eine Auseinandersetzung” Rose setzte sich widerwillig hin und begann zu Essen. Sie aßen schweigend. “Tut mir leid wegen gestern. Ich war ein Idiot.” Rose traute ihren Ohren nicht. Hatte er sich tatsächlich gerade bei ihr entschuldigt? “Schon gut. Du konntest es ja nicht wissen.” Rose stand auf und stellte ihren Teller in die Spüle. Sie wollte nicht mehr über dieses Thema reden. “Alles okay?” Fragte Henry. Rose sah aus dem Fenster. “Ich mach mir Sorgen. Was ist wenn es die anderen nie bis unten geschafft haben? Fred hat Höhenangst. Vielleicht ist er wieder abgestürzt oder sie haben sich verlaufen.” “Das glaube ich nicht. Bill kennt die Gegend hier auswendig. Er hätte uns nicht mitgenommen, wenn er eine Gefahr für uns gesehen hätte. Außerdem haben unsere Kollegen spätestens am zweiten Tag gewusst, dass etwas nicht stimmt. Wir sind dazu verpflichtet jeden Tag Meldung abzugeben. Tun wir das nicht, wird eine Notfallkette eingelöst. Ich bin mir sicher es ist alles in Ordnung. Sie können nur nicht zu uns rauf, weil wir komplett eingeschneit sind. Da schafft es auch kein Hubschrauber her, solange die Sichtverhältnisse scho schlecht sind.” versuchte Henry zu beruhigen. “Ja, du hast vermutlich recht.” gab Rose sich geschlagen. “Oh wow, jetzt beginnt die Erde doch noch zu wackeln. Sie hat mir zugestimmt.” witzelte Henry und Rose musste lachen. “Gewöhn dich besser nicht daran. Ich hüpf jetzt unter die Dusche.” Rose ging Richtung Bad. “Soll ich dich begleiten?” Henry zwinkerte ihr aufmüpfig zu. “In deinen Träumen!” Rose lachte und schloss die Badezimmertür. Henrys veränderte Haltung ihr Gegenüber irritierte sie. Sie hatte sich gerade daran gewöhnt, dass er sie offensichtlich nicht mochte und jetzt schien es so als würde er mit ihr flirten? Bestimmt bildete sie sich das nur ein. Sie genoss die Dusche, obwohl das Wasser fast nur mehr plätscherte und kaum mehr warm war. Mehr würde sie derzeit nicht kriegen. Sie hoffte inständig, dass Henry recht hatte und bald jemand kommen würde und sie hier raus holte. Das war wohl ihr erster und letzte Ausflug auf einen Berg. Sie hatte definitiv genug davon auch wenn es zurzeit nicht ganz so schlimm war und sie das Beste aus der Situation machte. Sie stieg aus der Dusche und trocknete sich die Haare. Sie fühlte sich wie neu geboren und kam erholt und wie ein neuer Mensch aus dem Bad. Henry saß wieder auf der Couch. “Mann das war herrlich. Zwar ist das Wasser fast kalt und kommt nur mehr tröpfchenweise aus dem Hahn aber trotzdem ist es das angenehmste, dass ich seit Tagen gemacht habe.” Henry knurrte nur etwas Unverständliches. “Alles in Ordnung?” fragte Rose. “Alles bestens” sagte Henry, doch seine Stimme klang gepresst. “Was ist los?” Rose merkte sofort, dass etwas nicht stimmte und trat vor die Couch. Henry hielt sich die Hand an der Seite, wo die Wunde lag. Blut trat hervor. “Ich wollte nur etwas Holz nachlegen, da muss die Wunde aufgeplatzt sein. Ich schaff es nicht mit einer Hand die Blutung zu stoppen.” gab Henry zu. “Warum hast du mich nicht gerufen? Wann hörst du endlich auf dich wie ein Idiot zu benehmen!” Rose war aufgebracht. “Leg dich hin und dreh dich zur Seite, damit ich mir das ansehen kann” befahl sie. Henry gehorchte widerwillig. Er musste einsehen, dass er ohne ihre Hilfe nicht weiterkam. Rose zog vorsichtig das Pflaster ab, es war schon voll Blut und etwas anderem. Sie zog Luft durch die Zähne. “Was ist?” fragte Henry. “Das sieht nicht gut aus. Ich glaube die Wunde hat sich doch entzündet. “Verdammt. Okay, sie in der Küche nach ob du Honig oder Kamille findest. Damit können wir die Entzündung vielleicht ein Weilchen rauszögern. Es hilft zwar nicht viel aber ich fürchte mehr haben wir nicht.” Rose eilte in die Küche und durchstöberte alle Kästen. Sie fand ein altes Honigglas und Kamillentee, der nicht mehr wirklich frisch aussah. Sie macht einen Umschlag und kam zurück zu Henry. “Okay, ich hab was gefunden. Sieht zwar alles nicht mehr ganz frisch aus, aber immerhin.” Rose zog Henrys Shirt hoch. Er ergriff ihre Hand. “Was machst du da?” “Na ich befestige den Umschlag, aber dein Shirt ist im Weg. Komm schon Henry. Ich pflege dich hier seit Tagen. Jetzt brauchst du nicht mehr schüchtern zu werden.” “Ich bin nicht schüchtern.” erwiderte er erbost. “Was ist es dann?” “Ich hasse es, wenn ich auf Hilfe angewiesen bin. Ich hasse das Gefühl hilflos zu sein.” gab er ungern zu. “Ich weiß du gibst gerne den toughen Kerl, aber wenn du dir jetzt nicht von mir helfen lässt, kann das hier schlimm für dich ausgehen. Mir kann es egal sein. Bleibt mehr Proviant für mich, bis Hilfe kommt. Du frisst sowieso zu viel weg. Also was willst du? Soll ich dir helfen oder willst du den Helden spielen und in aller Ehre auf dieser Couch hier verrecken?” Rose war gereizt. Dass er immer noch so den Macker spielen musste konnte sie einfach nicht verstehen. “Schon gut. Du brauchst dich nicht so aufzuregen.” Er ließ sie gewähren und sagte nichts mehr. Rose betrachtete die Wunde genau. Sie hatte bereits alle möglichen Farben angenommen, was nicht sehr gut aussah. Hoffentlich würden die Hausmittel etwas helfen. Sie rieb die Wunde vorsichtig mit der Tinktur ein, die sie gemacht hatte und wickelte den Umschlag fest um Henrys Bauch. Als sie alles fixiert hatte, zog sie ihm das Shirt wieder hinunter. “Du solltest versuchen etwas zu schlafen.” meinte Rose als sie fertig war. “Ich hab die letzten Tage nichts anderes getan, als zu schlafen.” “Ich weiß, aber sonst gibst du ja freiwillig keine Ruhe und du sollst dich nicht zu viel bewegen, sonst platzt die Wunde wieder auf.” Sie diskutierten noch eine Weile hin und her. “Na gut, ich gebe mich geschlagen. Mach was du willst. Ich bereite Abendessen vor. Wehe du bewegst dich einen Millimeter!” Rose ermahnte Henry mit erhobenem Zeigefinger. Er hob beschwichtigend die Hände. “Okay Mama. Ich werde schön artig bleiben!” frotzelte er frech zurück. “Sehr schön” meinte Rose in gespielt ernstem Ton und konnte sich gerade noch ein Grinsen verkneifen. Sie ging in die Küche und sah nach dem Proviant, der rasant zu Neige ging. Ein paar Tage würden sie noch über die Runden kommen, aber dann wird es schwierig. Wo sollte sie nur etwas essbares bekommen? Sie konnte ja schlecht jagen gehen und auch Beeren sammeln war bei dem Wetter nicht möglich. Abgesehen davon, dass sie keine Ahnung hatte was essbar war und was nicht, lag draußen meterhoher Schnee. Sie öffnete eine Dose Gulasch und machte es warm. Als es fertig war füllte sie es in eine Schüssel und ging zu Henry. Er wollte schon nach der Schüssel greifen, als Rose sie wegzog. “Ich sagte: Nicht bewegen! Setz dich etwas auf, damit du dich nicht verschluckst.” “Was hast du vor? Willst du mich jetzt allen Ernstes füttern?” “Ja genau das werde ich tun und wenn du mir jetzt widersprichst oder eine Diskussion vom Zaun brichst, werde ich deine Portion essen und du bekommst gar nichts.” Henry wollte etwas erwidern, ließ es dann aber sein. Artig ließ er sich von Rose füttern ohne ein Wort zu sagen. Als die Schüssel leer war, stellte Rose sie am Tisch ab. “Es wirkt, als hättest du das schon öfter gemacht, du hast mich nicht mal angekleckert.” “Ich habe früher in einem Altersheim gearbeitet, da muss man öfter Leute füttern die es selber nicht mehr können.” “Rose der Samariter. Du bist es also gewöhnt, dich um andere zu kümmern.” “Sieht so aus.” “Warum musstest ausgerechnet du hier bleiben? Ich war nicht sehr nett zu dir. Hast du das kürzere Schnürchen gezogen?” “Nein, ich hab mich freiwillig gemeldet.” “Tatsache?” “Ja. Die anderen sind ohne mich schneller. Ich hätte den Abstieg sowieso nicht geschafft. Meine Kräfte waren am Ende. Und wie du schon sagst, es liegt einfach in meiner Natur mich um andere zu kümmern die Hilfe brauchen.” Henry sah sie eindringlich an. “Fred hätte hier bleiben müssen. Er ist langsamer als du.” “Nein, er hat das nur für mich getan. Ich hab gesehen wie er mit der Ausrüstung umgegangen ist. Er wusste genau was er tat. Er ist meinetwegen langsamer geworden. Er hat nur mit Höhenangst zu kämpfen und ist deswegen aus der Sicherung gefallen.” “Wow. Was für ein Idiot” “Idiot, wieso?” “Wollte er dich damit beeindrucken, indem er den Schwachen spielt?” “Nein, er wollte einfach nur nett sein, weil du ein Arschloch warst und es manchmal auch noch bist. So wie gerade” “Hey, das ist aber nicht nett von dir” “Aber es ist die Wahrheit. Was ist dein Problem, Henry? Wieso behandelst du die Menschen so? Ich habe dir nichts getan und trotzdem warst du von Beginn an Scheiße zu mir und selbst jetzt nachdem ich dir geholfen habe….Ach egal, was rege ich mich denn auf. Das bringt doch nichts.” “Was willst du denn von mir? Ich bin dir dankbar für deine Hilfe, aber ich habe dich nicht darum gebeten okay? Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte Bill dich nie zu der Tour mitgenommen. Du warst nicht darauf vorbereitet und dann müsstest du jetzt auch nicht hier sein.” “Ja genau, weil du es ja auch alleine geschafft hättest. Du hast es ja auch ganz allein geschafft dich zu verletzen und dann hast du es mehrmals ganz alleine geschafft die Wunde wieder aufzureissen, weil du ja immer den toughen Macker geben musst. Sie es ein, dass du meine Hilfe brauchst und hör auf mich so zu behandeln als wäre ich dir ein lästiges Anhängsel. Wir hängen hier beide fest und sollten das Beste daraus machen. Meinst du ich bin gerne hier? Ich habe mich nicht freiwillig für diese Tour angemeldet. Das waren meine Freunde. Weil sie der Meinung waren, ich solle mal über meinen Schatten springen, etwas Neues wagen. Ganz toll! Und jetzt sitze ich hier fest und noch dazu mit einem Kerl, der immer nur murrt und schlecht gelaunt ist und mir nicht sagt, was er denkt oder wie es ihm geht und lieber verletzt hier sterben würde als sich von mir zu helfen. Weißt du was, meinetwegen. Wenn das Wetter morgen besser ist, gehe ich alleine los. Der Schnee ist schon weniger geworden, ich bin mir sicher ich finde den Weg und dann lass ich dich hier alleine. Ich sage den anderen einfach du wärst schon am ersten Tag gestorben, es wird niemand genau nachfragen.” Rose redete sich in Rage. Sie wusste, es war Nonsens bei diesem Wetter da rauszugehen aber sie hatte einfach genug von dieser Situation. Sie ertrug es einfach nicht mehr. Sie ging in die Küche und wollte den Abwasch machen um sich zu beruhigen. Doch ihre Wut wollte nicht abklingen und sie fing an das Geschirr auf den Boden zu schmeißen. Ihre Nerven gingen mit ihr durch. Sie konnte einfach nicht mehr. Seit Tagen hatte sie nicht richtig geschlafen, weil sie nicht wusste wie lange sie hier eingeschlossen waren und bald war der Proviant aufgebraucht und sie hatte keine Ahnung wo sie etwas zu Essen herbekommen sollte. Sie merkte gar nicht, dass sie weinte bis sie die Tränen auf ihren Wangen spürte. Plötzlich war Henry hinter ihr. Er schlang von hinten seine Arme um sie und umarmte sie etwas ungelenk damit er ihr das Teller aus der Hand nehmen konnte, dass sie gerade gegen die Wand schmeißen wollte. “Beruhige dich, Rose. Schh..Es wird alles gut, okay? Ich verspreche es dir. Wir kommen hier wieder raus. Bill wird uns hier nicht sterben lassen. Er wird alles dafür tun, dass wir gerettet werden. Beruhige dich, bitte.” Er flüsterte ihr weiter aufmunternde Worte ins Ohr, bis sie sich erschöpft gegen seine Schulter fallen ließ. So standen sie eine Weile da und Rose beruhigte sich allmählich wieder. “Komm, setz dich mal hin.” Er führte sie zur Couch, wo sie erschöpft niedersank. Ihr liefen unentwegt die Tränen übers Gesicht. Sie konnte einfach nicht aufhören zu weinen. Henry streichelte ihr beruhigend durchs Haar und flüsterte wieder aufmunternde Worte in ihr Ohr. Er erzählte Geschichten aus seiner Kindheit, von seinen Erlebnissen beim Klettern mit Bill und lullte Rose damit in den Schlaf. Irgendwann war auch er eingeschlafen. Rose wachte mitten in der Nacht auf. Sie brauchte einen Moment bis sie realisierte wo sie war. Sie spürte Henrys Herzschlag durch sein Shirt und seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht. Vorsichtig blickte sie zu ihm hoch. In der Dunkelheit konnte sie zuerst gar nichts erkennen, aber als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, merkte sie, dass Henrys Augen leicht geöffnet waren. Er beobachtete sie still. Rose hob langsam den Kopf und näherte sich seinem Gesicht. Er hielt still und bewegte sich nicht als würde er darauf warten, dass sie jeden Moment zurückzog. Millimeter für Millimeter schloss Rose den Abstand zwischen ihren Lippen und küsste Henry sanft. Er ließ sie gewähren und Rose küsste ihn erneut. Diesmal erwiderte Henry den Kuss. Er griff mit seiner Hand durch ihr Haar und zog sie näher zu sich ran. Dabei intensivierte er den Kuss und übernahm die Führung. Er hob vorsichtig ihr Shirt an und blickte ihr tief in die Augen. Sie ließ ihn gewähren und zog sich das Shirt über den Kopf. Sekunden später waren ihre Lippen wieder auf seinen. Sie umspielte mit ihren Händen seine definierten Muskeln und ertastete seinen Körper. Auch seine Hände wanderten ihren Oberkörper hinauf und massierten ihre Brüste. Rose konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. Sie setzte sich vorsichtig auf seinen Schoß, darauf bedacht seine Wunde nicht zu berühren und fuhr nun mit der Hand durch seine Haare. Er vergrub das Gesicht zwischen ihren Brüsten und küsste sich an ihnen hinab. Seine Küsse auf ihrem Körper fühlten sich wunderbar an und Rose genoss jeden einzelnen davon. Vorsichtig hob er Rose in die Höhe und legte sie auf die Couch, sodass er über ihr war. Er stützte sich mit den Händen neben ihr ab und küsste sie wieder. Sie zog ihn näher zu sich heran. Sie wollte ihn spüren. Sie griff langsam zu seinem Gürtelbund. Er sah ihr tief in die Augen, als wollte er sich vergewissern, dass es nicht zu schnell ging. Sie nickte und fing an den Gürtel zu öffnen. Er half ihr, doch die Bewegung war zu viel für seine Verletzung und er zischte auf. “Geht es dir gut?” fragte Rose. “Ja. Nein. Es...geht nicht...Die Wunde…” “Oh Gott, tut mir leid. Ich hab es total vergessen. Ich...verdammt. Ist sie wieder aufgegangen? “Nein alles in Ordnung. Wir können nur...das...nicht machen.” Henry sah Rose betreten an. “Na klar, schon gut. Mir tut es leid. Oh Mann. Ahm okay. Also ich sollte dann lieber ins Bett gehen. Du brauchst den Platz für dich.” Rose richtete sich auf und auch Henry zog sich wieder das Shirt an. Beiden war die Situation mehr als peinlich und sie wussten nicht, wie sie miteinander umgehen sollten. “Ahm, also dann. Gute Nacht” Rose winkte Henry zu und als sie realisierte was sie da gerade tat, verdrehte