Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
FacebookMenu anzeigenMenu anzeigen
2xhab ich gern gelesen
Diese Geschichte ist auch als .pdf Dokument verfügbar.
geschrieben 2006 von Andreas Mettler (metti).
Veröffentlicht: 02.05.2013. Rubrik: Fantastisches


Der Birnenbutzen von Angela Merkel

Der Birnenbutzen von Angela Merkel

„Möchten Sie eine Birne?“ Birnen hielten sich im Kühlschrank wochenlang frisch. Ganz im Gegensatz zu der Tomate, die noch im unteren Fach lag.
   „Oh, na ja. Das ist sehr freundlich“, sagte Angela Merkel und ließ die Mundwinkel schlaff nach unten hängen. Vielleicht war sie nicht sonderlich erfreut über mein Angebot. Wer konnte das schon sagen? Sie hatte ein so trauriges Gesicht.
   Die Tomate war matschig und zerdrückt. Matschig war sie im Kühlschrank geworden, zerdrückt war sie schon im Discounter gewesen. „Ich esse zur Zeit immer eine Birne in der Badewanne.“
   „Soso. In der Badewanne...“ wiederholte Angela Merkel etwas irritiert.
   Ich schmiss die Tomate in den Restmüllkübel. Warum hatte ich eine solch zerdrückte Tomate überhaupt gekauft? Die anderen Tomaten waren noch viel zerdrückter gewesen, soweit ich das überprüfen konnte (ich hatte nicht alle Tomaten anfassen wollen) und so hatte ich mich für den Kauf dieser Tomate entschieden, wohl wissend, dass ich sie erst wieder aus dem Kühlschrank holen würde, nachdem sie matschig genug geworden war, um sie dann mit gutem Gewissen zu entsorgen. Aber solange eine Tomate nur zerdrückt ist – man möchte sie weder essen, noch kann man sie fort schmeißen.
   Frau Merkel setzte sich. „Nun, dann geben Sie mir eben die Birne. Ist wohl auch besser für mich als das Zeugs, was man mir heute sonst vorgesetzt hätte.“ Sie lächelte (vermutlich). Das freudige Wahlkampflächeln, das man ihr vor mehr als einem Jahr beigebracht hatte, war im Laufe ihrer Zeit als Bundeskanzlerin sehr viel schlaffer geworden und kaum mehr als solches zu erkennen.
   „Damit sollten Sie noch warten. Ich hatte die unglaubliche Entdeckung beim Birnenessen gemacht. Vielleicht passiert es auch prinzipiell nur mit Birne in der Wanne.“
   „...Birne in der Wanne?“, wiederholte Frau Merkel und stand auf. „Draußen brennt irgend etwas. Hat das mit Ihrer Entdeckung zu tun?“
   Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das ist unsere Papierfabrik. Die brennt dauernd.“
   „Nun sagen Sie aber endlich“ Angela Merkel drehte sich um. „Was es mit Ihrer Entdeckung auf sich hat. Mein Terminkalender ist randvoll und die neue Gesundheitsreform ist auch noch nicht fertig. Oder sollte ich besser sagen: Wieder nicht mehr fertig.“
   „Das möchte ich Ihnen lieber zeigen als erklären. Unwahrscheinlich, dass Sie mir das glauben würden. Und was die Gesundheitsreform betrifft, sollten Sie sich von den Ministerpräsidenten nicht immer herum kommandieren lassen.“ Ich gestand mir im Stillen ein, dass ich vergessen hatte, ob ich die aktuelle Gesundheitsreform gut fand oder nicht. Ich glaubte mich zu erinnern, dass die Sozialversicherungsbeiträge erhöht werden sollten und entschied mich, dass es ein Fehler war, Frau Merkel geraten zu haben, sich besser durchzusetzen.
   „Na ja, heute habe ich mich durchgesetzt. Wissen Sie, George Bush wollte wieder mit mir Grillen gehen. Da hab ihm ganz schnell von der unglaublichen Entdeckung erzählt, die Sie mit mir teilen wollten. Was Sie hier auch vorhaben, es wird wohl nicht schlimmer sein, als mit Bush zu grillen, zu essen und zu trinken.“
   „Bush trinkt doch nicht mehr.“
   „Na. Jo. Ja“ meinte Frau Merkel.
   „Außerdem ist es hierzulande um die Jahreszeit doch viel zu kalt um grillen zu gehen.“
„Das wissen Sie. Und das weiß ich.“

