Veröffentlicht: 15.03.2026. Rubrik: Satirisches
Hobby-Dogging
Ich kann mich nicht erinnern, meiner Frau jemals einen Wunsch abgeschlagen zu haben.
Ich erfüllte alle ihre Wünsche. Alle.
Doch mit ihrem letzten Wunsch hatte ich ein Problem.

Ihre Freundinnen haben sich einen Hund angeschafft. Und alle schwärmen in höchsten Tönen von ihren Vierbeinern.
Eines Tages erzählte meine Frau, dass Sabine einen besonders schönen Zwergpudel hat. Täglich geht sie mit ihm spazieren. Comex, so heißt dieses schöne Tier, hört bei ihr aufs Wort. Und er bestimmt ihren Tagesablauf.
Gleich am Morgen zupft er an ihrer Bettdecke. Das heißt für Sabine: aufstehen, Comex muss Gassi gehen. Sollte Sabine noch fest schlafen, hüpft Comex in ihr Bett und schleckt an ihrem Ohr. Sie steht sofort auf und zieht sich schnell etwas über. Dann noch schnell einen Beutel für die Hinterlassenschaften von Comex in die Handtasche. Dieses morgendliche Gassigehen ist Balsam für ihre Seele. Sie schwärmt von diesem täglichen Ritual.
„Ich benötige keinen Wecker mehr“, sagt Sabine. „Comex ist sehr zuverlässig.“
Wenn sie tagsüber gemeinsame Spaziergänge unternehmen, trägt Comex eine Weste, die farblich zu ihrem Anorak passt. Die Leine und das Halsband für Comex sind aus mausgrauem Ziegenleder gefertigt. Die Handschuhe und die Handtasche von Sabine ebenfalls.
„Einfach süß, so Ton in Ton, die beiden“, schwärmt meine Frau.
„Das freut mich für Sabine“, sagte ich etwas geringschätzig. „Sabine hat keinen Mann. Sie wohnt allein. Natürlich braucht sie da Ersatz. Das Beste für sie scheint ein Hund zu sein.“
„Das ist Unfug“, konterte meine Frau sehr scharf. „Sehr viele Familien haben einen Hund. Ich kenne Familien, die haben vier oder auch fünf Kinder und einen Hund. Manchmal auch zwei.“
Ich verdrehte die Augen, weil ich ahnte, welche Bitte meine Frau jetzt stellen würde.
„Wir sollten uns auch einen Hund anschaffen. Alle Nachbarn haben einen Hund und alle meine Freundinnen auch. Wie stehen wir da, so ohne Hund?“
„Du weißt, ich habe eine Hundehaarallergie“, entgegnete ich. „Ich könnte sterben, wenn ich diese Allergie erleiden muss. Auf Hundehaare reagiere ich wie auf Pfefferspray. Ich könnte bleibende körperliche Schäden zurückbehalten. Möchtest du wirklich meine Gesundheit aufs Spiel setzen?“
„Natürlich nicht. Aber du könntest dich erkundigen, was du gegen diese Allergie machen kannst. Oder du fährst in eine Hundeschule und fragst nach, welche Hunderassen keine Allergien auslösen.“
Ich mag Tiere. Ich bin ein Tierfreund. In meiner Wohnung jedoch möchte ich keine Tiere beherbergen. Auch Tiere haben ein Recht auf ihre Freiheit. Das ist meine unverblümte Meinung. Ich habe aber auch ein Recht auf Freiheit. Und ich möchte nicht der Befehlsempfänger eines Hundes sein.
Gleich am nächsten Tag fuhr ich in die Hundeschule im Nachbarort und trug mein Problem vor. Der Chef verstand mich sofort. Auch meine Vorbehalte und Ängste nahm er zur Kenntnis.