sie die Augen und ging peinlich berührt ins Schlafzimmer. Hatte sie ihm tatsächlich gerade zugewunken? Nachdem was da gerade auf der Couch passiert war und fast noch passiert wäre? Sie war total aufgekratzt und meinte nicht auch nur ein Auge zuzutun in dieser Nacht. Sie träumte wirre Sachen in dieser Nacht und wachte am nächsten Tag wie gerädert auf. Sie fühlte sich nicht gewappnet Henry zu begegnen, aber ihr blieb kaum etwas anderes übrig, als rauszugehen, weil sie schon dringend auf die Toilette musste. Henry stand in der Küche und versuchte aus den Essensresten, die sie noch übrig hatten, ein Mahl zu zaubern. “Morgen” Roses Stimme kratzte. “Morgen” “Was machst du da?” “Ich versuche so etwas wie Frühstück zu machen, aber versage dabei kläglich. Wir haben nicht mehr viel zu Essen außer Suppe.” “Ich weiß.” Nach dem kurzen Small Talk trat peinliches Schweigen zwischen die beiden. Henry erfasste als erstes wieder das Wort. “Rose, wegen gestern….” begann er. “Ja?” Rose hatte keine Ahnung, was sie nun erwarten sollte. Würde er sich entschuldigen? Es als Fehler abtun oder wollte er es wiederholen? Rose hatte in der Nacht immer wieder darüber nachgedacht. Langsam kam er ihr näher. Wie magisch von ihm angezogen, kam auch Rose ihm immer näher. Die Spannung zwischen ihnen war fast greifbar. Sein Blick war unergründlich. Es schien als würde er mit sich selbst kämpfen. Als könnte auch er es nicht verhindern, dass sie sich näher kamen. Er seufzte und war nun ganz nah bei ihr. Sein Atem streichelte ihr Gesicht. Er fühlte sich warm an auf ihrer Haut. Ihr Blick wanderte zu seinen Lippen. Er legte seinen Kopf an ihre Stirn und schloss die Augen als er begann zu sagen: “Wir sollten nicht…” Plötzlich wurden sie von einem schrillen Geräusch unterbrochen. Beide erschraken und fuhren sofort auseinander als wären sie in flagranti erwischt worden. Was war das? Das Geräusch war so neu in der Hütte, dass es kurz dauerte bis sie es zuordnen konnten. Es war ein Handy. Rose’ Handy. Henry ging zum Küchentisch und nahm den Anruf entgegen. “Bill! Ja mir geht es soweit gut. Rose auch. Ihr seid also gut unten angekommen? Wann können sie uns holen? Wir haben fast kein Essen mehr und allmählich geht auch das Holz aus. Okay danke dir. Mach’s gut.” “Was hat er gesagt?” Rose wurde bang ums Herz. “Sie sind gut unten angekommen und haben Hilfe verständigt. Sie versuchen heute einen Helikopter los zu schicken, aber das Wetter ist immer noch sehr unbeständig. Wenn es heute nicht klappt, versuchen sie es morgen wieder. Sie werden kommen Rose. Sie holen uns.” Rose fiel ein Stein vom Herzen. Das waren endlich einmal gute Nachrichten. “Wir sollten als nächstes eine Inventarliste machen, von all den Dingen die wir finden und eventuell in den nächsten Tagen brauchen können. Wir müssen davon ausgehen, dass es noch bis zu drei Tagen dauern kann, bis sie uns holen.” meinte Henry in geschäftsmäßigen Ton. Der Moment zwischen ihnen war vorüber. Jetzt war das Problem, wie sie hier noch drei Tage ausharren können wieder vordringlicher. Rose brauchte noch einen Moment, um sich zu sammeln. Ihr brannte es unter den Fingernägeln Henry zu fragen, was er sagen wollte. Doch sie wusste, sie würde jetzt keine richtige Antwort mehr von ihm bekommen. Ehrliche Momente bei ihm waren rar und man musste das richtige Zeitfenster nutzen, oder es war zu spät. Also schüttelte auch sie alle Emotionen ab die nun Fehl am Platz waren. “Du hast Recht. Aber du solltest dich etwas schonen. Wie geht es deiner Wunde? Soll ich sie mir mal ansehen?” “Alles gut. Ich habe heute morgen den Verband gewechselt. Die Tinktur scheint zu helfen. Die paar Tage schaffe ich es sicher noch.” Henry, wie er leibt und lebt, dachte Rose. Die Schutzmauer um sein Herz war wieder hochgezogen. “Okay” sagte Rose mit einem deutlich vernehmbaren seufzen, “ich such mal alle Zimmer nach etwas brauchbarem ab.” Rose wandte sich von einem leicht irritiert blickenden Henry ab und ging durch alle Zimmer. Henry machte sich in der Küche und im Nebentrakt zu schaffen. So verbrachten sie den Vormittag und bereiteten alle gesammelten Gegenstände vor sich im Wohnzimmer auf. Die Ausbeute war nicht allzu vielversprechend. Rose hatte noch ein paar Packungen Kekse gefunden, die weit über dem Ablaufdatum waren, aber Hauptsache etwas zu Essen. Henry hatte ein paar Werkzeuge und noch ein paar alte Karton gefunden, die sie notfalls verbrennen konnten. In den Kleiderkästen waren noch ein paar alte Mäntel, die sie sich anzogen. Sie wollten Brennholz für den Ofen sparen, um Essen oder Wasser aufzubereiten. “Viel ist es nicht, aber immerhin. Wenn wir die noch vorhandenen Lebensmittel strikt einteilen schaffen wir noch drei Tage.” meinte Rose. “Es wird knapp, aber mehr haben wir nicht. Aus den alten Zwiebeln und Karotten können wir eventuell noch etwas Suppe machen. Keine besonders Gute jedoch.” erwiderte Henry. Rose teilte die Lebensmittel gerecht auf und schummelte ein paar Kekse zu Henrys Proviant. Er brauchte noch mehr Kraft als sie, damit er gesund werden kann. Er würde es nie zugeben, aber die letzten Tage zerrten an ihm. Er war weit nicht mehr so schlagfertig wie zu Beginn ihrere Reise. Sie heizten den Kamin noch ein letztes Mal richtig an und setzten sich vor das Feuer. Sie sprachen nicht und hörten nur dem Knistern des Feuers zu. Jeder hing seinen Gedanken nach. Seit Bills Anruf war Rose innerlich aufgewühlt. Ab jetzt konnte es jede Minute so weit sein und wie damals als Kind, wenn sie mit ihren Eltern in den Urlaub fuhr, wollte sie sich am liebsten fertig gepackt vor die Tür stellen und warten bis es endlich losging. Sie konnte sich nicht mehr richtig entspannen oder auch nur so tun als würde sie nicht ständig auf ein Helikoptergeräusch hören. Nach einer Weile stand sie auf und begann ein spätes Mittagessen für die beiden zuzubereiten. Als sie fertig war sah sie jedoch, dass Henry vor dem Feuer eingeschlafen war. Sie ging leise zu ihm hin und bereitete eine Decke über den am Boden Schlafenden aus. Leise verzog sie sich mit ihrem Essen in ihr Zimmer und las ein Buch. Die Stunden vergingen, doch es war kein Geräusch mehr zu vernehmen. Als es irgendwann stockdunkel war, gab Rose die Hoffnung auf und ging ins Bett. Diesmal schlief sie ruhiger. Hilfe war in unmittelbarer Nähe. Nur noch ein oder zwei Tage. An diese Hoffnung klammernd schlief Rose ein. Erst am späten Vormittag wachte Rose auf. Die letzten Tage waren so anstrengend gewesen, dass sie sich wie Neugeboren fühlte nach dieser langen Runde Schlaf. Sie war voller Vorfreude und Hoffnung, dass sie heute abgeholt werden würden. Sie fühlte es. Sie packte sicherheitshalber bereits ihre Tasche und bevor sie schlafen ging, hatte sie noch eine Idee. Sie holte ein Messer aus der Küche und ging zurück in ihr Zimmer. Henry war gerade unter der Dusche, wie sie hörte. Das Wasser musste nun bereits eiskalt sein. Der Warmwasserspeicher war schon seit gestern aufgebraucht. Gestern Abend kam ihr in den Sinn sich im Holz der Hütte zu verewigen. Dieser Ausflug war und ist so prägend für Rose, dass sie sich hier für immer Verewigen wollte. Sie überlegte eine Weile was sie schreiben sollte. Damit nicht jemand der die Gravur fand meinte sie wäre hier drin gestorben. “Gestrandet und Gerettet. Rose McFee 2009. Rose lächelte zufrieden. Das wollte sie schon immer einmal machen. Sie legte das Messer zurück in die Küche. Das Wetter war heute deutlich besser. Ob es schon gut genug war, um mit dem Helikopter zu fliegen vermochte sie nicht zu sagen. Vielleicht konnte Henry das besser einschätzen. Sie hörte noch immer das Wasser unter der Dusche. Der musste ja mittlerweile ein Eiszapfen sein, dachte Rose. Für einen kurzen Moment stellte sie sich vor zu ihm in die Dusche zu hüpfen und zu sehen wie er darauf reagierte. Bei dem Gedanken wurde Rose rot und sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Jetzt ging definitiv ihre Fantasie mit ihr durch. Sie räumte die Hütte auf um sich abzulenken. Sie wollte keinen Saustall hier hinterlassen, auch wenn sie hier ungewollt so lange festsaßen. Henry kam bereits angezogen, aber mit noch nassen Haaren aus dem Bad. “Ach du bist wach? Ich dachte schon du bist ins Koma gefallen. Guten Morgen.” sagte Henry gut gelaunt. “Ich hab heute zum ersten Mal seit wir hier sind richtig gut geschlafen. Ich war doch kaputter, als ich mir eingestehen wollte.” erwiderte Rose. Seit dem Beinahe-Kuss und der Sache auf der Couch war die Stimmung zwischen ihnen irgendwie komisch. Wie zwei unbeholfene Teenager tänzelten sie umeinander herum und keiner wusste wie er sich verhalten sollte. Die Situation war irgendwie absurd. Sie sollten sich keine Gedanken über solche kindischen Spielereien machen, sondern darüber wie sie nicht erfroren oder verhungerten bis Hilfe kam. “Wie geht es deiner Wunde?” erkundigte sich Rose. “Schmerzt höllisch. Ich will es mir nicht mehr ansehen. Ich fürchte wir sind über den Punkt hinaus, wo wir mit alten Honig und eingetrockneten Kräutern noch etwas bewirken.” Henry setzte sich auf die Couch. “Soll ich dir zumindest einen Tee bringen? Die Dusche muss ja eiskalt gewesen sein” fragte Rose. “Ahm ja. Gerne” Henry wirkte irgendwie abwesend. Er meidete Rose’ Blick und starrte in den letzten Rest Glut, der noch leicht vor sich hin loderte. Sie hatten vereinzelt noch Papierreste gefunden und auch ein paar Bücher aus dem Regal mussten daran glauben. Ganz ohne Feuer war es einfach zu kalt. Rose bereitete den Tee zu und blickte aus dem Fenster. “Was meinst du, schaffen sie es uns heute zu holen? Das Wetter ist etwas besser geworden.” “Ja, aber es ist immer noch sehr windig draußen und die Sicht geht nur ein paar Meter. Ich fürchte der Schnee ist noch so hoch, dass sie die Hütte fast nicht erkennen. Nur mit Bills Hilfe werden sie sie schneller finden, weil er genau weiß wo sie liegt. Dennoch könnte es noch zu gefährlich sein für den Helikopter.” Das war nicht gerade die vielversprechende Antwort, die sich Rose erhofft hatte. Sie brachte Henry den Tee. Ich werde trotzdem davon ausgehen, dass sie heute kommen. Ich hab schon mal begonnen meine Sachen zu packen. Wenn du willst, kann ich deine packen? Du solltest dich nicht mehr zu viel bewegen, wenn die Wunde so schmerzt.” “Danke, aber ich habe eigentlich nie richtig ausgepackt. Ich bin bereit zur Abreise. Der Tee schmeckt gut, danke dir.” Rose ging ins Bad und putzte sich die Zähne, kämmte sich die Haare und band sie zu einem Zopf. Sie packte alle Utensilien zusammen und verstaute sie in ihrer Toilettetasche. Danach ging sie in ihr Zimmer und packte den Rucksack fertig. Sie stellte ihn sogar zur Eingangstür, nur für den Fall, dass es dann schnell gehen musste. Irgendwann fand sie nichts mehr zu tun und setzte sich zu Henry auf die Couch um sich beim Feuer etwas aufzuwärmen. Zwischen ihnen entstand erneut diese unangenehme Stille. Henry beäugte den Teesatz in seiner leeren Tasse, als würde er darin eine Antwort auf eine nicht gestellte Frage finden. “Soll ich dir die Zukunft lesen?” meinte Rose mit einem Grinsen. “Was meinst du?” fragte Henry. “Meine Eltern haben das immer gemacht, wenn ich krank war und viel Tee trinken musste. Dann haben sie im Teesatz meine Zukunft gelesen. Darin war immer dieselbe Antwort. Dass ich bald gesund werden würde und eines Tages ganz viele Kinder haben werde.” Sie lachte bei der Erinnerung an ihre Eltern. “Das klingt ziemlich absurd, aber wir haben ja sonst nichts zu tun. Also bitte. Was siehst du?” Er hielt ihr seine Tasse hin. Rose beäugte sie ausgiebig, drehte die Tasse in alle Richtungen, als könnte sie noch kein klares Bild erkennen. Henry musterte sie dabei genau. Als ihre Finger sich ein paar Mal unabsichtlich berührten, kribbelte es in Rose’ Bauchgegend. “Okay, also ich sehe eine Katze. Du wirst in Zukunft ein Haustier haben. Eine kleine, freche, rote Katze die dir auf der Nase herumtanzt, aber so süß ist, dass du ihr nichts abschlagen kannst. Du wirst drei Kinder kriegen und in einem großen Haus mit Schwimmteich wohnen. Na, bin ich nah dran?” Rose lachte. Henry musste auch grinsen. “Nicht mal im Ansatz! Deine Eltern müssen dir noch einiges über das Teesatz lesen lernen.” meinte Henry lachend. “Dazu ist es leider zu spät. Meine Eltern sind schon gestorben.” “Oh tut mir leid, Rose. Ich wollte nicht schon wieder in so ein Fettnäpfchen treten.” Henry schien sich ehrlich zu schämen. “Dafür kannst du ja nichts. Woher sollst du es auch wissen. Meine Eltern haben mich sehr spät bekommen. Ich war so etwas wie ein Wunderkind für sie, weil es eigentlich hieß sie können keine Kinder mehr bekommen. Sie lernten sich kennen als sie beide 16 waren und blieben zusammen bis zu ihrem Tod. Mein Vater starb an Alzheimer und meine Mutter folgte ihm nur ein halbes Jahr später. Sie konnte einfach nicht ohne ihre bessere Hälfte sein. Es muss dir nicht leid tun, das ist schon lange her.” Henry schien zu überlegen. “Also du hast keine Geschwister? Cousins oder Cousinen?” “Nein. Es gab immer nur mich und meine Eltern. Meine Mutter war ein Nachzügler. Ihre Geschwister habe ich nie kennen gelernt und mein Vater war auch Einzelkind. Es gibt nur mich. Aber das ist in Ordnung. Ich habe viele Freunde. Die sind meine Familie. Sie sind immer für mich da, in den guten und vor allem in den schwierigen Zeiten. Als mein Freund gestorben ist, hat sich gezeigt wer dazu in der Lage ist mit so einer Situation umzugehen. Manche haben sich von mir abgewendet, weil sie nicht wussten wie sie damit umgehen sollten. Andere standen einfach so jeden Tag vor meiner Tür und waren für mich da. Haben Essen gekocht, mir Tee gemacht oder saßen einfach neben mir und hielten mich im Arm. Das ist es ja, was eine Familie ausmacht. Füreinander da zu sein, auch wenn es mal schwierig wird.” “Das stimmt. Darf ich fragen was damals passiert ist mit deinem Freund?” fragte Henry vorsichtig. Rose sah ihn abschätzend an. War das ehrliches Interesse oder wollte er nur eine spannende Geschichte hören? Sie beschloss ihm zu vertrauen und begann zu erzählen. “Wir haben uns in der Schule kennen gelernt. Für mich war er zuerst ein guter Freund, aber er meinte er habe immer schon ein Auge auf mich geworfen und nur darauf gewartet, dass auch mir klar wird, dass wir zusammen gehören. Er war für mich da, als meine Eltern starben. Das war für mich eine schwierige Zeit. Ich war noch sehr jung und hatte ja sonst niemanden. Aus Freundschaft wurde langsam Liebe und irgendwann war mir klar, dass ich nie wieder mit jemand anderen zusammen sein wollte. Als ich erfuhr, dass ich schwanger war, platzte er fast vor Freude. Seit Wochen wollte er mich fragen, ob ich ihn heirate