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geschrieben 2017 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 22.10.2020. Rubrik: Grusel und Horror


Der Geburtstagsmörder

„Jetzt haben wir schon drei Geburtstagsmorde“, stöhnte Kommissar Lukas Kohlert. Zusammen mit seinen Assistenten Schwarz und Weiß (so hießen sie tatsächlich) ließ er die rätselhaften Ereignisse der letzten Monate Revue passieren.

„Alle drei Opfer stammten aus unserer Stadt, aber aus verschiedenen Bezirken. Am 7. Januar wurde der Ingenieur Alex Baumbach aus der Innenstadt erschossen, fünf Tage nach seinem 42. Geburtstag. Am 6. Februar starb die Krankenschwester Miriam Sander aus dem Stadtsüden, die zwei Tage zuvor 37 Jahre alt geworden war, und am 9. März der Kaufmann Dennis Pauly aus dem Norden, der drei Tage vorher seinen 44. Geburtstag gefeiert hatte. Sander und Pauly wurden mit derselben Pistole erschossen wie Baumbach.“

„Wahrscheinlich ein Irrer“, mutmaßte Schwarz. „Was hat er nur gegen Leute, die kurz zuvor Geburtstag hatten?“

„Und woher wusste er überhaupt, wann sie Geburtstag hatten?“, rätselte Weiß.

„Gute Frage!“, lobte Kohlert. „Ich glaube kaum, dass er die Opfer persönlich kannte. Vielleicht durch eine Glückwunschanzeige in einer Zeitung oder einem Anzeigenblatt? Findet doch bitte mal raus, welche Glückwunschanzeigen an den betreffenden Tagen in den Blättern, die hier in der Stadt gelesen werden, veröffentlicht wurden.“

„Welche Tage sind das denn?“, fragte Schwarz den Kommissar.

„Baumbach: 2. Januar. Sander: 4. Februar. Pauly: 6. März. – Moment mal! Das ist sehr seltsam. Da scheint ein System dahinterzuliegen: 02.01. – 04.02. – 06.03.! Das nächste Datum in der Reihe wäre der 08.04.“

Schockiert sagte Weiß: „Wenn wir den Irren nicht vorher schnappen, wird also jemand in dieser Stadt, der am 8. April Geburtstag hat, ein paar Tage später ins Gras beißen.“

*

Kommissar Lukas Kohlert und seine beiden Assistenten beugten sich über einen Haufen Papier: alle Printmedien der Stadt vom 2. Januar, 4. Februar und 6. März.

Tatsächlich waren für alle drei Opfer Glückwunschanzeigen erschienen, jedoch nur in der größten Zeitung, dem Tageblatt. Jedes Mal standen noch mindestens zwei weitere Glückwünsche dabei. „Warum hat es gerade Baumbach, Sander und Pauly getroffen?“, fragte sich Schwarz und gab sich kurz darauf selbst die Antwort: „In den anderen Anzeigen stehen nur Vornamen. Bei Miriam Sander ist dagegen sogar die Adresse veröffentlicht. Und Baumbach und Pauly standen vielleicht mit Adresse im Telefonbuch.“

Kohlert starrte vor sich hin, was immer bedeutete, dass er scharf nachdachte. Schließlich sagte er: „Wir müssen den Täter in eine Falle locken.“

Gespannt sahen Schwarz und Weiß ihn an. „Ihr kennt doch das Haus, wo ich wohne?“, fragte er sie. „Es liegt ganz am Ende des Amselwegs und hat die Hausnummer 34. Wir müssen mit der Tageblatt-Redaktion abmachen, dass am 8. April nur eine einzige Glückwunschanzeige erscheinen darf, und zwar unsere. Darin gratulieren wir jemandem, der im Amselweg 36 wohnt. Diese Adresse gibt es in Wirklichkeit ja nicht. Wenn der Täter das Haus sucht, muss er an meinem vorbei. Wir – also ihr und ich – sitzen im Erdgeschoss an dem Fenster mit der Tür, und wenn wir einen Verdächtigen sehen, springen wir raus. Mit gezückter Pistole. Der Täter dürfte ja ebenfalls bewaffnet sein.“

Schwarz und Weiß waren beeindruckt. Nur etwas verwirrte Schwarz: „Kommt der Täter denn wohl wirklich am Geburtstag? Die drei Opfer wurden doch alle erst einige Tage danach umgebracht.“

„Ich vermute schon, dass er zunächst am Geburtstag kommt und dann noch ein- oder zweimal, um sich alles anzusehen. Bei den drei Opfern hat er ja offenbar genau deren Umfeld ausspioniert, um den für ihn günstigsten Ort und Zeitpunkt für den Mord herauszufinden. Natürlich kann es sein, dass wir lange warten müssen, bis er aufkreuzt. Am besten nehmen wir uns Akten mit. Abwechselnd arbeiten dann immer zwei von uns die Akten durch, und einer guckt aus dem Fenster.“

*

Der 8. April war angebrochen. Auf der Glückwunschseite des Tageblatts stand diesmal nur eine einzige Anzeige:

Liebe Karina Meyer, zu deinem Geburtstag gratuliert deine Family dir herzlichst! Wir freuen uns schon auf die Feier bei dir im Amselweg 36!

