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geschrieben 2026 von C.G.Burns (CGBurns).
Veröffentlicht: 15.03.2026. Rubrik: Grusel und Horror


Die Hexe

Das Haus am Ende der Sackgasse war kein Ort der Magie, sondern ein Schandfleck aus bröckelndem Kalkstein und feuchtem Fachwerk. Es lehnte müde gegen die Stadtmauer, als wolle es im Schatten der Zinnen verschwinden. Dort lebte die Witwe.

Für die beiden Kinder war das Gebäude ein Laboratorium.
Sie saßen zunächst nur auf der gegenüberliegenden Mauer, Tag für Tag, und sahen zu, wie die Frau ihre kargen Einkäufe nach Hause schleppte.
Mit der Zeit wuchs ihr Mut. Sie pirschten sich an die staubigen Scheiben heran, um die Schatten darin zu beobachten.

Eines Tages gingen sie dazu über, zerbrochene Zweige und kleine Kiesel auf den Treppenstufen zu verteilen um herauszufinden, ob sie das Eindringen in ihr Revier registrierte.

Einmal schlüpfte der Junge durch das offene Kellerfenster, angelockt vom Geruch des gelagerten Specks. Doch die morsche Tür des Vorratsabteils fiel hinter ihm zu und klemmte im Rahmen fest. Kein Entkommen mehr. Zwei Tage Dunkelheit. Als die Frau ihn fand, halb verdurstet zwischen den aufgestapelten Reserven, hielt sie ihn fest, um ihn zu beruhigen.
Der Junge lief um sein Leben.

„Sie hat mich eingesperrt“, sagte er später.
Das Mädchen nickte. Sie streute Gerüchte: von seltsamen Gerüchen aus dem Schornstein, eigenartigen Ritualen, Tieropfern.

Die Stadt lauschte.
Reagierte.

Menschen aus der Nachbarschaft, die sie kannte, seit sie in den Windeln steckten, wichen ihr nun auf die andere Straßenseite aus. Der Fleischer ignorierte sie völlig; sobald sie eintrat, drehte er sich unvermittelt weg und reagierte nicht auf ihre Anwesenheit, bis sie kapitulierte und den Laden verließ.

Die Frau begriff die Welt nicht mehr. Nach achtzig Jahren in dieser Gegend war sie zur Fremden geworden, isoliert durch eine Feindseligkeit, die wie Gift durch die Türschlitze sickerte.

Dann wurde es handfest. Methodisch verstopften sie die Regenrinne, bis Wasser durch die Schlafzimmerdecke drückte. Sie stahlen die Kohlen aus dem Schuppen, Stück für Stück, bis die Bewohnerin gezwungen war, den Backofen Tag und Nacht zu heizen, um nicht zu erfrieren.
Tagelang kauerte sie apathisch vor dem Herd.

Irgendwann stand das Mädchen in der Küche. „Es stinkt. Und es ist noch nicht warm genug hier drinnen. Du frierst doch sicher“, sagte sie leise. Ihr Schatten begrub die Greisin. „Sollen wir dir einheizen?“

Es war kein Kampf. Der Junge stand an der Tür, den Riegel vorgeschoben. Sie drängten sie mit der unnachgiebigen Wucht ihrer Jugend gegen den offenen Ofen.

Ein sanfter Druck - Für die Alte fühlte es sich wie Erlösung an.
Die Herdklappe schloss bündig.
Das Brüllen des Feuers war nun nur noch ein dumpfes Vibrieren im Boden.

„Komm jetzt, Hänsel“, sagte das Mädchen und nahm das Bündel mit dem Nachlass der Frau vom Sims. „Vater wartet. Wir erzählen ihm einfach, wir haben uns verlaufen.“

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