und jetzt schien der Zeitpunkt perfekt. Ich war der Glücklichste Mensch auf Erden. Alles fügte sich perfekt. Zum ersten Mal nach dem Tod meiner Eltern konnte ich wieder Freude empfinden. Wir kauften ein Haus in der Nachbarschaft. Typisches Einfamilienhaus mit Garten und schönen Zimmern. Ich sah mich bereits Kugelrund durch den Garten spazieren und wollte unbedingt noch einen Hund oder eine Katze haben. Das gehörte schließlich zu so einem idyllischen Familienleben dazu fand ich. Wir feierten unseren Jahrestag immer im gleichen Restaurant, wo wir unser erstes Date hatten. Denselben Tisch, dasselbe Essen. Die Kellner freuten sich immer wieder uns zu sehen. Was wahrscheinlich auch daran lag, dass wir jedes Mal ein sattes Trinkgeld gaben. Ben hatte zwar nur zwei Bier an dem Abend getrunken, aber dennoch bestand ich darauf zu fahren, weil ich ja aufgrund der Schwangerschaft nichts getrunken habe. Manchmal führen die kleinsten Entscheidungen zu den größtmöglichen Fehlern. Rose hielt inne und wie jedes Mal wenn sie von dieser Nacht erzählte, saß sie wieder im Auto. Fühlte das Baby in ihrem Bauch und unweigerlich ging ihre Hand zum Bauch, als wäre es noch da. Auch wenn es schon viele Jahre vorbei ist. Es hatte nur leicht genieselt. Die Sicht war in Ordnung gewesen. Vielleicht wurde ich durch etwas abgelenkt oder ich war doch schon müde von dem Essen und der Schwangerschaft. Ich hab den LKW einfach übersehen. Plötzlich war er da und ich fühlte nur noch wie sich der Boden hob. Danach war alles dunkel. Als ich im Krankenhaus aufwachte, spürte ich sofort, dass etwas mit dem Baby nicht stimmte. Ich war noch am Anfang des ersten Trimesters und konnte das Baby eigentlich noch nicht richtig spüren aber ich wusste sofort, dass etwas Schlimmes passiert war. Als der Arzt in mein Zimmer kam und ich seine Miene sah, brach ich sofort in Tränen aus. Seine Worte bekam ich fast nicht mehr mit, weil ich schon wusste, er würde mir sagen, dass das Baby es nicht geschafft hat. Ben Kämpfte noch einige Stunden um sein Leben. Doch irgendwann gab er den Kampf auf. Seine inneren Verletzungen waren zu stark gewesen. Zum zweiten Mal in meinem Leben, habe ich meine Familie verloren. Doch irgendwie hatte mich der Gedanke getröstet, dass unser ungeborenes Kind da oben mit Ben ist. So war es nicht allein. Ich stelle mir vor, dass das Kind da oben mit Ben glücklich ist und sie darauf warten, dass ich eines Tages zu ihnen komme. Irgendwann verwandelt man die Trauer in eine Freude an die gemeinsamen Erinnerungen. Und ich habe viele Erinnerungen mit Ben. Ich erwische mich auch heute noch bei dem Gedanken, wenn mir etwas Lustiges passiert: Das würde Ben jetzt gefallen. Und dann seh ich immer nach oben und zwinkere den beiden zu. Also das ist meine kleine, traurige Geschichte.” Rose sah Henry vorsichtig an. Nicht jeder konnte souverän mit ihrer Lebensgeschichte voller Todesfälle umgehen. “Wow, das ist Stoff für mindestens 3 Filme und 5 Bücher, wenn du mich fragst.” Henry wirkte ehrlich verblüfft. Rose begann heftig zu lachen bis ihr die Tränen kamen. “Ja da hast du vermutlich recht. Jetzt weißt du auch warum ich allein bin. Niemand will mit so jemandem zusammen sein, der derart viel Ballast mit sich herum schleppt.” Sie wischte sich die Tränen von der Wange. “Ehrlich? Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich finde es bemerkenswert, wie du mit deinem Schicksal umgehst und dass du keinen Groll gegen Gott und die Welt zu haben scheinst.” “Glaub mir das war ein hartes Stück Arbeit. Irgendwann habe ich eingesehen, dass ich mein Schicksal nun mal nicht ändern kann und ich habe noch so viel an Leben vor mir. Da kann ich die Zeit doch nicht damit verbringen mich ständig zu fragen, womit ich so viel Unglück verdient habe. Das ist eine der Fragen worauf man sowieso nie eine Antwort kriegt, also stelle ich sie mir nicht mehr. Jeder Mensch hat seine Geschichte und jeder trägt Ballast mit sich rum. Die einen mehr die anderen weniger. Irgendwas sagt mir, dass auch du ein paar Dinge erlebt hast, die nicht ganz so schön waren.” Rose sah ihn vorsichtig fragend an. Möglicherweise war dieser Vorstoß ihrerseits etwas zu abrupt. Henry sah sie misstrauisch an. “Was meinst du?” “Du hast eine ziemlich harte Schale und lässt kaum jemanden an dich ran, aber irgendwo tief drinnen bist du ganz in Ordnung würde ich sagen. Das ist meistens bei Menschen so, die etwas Schweres durchgemacht haben.” Rose ließ den Satz als ungestellte Frage im Raum hängen. Würde er sich ihr öffnen oder die Schutzmauern wieder hochziehen? “Ich hatte schon immer ein schwieriges Verhältnis zu meinem Vater. Wahrscheinlich weil wir beide so eigensinnige Sturköpfe sind. Ich habe ihm damals die Schuld an der Scheidung meiner Eltern gegeben. In meinen Augen waren sie glücklich. Ich habe es nie verstanden, warum er uns verlassen hat. Ich hatte jahrelang kaum Kontakt zu ihm und habe mich emotional sehr abgeschottet. Meine Mutter hat wieder geheiratet aber ich mochte den Kerl nicht. Er war böse. Hat meine Mutter betrogen und noch andere Dinge gemacht, die nicht in Ordnung waren. Ich habe meinen Vater um Hilfe gebeten, aber er wollte sich da raushalten und er meinte zu mir ich solle das Gleiche tun. “Das geht dich nichts an” hat er immer gesagt. Irgendwann habe ich diese Denke wohl auch übernommen und mich nirgendwo mehr integriert und dicht gemacht. Umso schwieriger ist es jetzt wieder mit ihm zusammen zu arbeiten. Jeden Tag möchte ich ihn am liebsten anschreien und doch weiß ich, er würde es nicht verstehen was ich ihm zu sagen habe. Er will das ich die Firma eines Tages übernehme. Eines der vielen Streitpunkte. Ich habe das Klettern nur ihm zuliebe angefangen. Ich bin gut und mache es gerne. Aber ich will es nicht zum Beruf machen. Dann würde das einzige Hobby, dass ich wirklich jemals gerne gemacht habe auf einmal meine Existenz bestimmen. Das will ich nicht, verstehst du?” Rose nickte. Sie drängte ihn nicht mehr zu erzählen. Sie spürte, dass da noch mehr war. Außerdem hatte er mit keiner Silbe seine Zeit im Gefängnis erwähnt, was sie von Ann wusste. Ihr war klar, er würde es ihr nicht erzählen wenn sie ihn drängte, also fragte sie nicht nach und wartete ab. Sie plauderten noch eine Weile über die Zukunft, aber die tiefe des Gesprächs war vorüber. Der Nachmittag ging dahin und sie hatten fast die Zeit übersehen, als es allmählich dunkel wurde. “Also noch eine Nacht hier wie es scheint” meinte Rose. “Ich fürchte ja. Es scheint aber eine klare Nacht zu werden. Die Chance stehen daher gut, dass das Wetter morgen gut genug ist, um mit dem Helikopter zu starten.” “Ich hoffe es. Allmählich hab ich genug vom Hüttenleben.” Ja ich auch. Ich leg mich hin und versuche etwas zu schlafen. Meine Wunde geht gerade in die nächste Runde.” “Meinst du nicht, wir sollten nochmal einen neuen Verband rauf geben und die Tinktur erneuern?” “Nein ich fürchte das reißt die Wunde noch mehr auf. Ich schnür den Verband noch etwas enger und hoffe sie nicht allzu sehr zu spüren in der Nacht. Aber ich fürchte die Entzündung ist nicht mehr zu stoppen.” “Okay, halte durch. Morgen ist es soweit und wir kommen hier endlich raus.” Rose gab Henry einen vorsichtigen Kuss auf die Wange und ging ins Bett. Sie grübelte noch lange vor sich hin bevor sie einschlief. Sie träumte von Ben und ihrem gemeinsamen Baby. In ihren Träumen hielt er sie immer auf dem Arm. Es war ein Mädchen mit ihren Augen und Bens hellen blonden Haaren. Er lächelte sie an: “Du siehst gut aus, Rose. Wie eine Blume.” Das hatte er immer zu ihr gesagt. Rose lächelte. “Pass auf dich auf Rose, wir lieben dich und warten auf dich. Aber du musst auf dich Acht geben. Verschenke dein Herz nicht leichtfertig, dafür ist es zu kostbar.” sagte Ben zu ihr. Dann verschwanden die beiden in gleißen hellen Licht. Rose griff nach den beiden und schrie nach Ben. Sie wollte nicht aufwachen, wollte nicht, dass es nur ein Traum war. Sie wälzte sich im Bett und schreckte hoch. Verwirrt sah sie sich um. Draußen war es stockdunkel. Sie atmete heftig. So einen intensiven Traum hatte sie nur nach Bens Tod gehabt. Es schien als wollte er sie warnen. Vor Henry? Oder war es nur ihr eigenes Unterbewusstsein, dass sie zur Vorsicht ermahnte. Sie atmete tief durch und sank wieder ins Bett. Sie brauchte eine Weile um ihre Gedanken zu ordnen. An Schlaf war nicht mehr zu denken, aber sie wusste nicht was sie tun sollte wenn sie aufstehen würde, also blieb sie liegen und hing ihren Gedanken nach. Sie ließ nicht zu, zu intensiv über Henry nachzudenken. Im Grunde war ja nichts zwischen ihnen passiert. Beinahe schon, aber eben nur beinahe und darauf ließe sich nicht wirklich etwas bauen. Außerdem wusste sie ja gar nicht, wie es um ihn stand und ob er zu mehr bereit wäre. Konnte sie sich überhaupt mehr vorstellen? Er war so anders als Ben. Verschlossen und grüblerisch mit einer dunklen Vergangenheit, über die er scheinbar nicht sprechen wollte. Konnte man mit so jemanden eine Beziehung führen? War sie überhaupt schon dazu bereit, sich wieder auf einen neuen Menschen einzulassen? Ben war stets offen und ehrlich gewesen, immer gut gelaunt und mit einem Lächeln auf den Lippen. Bei ihm wusste man immer woran man war. Er war ein offenes Buch und genau das liebte Rose so an ihm. Bei Henry war es genau das Gegenteil. Sie wusste nie was er gerade dachte und sobald sie versuchte die Situation einzuschätzen, reagierte er völlig anders als erwartet. Aber auch das hatte seine interessanten Seiten. Rose grübelte bis schließlich Morgenlicht in ihr Zimmer fiel. Die Sonne kitzelte ihr auf der Nase und sie genoss das Gefühl von der wärmenden Sonne. Tagelang saßen sie unter dicken Wolken und Schneefall und heute kam zum ersten Mal wieder die Sonne durch. Obwohl sie so wenig geschlafen hatte, war Rose bestens gelaunt. Heute würde der Helikopter definitiv starten können. Sie sprang auf und zog sich eilig an. Falls Henry noch nicht wach war, wollte sie ihn unbedingt wecken und die freudige Nachricht überbringen. Im Wohnzimmer angekommen schlief er tatsächlich noch. “Henry, Henry wach auf. Die Sonne scheint! Sie kommen, sie kommen bestimmt! Henry!” Sie rüttelte ihn. Er schlief wie ein Stein. Langsam erwachte er. “Was? Was sagst du da?” Seine Stimme klang rau und irgendwie fremd. “Die Sonne scheint, sieh nur!” Rose war ganz hibbelig und aufgeregt. Henry richtete sich schwerfällig auf und sah aus dem Fenster. “Na endlich” Henry schien erleichtert, hielt sich aber seine schmerzende Seite. “Ist es schlimmer geworden?” Rose fiel erst jetzt auf, dass kleine Schweißperlen auf seiner Stirn standen. “Ja” bekam er gerade so heraus und sank zurück auf die Couch. Der Verband war bereits durchtränkt von einer nesselnden Flüssigkeit, die wahrscheinlich vom Eiter stammt. “Verdammt, wir müssen den Verband wechseln.” meinte Rose aufgebracht. “Nein, lass das. Ich fürchte dazu ist es zu spät. Schnür nochmal fester zu, damit die Wunde verschlossen bleibt, aber ich will den Verband nicht mehr öffnen.” “Okay wenn du meinst. Ich halte das zwar für eine schwachsinnige Idee aber gut.” Rose war genervt. Wieso ließ er sich auf einmal nicht mehr von ihr helfen? Gerade hatte sie sich doch noch so gut verstanden. Sie zog den Verband enger und legte noch einen neuen Verband über die Wunde, damit sie auch wirklich Luftdicht verschlossen war. “So fertig. Bereit zum Abflug” scherzte Rose. Henry lächelte schief, konnte aber nichts mehr erwidern, weil die Schmerzen zu groß waren. Das Feuer im Kamin war nun zur Gänze erloschen. Sie hatten alle Bücher und Zeitschriften verbrannt. Ein paar Decken wären noch übrig gewesen, aber das Feuer ist wohl in der Nacht ausgegangen und da es Henry so schlecht ging, hatte er es wohl nicht rechtzeitig mitbekommen. Innerhalb kürzester Zeit wurde es bitterkalt. Rose wollte sich neben die Couch auf den Stuhl setzen und mit einer Decke einwickeln, als Henry ihr bedeutete auf der Couch Platz zu nehmen. “Wir sollten uns gegenseitig wärmen. Ich weiß das klingt jetzt wie in einem billigen Kitschroman, aber es hilft wirklich. Unsere Körperwärme hält uns gegenseitig warm.” Er öffnete die Decke, die er um sich gewickelt hatte und Rose nahm etwas zögernd Platz. Wie selbstverständlich umschloss er sie mit der Decke und zog sie an seinen Oberkörper so gut es ging, ohne die Wunde zu berühren. Rose brauchte eine Weile um sich in seinen Armen zu entspannen. Es fühlte sich gut an. Zu gut. Rose wurde etwas schwindelig. Sie fühlte sich, geborgen. So etwas hatte sie schon lange nicht mehr empfunden. “Sie kommen doch heute, oder Henry? Was ist, wenn sie heute nicht kommen? Ich will hier nicht sterben.” Rose gingen die Emotionen durch. Der Traum von Ben letzte Nacht, die Gespräche mit Henry und jetzt diese Nähe zu ihm waren zu viel für sie. Henry begann vorsichtig ihren Kopf zu streicheln und flüsterte ihr beruhigende Worte zu. “Sie kommen heute, ganz bestimmt. Bill wird alle Hebel in Bewegung setzen, das versprech ich dir. Er holt uns hier raus” Nach einer Weile wurde Rose wieder warm. Tief eingewickelt in die Decke und mit Henrys beruhigenden Worten im Ohr döste sie irgendwann ein. Wie benommen wachte sie von einem tosendem Geräusch auf. Zuerst glaubt sie eine Lawine würde über sie hinwegfegen und die Hütte völlig unter sich begraben, doch irgendwann realisierte sie, dass es Rotorblätter waren. “Der Helikopter! Henry! Sie sind da! Sie sind endlich da!” Rose richtete sich auf. Henry schien neben ihr zu schlafen, doch auch er musste von dem lauten Geräusch aufwachen. Sie stupste ihn zuerst vorsichtig an und dann schüttelte sie ihn. Sie griff nach seinem Puls. Er war sehr schwach. “Henry, verdammt. Du machst mir jetzt nicht schlapp, wir haben es fast geschafft!” Sie rannte zur Tür und versuchte mit der kleinen Schaufel den Schnee weg zu schippen. Der Helikopter konnte nicht landen und sie sah wie sich einer der Rettungsmänner vom Seil ließ. Sie fächelte ihre Hände nach oben, damit sie sie sehen konnten. Ein junger, kerniger Mann kam auf sie zu: “Miss McFee? Mein Name ist George. Wir sind hier, um sie hier raus zu holen. Haben sie alles? Wo ist Mr. McDowell?” Rose konnte kaum ein Wort verstehen, weil es so laut war. “Er ist drin. Er ist bewusstlos, er hat eine schlimme Verletzung an der Seite die sich entzündet hat, sie müssen ihm dringend helfen! Mir geht es gut, helfen sie ihm schnell!” Der Rettungsmann lief sofort zu Henry und begann mit der Versorgung. Nacheinander kamen noch zwei weitere Rettungsmänner in die Hütte und wickelten Rose in eine Art Alufolie, die sie warm hielt. Als auch Bill zur Tür reinkam, liefen ihr die Tränen über die Wange. “Bill, du