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geschrieben 2018 von Stefan Kemper-Kohlhase (Altmarkwolf).
Veröffentlicht: 17.04.2020. Rubrik: Fantastisches


Der kleine Islandfan

Tach zusammen und N’abend allerseits. Ich bin Rålw, ein Trelf, eine Mischung aus Troll und Elfe. Fragen sie mich jetzt bitte bloß nicht, wie ein Troll, mein also Vater, und eine Elfe, meine Mutter, einen Nachkommen zeugen konnten. Das ist lange her und für meine Eltern äußerst peinlich. Deshalb lebe ich ja auch allein im Hutberg nahe dem Dreiländereck von Finnland, Schweden und Norwegen im hohen Norden, wo Fuchs und Hase, Verzeihung Polarfuchs und Schneehase, sich „Gute Nacht!“ sagen.
Der Hutberg, meine Heimat, heißt übrigens Hutberg, weil hier vor undenklicher Zeit der Trollriese Stallo auf der Flucht im Morgengrauen seinen Hut verloren hat. Da die Sonne kurz vor dem Aufgehen war, wurde der Hut zu Stein und bildete den „Hattefjell“, den Hutberg, in dem ich ganz allein lebe. Die große Halle im Hutberg heißt „Halle des Bergkönigs“. Sie soll früher wirklich einem Bergkönig gehört haben. Die Halle ist so groß wie das Wembley-Stadion und hat eine Akustik wie der Dom St. Nikolaus zu Stendal. Aber in meiner Halle herrscht gähnende Leere und Stille, denn der Bergkönig und seine Getreuen sollen durch die strenggläubigen Lutheraner mit ihren Dämonen- und Teufelsaustreibungen verjagt wurde sein. Ja! Restlos alle Naturgeister und Zwischenwesen, außer den Engeln, sind weg von hier. Nur ich nicht, weil mein Freund, der finnische Engel Ari-Pekka, für mich ein gutes Wort eingelegt hat. Wenn ich den Leuten nichts tue, darf ich hier in der großen Berghalle wohnen bleiben solange ich lebe. Also praktisch ewig. Naja, so lebte ich also vor mich hin in der großen „Halle des Bergkönigs“. Auf die Dauer ein bisschen langweilig. Aber das sollte sich ja ändern.
Ihr werdet die besondere Haarlocke auf meinem Kopf gesehen haben. Die wirkt wie eine Antenne, sodass ich finnisches, schwedisches, norwegisches Radio und Fernsehen in meinem Kopf empfangen kann, und MDR-Sachsen-Anhalt. Außerdem gibt es außen am Hutberg eine gewölbte Felsplatte, die wie eine Satellitenschüssel funktioniert. Dadurch kann ich alle Radio- und Fernsehkanäle der Welt empfangen. Auf die Dauer ist es aber auch mit Radio und Fernsehen einsam und ich hatte Sehnsucht nach der großen weiten Welt und wirklichen Freunden.
Im Juni und Juli 2018 war auf allen Kanälen nur von der Fußball-WM in Russland die Rede, und davon, dass zum Schluss Präsident Putin im Regen stand. Was wäre das für ein Erlebnis gewesen, wenn das Endspiel hier bei mir in der „Halle des Bergkönigs“ stattgefunden hätte?
So reifte in mir in den Wochen nach dem WM-Endspiel die Idee heran, eine eigene WM zu veranstalten - für Elementarwesen meines Schlages. Wie würde das wohl aussehen, wenn Engelchen gegen Hexen, Nixen gegen Elfen oder Teufelchen gegen Trolle spielen würden? Als ich Ari-Pekka von meinem Wunschtraum erzählte, stellte er den Kontakt zum FVdEWGW her, dem Fußballverband der Elementarwesen, Geister und Wolpertinger. Und so erhielt ich 2 Wochen später einen Brief aus der heimlichen Hauptstadt der Weltfußballs. - Richtig! Aus Magdeburg. In dem Brief stand.
Lieber Sportskamerad Rålw!
Da wir nicht bestechlich sind und Du der Einzige bist, der gerne eine Fußball-WM für Elementarwesen, Geister und Wolpertinger veranstalten möchte, bekommst Du hiermit den Zuschlag!
Viel Erfolg!