Ich stöpselte den Luftzufuhrschlauch in die dafür vorgesehene Öffnung und drückte die Saugnoppen fest an den Keramikboden. „Früher hatte ich den Kompressor immer auf den Fußboden gestellt. Das war aber nicht so gut.“
   „Ja, das ist sehr gefährlich“, meinte Frau Merkel.
   „Nein, davor hatte ich keine Angst. Ich hatte den Kompressor immer mit einem alten Kopfkissen umwickelt damit er nicht nass wird. Außerdem auch wegen des Lärms. Meine Nachbarn sind sehr empfindlich. Aber das Problem war, dass der Schlauch immer aus der Öffnung gefluppt ist und dann war es aus mit dem Whirlpool.“
   „Aha.“
   „Jetzt habe ich den Kompressor an der Wand befestigt. Löcher, Dübel, Haken. Alles selbst gemacht. Für mich ist das schon eine kleine Meisterleistung. Und außerdem fluppt der Schlauch jetzt nicht mehr aus der Öffnung.“
   „Na, immerhin.“
„Ist eigentlich komisch. Als der Kompressor noch am Boden stand ist das immer passiert, jetzt da er an der Wand hängt, nicht mehr. Sie als Physikerin können mir das bestimmt erklären.“
   „Vielleicht. Keine Ahnung. Ist mir auch egal.“
   „Und sicherer ist das jetzt bestimmt auch.“
   „Sicherer? Sie haben den Kompressor direkt über der Badewanne befestigt..“
„Oh ja. Stimmt!“

„Ich steige doch nicht zu Ihnen in die Badewanne!“ Merkels Gesicht verlor vor Empörung seine Schlaffheit.
   „Das würde ich Ihnen aber empfehlen“, sagte ich während ich mich meiner Hose entledigte. „Sonst kann ich Ihnen die Theorie mit der Birne gar nicht demonstrieren.“
   „Ich entgehe nicht der Befingerei von Bush um stattdessen mit Ihnen in die Badewanne zu steigen. Ihr Männer seid doch alle gleich.“
   Mir wurde schlecht. „Was bilden Sie sich eigentlich ein? Denken Sie, für mich wird das ein Vergnügen sein, mit Ihnen die Wanne zu teilen? Für mich bestimmt noch viel weniger als für Sie. Sie sind viel älter als ich und wie Sie unter Ihrer Kleidung aussehen mögen, entzog sich immer meiner Vorstellungskraft. Ich werde es ja gleich erleben. Nun ziehen Sie sich aus und kommen in die Wanne!“
Angela Merkel seufzte. „Nun. Ich fürchte, ich werde meine Position heute nicht durchsetzen und halte mich an den Vorschlag der in diesem Badezimmer offensichtlich mehrheitsfähig ist.“
„Dann dürfen Sie auch gerne Edmund zu mir sagen“, scherzte ich.