bist da. Endlich seid ihr da!” Bill umarmte Rose und drückte ihr erleichtert einen Kuss auf die Stirn. “Ich hätte euch nie im Stich lassen sollen, das ist alles meine Schuld. Ich hätte euch nie hier her bringen dürfen!” Er ließ Rose nicht mehr los. Die Sanitäter kümmerten sich immer noch um Henry. Er kam nicht wieder zu Bewusstsein, aber die Wunde war nun endlich richtig versorgt. Liegend wurde er abtransportiert und in den Helikopter gebracht. Rose und Bill folgten ihnen. Sie war einen letzten Blick auf die Hütte. Sie wollte diesen Ort in Erinnerung behalten. Endlich war dieser Horror vorbei und sie hatten es überlebt. Zumindest hoffte sie das. Sie ging zu Henry. Er hing nun an einem Beatmungsgerät. Seine Augen waren nach wie vor geschlossen. Sie griff nach seiner Hand und streichelte langsam über seinen Handrücken. Sie wusste nicht, ob er es spüren konnte. Sie betete, dass er wieder gesund wird. Im Krankenhaus angekommen wurde er sofort in den OP gebracht. Rose musste einige Untersuchungen über sich ergehen lassen, aber nach ein paar Stunden wurde sie entlassen. Ihre beste Freundin Lillian holte sie ab und brachte sie nach Hause. Sie kannte sich in ihrer Wohnung aus, als wäre es ihre eigene und ohne ein Wort zu sprechen wurde sie versorgt. Lillian ließ sie drei Tage nicht aus den Augen. Rose schlief die meiste Zeit über und war noch nicht bereit über die Ereignisse zu sprechen. Lillian ließ ihr alle Zeit und drängte sie nicht. Am Abend des vierten Tages war Rose soweit ihr alles zu erzählen. Sie ließ keinen Moment aus und Lillian unterbrach sie kein einziges Mal. “Dieser Henry scheint ja eine harte Nuss zu sein. Weißt du wie es ihm geht?” “Ich habe nur kurze Nachrichten von Bill erhalten. Sein Zustand sei kritisch, aber stabil. Was auch immer das heißen mag.” “Dass sie es selbst noch nicht wissen, fürchte ich. Du hast dein Bestes getan, Rose. Der Rest liegt in den Sternen” “Ich weiß. Ich wünschte nur, ich könnte noch etwas tun. Vielleicht sollte ich ihn besuchen.” “Das kannst du, sobald es ihm und auch dir besser geht. Du bist immer noch sehr schwach. Lass dir Zeit.” Rose grübelte. “Ja, du hast Recht.” “Lass uns einen Film gucken, damit wir auf andere Gedanken kommen. Hast du den neuen mit Ryan Gosling schon gesehen? Ein Traahaaum!” Rose musste lachen. Lillian und ihre Liebe zu dem Schauspieler war unermesslich. “Nein ich denke nicht. Also gut, rein damit!” Sie kuschelten sich zusammen und sahen sich die Romanze an. Rose war irgendwann eingeschlafen und als sie am nächsten Morgen aufwachte, lag sie zugedeckt auf der Couch. Lillian hatte ihr eine Nachricht hinterlassen. Sie musste heute wieder zur Arbeit, versprach aber am Abend wieder vorbeizuschauen. Trotzdem hat sie es sich nicht nehmen lassen noch frischen Kaffee aufzubrühen und ein kleines Frühstück für sie vorzubereiten. Rose musste lächeln. Freunde wie Lillian waren unbeschreiblich wertvoll. Sie duschte wie bereits jeden Tag mit übertrieben warmen Wasser und genoss jeden einzelnen Tropfen Wärme auf ihrer Haut. Nach einer gefühlten Ewigkeit stieg sie aus der Dusche. Ihre Haut war schon ganz schuppig. Sie wickelte sich in warmer Kleidung und dicke Socken ein und machte es sich wieder auf der Couch gemütlich. Der Arzt hatte ihr zwei Wochen Ruhe verordnet und am vierten Tag wusste sie schon nichts mehr mit sich anzufangen. Aus einer Laune heraus rief sie Ann an. Sie hatte sie noch im Krankenhaus besucht und sich wie eine Mutter um sie gekümmert. Auch Joel und Fred waren gekommen. Fred hatte sichtlich Gewissensbisse, da es ja seine Schuld war, dass Henry verletzt und sie tagelang in der Hütte eingeschlossen waren. Doch Rose versuchte so gut sie konnte ihm das schlechte Gewissen auszureden. Sie war aber nicht sonderlich erfolgreich damit, wie sie befürchtete. “Hey, mein Mädchen. Wie geht es dir?” begrüßte Ann sie fröhlich. “Schon viel besser. Ich bin ein neuer Mensch und ich glaube meine Körpertemperatur hält sich nun von alleine wieder bei normaler Wärme. Zur Sicherheit gehe ich trotzdem mehrmals heiß duschen!” Sie lachten beide und plauderten eine Weile. “Ann?” “Ja?” “Hast du etwas von Bill gehört? Weißt du wie es Henry geht?” “Nicht viel. Die Operation verlief erfolgreich. Sie konnten das Ausbreiten der Entzündung verhindern, aber er ist noch nicht übern Berg, soweit ich weiß. Er wird es schon schaffen, Rose. Er ist hart im Nehmen. Ich werde ihn morgen besuchen. Du kannst mitkommen, wenn du magst?” “Nein, ich. Dazu bin ich noch nicht bereit. Ich will noch nicht wieder in ein Krankenhaus, ich bin gerade erst rausgekommen.” “Das verstehe ich, lass dir Zeit. Hör zu, ich muss jetzt auflegen. Wir haben heute Abend Freunde zu Besuch und ich muss Joel noch bei den Vorbereitungen helfen. Ich hoffe wir sehen uns bald wieder!” “Kein Problem Ann, bis bald und ich wünsche euch einen schönen Abend. Liebe Grüße an Joel.” Rose legte auf. Sie überlegte eine Weile was sie jetzt tun sollte. Sie beschloss einen Film zu gucken und machte sich Popcorn. Obwohl sie ihren Lieblingsfilm ansah konnte sie sich nicht wirklich darauf konzentrieren. Ihre Gedanken wanderten immer wieder zu Henry. Sollte sie ihn besuchen oder nicht? Wollte er das denn überhaupt? Irgendwann beschloss sie ihm einen Besuch abzustatten, aber erst wenn es ihm deutlich besser ging und er nicht mehr auf der Intensivstation lag. Zufrieden mit ihrer Entscheidung konnte sich Rose endlich auf den Film konzentrieren und schlief irgendwann ein.
Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Zuerst dachte Rose sie würde nichts mit sich anfangen können, weil es ihr schon wieder sehr gut ging, aber ihr Chef sie zu einer Zwangspause verdonnert hat. Doch die viele Freizeit tat ihr wirklich gut. Sie ordnete ihre Wohnung neu, sortierte ihren Kleiderschrank aus und füllte ihn mit neu gekauften Klamotten von ihrer Shoppingtour mit Lillian. Sie ging auf Jazzabende und verbrachte viel Zeit mit ihren Freunden. Schon lange hatte sie keine so intensiven Gespräche mehr mit ihnen geführt wie in dieser Zeit. Sie traf sich mit jeden auch einzeln, damit sie sich voll auf sie konzentrieren konnte und bei manchen merkte sie, dass sie so gar nicht mehr wusste, was eigentlich bei ihnen im Leben so los war. Sie versprach sich in Zukunft mehr solche Einzeltreffen zu vereinbaren, damit dieses Band des Vertrauens nicht wieder einriss. Nach zwei Wochen zurück im Arbeitsleben war Rose wieder die Alte. Sie hielt regelmäßig Kontakt zu Ann und gelegentlich telefonierte sie auch mit Fred. Bill hatte ein paar mal versucht sie anzurufen, aber sie hatte die Anrufe immer verpasst und es noch nicht geschafft ihn zurück zu rufen. Von Ann wusste sie, dass Henry bereits auf dem Weg der Besserung war. Er musste immer noch im Krankenhaus bleiben, sollte aber bald raus dürfen. Rose bekam ein schlechtes Gewissen. Sie hatte sich so fest vorgenommen ihn zu besuchen, doch mit jeden Tag der verstrich, verließ sie mehr und mehr der Mut dazu. Eines Nachmittags saß sie allein zu Hause. Lillian musste ihr kurzfristig absagen, weil jemand in ihrer Arbeit krank geworden ist und sie einspringen musste. Also hatte Rose keine Pläne mehr. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich zurück. Sie grübelte und schalt sich einen Idioten. Sie hatte es sich versprochen ihn zu besuchen und jetzt war die Zeit dazu. Also packte sie schnell ihre Sachen und kaufte noch Pralinen und einen kleinen Teddybär für Henry. Sie wusste nicht, ob er Pralinen mochte und den Bären fand er bestimmt kitschig, aber ihr fiel nichts Besseres ein. Ihr Herz klopfte wild als sie ins Krankenhaus kam. Sie hasste dieses Gebäude. Zu viele Menschen hatte sie hier drin gehen lassen müssen. Sie fragte die Empfangsdame nach seiner Zimmernummer und machte sich auf dem Weg. Es war später geworden als sie geplant hatte. Ihr Zögern und das Besorgen der Geschenke hatte etwas Zeit in Anspruch genommen. Sie klopfte leise an der Tür und wartete auf eine Reaktion, doch es kam keine oder sie konnte sie nicht hören. Vorsichtig öffnete sie die Tür. Er war allein im Zimmer, stellte Rose fest. Das war gut. So konnte er sich wirklich erholen. Sie selbst musste ihr Zimmer mit drei anderen Frauen teilen, die teilweise starke Schmerzen hatten und in der Nacht weinten oder manchmal auch Schreikrämpfe erlitten. Es war die Hölle gewesen. Sie ging langsam auf ihn zu. Er sah schwach aus und hatte ein paar Kilo abgenommen. Die Wunde konnte sie nicht sehen, weil er zugedeckt war. Er schlief und sein Atem ging gleichmäßig. Rose atmete durch. So viele Gedanken hatte sie sich gemacht, wie er reagieren würde, wenn er sie sah. Was sie sagen sollte. Was er sagen würde und jetzt war das alles hinfällig, weil er schlief. So leise wie möglich stellte sie ihr Geschenk auf den Tisch. Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht eine Karte zu schreiben. Sie ging vorsichtig zu ihm hin und beobachtete ihn. Sie wollte ihn auf keinen Fall wecken. Im Schlaf sah er so friedlich aus. Als könnte nichts auf der Welt ihn bedrücken. Rose liebte diesen Gesichtsausdruck bei Menschen. Im Schlaf konnten alle ihre Sorgen vergessen. Sie gab ihm einen vorsichtigen Kuss auf die Schläfe und verließ so leise wie möglich das Zimmer. Draußen kamen ihr fast die Tränen. Sie war überrascht von ihrer heftigen Reaktion. Offenbar hatte sie doch mehr Gefühle für ihn, als sie sich zuerst eingestehen wollte. Sie hatten immerhin einiges gemeinsam durchgemacht. Doch Rose wollte zurzeit nicht näher darüber nachdenken. Solange Henrys Gesundheitszustand noch so instabil war, mussten diese Dinge warten. Sie würde schon sehen wie sich das Ganze entwickeln würde. Sie ging wieder nach Hause und fühlte sich irgendwie komisch. Sie hatte sich das Treffen anders ausgemalt und alle möglichen Szenarien in ihrem Kopf durchgespielt und jetzt kam es nicht mal wirklich zu einem Treffen. Am Nachhauseweg klingelte ihr Handy. Es war Bill. Endlich erwischte er sie. “Dich an ein Telefon zu bekommen ist ja schon fast ein Staatsakt” begrüßte er sie. Rose lachte. “Tut mir leid, Bill. Die letzten Tage waren wirklich etwas stressig. Wie geht es dir?” “Soweit ganz gut, danke dir. Ich wollte dich fragen, ob du Lust auf ein Treffen hast? Mit allen Beteiligten aus der Bergtour. Ich würde mich gerne nochmal bei dir für alles Bedanken und ich glaube auch Fred und den anderen würde es gut tun alle zu sehen und die Sache ein bisschen zu verarbeiten. Was meinst du?” Rose zögerte einen Moment. Würde Henry auch kommen? Bill hatte gesagte “Alle Beteiligten” aber Henry nicht weiter erwähnt. Nachfragen traute sie sich jedoch nicht, damit Bill nicht skeptisch wurde. “Ja gerne Bill, das klingt gut. Ich freue mich. Wann soll das denn stattfinden?” “Super, das freut mich. Ich würde einen Tisch in einem Restaurant reservieren. Du kannst auch gerne jemanden mitbringen. Ich gebe dir noch Bescheid bezüglich des genauen Termins.” Bill legte auf. Rose freute sich alle wieder zu sehen, auch wenn es bestimmt komisch werden würde wieder mit Henry in einem Raum zu sein. Sie spürte jetzt schon Anns wachenden Blick auf ihr. Sie haben zwar nie darüber gesprochen, aber Ann hatte dafür einen sechsten Sinn. Die Art und Weise wie sie immer beiläufig erzählte, wie es Henry ging ohne das Rose extra nachfragen musste war genug Erklärung für sie. Rose versuchte alle Gedanken an Henry für die nächste Zeit zu verdrängen. Im Büro stand ein großes Projekt an und sie hatte alle Hände voll zu tun. Die Zeit flog nur so dahin und bald war ein Monat vergangen, bis Bill sich meldete und einen Termin für das Treffen vereinbarte. Rose überlegte, ob sie Lillian zu dem Treffen mitnehmen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Wenn Henry sie wieder abschätzig behandelte, konnte es sein, dass Lillian ihm an die Gurgel sprang. Sie hatte was Rose betrifft einen Löwenmama artigen Beschützerinstinkt und es war mehr als nur einmal vorgekommen, dass ein arroganter Kerl, der sie blöd anmachte einen Drink von Lillian im Gesicht hatte. Das wollte sie lieber vermeiden. Rose war sichtlich nervös. Würde Henry nun kommen oder nicht? Und wie würde er reagieren, wenn er sie sah? Wäre er nett oder wieder arrogant wie zu Beginn. Das Restaurant das Bill ausgesucht hat war ziemlich schick, also entschied sich Rose für ein neues rotes Abendkleid, dass sie sich in einem Anflug aus Leichtsinn gegönnt hatte. Es war für ihren Geschmack etwas aufreizend, aber nicht billig und der Stoff war wirklich angenehm. Sie nahm ihren Mantel und entschied sich gegen eine Jacke für das Kleid. Sie würde es schon aushalten und hoffte dass die Klimaanlage im Restaurant nicht zu kalt eingestellt war. Vor dem Restaurant traf sie auf Fred. Er freute sich riesig alle wieder zu sehen und er hatte eine Begleitung dabei. Ihr Name war Maggy und sie war nicht viel jünger als Rose. Sie hatte blondes, kurzes Haar und Sommersprossen die sie noch jünger aussehen ließen. Sie passte perfekt zu Fred und die beiden sahen sehr glücklich aus. Rose freute sich sehr für Fred. Er war sehr schüchtern und es war bestimmt nicht leicht für ihn jemanden kennen zu lernen. Joel und Ann kamen kurze Zeit später beim Restaurant an und so gingen sie gemeinsam ins Restaurant. Sie gaben die Jacken beim Empfang ab und wurden von der Dame zum Tisch gebracht. Bill und Henry warteten bereits auf sie. Rose Herz begann zu flattern. Er sah verdammt gut aus und fiel fitter und gesünder als im Krankenhaus. Die Begrüßung dauerte eine Weile bis alle Hände geschüttelt und Küsse verteilt waren. Rose stellte sich etwas Link an, als sie Henry einen Kuss auf die Wange gab, doch er ließ sich nichts anmerken und seine Augen waren bereits auf Ann gerichtet, bevor Rose etwas sagen konnte. Etwas überrascht über das plumpe Verhalten, setzte Rose sich. Plötzlich kam eine Frau auf ihren Tisch zu. Sie begrüßte Henry stürmisch und gab ihm einen Kuss auf die Lippen. Ihre Stimme war seltsam schrill und passte nicht ganz zu ihrem perfekten Aussehen. Sie hatte langes blondes Haar, dass perfekt gewellt über ihre Schultern fiel und ihr Kleid war derart aufreizend, dass Rose sich in ihrem Kleid wie ein Schulkind fühlte. “Tut mir leid, Schatz. Ich bin zu spät. Dieser blöde Taxifahrer wollte keine Karte akzeptieren. Nur Bargeld, kannst du dir das vorstellen? In welchem Zeitalter lebt der eigentlich? Oh Hallo Bill, freut mich dich wieder zu sehen.” Sie gab Bill Küsschen Link, Küsschen Rechts ohne wirklich seine Wange zu berühren. Hallo an die Runde. Ich bin Julianne. Henrys Verlobte.” Sie schüttelte jedem die Hand und setzte sich neben Henry. Rose musste sich konzentrieren, dass ihr nicht die Kinnlade runterfiel. Seine