Veröffentlicht: 11.03.2026. Rubrik: Lustiges
Erinnerungen an Fritzchen
Fritzchen war unser blaugrauweißer Wellensittich.
Ich weiß nicht, wer auf die glorreiche Idee kam, einen Wellensittich zu kaufen.
Meine Mutter oder meine Schwester.
Sei es drum, plötzlich war er da.
Die erste Handlung im Kreise der Familie war es, dem neuen Familienmitglied seinen Rufnamen zu geben.
Bubi war ausgelutscht, so hieß bereits der von den Großeltern.
Etwas originelleres musste her.
Er sollte Fritzchen heißen!
Fritzchen führte sich gleich gut ein.
Er war vom ersten Tag an Freigänger.
Er tronte in einem stets offenen Käfig in der Wintersaison auf dem Stubenschrank und im Frühjahr, Sommer und Frühherbst auf dem Berliner Ofen.
Vom Ofen herab, hatte er gleich drei Räumlichkeiten im Blick.
Wohnzimmer, Küche und ein Stück von der Veranda.
Mal abgesehen, dass er seine Aufmerksamkeit einforderte, sprach er recht schnell und deutlich kurze Worte nach.
Wie zum Beispiel:
Fritzchen, du Guter (Wenn er mit einem Familienmitglied schmuste.).
Oder:
Böses, böses Fritzchen (Wenn er jemanden schmerzhaft in die Lippen gebissen hatte, weil derjenige eingeschlafen ist und ihm keine Aufmerksamkeit schenkte.).
Sein Blödsinn, den er verzapfte, war auch nicht ohne.
So sprang er bei meinem Vater regelmäßig beim Baden in die Wanne.
Vaters Badewasser war giftgrün wegen des Tannennadelextraktes und roch ebenso intensiv.
Dieses Extrakt gab mein Vater dem Badewasser bei, um sein Gelenkreuma zu lindern.
Aus einem braugrauweißen Wellensittich wurde dann ein giftgrüner.
Aber es machte ihm auch nichts aus, wenn die Färbung einfach abgeduscht wurde.
Er putzte sich dann oft stundenlang.
Bier hatte es ihm ebenfalls angetan.
Vater hatte Biergläser mit großer Öffnung und manchmal flog Fritzchen direkt von Schrank/ Ofen auf den Rand des Bierglases.
Er tauchte seinen Kopf ins Bier und nippte daran.
Es hatte uns alle amüsiert, wenn Fritzchen darauf eine Schlagseite beim Tippeln hatte.

Was ihm allerdings gar nicht gut bekam, war, dass er die Tapete anknabberte.
Er bekam dadurch eine große Krebswucherung auf dem Rücken.
Der Tierarzt schnürte die Wucherung ab, die irgendwann abstarb.
Darauf war alles wieder in Ordnung.
Da der kleine Griebel wie immer neugierig war, ist er auch mehrfach ausgebüxt.
Wir mussten beim Lüften von Räumen stets aufpassen, dass er einen nicht in genau diese Räumlichkeiten folgte.
Passierte das trotzdem, flog Fritzchen Ehrenrunden durch den Garten.
Ihm war der Ausflug nach Außen nicht geheuer, so dass er sich von meiner Mutsch immer wieder einsammeln ließ.
Rief sie ihn, flog er auf ihre Schulter und gemeinsam gingen die Beiden wieder zurück ins Haus.
Einmal hatte ich dem kleinen Kerl versehentlich sehr weh getan.
Fritzchen sollte nie in die Veranda fliegen.
Denn in der Veranda standen meist die Fenster offen bzw. die Hauseingangstür, die in die Veranda führte.
Ich half damals meiner Mutter mit Staub saugen im Erdgeschoss.
Und achtete nicht auf Fritzchen.
Neugierig flog er aus der Stube in die Veranda.
Gott sei Dank waren die Fenster verschlossen.
Da aber mein Vater draußen im Garten arbeitete, um Holz zu holen und jeden Augenblick wieder herein kommen musste, geriet ich in Panik.
Mit dem Besenstiel wollte ich ihn vom Schrank scheuchen, auf dem er gerade saß.
Offenbar stellte ich mich ungestüm an und brach ihm einen seiner dürren Füße.
Infolge war ich die Hassfigur der Familie.
Wie konnte ich nur dem armen Fritzchen... .
Dabei wollte ich nur verhindern, dass Fritzchen die Gelegenheit nutzt, um erneut das Weite zu suchen.
Fritzchen musste zum Tierarzt.
Das Honorar von 40 Ostmark zogen mir die Eltern vom Taschengeld ab.
Das hieß, zwei Monate ohne einen Knopp in der Tasche irgendwie um die Runden zu kommen.
Dazu Stubenarrest, bis Fritzchen wieder gesund war.
Der Tierarzt hatte den gebrochenen Fuß am Körper des Wellensittichs fixiert.
Unser Fritzchen würde, so der Tierarzt, das Pflaster selbst abzupfen, sobald der Fuß geheilt ist.
In zwei bis drei Wochen wäre alles wieder in Ordnung, versicherte der Veterinärmedizier.
Und das Umherfliegen war nicht eingeschränkt.
Lustig war das schon, als Fritzchen auf einem Fuß umherhüpfte, bzw. sich mittels Schnabel und einem Fuß im Bauer an den Gitterstäben hochzog.
Der Tierarzt behielt Recht.
Nach reichlich zwei Wochen hatte unser Wellensittich das Pflaster und die überklebten Federn heraus gezupft.
Er humpelte zwar sein restliches Leben, war ansonsten wohlauf.
Und ich durfte endlich wieder draußen sein.
Ich sage Euch, dass ich als Kind ein Stromer war und wenn es sich ergab, den ganzen Tag, mit den Jungs aus der Nachbarschaft, an der frischen Luft war.
(Chemtrails gab es damals noch nicht am Himmel.)
Stubenarrest war für mich die Hölle und zugleich die Höchststrafe.
Dagegen konnte ich über Fernsehverbot nur müde lächeln.
Bei zwei Fernsehprogrammen war das locker auszuhalten.
Im stolzen Alter von fast 11 Jahren starb Fritzchen von einem Tag auf den anderen.
Man hat ihm sein Alter bis zum letzten Tag nicht angemerkt.
Unser liebgewonnener Freund fehlte plötzlich.
Noch heute, wenn ich einen blaugrauweißen Wellensittich sehe, erinnere ich mich gerne an Fritzchen.
Jo Hannes Coltitz, März 2026
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