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geschrieben 2020 von Seelenbalsam2020 (Seelenbalsam 2020).
Veröffentlicht: 23.10.2020. Rubrik: Total Verrücktes


Kurzgeschichte : Gedanken eines Sitzmöbelstückes

Hallo Du.
Du scheinst auf der Suche nach einer guten Geschichte zu sein.
Die kann ich Dir bieten, wenn Du für verrückte Dinge offen bist. Bestimmt möchtest Du wissen, was ich damit meine. Pass auf.

Ich bin ein Stuhl. Ja, Du hast richtig gehört. Ein schöner, mahagonifarbener Stuhl mit schönen, verzierten Stuhlbeinen und einem bequemen weinroten Sitzpolster. Meine Lehne ist gradlinig mit geschwungenen Ornamenten an den Griffen. Hoher Sitzkomfort möchte ich behaupten.
Ich kann nicht sprechen und mich auch nicht bewegen.
Mein Zuhause ist ein kleines Kaffee, mit insgesamt 4 Tischen und verschiedenen Sitzmöbeln. Der ganze Raum wird liebevoll als „Krimskramscaffee“ bezeichnet. Hier passt nichts zueinander, alles ist zusammengewürfelt und zaubert diese wunderbare chaotische, gemütliche Atmosphäre. Meine Stuhlnachbarn zum Beispiel sind waschechte Cocktailsessel aus den 80ern. Sie haben einen neuen Bezug bekommen und sehen aus wie neu. Das ist doch Qualität! Die Farbe Senfgelb beißt sich zwar mit allen Tönen ringsherum, aber wie gesagt. Alles unstimmig stimmig.


Ich stamme aus einer kleinen Schreinerei im Schwarzwald. Geschnitzt wurde ich vor langer Zeit in liebevoller Handarbeit. Der Schreiner war ein alter Mann, der mit dem Handwerk groß geworden ist und ich sollte das letzte Meisterwerk von ihm werden, bevor er in seinen wohlverdienten Ruhestand kehren würde. Endlich war er fertig und ich zog aus der Werkstatt aus.

Es vergingen viele Momente zusammen. Ich durfte seine kleine Küche verschönern an einem winzigen Tisch. Dort erlebte ich den Besuch der Enkel, die allmorgendliche Frühstücksroutine, sämtliche Feiertage.
Irgendwann blieb ich leer. Keiner setzte sich auf mich, mein Polster blieb kalt und unberührt.
Um mich herum kamen Menschen und räumten die Wohnung leer, trugen Möbel heraus. Ich konnte Worte wahrnehmen „Was machen wir mit den restlichen Sachen? Die will doch keiner mehr“ oder „Aber der Stuhl hat ihm soviel bedeutet. Er hat so viel Arbeit reingesteckt“
Über mein Polster ging ein Schauer. Die redeten über mich!

Eines schönen Tages spürte ich einen Ruck und auf einmal fand ich mich im Innern eines großen LKWs wieder. Die große Reise begann.

Nach einer langen Fahrt kamen wir endlich an und eine Türglocke klingelte. Aufgeregte Stimmen um mich herum, Gelächter und dann stand ich auch schon in meinem jetzigen Zuhause dem „Krimskramskaffee“

Ich kann mein Zuhause nicht mit einem Wort beschreiben. Dafür benötigt es 10000.
Ich fange mal an:
Man betritt den Raum durch eine Glastüre, die nach innen aufgeht. Eine altmodische Türglocke schellt jedes Mal, wenn die Türe aufgeht. Rechts vom Eingang steht eine Recamierè. Knallpink und im Chesterfield Stil. Darüber hängt eine wunderschöne Garderobe aus Kastanienholz, länglich und naturbelassen. Dort hängen immer sehr viele Mäntel und Jacken. Die insgesamt 6 Wände des Raumes sind Petrolfarben, Lavendel, Orange, Rostrot und Orchideenfarben. Gegenüber der Eingangstüre befindet sich die Theke mit einer Riesigen Kaffeemaschine und einer gläsernen Kuchentheke mit Wahnsinnsgroßen Torten und Kuchenstücken. Die Theke ist in einem schönen, zarten Rosa und hat weiße Barokke Verzierungen an den Rändern. Mit den fast schon kitschig verzierten Törtchen, Cupkakes und Cakepops wirkt das alles sehr romantisch.
Die 4 Sitzgruppen bestehen aus verschiedenen Möbeln, so einmal Ohrensesseln, Barstühlen, Sitzhockern etc. Auch eine weiße Eckbank im Landhausstil ist vertreten. An den Wänden stehen Deckenhohe Bücherregale und es gibt sogar einen Kamin mit offener Feuerstelle. Davor liegt ein roter, samtiger Teppich mit einem kleinen roten Ohrensessel, in dem es sich super mit einem Buch und einem Kaffee entspannen lässt. Eine klassische Leseecke wie aus dem Traum. An der Decke baumelt eine Hängelampe, die einen behaglichen Schein auf den Sessel wirft.
Außerdem gibt es noch Regale, sehr viele Stehlampen unterschiedlichster Ausführungen und natürlich dürfen die bunten Teppiche auf dem Boden nicht fehlen. Von orientalischen Mustern über Rautenförmige Muster etc.
Aber ich muss ehrlich sagen… Wenn ich so darüber nachdenke, wäre ich doch am Kamin wohl besser aufgehoben als der Sessel, oder?