„Sie essen aber langsam“, meinte Angela Merkel.
   Meine Birne war erst zur Hälfte abgenagt und wurde schon braun. „Das habe ich schon oft gehört.“ Ich erinnerte mich daran, dass ich an Birnen schon immer nach der Hälfte die Lust verloren hatte. Aber was sollte man machen? Eine Birne in zwei Teile aufschneiden und die zweite Hälfte mindestens eine halbe Woche bis zur nächsten Wanne dunkle Farben annehmend liegen lassen? Ich bearbeitete meine Birne bis sie so weit war wie diejenige von Frau Merkel. „Und nun zu meiner Theorie:“
   „Das wurde auch Zeit.“ Man konnte ein Lispeln in ihrer Stimme hören. Welche ihrer Imitatorinnen war das noch, die das so gut nachmachen konnte?
   „Isst man in der Badewanne eine Birne, was hat man dann hinterher?“
   „Einen sauren Geschmack im Mund?“
   „Auch. Aber vor allem hat man einen Birnenbutzen!“
   „Einen was?“
   „Oh ja. Das ist der süddeutsche Ausdruck. Wussten Sie, dass es für den Birnen- und vor allem Apfelrest mindestens drei oder vier regional unterschiedliche Begriffe gibt? Kein Mensch, der nördlich von Stuttgart wohnt, weiß was ein Butzen ist. Zumindest beim Apfel heißt es Butzen. Bei der Birne könnte man darüber streiten. Ich hab mal im Internet nachgesehen, was die anderen Begriffe waren.“
   „Und?“
   „Hab sie alle vergessen. Ich bleib bei Butzen. Wie sagen Sie denn dazu?“
   „Birne.“
   „Aha.“
   „Ihre Theorie. Ähm Edmund.“ Sie schmunzelte.
   „Der Birnenbutzen ist nicht nur braun, sondern auch eine total eklige und störende Angelegenheit, wenn er für den Rest des Bades am Wannenrand rumliegt.“
   „Da stimme ich aber zu. Und einen Müllkübel sehe ich hier auch nicht.“
   „Dafür war kein Platz. Meine Wanne ist sehr groß, aber das Badezimmer eher klein. Nun lege ich den Butzen neben die Wanne, so dass ich ihn nicht sehen kann. Machen Sie bitte das selbe.“
   Merkel tat wie ihr befohlen.
   „Nun können wir den Butzen nicht mehr sehen.“
„Dann ist es ja gut.“
   „Aber wir wissen, dass er noch da ist. Und das ist schlecht.“
   Merkel schien zu grübeln. „Sie meinen, wenn man nachher die Wanne verlässt und die ekligen, ähm Butzen mitnehmen muss?“
   „Dann auch. Ja, das ist ganz besonders übel, weil man sich so sauber fühlt und der Butzen keinen Stil mehr zum Tragen hat.“
   „Ja, wieso verschwinden die Stile eigentlich immer?“
   „Noch ein Rätsel, das irgendwann gelöst werden sollte. Aber zurück zur Theorie: Jetzt, da wir wissen, dass die Butzen neben der Badewanne liegen, ist das Wannenbad nicht mehr ganz das selbe, oder?“
   „Aber wir sehen sie doch nicht.“
   „Aber wir wissen, dass sie da sind.“
   „Ja, und?“
   „Und dieses Wissen fühlt sich anders an, als in der Wanne zu liegen und zu wissen, dass keine Butzen neben der Wanne liegen.“
   „Wir könnten es einfach vergessen.“
   „Ha“, lachte ich. „Haben Sie schon mal versucht, bewusst etwas zu vergessen? Wollen Sie vor sich hersagen: „Ich vergesse jetzt den Butzen. Ich vergesse jetzt den Butzen.“
   „Ich könnte an etwas anderes denken.“
   „Habe ich auch schon versucht. Und irgendwann plötzlich ist er wieder da, der Gedanke. Und mit ihm am Besten noch der zwanghafte Drang nachzusehen, ob der Butzen noch da ist. Nein, so geht das nicht.“
   „Also dann. Was sollen wir gegen die Butzen tun?“
   „Wir sehen die Butzen nicht. Sie könnten jetzt noch neben der Wanne liegen oder auch nicht. Solange wir nicht hinschauen haben wir weder den Beweis, noch den Gegenbeweis.“
   „Es ist sehr wahrscheinlich dass sie noch dort liegen und praktisch unmöglich, dass sie jetzt nicht mehr da sind.“
   „Da spricht die Physikerin in Ihnen? Das eine ist sehr wahrscheinlich, das andere sehr unwahrscheinlich. Beides ist möglich und für beides fehlt der Beweis. Ich behaupte, es ist eine Glaubensfrage.“
   „Was? Nun, ich bin Protestantin...“
   „Wir müssen einfach daran glauben, dass die Butzen nicht mehr da sind. Wir müssen uns im Zweifelsfalle in jeder Hinsicht selbst belügen, uns den Boden ohne Butzen vorstellen, uns einreden, wir hätten die Birne vor einer Woche bereits gegessen und die Butzen längst entsorgt.“
   „Und womöglich noch dreimal in die Hände klatschen und sagen: Ich glaube daran. Ich glaube daran. Ich glaube daran.“
   „Gar nicht schlecht, Frau Merkel. Möchten Sie es versuchen.“
   „Mich selbst zu belügen?“
   „Als Politikerin?“
   „Ich werde es versuchen.“

