geschrieben 2026 von Lüdel (lüdel).
Veröffentlicht: 02.04.2026. Rubrik: Menschliches
Das Grab (Teil 2)
Einige Jahre später wohnten wir inzwischen in einer Siedlung, in einem Reihenhaus.
Papaopa hatte einen Gehirnschlagerl erlitten.
Wir wohnten in Wartenberg, unser Opa im etwa zwei Kilometer entfernten Langenpreising.
Nach diesem Vorfall wechselten wir uns ab.
Ich erinnere mich noch gut an einen Mittag, an dem ich bei ihm war.
Er zeigte mir, wie man den Holzofen anmacht, und kochte sich selbst Spaghetti.
Er war ein sehr ordentlicher Mensch:
Die Wohnung war aufgeräumt, das Bett gemacht, das Holz vor dem Häuschen akkurat gestapelt.
In dem ehemaligen kleinen Bauernhäuschen lebte im Erdgeschoss der fast hundertjährige Hausbesitzer.
Dort befand sich auch ein altmodisches Bad, und hinter dem Haus ein Plumpsklo.
Papaopa störte das überhaupt nicht.
Gelegentlich kam er auch zu Fuß zu uns vorbei.
Und seltsam: Meine jüngste Schwester, sie war noch klein und gerade dabei laufen zu lernen, hangelte sich von Stuhl zu Stuhl.
Er nahm sie auf den Schoß.
Wir wunderten uns sehr darüber.
Nach einiger Zeit begann Papaopa herumzuwandern.
Eines Abends rief ein Ehepaar bei uns an und fragte, ob wir einen Herrn Heinrich kennen würden.
Er sitze bei ihnen und sei felsenfest der Meinung, dass dies Böhmen und Mähren sei und sie seine Bediensteten wären.
Mein Papa holte unseren Opa aus dieser Ortschaft ab.
Die verwirrten Zustände verschlechterten sich sehr schnell.
Papaopa brach zusammen und kam in ein Spezialkrankenhaus.
Dort war er nicht lange, höchstens drei Tage.
Als meine Eltern ihn besuchten, wollte er unbedingt nach Hause.
Wenn er nicht nach Hause dürfe, dann wolle er lieber sterben, drohte er.
Am nächsten Tag war unser Papaopa verstorben.
***
Die Abschiedspredigt wurde in einer neu errichteten, runden evangelischen Kirche gehalten.
Das Grab befand sich in Langenpreising, etwa zwei Kilometer entfernt.
Eine Tante – die Schwester meines Papas – hatte das Grab zehn Jahre im Voraus bezahlt und versprochen, sich darum zu kümmern.
Einige Zeit verging.
Gelegentlich, meist sonntags, fuhr mein Papa mit meiner Mama zum Grab.
Meine Mama hatte selbst keinen Führerschein.
Monate später rief eine Verwandte meiner Mutter an und sagte, dass sich seit Wochen niemand um das Grab kümmere und das eine Schande sei.
Ab da wechselten wir uns ab und fuhren unsere Mama zum Grab.
Blumen je nach Jahreszeit:
im Sommer gießen, im Winter ein Gesteck – zehn Jahre lang.
Inzwischen waren unsere Eltern in ein Bauerndorf umgezogen.
An einem Feiertag saßen wir alle zusammen, als plötzlich die Tante auftauchte und erklärte, dass sie das Grab weiter bezahlen werde.
Unsere Mama wurde wütend und schimpfte lautstark.
Ihre Meinung war klar:
Sie sei all die Jahre die Einzige gewesen, die sich – mit unserer Hilfe – um das Grab gekümmert habe.
Das Argument der Tante war, wir bräuchten das Grab nicht zu bezahlen, sie übernehme das.
Da zog unsere Mutter die Notbremse:
Das kommt nicht in Frage!
Die Tante verschwand wieder.
Unsere Mutter hatte vorsichtshalber bei der Pfarrei in Langenpreising angerufen und deutlich ausrichten lassen,
dass das Grab geschlossen werden solle.
Unsere Mama sagte nur: „Ich habe meine Pflicht mehr als erfüllt.“
***
Papaopa lebt auch ohne Grab in unseren Herzen weiter.
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