Nun habe ich euch mein Zuhause beschrieben. Jetzt möchte ich euch von meiner wichtigen Aufgabe erzählen. Täglich nehmen die unterschiedlichsten Menschen auf mir Platz und ich kann den Gesprächen lauschen. Mir ist in den letzten Jahren aufgefallen, dass ich allein schon an der Art, wie sich die Menschen setzen und sich mir gegenüber verhalten den Charakter einschätzen kann.

Da wäre einmal Caro. Eigentlich Caroline. Sie kommt regelmäßig mit einer Freundin und spricht über ihren scheinbar unfähigen, nervigen Freund Fabio. Sie setzt sich vorsichtig, bedächtig, respektvoll. Oft sitzt sie auf ihren Händen, die dann schön warm zwischen meinem Polster und ihrer Jeans liegen. Sie ist mir sehr sympathisch. Deswegen nervt es mich umso mehr, dass sie an solch einen Idioten geraten ist wie diesen Fabio.


Dann gibt’s noch Frau Kuga. Eine edle Dame, die leider echten Pelz trägt und immer Mittwochs alleine zu einer Tasse Milchkaffee mit ihrem hässlichen Nackthund Sir Henry kommt. Dieser hat mich schon das Ein oder Andere Mal beschnuppert und ist oft kurz davor sein Beinchen zu heben und mich anzupinkeln. Sein Frauchen rupft ihn dann an seinem strassbesetzten Halsband zurück und zischt ihn dann an
„ Benimm dich jetzt!“

Als Erstes stelle ich mir sowieso jedes Mal die Frage, warum man einem männlichen Hund ein glitzerndes Band anzieht. Und dann wünsche ich mir jedes Mal, dass ich doch ein klein wenig Bewegungsfreiheit hätte und den Hund wegschieben kann. Leider nur ein Wunschdenken. Wir sind wohl beide arm dran.

Frau Kuga setzt sich sehr damenhaft mit stets übereinander geschlagenen Beinen auf mich und fegt vor dem Sitzen noch eventuelle Krümel weg.
Bis auf den Hund auch eine angenehme Zeitgenossin.

Auch ein beliebtes Duo ist ein Mutter Tochter Gespann. Sie kommen sehr spontan, nicht vorhersehbar zu Besuch. Die Tochter sitzt immer auf mir. Sie ist eher von der etwas Tollpatschigen Sorte. In der einen Hand ihre Handtasche, in der anderen Hand meist schon die ausgezogenen Jacke, die sie nie an die Garderobe hängt. Meist stolpert sie mehr oder weniger auf den Sizplatz. Trotzdem akzeptabel.

Ihr seht, die Sitzgäste sind sehr Frauenlastig. Männer sitzen kaum auf mir. Vielleicht auch, weil ich sehr filigran wirke und die Männer sich dann lieber in die stabilen Sessel setzen.

Ich bin froh über meine Aufgabe und erfreue mich jeden Tag über nette, freundliche Menschen. Den Alltag anderer Menschen zu versüßen und schöne Stunden mitzuerleben ist sehr belebend.

Vielleicht magst du auch mal kommen? Du weißt wo du mich findest. Um die Ecke in dem Kaffee, in dem alles bunt zusammengewürfelt ist und der Mahagonifarbene Stuhl mit weinrotem Polster und Handgeschnitzten Amaturen wird auf Dich warten.

Bis bald.

4xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Susi56 am 09.01.2021:

Sehr sehr nette Idee. Bei der Beschreibung des Cafés wäre weniger mehr gewesen, damit für eigene Fantasien noch etwas Platz bleibt. Aber insgesamt sehr gern gelesen!




geschrieben von Seelenbalsam 2020 am 26.03.2021:

Danke für die sachliche Kritik :)

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