„Natürlich gibt es Menschen mit einer Hundehaarallergie. Das ist nicht zu unterschätzen. Und ich gebe Ihnen recht: Nicht alle Menschen haben vor, sich ein Haustier zu halten. Aber es werden immer weniger. Menschen ohne Haustier werden allmählich zu Exoten. Der Markt reagiert auf solche Lücken und bietet diesen Menschen Hilfe.“
Ich schaute etwas ungläubig.
„Haben Sie schon einmal etwas von Hobby-Dogging gehört?“, fragt er.
„Nein“, sagte ich, „Hobby-Dogging kenne ich nicht. Was bitte schön sollte das denn sein?“
„Hobby-Dogging ist das Führen einer Hundeleine ohne Hund. Es handelt sich hier um einen imaginären Hund, den sie beim Gassigehen oder beim Spaziergang mit sich führen.“
Ich schaute wohl etwas verdutzt und fühlte mich auf den Arm genommen. Sofort griff der Chef in ein Regal und zeigte mir eine Hundeleine.
„Sehen Sie, das ist eine Leine für das Hobby-Dogging. Sie haben Glück, es ist die letzte Leine, die ich ihnen für einen Sonderpreis verkaufen darf. 89,95 € sind echt ein Schnäppchen. Dann noch in hellbraunem Nappaleder mit vergoldeten Schnallen. Einfach exquisit. Aufgrund der hohen Nachfrage steigt der Preis. Er wird sich bei 129,95 € einpegeln.“
Als er spürte, dass ich nicht überzeugt war, packte er die Leine aus und führte sie mir vor. Er begann im Geschäft hin und herzulaufen. Dabei gab er verschiedene Befehle und führte sie mit der Leine aus.
„Sehen Sie“, begann er, „es klappt doch wunderbar. Hobby-Dogging hat noch mehr Vorteile. Kein Gassi-Zeit-Stress, keine Tierarztkosten, keine Hundesteuer, kein Drama mit veganem Hundefutter. Sie müssen sich auch nicht voller Demut mit einem Plastiktütenbeutel hinter ihren Hund bücken und seine Hinterlassenschaften aufsammeln. Das alles bleibt Ihnen erspart.“
Ich nickte zustimmend. Seine Worte überzeugten mich.
„Und“, so sprach er weiter, „Sie haben es selbst gesehen. Dieser Hund hört ihnen aufs Wort. Es gibt keine Widerrede. Sie bestimmen, was geschieht. Nicht er.“
Nun war ich vollkommen überzeugt und fragte nach der Rasse und dem Namen dieses imaginären Hundes.
Er schaute auf die Verpackung und sagte: „Es handelt sich hier um eine rumänische Zwergdogge. Ein Rüde, so lese ich auf der Verpackung. Und er hört auf den Namen Alf.“
Ich war zufrieden, fuhr nach Hause und zeigte meiner Frau diese Errungenschaft. Sie war begeistert.
„Gleich morgen werden wir ihn ausführen. Sabine wird sicher im Park mit Comex spazieren“, sagte sie. „Da kann sie unsere Zwergdogge bewundern. Ihr Zwergpudel ist doch ein Nichts gegen unseren Alf.“
Bis zum Schlafengehen übten wir den Umgang mit Alf. Er musste lernen, unseren Befehlen zu gehorchen. Zum Schluss nahm ich Alf und hängte ihn in die Garderobe.
„Das wird künftig dein Platz in unserer Wohnung“, sagte ich zu ihm und verabschiedete mich.
Ein leichtes Zupfen an meiner Bettdecke ließ mich morgens wach werden. Alf, so schoss es durch meinen Kopf. Um meine Frau nicht zu wecken, sagte ich leise: „Alf, du Schlingel, lass das. Ich möchte noch schlafen.“ Ich drehte mich auf die andere Seite und schlief weiter. Plötzlich spürte ich einen leichten Hauch an meinem Ohr. Feuchte Lippen berührten es und ließen mich schauern. Erschrocken rief ich: „Alf, pfui.“
Meine Frau wich schnell zur Seite und sagte: „Hast du schlecht geträumt? Ich wollte mich doch nur für das schöne Geschenk bedanken.“
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