Kommissar Kohlert war froh, dass es geklappt hatte, denn der Redakteur war zunächst nicht begeistert gewesen. „Was soll ich denn den Leuten sagen, die schon Anzeigen aufgegeben haben?“, hatte er gemurrt, worauf der Kommissar geantwortet hatte: „Sagen Sie ihnen, dass Sie den Geburtstagskindern vermutlich das Leben retten.“

Jetzt saßen er und seine beiden Assistenten am breiten Fenster seiner Wohnung. Zunächst frühstückten sie, wobei immer einer von ihnen in viertelstündlichem Wechsel die Straße im Auge behalten musste. Dann widmeten zunächst Kohlert und Weiß sich den mitgebrachten Akten, während Schwarz Ausschau hielt. Eine halbe Stunde später tauschten Schwarz und Weiß die Plätze. So ging es bis zum späten Vormittag.

Kurz vor 12 Uhr rief Weiß plötzlich: „Da!“ Ein ungepflegt wirkender Mann mittleren Alters ging auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig die Straße hinauf. In der Hand hielt er einen kleinen Zettel, der eine herausgerissene Zeitungsanzeige sein mochte. Er schien ratlos, als er sah, dass nach dem Haus Nummer 34 keins mehr kam.

Lukas Kohlert und seine Assistenten nickten sich kurz zu und stürmten dann nach draußen. Mit gezückten Pistolen umringten sie den Mann. „Kriminalpolizei“, sagte Kohlert und zeigte seinen Ausweis. „Sie suchen wohl das Haus von Karina Meyer?“

Der Mann nickte verwirrt. „Eine Karina Meyer gibt es nicht, jedenfalls nicht hier“, sagte der Kommissar. „Aber Alex Baumbach, Miriam Sander und Dennis Pauly, die gab es. Ich nehme Sie fest wegen des dringenden Verdachts des dreifachen Mordes.“

*

Mit dem bisherigen Verlauf des Verhörs war Kommissar Lukas Kohlert eigentlich zufrieden. Der Festgenommene hatte alle drei Morde gestanden. Nur eins verschwieg er nach wie vor: sein Motiv.

„Die Opfer“, sagte Kohlert, „hatten alle recht normale oder sogar wohlklingende Namen. Sie dagegen heißen, Ihrem Ausweis zufolge, Hasso Hundgeburth. Haben Sie die Opfer aus Neid auf ihre Namen ermordet?“

Hasso Hundgeburth schwieg, aber ein Zucken seiner Augenlider verriet Lukas Kohlert, dass die Lösung des Rätsels nicht mehr fern war.

„Die Geburtstage der Opfer waren der 02.01., der 04.02. und der 06.03.“, fuhr der Kommissar fort. „Der letzte Tag in dieser Zahlenreihe wäre der 24.12. gewesen. Laut Ihrem Ausweis ist das Ihr eigenes Geburtsdatum. Wollten Sie sich an diesem Tag selber töten?“

„Ja!“ Plötzlich sprudelte es aus dem Festgenommenen hervor. „Ja, ich wollte mich umbringen. Aber vorher wollte ich ein paar Leute töten, denen es besser ging als mir. Die schönere Namen hatten. Und schönere Geburtstage.“

„Schönere Geburtstage?“, fragte Lukas Kohlert überrascht.

„Ja. Mein Geburtstag wurde nie beachtet, weil er auf Heiligabend fiel. Wir waren zu Hause sieben Kinder. Einmal hörte ich meine Mutter zu einer Nachbarin sagen: ‚Gut, dass ich wenigstens für Hasso nichts zum Geburtstag kaufen muss. Der kriegt ja zu Weihnachten sowieso was...‘“

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Weißehex am 23.10.2020:
Schade, dass man virtuell nicht anerkennend durch die Zähne pfeifen kann. Das ist eine Supergeschichte.




geschrieben von RudiRatlos am 23.10.2020:
Hasso bekommt für drei Morde und einen Mordversuch 15 Jahre, wird wegen guter Führung nach der Hälfte der Zeit entlassen ... Die drei Beamte bekommen wegen Anstiftung zum 'Versuchten Mord' jeweils zehn Jahre und werden vom Dienst suspendiert ..?




geschrieben von Christine Todsen am 23.10.2020:
Weißehex, danke für das tolle Lob! Die Geschichte ist ja schon von 2017, und damals sagte jemand, sie sei arg konstruiert. Daher wagte ich bisher nie, sie zu veröffentlichen! – RudiRatlos, Dein Kommentar ist sicherlich scherzhaft gemeint! Davon abgesehen, kommt jemand wie Hasso meines Wissens eher in die geschlossene Psychiatrie als ins Gefängnis.




geschrieben von RudiRatlos am 23.10.2020:
klar ... ein untauglicher Versuch ist ja auch nicht strafbar - war eher eine KommentarGeschichte ...

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