Verlobte? Henry war verlobt? In ihrem Kopf ratterte es. Tausend Gedanken schossen ihr auf einmal durch den Kopf und sie konnte sich kaum auf das Tischgespräch konzentrieren. Sie merkte nicht einmal, dass Ann sie die ganze Zeit beobachtete. Sie fühlte sich verraten. Während sie tagelang überlegte, ob sie ihn anrufen und ihn treffen wollte, ob sie mit ihm über ihre Gefühle sprechen sollte, war er die ganze Zeit über verlobt. Sie vertraut wie sich diese Frau an seinen Hals warf, lernten sie sich auch nicht erst im Krankenhaus kennen. Irgendwann legte sich der Schock bei Rose und wich einer unbändigen Wut. Sie hätte schreien können und doch saß sie seelenruhig am Tisch und ließ sich nichts von dem anmerken, was in ihrem Inneren brodelte. Beim Desserts konnte sie sich jedoch nicht mehr zurückhalten. Julianne klebte wie ein Kaugummi an Henrys Hals und fast wollte sie schon sagen, sie sollen sich doch ein Zimmer nehmen. Stattdessen besann sie sich eines Besseren: “Julianne, du musst dich ja schrecklich langweilen über all die Berggeschichten, erzähl doch mal von dir und Henry. Wann habt ihr euch kennengelernt?” Rose sah Henry dabei forsch an, dieser schüttelte nur leicht den Kopf, blieb aber ruhig. “Ach Henry und ich sind seit drei Jahren ein Herz und eine Seele, nicht wahr Schatz? Wir haben uns auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung kennengelernt, die mein Vater ausgerichtet hat. Henry stach sofort aus der Menge heraus! Er schien völlig Fehl am Platz, also habe ich mich seiner angenommen und ihn zum tanzen aufgefordert. Der Rest ist Geschichte!” Sie sah ihn verliebt an und streichelte mit ihren spitzen Fingernägeln über seinen Arm. “Das ist eine zauberhafte Geschichte und wann läuten die Hochzeitsglocken?” Rose konnte es einfach nicht lassen. Henry fühlte sich sichtlich unwohl, doch sie ignorierte ihn einfach und konzentrierte sich auf Julianne. “Nächstes Frühjahr. Es wird bombastisch. Über dreihundert Leute sind eingeladen. Mei Vater ist ein wichtiger Mann und er hat gesagt: Julianne mein Schatz, für dich ist das Beste gerade gut genug! Und der Meinung bin ich auch. Wir heiraten in einem märchenhaften Schloss mit Kutsche und weißen Tauben, es wird wie im Märchen!” Ihre Augen glänzten. Das Ganze passte so gar nicht zu Henry. Pompöse Hochzeiten, mehrere hundert Gäste, eine Kutsche? Wer war dieser Mensch? “Wow, das klingt wirklich traumhaft! Dann muss der Antrag doch ebenso grandios gewesen sein, wenn ihr beide so romantisch seid”, meinte Rose. Henry räusperte sich. “Ach nein, Henry doch nicht. Ich habe den Antrag gemacht. Also nicht wirklich einen Antrag. Ich habe gesagt, Schatz. Wenn du mich jetzt nicht heiratest, dann nehme ich einen anderen. Das konnte er natürlich nicht zulassen, also kaufte er schon am nächsten Tag einen Ring und wir waren verlobt.” “Okay das sind jetzt genug Geschichten über uns.” Henry unterbrach das Gespräch, obwohl Rose noch ein paar unangenehme Fragen auf Lager gehabt hätte. “Joel, erzähl mal. Welche Tour hast du als nächstes geplant?” Joel bekam von der knisternden Stimmung am Tisch wie üblich nichts mit und erzählte gut gelaunt von der nächsten Bergtour. Das Gespräch drehte sich schon bald wieder um Belangloses und Rose stocherte lustlos in ihrem Dessert. Ann suchte ihren Blick, doch Rose ignorierte sie. Sie würde sofort in Tränen ausbrechen, wenn sie ihrem mitleidigen Blick entgegnete. Nach dem Essen ging Rose so gut es ging Julianne und Henry aus dem Weg. Sie verabschiedete sich von Ann und Joel und stellte sich bei der Garderobe an. Wie es der Zufall will stand Henry vor ihr. “Gratuliere zur Verlobung, Henry. Deine Verlobte ist wirklich zauberhaft. Sie passt außerordentlich gut zu dir.” meinte Rose spöttisch. “Ich bin dir keinerlei Rechenschaft schuldig.” meinte er nur. Rose schnaubte. “Was soll das heißen? Alles was wir erlebt haben, gemeinsam durchgemacht haben und du hast nie auch nur mit einem Wort erwähnt, dass du eine Freundin hast, geschweige denn verlobt bist. Was soll ich davon halten?” “Keine Ahnung warum ich es nicht gesagt habe, es erschien mir nicht relevant. Und was ist mit dir? Keine Anrufe, Keine Nachrichten, nicht einmal ein Besuch im Krankenhaus? Ich lag Wochen da drin und habe mich gefragt wo du bist und wie es dir geht.” Henrys Worte trafen Rose hart. Damit hatte sie nicht gerechnet. Er hatte sich dieselben Fragen gestellt wie sie. “Das ist nicht fair. Zuerst behandelst du mich wie den letzten Dreck und gerade als wir sowas wie eine Beziehung zueinander aufbauen, erfahre ich dass du die ganze Zeit über verlobt warst. Wie soll ich dir da trauen? Auch du hättest mal zum Telefon greifen können. Kannst du dir nicht vorstellen, dass auch ich auf einen Anruf oder ein Lebenszeichen von dir gewartet habe. Ich wusste ja nicht, ob du mich sehen willst oder nicht.” Sie waren vorne bei der Garderobe angekommen und Rose nahm ihre Jacke entgegen. Henry musste auf seine noch warten. Zornig zog Rose sich den Mantel über. “Und ich habe dich im Krankenhaus besucht.” Mit diesen Worten machte Rose kehrt und ließ Henry stehen. Sie wollte nicht auf ein Taxi warten und Gefahr laufen ihm nochmal zu begegnen, also lief sie zu Fuß nach Hause. Die frische Luft tat ihr gut, damit sie sich wieder etwas beruhigen konnte. Der Abend war so anders verlaufen als geplant obwohl sie nicht wirklich wusste, was sie sich erwarten hätte sollen. Aber dass Henry verlobt ist, war eine Wucht. Ann rief sie mehrmals an, doch Rose ignorierte das Klingeln. Sie wollte jetzt mit niemanden sprechen. Zu Hause angekommen ging sie sofort ins Bett. Sie konnte kaum schlafen, weil sie immer noch so aufgewühlt war. Ihre Gefühle wankten zwischen Verzweiflung, Zorn und Liebeskummer. Ja sie hatte sich in Henry verliebt. Die Heftigkeit ihrer Gefühle zeigten ihr das nun endgültig. Doch er war verlobt und würde heiraten. Außerdem wusste sie ja gar nicht, was er für sie empfand.
Es dauerte einige Tage und Wochen bis Rose sich wieder wohl in ihrer Haut fühlte. Sie telefonierte gelegentlich mit Ann, ließ das Thema “Henry” aber absichtlich aus. Bill wollte ein regelmäßiges Treffen der Gruppe vereinbaren, doch Rose winkte ab. Sie redete sich auf die viele Arbeit im Büro aus und versprach es zu einem späteren Zeitpunkt zu einem der Treffen zu schaffen, was sie aber nicht wirklich vorhatte. Die Monate vergingen und bald war wieder Herbst. Rose hatte nun wirklich viel im Büro zu tun und konzentrierte sich voll auf ihren Job. Ihr Privatleben bestand nur aus gelegentlichen Treffen mit ihren Freunden und Gesprächen mit Lillian und Ann. Der Winter war für sie eine schwierige Zeit. Der Schneefall brachte viele unangenehme Erinnerungen zurück und sie träumte oft von der Hütte und Henry, dem sie aber nicht helfen konnte. Mehrmals wachte sie schweißgebadet auf und musste sich erstmal beruhigen. Sie war froh, als der Winter endlich vorüber und die ersten Knospen des Frühlings auftauchten. Ann erzählte Rose beiläufig von der Henrys Hochzeit. Er hatte es tatsächlich durchgezogen. Ann vermutete aber, dass Julianne ein Baby erwartet und er deswegen keinen Rückzieher mehr machte. Auch sie war der Meinung, dass die beiden so gar nicht zusammen passen. Irgendwann im Winter, als Rose wieder schweißgebadet aufgewacht war, rief sie Ann an und erzählte ihr alles. Sie ließ kein Detail aus und legte alle Emotionen und Gedankengänge offen. Ann war ihr eine richtige Freundin. Sie tröstete sie und war für sie da, ohne zu urteilen oder ihr unangebrachte Tips zu geben. Lillian wäre genauso für sie da gewesen, aber sie kannte Henry nicht und daher fiel es ihr bei Ann leichter. Sie wusste wie er war und warum sie ihre Gefühle so verwirrten. Er hatte es also wirklich durchgezogen und war verheiratet. Nach all den Monaten war sich Rose selbst nicht mehr sicher, ob sie wirklich so tiefgehende Gefühle für Henry hatte oder ob es nur daran lag, was sie gemeinsam erlebt hatten. Sie hatte ihn weder gesehen, noch von ihm gehört. Tatsächlich las Rose in einer der Klatschzeitschriften, dass Julianne ein Kind bekommen hatte. Ihr Vater war ein bekannter Medienmogul und sie war so etwas wie das reiche, verwöhnte IT-Girl, dass sich nur mit Gleichgesinnten abgab. Es war ein Mädchen. Bild gab es keines, aber Rose stellte sich vor, dass es die hellen blonden Haare der Mutter und die dunklen, geheimnisvollen Augen von Henry hatte. Er war Vater. Sie konnte es nicht glauben. Bestimmt vergötterte er die Kleine und fraß ihr aus der Hand, auch wenn er immer den toughen Kerl gab. Rose’ eigenes Liebesleben blieb derzeit etwas auf der Strecke. Sie genoss eine Zeit lang Single zu sein und verabredete sich in und wieder auf ein Date, aber etwas Ernstes wurde nicht daraus. Aus einer Laune heraus holte sie sich einen Hund aus dem Tierheim. Sie wollte nicht mehr allein zu Hause sein und so würde sie öfter an die frische Luft gehen. Es war ein Labradormischling. Sie wollte immer schon einen Hund und da das Haus mit Garten wohl noch auf sich warten ließ, beschloss sie sich zumindest diesen Wunsch zu erfüllen. Im Büro war es auch kein Problem den Hund mitzunehmen. Mittlerweile hatte sie ihren eigenen Raum, wo er auch seinen eigenen Liegebereich hatte. Sie nannte ihn Mr. Cheng, nach dem freundlichen Mitarbeiter des Tierheims. Er war schon ein paar Monate im Heim und war ihm sehr ans Herz gewachsen. Mr. Cheng war ein netter, kleiner Mann mit einem riesigen Herz für Tiere. Er hatte den Hund sofort ins Herz geschlossen und wollte ihn nur ungern weggeben, obwohl er natürlich wusste, dass es ihm bei Rose besser gehen würde. Sie besuchten ihn regelmäßig im Tierheim und die beiden begrüßten sich wie alte Freunde. Im Hundetraining lernte Rose jemanden kennen. Sein Name war Ronald, aber alle nannten ihn Ronni. Er war ein liebenswerter Kerl und Rose mochte ihn auf anhieb. Ihre Hunde verstanden sich bestens und mit der Zeit wurde er ihr zu einem lieben Freund. Sie gingen öfter miteinander aus und obwohl Rose wusste, dass Ronni mehr für sie empfand als sie, lies sie sich auf ihn ein. Sie wollte nicht länger alleine sein und Ronni trug sie auf Händen. Er tat alles um sie glücklich zu machen und für Rose war es genug. Sie war endlich nicht mehr allein und fühlte sich geborgen. Liebe musste ja nicht immer heißblütig und impulsiv sein, dachte Rose. Sie konnte auch langsam wachsen und sich entwickeln. Ab und an dachte sie an Henry und wie stark die Spannungen zwischen ihnen waren. Die Gefühle die sie mit ihm verband waren so anders als die gegenüber Ronni. Doch das war lange her. Sie war zufrieden. Ihr Leben folgte wieder einer Richtung und Rose fühlte sich gut aufgehoben bei Ronni. Wie so oft schlenderte sie abends mit Mr. Cheng durch die Gassen und Straßen der Stadt. Zum Schluss kam sie immer bei ihrer Lieblingsgalerie vorbei und betrachtete die aktuelle Ausstellung. Ronni war noch im Büro, außerdem hatte er für Kunst nicht wirklich viel übrig. Er verstand sie schlichtweg nicht. Rose war ein großer Fan von Kunst aller Art. Dort angekommen stellte sie fest, dass es sich um eine Fotogalerie über Berge und das Klettern handelte. Die Bilder waren atemberaubend schön. Der Fotograf hatte ein besonderes Auge für spezielle Momente und Rose betrachtete wie gebannt die Bilder. Ohne groß darüber nachzudenken ging sie hinein. Mr.Cheng musste draußen bleiben, aber er war ohnehin müde und legte sich sofort neben die Tür. Rose betrachtete die einzelnen Bilder eingehend, sie war fasziniert von der Präzision die der Künstler an den Tag legte. Es schien als wären sie kaum überarbeitet und im Moment entstanden. Nichts wirkte inszeniert oder gestellt. Als Rose beim letzten Bild angekommen war, brauchte sie einen Moment um zu realisieren was sie da sah. Es war ihre Hütte. Die Hütte in der sie damals mit Henry eingeschlossen war. Sie bekam Gänsehaut. Sie sah wunderschön und friedlich aus, wie sie so dalag im Schnee. Idyllisch und heimelig und trotzdem wurde es Rose klamm ums Herz. Konnte das ein Zufall sein? Da fiel ihr auf, dass sie den Namen des Fotografen nirgendwo gelesen hatte. Sie hatte eine dunkle Ahnung wer es sein konnte. Da hörte sie hinter sich eine ihr allzu vertraute Stimme: “Rose.” Sie drehte sich langsam um. Vier Jahre war her, dass sie ihn gesehen hatte und trotzdem machte ihr Herz einen Satz. Er hatte sich kaum verändert, seine Miene war immer noch unergründlich. Nur ein paar grau-silberne Haare hatten sich in seine sonst schwarzen, dichten Haare geschlichen, was ihm ein reiferes und noch attraktiveres Aussehen verlieh. “Henry. Sind die Bilder von dir?” Rose Stimme war fast nur ein Flüstern. “Ja. Wie findest du sie?” “Sie sind, wunderschön. Ich bin überwältigt. Ich habe richtig Gänsehaut.” Sie strich sich dabei unwillkürlich über den Arm. Henry folgte ihrem Blick. “Wie geht es dir?” “Gut, danke. Wie geht es dir? Wie ich sehe bist du erfolgreich?” “Ja, das hat sich so entwickelt. Zuerst war es nur ein Hobby aber mit der Zeit wurde es immer mehr und Bill hat mich irgendwann dazu ermutigt die Bilder zu veröffentlichen.” “Wie geht es Bill? Ich habe schon lange nichts mehr von ihm gehört.” “Soweit ganz gut. Er wird alt, aber lässt sich davon nicht beeindrucken.” Nach dieser kurzen Runde Small Talk legte sich ein Schweigen über die beiden. Rose wollte sich gerade wieder verabschieden, als Henry ihr zuvor kam. “Möchtest du etwas trinken gehen? Ich wollte gerade abschließen und würde mich freuen noch mehr von dir zu hören und wie es dir in den letzten Jahren ergangen ist.” Rose zögerte einen Moment. Sie war sich ihrer Gefühle nicht im Klaren und traute sich nicht ganz über den Weg. “Ich weiß nicht ob das eine gute Idee ist, Henry. Es ist viel passiert in der Zwischenzeit.” “Bitte, Rose. Nur ein Getränk.” “Also gut. Kannst du etwas empfehlen? Es muss Hundefreundlich sein.” Rose war froh Mr. Cheng an der Seite zu haben. Sie unterhielten sich am Weg zur Bar hauptsächlich über ihn und wie Rose zu ihm gekommen war. Die Bar in die Henry sie führte war eine Jazzbar. Rose kannte sie von früher. Sie war schon lange nicht mehr hier gewesen, aber im Grunde hatte sich nichts verändert. Sie liebte die Musik noch immer, kam in letzter Zeit aber nicht dazu sie zu hören, geschweige denn in die Bar zu kommen. “Wie geht es Julianne, ich habe gehört ihr habt eine Tochter? Wie heißt sie?” “Das ist richtig. Sie heißt Marianne. July hat den Namen ausgesucht. Sie ist jetzt vier und ein totaler Wirbelwind. Sie ist kaum zu bändigen und möchte ständig irgendwo raufklettern oder sich sonst irgendwie in Gefahr bringen.” “Von wem sie das nur hat?” schmunzelte Rose. Henry lachte. “Jaja, ich weiß. Wie der Vater, so die Tochter. Geschieht