Mit freundlichen Grüßen
Quasselstrippus Gibmichdiekirsche
Von Gottes Gnaden Fußballobermotz der Elementarwesen, Geister und Wolpertinger
„Jaaaaaaaaaaaaaaaaaa!“ Der überschäumende Schrei hallte noch mehrere Minuten durch meine Halle, ehe ich mir darüber bewusst wurde, was für eine Aufgabe da auf mich zukommen würde. Oha! Nun mussten Unterbringung, Verpflegung und Anreise organisiert werden. Wer sollte überhaupt teilnehmen? Nach welchen Regeln sollte gespielt werden? Wer würde für die Sicherheit sorgen, und wie viele Fans würden kommen? Eine Siegestrophäe musste her und ein absolut unparteiischer Schiedsrichter, der von allen respektiert würde. Und…, und…., und….!
Ich hatte bis zum Silvestertag Zeit. Während der arktischen Polarnacht würde das Nordlicht für die Beleuchtung in der „Halle des Bergkönigs“ sorgen. Platz für mehrere hunderttausend Zuschauer war in der Halle, und sie würden in den Höhlen, Grotten und unterirdischen Seen der „Lyngsalpen“ untergebracht werden können. Kein Problem. Die Qualifikation und die Einladung zum WM-Turnier übernahm der Verband. Ein alter Same mit schamanischen Vorfahren, mit dem der Engel Ari-Pekka Kontakt aufnehmen konnten, schnitze uns die Siegestrophäe aus Kiefernholz. Sie hatte die Form eines Rentiers, das gerade einen Fallrückzieher à la Klaus Fischer vollführte. Als Schiedsrichter stellte sich Jesus von Nazareth, der Sohn des mehr oder weniger allmächtigen Schöpfers, zur Verfügung. Er sorgte auch für die Verpflegung. Ja! Es wurde zwar etwas mehr Brot und Fisch gebraucht, als bei der Speisung der 5000 (vgl. Mk 6,30-44), aber das war für Jesus kein Problem. Michael Endes Glücksdrache Fuchur aus der unendlichen Geschichte hat die Fische dann gegrillt und das Brot geröstet. So entstanden die leckersten Fischbrötchen der Welt. Alle mochten sie und Fuchur sollte einige Monate später die „goldene Grillzange“ der Prophetengewerkschaft verliehen bekommen. Ja, und je mehr Gäste sich in meiner Halle und der Umgebung einfanden, desto mehr helfende Hände hatte ich. Es war eine fröhliche, ausgelassene und erwartungsvolle Stimmung. Und bis zum Anstoß hieß häufig: „Rålw hier, Rålw da!“ Und auch: „Lass mal gut sein Rålw, wir machen das schon!“
Schade, dass die Menschen nichts davon mitbekamen, denn wir Zwischenwesen sind ja für die meisten Menschen unsichtbar. Nur einige Menschen haben die Fähigkeit zur Kontaktaufnahme. Schamanen, Heiler, Exorzisten, Heilige, kleine Kinder, Pfarrer, Leute, die Kontakt mit Engeln haben, usw. Und so wollte ihre königliche Hoheit, Prinzessin Märtha Louise von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, die Prinzessin von Norwegen, auch gerne als Schirmherrin des Fußballturniers fungieren. Sie wollte in den hohen Norden kommen und in der Ehrenloge platznehmen. Nur hätte sich die bekannte Engelprinzessin dann einige Wochen in dem kleinen Dorf Hatteng am Fuße des Hutberges aufhalten müssen und das hätte Aufsehen unter den Menschen erweckt. So musste sie sich mit einer Live-Schaltung ins Osloer Schloss zufriedengeben, die das transsilvanische Fernsehen freundlicherweise zur Verfügung stellte.