„Ich mag diese Comics. Sie erinnern mich an das Wannenbaden bei meinen Eltern, als ich noch ein Junge war.“
   Angela Merkel zuckte mit den Schultern. „Die gab es bei uns nicht. Zu amerikanisch.“
   „Wussten Sie, dass die Comics meistens aus Italien kommen?“
   „Nein, woran erkennt man das?“
   „Weil Micky Maus eine lange Hose trägt. Mit kurzer Hose kommt das Comic aus Dänemark.“
   „Was Sie mir so alles erzählen.“
   Da bemerkte ich es wieder. „Manchmal klingen Sie wie eine Ihrer Imitatorinnen. So mit dem Lispeln.“
   „Na ja, die versuchen schließlich auch, mich nachzumachen.“
   „Ja, aber jede völlig anders. Die eine hat Ihnen einen Berliner Akzent verpasst, bei der anderen sprechen Sie sächsisch.“ Ich versuchte ihr die verschiedenen Stimmen vorzumachen.
   „Das klingt aber alles ziemlich komisch.“
   „Das liegt daran, dass ich schlechte Imitatorinnen schlecht imitiere. Da bleibt nicht mehr viel übrig. Am besten gefällt mir eine Merkel-Imitatorin, die ich nie selbst gehört habe, aber die mein Bruder super nachmachen kann. Passen Sie mal auf.“ Ich machte einige unverständliche Laute mit sehr gepresster Stimme.
   „Jetzt imitieren Sie Ihren Bruder, der eine Merkel Imitatorin imitiert.“
   „Ja, aber diese Stimme ist einfach toll. Probieren Sie die doch auch mal aus.“

Es klingelte schon zum dritten mal. „Wollen Sie die Tür nicht öffnen?“
   „Nein. Das ist nur wieder meine Nachbarin, die sich beschwert, dass die Musik zu laut ist.“
   Nun klopfte es. „Wir haben doch überhaupt keine Musik laufen.“
   „Egal. Immer wenn ich in der Wanne liege, klingelt es an der Tür. Das ist nun mal so. Und immer ist es die Nachbarin, um sich über meine Musik zu beschweren.“
   „Aber wenn nun mal keine Musik läuft?“
   „Das spielt keine Rolle. Meine Nachbarin weiß, dass ich immer wenn sie bei mir klingelt, in der Badewanne liege. Und das ist der Zeitpunkt, an dem ich nicht an die Tür kommen kann um ihr zu widersprechen, was ich natürlich ansonsten tun würde, wenn sie sich über meine Musik beschwerte obwohl ich keine Musik laufen hätte. Nur so kann sie ihrem Ärger freien Lauf lassen, ohne sich meinem Widerspruch auszusetzen.
   „Aber es klingelt schon wieder. Die werden wir nicht los, solange wir in der Wanne sitzen.“
   „Das brauchen wir auch gar nicht.“
   „Aber das geht mir auf die Nerven.“
   „Dann lassen Sie uns den umgekehrten Weg gehen.“
   „Sollen wir bei Ihr klingeln gehen?“
   „Nein. Wir werden vor ihr flüchten. Ich glaube es wird Zeit, Sie in meine Entdeckung einzuweihen.“
   Angela Merkel richtete sich auf. „Oh, ich dachte, Ihre Entdeckung sei das Fortzaubern unserer Birnenbutzen.“
   „Damit hat es zu tun.“

„Fenster geschlossen“ bestätigte Frau Merkel.
   „Heißes Wasser nachgefüllt. Lassen Sie die Rollläden vollständig herunter, so dass kein Licht mehr nach innen gelangt“
   „Ey, Sir. Rollläden lichtundurchlässig.“
   „Kommen Sie zurück in die Wanne. Stellen Sie sich hinter mich. Sobald ich den Hyperraum-Antrieb gestartet habe, drehen Sie die Glühbirne aus der Fassung.“
   „Den... was wollen Sie starten? Autsch! Die ist viel zu heiß.“
   „Drehen Sie sie nur ein Stück weit aus der Fassung. Mit nassen Fingern kein Problem.“
   Ich programmierte den Hyperraumflug auf eine Viertelstunde, Kurs Andromeda Nebel. Mit Aufenthalt und Rückflug.
   „Wollen Sie jetzt doch noch Ihre Whirlpool-Matte einschalten oder was machen Sie da an dem Kompressor? Ich dachte wir wären uns einig, dass wir ihn aus Sicherheitsgründen nicht benutzen wollten.“
   „Ruhe. Ich zähle von 3 auf 0! 3 – 2 – 1 – 0!“
   