mir nur recht. Zumindest hält sie mich jung.” “Was machst du jetzt beruflich?” “Ich führe Bergtouren durch.” “Ach, tatsächlich? Ich dachte, dass wäre dir so verhasst?” “Mein Vater hat mir die Firma wie geplant überreicht und ich war alles andere als zufrieden damit. Ich hab jemanden eingestellt, der mehr oder weniger die ganze Arbeit übernommen hat und bin immer öfter weg geblieben und habe mein eigenes Ding durchgezogen. Ich war überall unterwegs. Viele meiner Bilder sind da entstanden. Irgendwann habe ich realisiert, dass Klettern meine Leidenschaft ist, aber nicht zu den Bedingungen meines Vaters. Ich habe den Schein gewahrt bis er letztes Jahr gestorben ist. Dann hab ich die Firma verkauft und habe als Selbstständiger Touren angeboten. Ich hasse den ganzen bürokratischen Kram, der eine eigene Firma mit sich bringt. Ich will das nicht. Ich will klettern, draußen sein und die Natur sehen und meine Bilder machen. Und wer weiß, vielleicht verdiene ich irgendwann mit meinen Bildern so viel Geld, dass ich auch keine Bergtouren mehr machen muss und nur noch alleine losziehen kann. Das wäre meine Traum.” “Das klingt toll, Henry. Ich freue mich für dich.” Der Abend zog dahin und Rose übersah völlig die Zeit. Ronni hatte sich mal gemeldet, aber da er sowieso länger im Büro blieb, wollte Rose ohnehin in ihrer Wohnung übernachten. Es war spät als sie die Bar verließen. Draußen wurde Rose etwas schwindelig. Sie hatte wohl doch mehr getrunken, als ihr lieb war. “Wo wohnst du?” “Nicht weit von hier. Ich denke ich werde laufen, ich glaube ich bin ein bisschen beschwipst” gluckste sie. “Darf ich dich bis zur Tür begleiten?” Rose bejahte. Sie genoß die Nähe zu Henry und zog langsam die Luft ein. Er roch immer noch wie damals. Herb. Männlich, aber nicht zu aufdringlich. “Was hält Julianne davon, dass du so viel unterwegs bist?” Rose wollte nicht zu neugierig wirken, aber ihr fiel auf, dass er sie kein einziges Mal erwähnt hatte. “Wir sind geschieden.” “Oh das tut mir leid, Henry.” “Schon in Ordnung.” “Was ist passiert?” “Sie hat mich betrogen. Welch Ironie, ha? Ich war so viel unterwegs, dass ich es lange nicht akzeptieren wollte, aber unsere Beziehung war schon vorher eingeschlafen. Alles drehte sich nur noch um Marianne oder um das nächste anstehende Event. Eines Tages kam ich früher von einer Bergtour zurück und überraschte sie mit unserem Buchhalter. Welch ein Klischee. Das traurigste daran war, dass ich erleichtert war. Somit war nicht ich das Arschloch, der die Beziehung beendete auch wenn ich schon lange dazu bereit war. Das hatte sie mir natürlich dann alles vorgeworfen und es endete in einem erbitterten Streit. Am meisten schäme ich mich, dass Marianne dazwischen geraten ist. Wir habe uns nicht wie vorbildliche Eltern verhalten.” Rose hörte Henry aufmerksam zu. Das war eine Wucht. Er war geschieden. So viel hatte sich in all diesen Jahren getan. Rose fühlte sich immer noch schwindelig, aber diesmal kam es nicht vom Alkohol. “Da ist meine Wohnung. Danke das du mich nach Hause gebracht hast.” Zwischen ihnen entstand eine unangenehme Stille. Die Spannung war fast greifbar. Henrys Blick wanderte zu Rose Lippen und obwohl sich der Gedanke an Ronni in ihr aufdrängte, kam auch Rose ihm näher als wäre sie magisch von ihm angezogen. Ein Lichtstreifen eines Fahrrades, dass die beiden passierte holte Rose aus ihrer Trance. Sie räusperte sich und Henry ging einen Schritt zurück. “Also dann Henry. Gute Nacht und alles Gute für deine Ausstellung.” Rose wandte sich ab und zwang sich sich nicht mehr zu Henry umzudrehen. Sie traute sich selber nicht über den Weg. Sie schloss die Wohnungstür hinter sich und lehnte sich dagegen. Ihr Herz pochte wild in ihrer Brust. Ihr ganzer Körper prickelte von der Begegnung. Sie brauchte einen Moment ums ich zu Beruhigen, als es plötzlich an ihrer Tür klopfte. Ohne groß zu überlegen machte sie auf. Henry stand vor ihr, der Ausdruck in seinen Augen war unbeschreiblich. Auch er schien mit sich selbst zu kämpfen. “Rose ich, es tut mir leid wie ich dich damals behandelt habe. Ich wollte dich anrufen, dich sehen aber ich konnte nicht. Ich habe mich wie ein Arschloch verhalten.” “Schon okay, Henry. Das ist lange her.” “Nein es ist nicht okay. Du und ich. Da war etwas. Da ist noch immer etwas zwischen uns. Ich konnte dich all die Jahre nicht vergessen, Rose. Egal wie sehr ich es versucht habe.” Er kam ihr immer näher und Rose Knie begannen zu zittern. Dieser Mann hatte sie fest im Griff, egal wie sehr sie sich dagegen wehrte. Er strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht und kam ihr langsam näher. Rose ergriff seine Hand auf ihrer Wange und schloss die Augen. Er küsste sie vorsichtig. Seine Lippen waren weich und er wartete ab, als müsse er sich erst eine Erlaubnis abholen. Rose kämpfte mit sich und trotzdem konnte sie sich nicht gegen ihre Gefühle wehren. Sie erwiderte den Kuss vorsichtig. Henry, davon ermutigt, intensivierte den Kuss und Rose ließ sich gehen. All die unausgesprochenen Gefühle und Emotionen der letzten Jahre waren in diesem Kuss vereint und Rose fühlte sich, als würde sie vom Boden abheben. In ihrer Tasche spürte sie ihr Handy vibrieren. Ronni. Schlagartig kam sie wieder auf den Boden der Tatsachen an. Abrupt wich sie von Henry ab. Sie sah ihm in die Augen und sein Blick war unergründlich. “Henry, ich….Ich bin verlobt.” brachte Rose krächzend heraus. Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. Henry schloss die Augen und lehnte seine Stirn gegen ihre, wie er es damals in der Hütte gemacht hatte. “Unser Timing ist Beschissen.” Er lächelte sie vorsichtig an. “Ja das ist es. Da hast du Recht” Nun musste auch Rose lachen. Er verabschiedete sich von ihr: “Bis dann Rose. Ich wünsche dir alles Gute.” Er gab ihr einen vorsichtigen Kuss auf die Wange. Dort wo seine Lippen ihr Gesicht berührten, brannte es noch Stunden später. Rose wollte weinen und schreien. Ihr Herz pochte wild. Wenn das nun die einzige Chance für die beiden gewesen war? Das Schicksal war wirklich gegen sie. Ronni hatte sie vor zwei Monaten gefragt, ob sie ihn heiraten wollte und obwohl Rose tief drinnen wusste, dass sie ihn nie so lieben würde wie Ben oder Henry, fühlte Rose dass es die richtige Entscheidung war. Ronni war ein guter und treuer Partner und sie liebte ihn auf ihre eigene Art und Weise. Freundschaftlich, wenn auch nicht so leidenschaftlich. Doch betrügen könnte sie ihn nie. Sie wollte ihm die Frau werden, die er sich wünschte und sie war es sich selbst schuldig endlich ein ruhiges und gesetztes Leben zu führen. Sie freute sich auf ihre Rolle als Ehefrau. Was auch immer da zwischen ihr und Henry war, es war ihnen nicht dazu bestimmt zusammen zu sein. Das musste sie akzeptieren. Und sie war sich auch nicht sicher wie eine Beziehung zu Henry überhaupt sein würde. Bei ihm wusste man nie woran man war. Im ersten Moment war er sensibel und einsichtig und im nächsten konnte er bockig und ablehnend sein. Solche emotionalen Achterbahnen wollte Rose nicht. Mit Ronni war es beständig. Das suchte sie seit Jahren in ihrem Leben. Beständigkeit. Die Wochen vergingen und Rose verdrängte jeden aufkeimenden Gedanken an Henry. Immer wieder stieß sie auf Fotos von ihm in Zeitschriften. Er war viel in der Welt unterwegs und schrieb Berichte über die Abenteuer die er beim Klettern erlebte. Sie freute sich für ihn. Er schien endlich gefunden zu haben, wonach er immer suchte. Sie hoffte nur, dass die Beziehung zu seiner Tochter nicht zu sehr darunter litt. Ronni und Rose heirateten im Sommer. Es war eine kleine Feier, nur im Kreis der Familie und ein paar Freunden. Lillian musterte ihre beste Freundin eingehend, als sie sich für die Trauung vorbereiteten. “Geht es dir gut?” “Ja danke. Alles bestens. Nur etwas nervös” Rose wich ihrem direkten Blick aus. “Wenn du meinst.” “Es ist die richtige Entscheidung, Lillian. Ich weiß du bist da anderer Meinung, aber es stimmt. Ich bin glücklich. Er macht mich glücklich.” “Okay” willigte sie sein. Lillian war der Beziehung von Anfang an gegenüber misstrauisch gewesen. Sie hielt Ronni für einen guten Kerl, aber sie merkte, dass Rose sich nicht hundertprozentig auf ihn einließ und etwas zurückhielt. Doch sie ignorierte alle Versuche, die Lillian unternahm um mit ihr darüber zu reden.
Ein paar Monate nach der Hochzeit, zogen sie in Ronnis Haus zusammen. Er hatte es von seinen Eltern geerbt und für die beiden umgebaut und renoviert. Es war zwar nicht so wie Rose es sich immer erträumt hatte, aber sie hatte endlich ihren Garten und einen Teich, wo ihre beiden Hunde sich austoben konnten. Es war genug für Rose. Sie war zufrieden und das war das Wichtigste. Endlich war sie angekommen und konnte das ruhige Leben führen, dass sie sich immer gewünscht hatte. In der Arbeit machte sie auf Ronnis Bitte etwas langsamer und arbeitete weniger. Ihr machte es nach wie vor Spaß, aber Ronni war der Meinung sie müsse nicht so viel arbeiten. Sein Gehalt würde ja für beide reichen. Wenn es nach ihm ginge, müsste sie auch gar nicht mehr arbeiten aber da hatte Rose sich strikt geweigert. Ihr war es immer sehr wichtig selbständig zu sein und mehr als nur eine Hausfrau zu sein. Würde sie sich nur um den Haushalt kümmern, würde ihr irgendwann die Decke auf den Kopf fallen. Sie hatten sich einige Male heftig darüber gestritten, aber irgendwann sah Ronni ein, dass Rose bei diesem Thema nicht nachgeben würde. Sie gingen einen Kompromiss ein, indem Rose weniger arbeiten würde, ihren Job aber behielt. Irgendwann kam das Thema Kinder auf. Rose hatte seit ihrer Fehlgeburt nicht mehr darüber nachgedacht, ob sie Kinder haben wollte oder nicht. Es war schlichtweg kein Thema für sie und sie war über sich selbst überrascht, dass sie sich nie darüber Gedanken gemacht hatte. Natürlich wollte Ronni Kinder, daraus hatte er auch nie ein Geheimnis gemacht. Sie sprachen viel darüber, ob sie schon dazu bereit waren und vor allem wie es Rose damit ging. Irgendwann fühlte sich der Gedanke an Kinder nicht mehr ganz so befremdlich für sie an und sie willigte ein es zu versuchen. Ronnis strahlendes Gesicht, als sie es ihm sagte war unbeschreiblich. Er hatte wohl seine Vorfreude die ganze Zeit über vor Rose versteckt, aber jetzt konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Er war ganz aufgeregt und hibbelig. Rose freute sich. Sie wollte ihn immer so glücklich sehen und sie würde alles versuchen, damit er stets so glücklich blieb. Die Wochen vergingen und Rose’ Hände waren schweißnass, als sie zum ersten Mal seit Jahren einen Schwangerschaftstest in Händen hielt. Bilder von damals kamen ihr in den Kopf. Als sie in Tränen ausbrach und Ben die freudige Nachricht überbrachte und auch er zu weinen begann. Diesmal fühlte Rose sich etwas klamm. Sie wusste nicht, wie sie reagieren würde wenn der Test positiv war. Würde sie sich auch so freuen? War sie wirklich schon dazu bereit? Die drei Minuten Wartezeit waren die Hölle. Sie wurde immer nervöser und ihre Hände zitterten. Als die Zeit um war, holte sie noch einmal tief Luft bevor sie den Test aus dem Becher nahm. Sie starrte den einzelnen Strich eine Weile an, als wüsste sie nicht was er bedeutete. Negativ. Sie war nicht schwanger. Ihr kamen die Tränen. Nicht weil sie traurig über das Ergebnis war, sondern erleichtert. Sie fühlte sich, als hätte sie Ronni verraten. Sie war noch nicht bereit. Das Ergebnis und ihre Reaktion hatten ihr das nun deutlich vor Augen gehalten. Sie wusste nicht, was sie jetzt tun sollte. Wie sollte sie es Ronni sagen? Oder sollte sie es ihm überhaupt sagen? Nachdem sie eine Stunde im Bad verbracht und gegrübelt hatte traf sie einen Entschluss. Sie würde es ihm nicht sagen und es weiterhin probieren. Sie war sich sicher, wenn der Test positiv war, würde sie sich genauso freuen wie er. Sie liebte Kinder und sie liebte Ronni. Es würde alles gut werden. Ben war sichtlich enttäuscht, dass der Test negativ ausgefallen war, aber er sprach Rose gut zu und versuchte alles mögliche sie aufzumuntern. Rose hatte Gewissensbisse, die sie aber so gut wie möglich verdrängte. Woche um Woche verging, doch die Tests blieben weiterhin negativ. Es zermürbte die beiden und zerrte an ihrem Gemüt. Sie sprachen kaum mehr miteinander und der unerfüllte Kinderwunsch legte sich als dunkle Wolke über ihre Beziehung. Nach zwei Jahren erfolglosen versuchen mussten sie sich eingestehen, dass es nicht funktionieren würde und sie ließen sich beide testen. Bens Ergebnisse waren zuerst da und bei ihm schien alles in Ordnung. Als Rose’ Testergebnisse waren, wurde Ben noch im Büro festgehalten und konnte ihr nicht beistehen. Also ging Rose alleine zum Arzt. Als sie die Miene des Arztes sah, wusste sie das etwas nicht stimmte. Als er seine einleitenden Worte sprach, rauschte es in Rose Ohren. Sie konnte ihn nicht mehr hören. Nur dieser einzelne Satz spielte sich immer wieder in ihrem Kopf ab: “Es tut mir Leid, Mrs. Grisham, aber Sie können keine Kinder mehr bekommen. Ich fürchte, dass damals bei Ihrem Unfall, wo Sie Ihr erstes Baby verloren haben doch mehr passiert ist, als es der zuständige Arzt damals sagen wollte. Wie ich es aus den Tests und den Unterlagen von damals entnehmen kann, war das Problem bereits bekannt. Entweder haben Sie die Information im Schock wieder vergessen, was durchaus vorkommt. Oder man hat sich damals entschieden es Ihnen nicht gleich zu sagen und es wurde schlichtweg vergessen. Es tut mir sehr Leid. Kann ich etwas für Sie tun? Möchten Sie mit einem Experten darüber reden? Wir nehmen solche Fälle sehr ernst und möchten Ihnen die Situation so angenehm wie möglich machen.” Der Arzt war wirklich sehr fürsorglich, doch Rose hörte ihm kaum zu. Hatten Sie es ihr damals gesagt? Sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern und sie hatte sich die Frage niemals gestellt. Sie verabschiedete sich und versprach sich wieder zu melden, sollten doch noch Fragen auftauchen. Rose machte einen langen Spaziergang, um ihre Gedanken zu sortieren. Erst spät abends kam sie zu Hause an. Ronni war aufgebracht und überschüttete sie mit Vorwürfen. Er hatte sich Sorgen gemacht, weil sie nicht erreichbar war und der Arzt wollte ihm am Telefon keine weiteren Informationen geben. Es war das unangenehmste Gespräch, dass Rose je führen musste. Sie sah, dass etwas in Ronni zerbrach, als sie ihm klar machte, dass sie keine Kinder bekommen würde. Es tat ihr so unendlich Leid. Mehr für ihn als für sich selbst, musste sie sich eingestehen. Sie wollte ihm doch so gerne geben, was er sich wünschte und doch würde sie es nicht können. Danach wurde das Verhältnis zwischen den beiden