„Ein schönes Gefühl. Gut für den Rücken“, meinte Angela Merkel.
   „Nicht wahr, wer hätte gedacht, dass interstellare Reisen so angenehm sind?“
   „Ach jetzt hören Sie endlich auf. Wir sind immer noch in der Badewanne.“
   „Da widerspreche ich Ihnen nicht.“
   „Was, Sie widersprechen mir nicht? Das ist ja mal eine ganz neue Situation für mich.“
   „Nein. Wir sitzen in der Badewanne. In meinem Badezimmer. Und wir fliegen mit dem Badezimmer zum Andromeda-Nebel.“
   „Wieso?“
   „Weil ich das an meiner Kontroll-Tastatur so eingestellt habe.“
   „Ach Quatsch. Sie haben nur Ihre Whirlpool-Matte angemacht.“
   „Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wie wollen Sie das rausfinden?“
   „Ich könnte mich anziehen, vor die Türe gehen und würde vermutlich Ihre Nachbarin treffen.“
   „Sind Sie dessen so sicher?“
   Sie schmunzelte. „Ziemlich“
   „Aber können Sie hundertprozentig ausschließen, dass wir uns nicht doch auf einem Flug zum Andromeda Nebel befinden könnten?“
   „Praktisch hundertprozentig“
   „Praktisch“, wiederholte ich. „Und wenn dieses ´praktisch´ nur die Wahrscheinlichkeit von einem Promill oder weniger beinhaltet, dann bedeutet das, dass Sie Ihr Leben riskieren, sobald Sie die Türe öffnen.
   „Ein sehr kleines Risiko würde ich sagen.“
   Ich hörte, wie sie in der Wanne aufstand. „So unwahrscheinlich wie das Verschwinden meiner Nachbarin?“
   „Wie meinen Sie das?“
   „Hören Sie denn nicht? Sie ist weg.“
   Merkel setzte sich wieder. „Sie könnte gegangen sein.“
   „Oder wir sind jetzt Lichtjahre von ihr entfernt. Hören Sie es?“
   „Was?“
   „Es gibt keinen Laut mehr, der von außen dringt. Ich sage Ihnen, wir sind im Weltraum.“
   „Das Fenster ist zu und der Kompressor ist verdammt laut.“
   „Nun, wir werden ja sehen. In ein paar Minuten müssten wir den Andromeda-Nebel erreicht haben.“

„Hören Sie?“ flüsterte ich.
   „Nein.“
   „Eben. Der Hyperraumantrieb ist abgeschaltet und es ist immer noch nichts zu hören.“
   „Ich habe Wasser in den Ohren.“
   „Nein. Wir befinden uns in einer fernen Galaxie.“
   „Wann steigen wir aus?“
   „Wir steigen nicht aus.“
   „Warum nicht?“
   „Wohin wollen Sie? In den freien Weltraum? Wenn Sie diese Türe öffnen sind wir beide tot.“
   „Was machen wir dann?“
   „Ich habe fünf Minuten Aufenthalt programmiert. Dann fliegen wir wieder zurück.“
   Sie seufzte. „Schade, dann habe ich keinen Beweis. Die Reise hat vielleicht gar nicht stattgefunden.“
   „Oder wir treiben im Weltraum in der Nähe des Andromedanebels.“
   „Keiner von uns wird die Türe öffnen und die Wahrheit herausfinden.“
   „Erinnern Sie sich an die Birnenbutzen. Welche Wahrheit ist die Schönere? Zu glauben, neben der Badewanne liegen die Butzen oder zu glauben, dort liegen keine?“
   „Dort liegen keine. Die haben wir doch schon vor einer Woche weggeräumt! Ssssscht, ich höre was.“
   „Ja, ich glaube, an der Wand hat sich ein Dübel gelöst.“

„Der Rückweg ist aber nicht so angenehm wie die Hinreise“ schrie Angela Merkel. Ihr Körper führte stoßartige Bewegungen aus. Ihre Stimme stotterte.
   „Ich muss die Hyperraumgeschwindigkeit zu hoch eingestellt haben.“ Muskelkrämpfe durchzuckten meinen ganzen Körper.
   „I-Ich g-glaub, i-ich übersteh das n-nicht!“
   „I-Ich auch nicht!“
   „A-Aber wissen Sie w-was?“
   „w-w-was?“
   “I-Ich g-glaube S-Sie hatten R-Recht!”
„S-s-s-sicher!“

In der Wanne schwammen zwei Birnenstile.

Titelbild: PublicDomainPictures / pixabay.com (public domain)

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

Weitere Kurzgeschichten von diesem Autor:

Steven Hawking
Kirchenreform
Blaue Fee