zunehmend schwieriger. Ronni vergrub sich immer mehr in Arbeit und kam jeden Tag erst spät aus dem Büro. Ihre Gespräche blieben bei Belanglosen, über den Haushalt, die Einkäufe und welchen Kinofilm sie als nächstes sehen möchten. Rose wusste, dass er unglücklich war. Er würde es niemals zugeben, aber für ihn war es schwer zu akzeptieren, dass das Thema Kinder erledigt war. Sie versuchte ein paar Mal auf das Thema Adoption anzusprechen, doch Ronni blockte ab. Für ihn war immer klar, dass er eigene Kinder haben wollte. Sie waren fünf Jahre verheiratet, als Rose endgültig klar wurde, dass ihre Ehe vorbei war. Am Tag als sie ihre Koffer packte, war Ronni wieder einmal lange im Büro. Sie rief ihn an und bat ihn nach Hause zu kommen. Als er die Koffer im Flur stehen sah, wirkte er resigniert. “Es tut mir Leid, Ronni. Ich kann dir nicht geben wonach du dich so sehr sehnst. Ich wünschte es wäre anders, aber ich habe es akzeptiert. Du hast noch die Chance auf eigene Kinder. Nur nicht mir.” Ronni rang mit Worten, doch auch ihm war klar, dass Rose Recht hatte. Die Scheidung verlief in geordneten Bahnen. Kein Streit, kein Geschrei, keine Emotionen. Rose fand eine nette kleine Wohnung für sich und Mr. Cheng in der Nähe ihres alten Wohnblocks. Sie war größer und auch etwas heller und sie fühlte sich von Anfang an sehr wohl. Sie musste lange mit schweren Gewissensbissen kämpfen, obwohl sie wusste, sie konnte nichts dafür. Sie wollte nur dass Ronni glücklich wird und sie konnte ihn nicht mehr glücklich machen. Doch Rose wusste, dass dies nicht die ganze Wahrheit war. Es war die Strafe Gottes für ihre Untreue. Sie hatte Ronni zwar nie betrogen, aber sie war ihm gegenüber nicht ehrlich gewesen. Sie hatte ihn nie richtig geliebt. Nicht so wie Ben. Nicht so wie Henry. Und jetzt musste sie dafür bezahlen, dass sie einem so liebenswerten Mann das Herz gebrochen und viele Jahre gestohlen hatte. Sie brauchte viel Zeit um aus diesem Strudel an negativen Gedanken wieder rauszukommen und verdoppelte ihre Therapiestunden, die sie seit dem Unfall regelmäßig nahm. Es dauerte lange, bis sie wieder halbwegs mit sich im Reinen war. Das Thema Familie war irgendwann für sie abgeschlossen. Es war ihr nicht vergönnt eine zu haben. Sie hatte ihre Chance und nun musste sie akzeptieren, dass sich ihr Traum vom Haus mit Garten, Hund und Kindern nicht erfüllen würde. Doch irgendwann hatte sie genug davon sich selbst zu bemitleiden. “Es ist wie es ist, es kommt wie es kommt” sagte Rose sich immer wieder. Als sie sich bereit fühlte wieder in die Welt zu gehen, beantragte sie einen Urlaub vom Büro und buchte eine Reise. Alleine und nur für sich. Ronni und sie waren nie in ihre Flitterwochen gereist. Er musste kurz nach der Hochzeit einen wichtigen Auftrag erledigen und danach hatte es sich nicht mehr ergeben. Also wollte sie die Reise jetzt nachholen. Wieso sollte sie nicht alleine losziehen und Abenteuer erleben? Sie buchte zwei Wochen Hawaii in einem kleinen, netten Hotel am Meer und besuchte jeden Tag einen Surfkurs. Sie genoß die Auszeit in vollen Zügen, lernte tolle Leute kennen und fühlte sich so frei und unbeschwert wie schon lange nicht mehr. Sie konnte richtig Kraft tanken und freute sich auf einen Neustart zu Hause. Sie war in ihrer Mitte angekommen, ganz ohne Mann und Familie. Es gab nur sie und Mr. Cheng, ihre kleine Wohnung und ihren Job und ihre Freunde. Und es war in Ordnung. Ihr Leben war gut und sie war glücklich. Und endlich konnte sie das auch behaupten ohne einen letzten Rest Zweifel im Herzen zu spüren. Sie hatte nicht mehr oft an Henry gedacht und wusste nicht wo er gerade war. Irgendwann hatte sie aufgehört nach jeden Bericht oder Foto zu suchen, dass er veröffentlichte. Es war als wäre er nur noch eine blasse Erinnerung an eine längst vergangene Zeit. Wieder am Flughafen zu Hause angekommen, hatte sie mit ein paar Problemen zu kämpfen. Ihr Gepäck war nicht da und die Schlaftablette von Mr. Cheng hielt nicht lange genug, sodass er bereits den ganzen Flughafen niederbellte. Leicht gestresst und entnervt, versuchte Rose sich einen Ausweg aus dem Gelände zu bahnen. Es schien als sei die ganze Entspannung der letzten zwei Wochen schon wieder dahin. Da Ferienzeit war, wuselte es vor Menschen am Flughafen und mehr als nur einmal trat jemand auf Mr. Chengs Pfote oder Schweif. Rose war frustriert. So hatte sie sich ihre Ankunft zu Hause nicht vorgestellt. Soviel zum neuen Elan im neuen Leben. Nur fünf Minuten am Flughafen und alles war wieder dahin. Sie fand ein kleines Schlupfloch durch die Menschenmasse und drängte sich durch. Sie drehte sich um und checkte, ob Mr. Cheng nichts passiert war und rannte gegen einen groß gebauten Mann. “Oh tut mir sehr Leid, Mister. Hier ist echt die Hölle los. Ich wollte sie nicht anrempeln.” Sie sah kaum zu ihm hoch und wollte schon weitergehen, als sie jemand am Arm festhielt. “Rose, was für ein Zufall” Es war Henry. Sie starrte ihn an, als wäre es nur ein Traum. Völlig perplex sagte sie: “Ich glaub mich tritt ein Pferd” “Was?” Henry lachte. “Ich meine, oh mein Gott, Henry. Wow! Was machst du hier? Blöde Frage, du fliegst weg oder bist gerade angekommen. Tut mir leid, ich bin etwas durch den Wind. Hier ist ja die Hölle los. Ich hasse Flughäfen. Sie haben mein Gepäck verloren und Mr. Cheng wurde schon fast zweimal umgeschubst. Dass die Menschen so unfreundlich sind, obwohl sie in den Urlaub fahren ist unglaublich.” Sie redete ununterbrochen, um ihre aufsteigende Nervosität zu unterdrücken. Henry war die Ruhe in Person, nahm ihr den Trolly ab und griff nach der Leine von Mr. Cheng. “Lass mich dir helfen, Rose. Du wirkst gestresst. Wo kommst du her?” “Hawaii. Ich glaube ich fliege wieder zurück, der Stress hier ist mir schon genug und mein Gepäck ist vermutlich sowieso noch dort.” “Komm, ich lade dich auf einen Tee ein. Oder einen Tee mit Rum, ich denke du könntest etwas vertragen” “Danke, das ist nett von dir.” Rose hatte keine Zeit sich zu überlegen, was sie von dem Ganzen halten sollte. Sie war nur unendlich froh, endlich zu sitzen und Henry hatte es irgendwie geschafft einen Platz in dem überfüllten Kaffee zu finden, wo sie halbwegs ungestört reden konnten. Er wirkte älter und etwas müde aber er hatte auch nach all den Jahren nichts von seiner Attraktivität eingebüßt, musste Rose sich eingestehen. Sie fragte sich, ob sie sich in all den Jahren verändert hatte. “Wie ist es dir ergangen, Henry? Ich habe deine Berichte eine Zeit lang verfolgt, du bist viel herumgekommen” “Ja das stimmt. Ich habe nach der Sache mit Julianne jeden Auftrag angekommen, der mir angeboten wurde und ich habe gut verdient. Es hat mir auch sehr viel Spaß gemacht, tut es noch. Aber mir wurde es dann ein bisschen zu viel und ich habe Marianne kaum mehr gesehen. Sie wird so schnell groß, du kannst es dir nicht vorstellen. Sie ist schon eine richtige Lady!” “Wie alt ist sie jetzt?” “Fast zwölf. Aber manchmal wirkt sie auf mich erwachsener als ich es selbst bin.” Henry schüttelte den Kopf. Man sah ihm an, dass er mächtig stolz auf seine Tochter ist. “Sie ist das einzige, dass ich richtig hinbekommen habe im Leben.” sagte er mehr zu sich selbst. Sie plauderten eine Weile über alles Mögliche. Er war gerade von einer Reise zurückgekommen und würde schon morgen wieder im Flieger sitzen. Er hatte einen Auftrag angenommen, bei dem er mehrere Monate unterwegs war. Er war nur für einen Tag hier, um Marianne zu sehen. Die Stunden vergingen und allmählich wurde es ruhiger am Flughafen. Irgendwann fing Mr. Cheng zu quengeln an. “Ich glaube ich muss mal mit ihm an die frische Luft, sonst gibt es hier gleich ein Malheur.” “Ich begleite dich, wenn das in Ordnung geht? Hast du Hunger? Ich würde dich gerne zum Essen einladen und mich noch etwas mit dir unterhalten.” Auch Rose war noch nicht bereit diese nette Unterhaltung zu beenden und in ihre kalte Wohnung zurück zu kehren. Also willigte sie ein und sie spazierten los. Sie unterhielten sich über Gott und die Welt und achteten gar nicht darauf wo sie eigentlich hingingen. Irgendwann waren sie in Rose’ Nachbarschaft angekommen. “Sind wir tatsächlich vom Flughafen hierher gelaufen? Das ist ja unglaublich. Wie viele Kilometer sind das?” “Ich habe keine Ahnung. Aber das mit dem Essen können wir wohl vergessen. Die Restaurants haben jetzt wohl alle geschlossen.” “Das macht nichts, wir bestellen einfach was. Ich kenne ein paar super Lieferanten die auch noch nach Mitternacht liefern. Und ich kenne sie alle persönlich” Rose lachte und Henry sah sie schräg an. Sie bestellte beim Chinesen und Henry nahm derweil auf der Couch Platz. Er sah etwas unbeholfen aus in ihrer kleinen Wohnung. Als sie auflegte, sah er sie merkwürdig an. “Wie viele Leute kommen denn noch?” “Was meinst du?” “Du hast da gerade Essen für zehn bestellt.” “Ich wusste ja nicht was du magst und ich kann mich nie entscheiden worauf ich Lust habe, also bestelle ich alles und entscheide dann wenn es da ist. Den Rest esse ich dann morgen.” “Auch eine Taktik”. “Möchtest du ein Glas Wein? Ich müsste irgendwo noch eine Flasche Rotwein haben.” Rose ging in die Küche und machte sich auf die Suche. Sie war selten zu Hause, daher wusste sie nie was sie noch an Vorrat hatte und was nicht. Henry musste sie für verrückt halten. Sie kam zurück und schenkte ihnen beiden ein Glas Wein ein. “Auf die guten, alten Zeiten und zufällige Treffen” “Cheers”. Sie tranken und Henry musterte Rose eingehend. “Was ist? Warum siehst du mich so an?” “Darf ich dich was fragen?” “Natürlich.” “Wo ist dein Mann?” Rose verschluckte sich fast am Wein. “Oh, habe ich das nicht erwähnt? Ich bin geschieden. Seit einem Jahr. Ich weiß es sieht so aus als wäre ich gerade eingezogen, aber tatsächlich wohne ich schon ein Weilchen hier. Ich bin nur sehr selten zu Hause.” Rose hoffte, dass ihm diese Antwort reichte und er den Grund der Trennung nicht auch noch erfahren wollte. Zum Glück hakte er nicht weiter nach und sie wandten sich wieder einem unverfänglichen Thema zu. Henry erzählte von Bill und dass er mittlerweile im Pflegeheim war. Körperlich war er immer noch der Alte, aber sein Kopf machte nicht mehr mit. Zuerst kam es schleichend, aber immer öfter fiel es seiner Frau auf, dass er Sachen vergaß oder Dinge wohin räumte, wo sie noch nie waren. Es war ein schwieriger Prozess ihm zu erklären, dass er nicht mehr Bergsteigen konnte. Es hat ihm das Herz gebrochen. Ich besuche ihn jedes Mal wenn ich hier bin, aber er ist nicht mehr er selbst. Es ist traurig zu sehen, wie er sich selbst aufgegeben hat.” “Das tut mir leid. Ich habe ihn seit unserem letzten Treffen nicht mehr gesehen. Ich werde ihn bald besuchen.” “Er wird sich bestimmt freuen, dich zu sehen. Er hat sich das damals sehr zu Herzen genommen was passiert ist. Ich glaube er hat sich nie ganz vergeben, dich da mit mir alleine in der Hütte gelassen zu haben.” “Ist doch gut ausgegangen oder nicht? Wir waren zwar kein gutes Team aber wir haben überlebt” Rose lächelte. “Was? Ich finde wir waren ein hervorragendes Team!” Henry lachte nun auch. Sie wurden von der Türklingel unterbrochen. “Das muss unser Essen sein” Rose sprang auf und öffnete die Tür. Sie gab dem Lieferanten das Geld und ein saftiges Trinkgeld und kam mit dem Essen ins Wohnzimmer. Sie breiteten alles auf dem Tisch aus und aßen direkt aus den Pappbehältern. So mochte Rose es am liebsten. Sie sprachen nicht viel während dem Essen, weil sie beide schon einen riesen Hunger hatten. Mr. Cheng war so erledigt von der Reise, dass er sie kaum beachtete und selig vor sich hin döste. Nach dem Essen machte Rose es sich neben Henry auf der Couch gemütlich. “Ich kann nicht mehr. Ich glaube ich habe für drei Tage vorgegessen.” Sie hielt sich den Bauch und machte dabei eine dicke Kugel. “Ich glaube so funktioniert das nicht ganz, aber ich verstehe was du meinst. Wir haben nichts übrig gelassen. Es scheint du musst morgen wieder neu bestellen.” “Das ist kein Problem.” Rose lachte und gähnte herzhaft. “Ich glaube jetzt geht mir die Kraft aus. Ich habe im Flieger kaum geschlafen und die Strapazen von heute zerren etwas an mir. Wieso bist du so fit? Hast du gar keinen Jetlag?” “Doch, aber ich komme mittlerweile gut damit zurecht. Ich sollte gehen, wenn du müde bist und dich schlafen lassen. Es war ein langer Tag.” “Nein bitte, geh nicht. Bleib noch ein bisschen. Ich verspreche ich schlafe nicht ein. Wir haben uns so lange nicht gesehen und ich hab noch so viele Fragen an dich.” Rose wollte nicht betteln, aber der Gedanke dass sie bald alleine in der Wohnung war und Henry vielleicht wieder Jahre nicht sehen würde, behagte ihr nicht. Sie fühlte sich wohl in seiner Nähe und wollte dieses Gefühl so lange es ging behalten. Er würde ohnehin schon morgen wieder aufbrechen und für weiß Gott wie lange unterwegs sein. Henry zögerte einen Moment und musterte Rose, als wäre er sich nicht sicher ob er bleiben möchte. “Ich will dich natürlich zu nichts überreden, was du nicht willst.” meinte Rose. “Nein, ich will bleiben. Natürlich will ich bleiben.” Er ließ eine weitere Antwort im Raum stehen. “Na gut. Ich bleibe bis du eingeschlafen bist. Was ungefähr noch fünf Minuten dauern wird.” Henry lachte. “Niemals!” Sie schaltete den Fernseher ein und zappte durch die Kanäle. Sie spielten einen ihrer Lieblingsfilme und redete bei jedem Dialog einwandfrei mit. Henry musste lachen und schüttelte den Kopf. Rose war glücklich. Es fühlte sich so normal an, als wären nicht etliche Jahre seit ihrem letzten Treffen vergangen und als säßen sie jeden Tag gemeinsam auf ihrer Couch und sehen sich Filme an. Rose wollte jetzt aber nicht weiter darüber nachdenken und konzentrierte sich auf den Film. Nach einiger Zeit entspannte sich auch Henry zunehmend neben ihr und schien den Film zu genießen. Rose kämpfte gegen ihre Müdigkeit mit aller Kraft, aber irgendwann fielen ihr immer öfter die Augen zu. Der Tag war anstrengend gewesen und sie konnte sich nicht mehr gegen den Schlaf wehren. Sie hoffte, dass Henry blieb aber sie driftete bereits in eine andere Welt, bevor sie ihren Wunsch äußern konnte. Am frühen Morgen wurde sie wach. Die Sonne erkämpfte sich langsam ihre Position. Es war fast noch dunkel, aber erste helle Lichtstrahlen kamen bereits hervor. Sie spürte einen Atem auf ihrem Gesicht. Zuerst dachte sie an Mr. Cheng, der sich manchmal neben sie legte wenn er bereits dringend raus musste. Doch sie spürt auch etwas anderes. Arme, die sich um ihren Körper legten und definitiv nicht zu ihr gehörten. Sie brauchte einen Moment um zu realisieren, was passiert war. Henry. Er war geblieben und sie lag eingekeilt auf der Couch in seinen Armen. Ihre Beine waren ineinander verwickelt und seine Arme umschlossen sie fest. Er schlief tief und fest und Rose konnte ihn ungestört im Schlaf beobachten, wie sie es damals in der Hütte gemacht hatte. Er war tatsächlich geblieben. Sie versuchte sich keinen Millimeter zu rühren, um ihn nicht zu wecken während sie seine sanft geschwungenen Wimpern und das sanfte Heben und Senken seiner Brust verfolgte. Sie fühlte sich wohl in seinen Armen, als würde sie hierhin gehören. Sie folgte den Falten an seinen Augen runter an seine Lippen. Sie waren immer noch genauso sinnlich wie damals und Rose musste sich beherrschen sie nicht mit ihren Fingern zu berühren. “Ich weiß, dass du mich beobachtest.” Rose hatte gar nicht gemerkt, dass er wach war. Seine Augen waren nach wie vor geschlossen. “Du beobachtest mich im Schlaf, wie damals in der Hütte.” Henry grinste und öffnete seine Augen ein wenig. “Du hast das gewusst?” Rose war peinlich berührt und lief rot an. “Ja und ich fand es unendlich süß und zutiefst verstörend.” Henrys Lachen vibrierte in seiner Brust und da Rose ihm so nah war, spürte auch sie sein Lachen. Sie sah ihn eindringlich an. “Warum bist du geblieben?” “Ich konnte nicht aufstehen. Du hast dich quasi auf mich gelegt und mir keine Möglichkeit gegeben zu gehen. Also bin ich geblieben. Irgendwann muss ich wohl auch eingeschlafen sein.” “Oh, das tut mir leid. Ich wollte dich nicht daran hindern zu gehen. Ich war todmüde.” Rose wollte sich aufrappeln, um Henry frei zu lassen doch er hielt sie weiterhin fest umschlossen. “Mhhm. Nein ich glaube du hast das mit Absicht gemacht und weißt du was? Ich finde es in Ordnung hier. Ich denke ich werde noch etwas bleiben.” Er sah sie spitzbübisch an und grinste. “Ach wirklich? Das wäre schön.” Rose schluckte. Henrys Blick war so intensiv und voller Verlangen, dass es ihr fast den Atem verschlug. Ihre Lippen kribbelten als sie sich langsam näher kamen. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie war hier mit Henry. Endlich. Nach all der Zeit stand ihnen diesmal nichts dazwischen. Sie waren beide ungebunden und es zählte nur das hier und jetzt. Rose ließ sich völlig gehen. Henry war ein sinnlicher und gefühlvoller Liebhaber. Er ertastete jede Stelle ihres Körpers und ließ sich unendlich viel Zeit sie zu erkunden. Ihre Haut prickelte überall wo seine Lippen auftrafen und es zerriss sie fast vor Verlangen. Als er in sie eindrang sah er ihr tief in die Augen. Rose erwiderte seinen Blick und spürte wie sich ihr Verlangen in ihrer Mitte mehr und mehr zu einem Höhepunkt zusammenballte. Danach lagen sie friedlich nebeneinander auf der Couch. Rose fühlte sich geborgen und vollkommen zufrieden. Henry streichelte ihr durchs Haar und beide hingen ihren Gedanken nach. “Ich kann nicht glauben, dass wir jetzt beide hier sind. So viele Jahre sind vergangen und sooft hat das Schicksal es nicht gut mit uns gemeint und jetzt.” Rose rang nach Worten. “Rose, ich werde morgen wieder aufbrechen. Eigentlich schon heute Abend, wenn man es genau nimmt. Und ich weiß nicht wie lange ich weg sein werde. Es wird Monate dauern, vielleicht sogar Jahre.” “Das ist in Ordnung. Ich finde es gut, so wie es ist. Findest du nicht auch? Wir haben uns endlich gefunden und alles was jetzt passiert ist nicht mehr wichtig. Wir waren einmal zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Ich wollte das hier. Die ganze Zeit über.” “Ja ich auch”meinte Henry. “Ich habe so viel an dich gedacht in all den Jahren. Mich gefragt, wie es dir wohl geht und ob du glücklich bist. Als wir uns damals getroffen haben, dachte ich mein Glück wäre perfekt. Zu erfahren, dass du heiratest und mit jemand anders glücklich wirst, hat mich fast zerrissen.” “Nur das ich nicht glücklich war.” meinte Rose. Fast dachte sie, sie hätte es nur gedacht als Henry nachhakte. “Was meinst du?” “Er war nicht der Richtige und ich wusste es. Aber ich habe mich selbst angelogen. Er hat mich gut behandelt und mich auf Händen getragen und ich wollte ihn um jeden Preis glücklich machen, doch ich konnte es nicht.” “Wie solltest du jemanden nicht glücklich machen?” “Er wollte Kinder und ich kann keine mehr kriegen. Nach dem Unfall, wo ich mein Baby verloren habe war es mir nicht mehr möglich welche zu kriegen. Ich wusste es nicht. Aber als wir es zwei Jahre lang erfolglos probierten, haben wir Testes gemacht. Es hat ihm das Herz gebrochen. Ich habe ihm das Herz gebrochen.” “Aber du kannst doch nichts dafür, es war ein Unfall.” “Ja, aber das meine ich nicht. Ich habe mich so geschämt. Weil ich so erleichtert war. Mir wurde irgendwann klar, dass ich keine Kinder mehr haben wollte. Nicht mit ihm und auch sonst mit keinem. Ich hatte meine Chance. Das ist meine Bestrafung für den Unfall. Ich war Schuld dass das Kind nicht Leben durfte, also war es mir nicht vergönnt wieder ein Kind zu bekommen. Das klingt hart, aber ich finde es gerecht. Es fühlt sich an, als ob ich meine Strafe abbezahlt habe, verstehst du was ich meine?” “Eine schräge Art und Weise darüber zu denken, aber ich kann es nachvollziehen. Habt ihr denn keine Alternativen besprochen?” “Er wollte es nicht. Es war immer sein Wunsch eigene Kinder zu haben. Diesen Wunsch wollte ich ihm nicht verwehren, also bin ich gegangen. Ich glaube er ist mittlerweile wieder mit jemanden zusammen. Ich hoffe, dass er glücklich wird. Ich wünsche es ihm von ganzem Herzen.” “Und was ist mit dir? Wann macht dich glücklich?” “Das hier. Dieser Moment. Ich brauche nicht mehr das Haus und den Garten. Ich hatte das alles, aber es war nicht das Richtige für mich. Ich weiß nicht, was jetzt kommt aber ich freue mich darauf es heraus zu finden. Ich habe keine Erwartungen mehr an das Leben, außer dass ich mich in jedem Moment wohl fühle und nur tue was mich glücklich macht.” “Das klingt vernünftig.” Sie schwiegen eine Weile und genossen den gemeinsamen Moment. Henry würde am Nachmittag Zeit mit Marianne verbringen und am Abend ging sein fliegen. Ihnen blieben nur noch wenige Stunden. “Henry, darf ich dich was fragen?” “Natürlich, alles.” “Warum warst du damals im Gefängnis?” Henry versteifte sich neben Rose. Sie fürchtete schon, dass er böse war und wollte die Frage bereits zurückziehen und sich entschuldigen. “Woher weißt du davon?” “Ann hat es mir erzählt. Sie wusste es von Joel, der es wiederum von Bill erfahren hat. Ihm war glaube ich gar nicht bewusst, dass er geplaudert hat. Es dürfte ein Abend mit viel Alkohol gewesen sein. Tut mir leid, ist die Frage zu persönlich?” “Nein schon in Ordnung. Ich war nur überrascht. Ich dachte du wüsstest es nicht. Ich dachte, der Grund warum du überhaupt mit mir sprichst ist, weil du meine Vergangenheit nicht kennst.” Er ließ sich lange Zeit mit einer Antwort und Rose fragte sich schon, ob er sich ihr wirklich öffnen würde. “Ich habe jemanden fast umgebracht. Und nein, es war kein Unfall. Ich war noch jung, aber ich wusste genau was ich tat. Es war der damalige Freund meiner Mutter. Meine Eltern waren seit ein paar Jahren geschieden. Ich habe meinem Vater die Schuld an der Trennung gegeben. Daher hatten wir auch so ein schwieriges Verhältnis zueinander. Meine Mutter war am Boden zerstört. Für sie brach eine Welt zusammen. Nach zwei Jahren hatte sie endlich wieder jemanden gefunden. Doch der Typ war böse. Es hatte klein angefangen, versehentliche Schubser, ungewollte den Arm zu fest gedrückt, sodass sie einen blauen Fleck bekam. Es passierte schleichend. Ich habe es lange nicht realisiert oder nicht wahrhaben wollen. Sie liebte ihn wirklich, doch er hat sie schlecht behandelt. Mit der Zeit wurde es immer schlimmer. Irgendwann wurden die Prügel so stark, dass sie ins Krankenhaus musste. Sie ließ sich alle möglichen Ausreden einfallen, damit niemand Verdacht schöpfte. Die Krankenschwestern wussten bestimmt Bescheid, aber sie konnten nichts tun. Ich flehte meine Mutter an ihn zu verlassen, aber sie wollte nicht. Ich glaube sie hatte zu viel Angst vor ihm. Also packte ich eines Nachts unsere Sachen. Er war wieder mal betrunken nach Hause gekommen und hatte sie durch die ganze Wohnung gezerrt. Irgendwann war er auf dem Bett eingeschlafen. Ich wollte diese Chance nützen, holte das Auto und weckte meine Mutter. Ich erklärte ihr meinen Plan und das ich alles vorbereitete habe. Doch sie wehrte sich. Sie wollte nicht gehen. Sie hatte zu viel Angst vor ihm. Sie fürchtete, dass er sie finden würde und sie umbringt oder mir etwas antun würde. Egal wie sehr ich sie anflehte, sie wollte mir nicht glauben. Sie meinte ich solle alleine gehen und mich retten. Doch ich konnte nicht. Ich konnte sie nicht mit ihm alleine lassen. Ich versuchte mit meinen Vater darüber zu reden, doch er wollte nichts hören. “Das geht mich nichts an” hatte er gesagt. “Und du solltest dich da auch raushalten” Das war alles was er zu dem Thema gesagt hat. Ich konnte es nicht glauben. Er wusste, was er ihr antat und trotzdem wollte er nichts tun und verschloss die Augen. So wie alle anderen auch. Meine Mutter war ein fröhlicher Mensch gewesen, aber er hatte sie gebrochen. Sie schottete sich völlig ab und ging kaum mehr außer Haus. Die Prügeleien und das Geschrei wurden zum Alltag in unserem Haus. Mich hat er nie angegriffen, aber es war als fühlte ich jeden Schlag meiner Mutter auch auf meinem Körper. Irgendwann wusste ich, dass niemand kommen würde um uns zu helfen. Ich musste das erledigen. Ein für alle Mal. Heimlich begann ich zu trainieren. Ich war ein sehr schmächtiger Junge und jedes Gramm zu viel wäre ihm sofort aufgefallen. Aber irgendwann kam ich in die Pubertät und legte an Gewicht zu. Er versuchte dem entgegenzuwirken, indem er meine Essensrationen verringerte. Von einem Freund mit ähnlichen Problemen erhielt ich Proteinshakes und Energieriegel, die meinen Muskelaufbau beschleunigten. Ich lief immer Gefahr, dass er dahinter kommen würde und ich wusste, wenn das passiert würde er mich zu Tode prügeln. Eines Abends war er wieder sternhagelvoll und zerrte meine Mutter ins Schlafzimmer. Er wollte sie vergewaltigen. Sie schrie und wehrte sich, aber seine Kraft schien durch den Alkoholkonsum noch größer zu werden. So schmerzlich es war das zu hören, musste ich den richtigen Moment abwarten. Er durfte mich nicht sehen, wenn ich ins Schlafzimmer kam. Ich schlich mich von hinten an ihn ran, während er meine Mutter ins Bett drückte. Ich hatte ein scharfes Messer besorgt und jeden Tag unter meinem Kopfpolster versteckt. Als meine Mutter mich sah und das Messer in meiner Hand erkannte, schrie sie auf. Er versuchte sich umzudrehen, doch es war zu spät. Ich habe bereits auf ihn eingestochen. Mehrmals stoch ich auf seinen Rücken ein, bis er wie ein Sack umfiel und gegen die Wand schlug. Er wollte sich wehren, doch ihm fehlte die Kraft. Er rappelte sich auf und wollte mich angreifen, doch ich war außer Rand und Band. Ich schlug auf ihn ein, trat ihn und ließ die ganze aufgestaute Wut der letzten Jahre auf ihn ab. Irgendwann hörte er auf sich zu wehren und sank in sich zusammen. Meine Mutter schrie mich an, ich solle aufhören aber ich war blind vor Wut. Immer weiter und weiter schlug ich auf ihn ein, bis meine Mutter mich mit aller Kraft von ihm weg stieß. Ich war so in Rage, dass ich gar nicht bemerkt hatte, dass er schon lange nicht mehr reagierte. Sein Gesicht war kaum mehr zu sehen. Seine Augen waren zugeschwollen und überall war Blut. Meine Mutter rief die Rettung. Irgendwann kam sie und brachte ihn weg. Die Polizei nahm mich fest. Meine Mutter weinte und schrie bitterlich, aber ich machte keinen Mucks. Es war endlich vorbei. Das war alles was zählte. Ich konnte an nichts anderes denken und mir waren die Konsequenzen völlig egal. Er sitzt seither im Rollstuhl. Ich habe ihm die Wirbelsäule so stark verletzt, dass er nicht mehr gehen kann. Auf einem Auge ist er blind und das Sprechen fällt ihm sehr schwer. Deswegen wurde ich verurteilt und saß im Gefängnis. Das traurige daran ist, dass es mir bis heute nicht Leid tut. Ich habe einen Menschen in den Rollstuhl gebracht und kann kein Mitleid für ihn aufbringen. Nicht einmal nach all den Jahren verspüre ich ein bisschen Reue. Ich frage mich, was das über mich aussagt.” Rose brauchte eine Weile um die Geschichte zu verdauen. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie dachte an einen Unfall oder an einen falschen Steuerbescheid aber niemals wäre sie auf so etwas gekommen. “Ich kann nicht sagen, dass du das Richtige getan hast. Aber ich kann verstehen warum du es getan hast. Danke, dass du es mir erzählt hast.” Somit waren alle Geheimnisse zwischen ihnen gelüftet. Henry wusste alles über Rose und nun kannte sie auch seine Geschichte. Sie verbrachten die restliche gemeinsame Zeit mit einem späten Frühstück und schon bald darauf musste Henry sich auf den Weg machen. Er küsste sie zum Abschied. “Bis bald, Rose. Ich verspreche wir sehen uns wieder” Als Rose die Tür hinter ihm schloss, war es als würde sie ein Kapitel in ihrem Leben abschließen, von dem sie noch gar nicht wusste, dass es noch nicht vollständig war. Tief in ihrem Inneren wusste, dass sie Henry nie wieder sehen würde. Sie hatten ihren Moment und nun war er vorbei. Doch das war in Ordnung. Sie hatte nun alle losen Enden ihrer Vergangenheit geschlossen und war bereit für einen neuen Abschnitt in ihrem Leben. Sie war allein, aber glücklich. Mr. Cheng machte sich neben ihr bemerkbar. Er war den ganzen Tag noch nicht draußen gewesen, also packte Rose ihre Sachen und machte einen langen Spaziergang.

ENDE

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Uwe Griebsch am 10.05.2020:

Keine Ahnung, ob die Geschichte gut ist ... Aber hier geht es wohl eher um Kurzgeschichten, auch fehlt jede Struktur. Lesen ist Arbeit!




geschrieben von ehemaliges Mitglied am 11.05.2020:

endlich auch mal jemand, der meiner Ansicht ist - kam mir schon als MeckerMotzMaul vor, weil ich solche umfangreiche Romane hier bei Kurzgeschichten als fehl am Platz finde ...




geschrieben von Metti am 11.05.2020:

Kurzgeschichten können durchaus eine Länge von 7000 Wörtern haben (Diese hat 30.000). Aber wer beim Schreiben nicht ein einziges mal die Enter-Taste drückt, braucht sich über fehlende Leser nicht zu wundern. Einfach was hochladen und nicht mal anschauen, wie das dann aussieht. Nicht sehr erfolgversprechend...




geschrieben von ehemaliges Mitglied am 11.05.2020:

Jetzt sag bloß nicht, du hast bis DreißigTausend gezählt ...




geschrieben von Metti am 11.05.2020:

Nein, ich habe ein Basic-Programm für meinen Commodore-64 geschrieben, das Wörter zählen kann. :-)

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