Ja, und dann war der große Tag da. Alles war bereit. Am 31. Dezember marschierten die Mannschaften feierlich in die „Halle des Bergkönigs“ ein. Als erstes Team kamen die Wasserwesen. Zu den Klängen von Friedrich Georg Handels Wasserwerksmusik plätscherten Meerjungfrauen, Nöcke, Nymphen, ein Wassermann, Nixen und der Klabautermann Jan-Fiete als Mannschaftskapitän und Fahnenträger ein. Ihre Fahne war die blaue Fahne mit dem Freischwimmerabzeichen. Dann kamen die himmlischen Geistwesen. Hier hatten sich die Wittenberger Engelchen in der Vorqualifikation gegen die Propheten aus Israel, die Heiligen aus Rußland, Schwärmer aus Münster, und die himmlischen Cherubim und Seraphim durchgesetzt. Die Wittenberger Engelchen mit ihrem gefürchteten Mittelstürmer Michael von Mühlhausen zu Salzwedel und Stendal an der Spitze – sie wissen schon, der mit den wenigen Haaren auf dem Haupt, dem Musketierbärtchen und dem Ohrring – sangen mit tiefer Inbrunst „Ein feste Burg ist unser Gott!“. Und dazu schwenkten sie stolz ihre Fahne mit der Lutherrose. Jeder durfte mal wedeln, denn schließlich vertraten sie alle ja „das allgemeine Priestertum der Gläubigen“. Ein sympathischer Auftritt und mannschaftliche geschlossen, wie seit 1530 nicht mehr. Das genaue Gegenteil kam nach ihnen. Als Dritte, kamen nämlich die höllischen Geistwesen. Hier hatten sich in der Vorqualifikation die römischen Teufelchen gegen die Dämonen der deutschen Vergangenheit durchgesetzt. Der Lärm, der sie begleitete, war eine Mischung aus Teufelsgeigen- und Rattenfänger-von-Hameln-Musik. Zu den Hörnerträgern mit den Flügelchen und dem Schwanz kamen dann auch noch ein paar Schreckgespenster, Dämonen und Vampire. Der „Führer“ der römischen Teufelchen war der braune Rechtsaußen Alexander Radauland. Er sah aus wie Mister Burns von den Simpson, nur mit Hörnern. Als ihm eine weiße Möwe auf die Stirn kackte bekam er einen solchen Wutausbruch, dass er sofort einen Antrag beim obersten Gerichtshof für Elementarwesen, Geister und Wolpertinger stellte. Man möge doch diesen weißen Asyltouristen der Lüfte während der großen Turniere das Scheißen verbieten. Das Gericht antwortete 8 Wochen später: Wir sind für Tiere nicht zuständig! Und da beim Eintreffen dieses gebührenpflichtigen Bescheids das WM-Turnier zu Ende sein dürfte, werden wir uns deshalb weiterhin mit wichtigeren Dingen befassen.
Tja, das hatte ich mir gleich gedacht! Da konnte ich dem rechten Vollpfosten nur sagen: „PP! Persönliches Pech! Man sollte lieber über die Dinge schweigen, von denen man keine Ahnung hat!“ Eine Fahne hatten die vaterlandslosen, höllischen Schreihälse übrigens nicht. Da Radauland immer nur rumnörgelte und kein Programm und kein Banner hatte, um das sich die höllischen Spießgesellen hätten sammeln können, gab es eben auch keine Flagge und keine ordentliche Nationalhymne. Selbst schuld! Peinlicher Auftritt.
In der Dunstfahne des höllischen Schwefelrauches kamen dann die Zauberwesen mit Bibi Blocksberg an der Spitze. Zu ihrem Harz-Kollektiv aus Sachsen-Anhalt gehörten noch Feen, Magier, ein Dschinn und der Berggeist Rübezahl aus dem Riesengebirge. Sie schwenkten die Fahne Neuseelands und führten einen angsteinflößenden Haka-Kriegstanz auf. Sie schrien: „Kia ora tatou! Kia ora tatou!“ Dabei klatschten sie sich markerschütternd auf die Oberarme und die Unterschenkel. Zum Schluss streckten sie dann die Zunge raus. Ich hatte mir fast vor Angst in die Hose gemacht, aber die bekannte Brockenhexe Wallpurga Schneekönigin flüsterte mir ins Ohr: „‘Kia ora tatou!‘ heißt ‚Hallo ihr alle!‘ und das Zungerausstrecken ist bei den Maori eine Form der Begrüßung ist. Ich atmete erleichtert auf. Na dann!
Die fünfte Mannschaft, und ich gestehe, dass sie am meisten überraschten, waren die isländischen Elfen. Sie führten zur Musik der nordischen Harfe einen Balletttanz auf. Es war „Elfensee“ von der bekannten Komponistin Ronja Tschaikowskisdottir. Alle Zuschauer waren zu Tränen gerührt. Welche Anmut! Welche Grazie! Seit diesem Tag bin ich ein kleiner Islandfan. Kaum, dass wir uns die Tränen aus den Augen gewischt hatten, kamen auch schon die bayrischen Wolpertinger. Was die eigentlich wollten hat keiner so richtig verstanden, denn sie sprachen nur in ihrem barbarischen, bayrischen Dialekt. Lediglich einige Huskies, die Werwölfe und die Rentiere vom Schlitten des Weihnachtsmanns verstanden ein paar Worte. Die bayrische Flagge wurde lieber verdeckt gehalten. Einige linksextreme Quälgeister hatten nämlich gedroht mit faulen Eiern zu werfen, obwohl, die Wolpertinger doch überhaupt nichts für die Politik Bayerns konnten. Den Einzug der Nationen beendeten die Erdwesen. Die Mannschaft bestand aus Trollen, Gnomen, einem schwarzgelben Gartenzwerg, Einhörnern, Walküren, dem Trainer Leideros Zasterwegolos, einem zypriotischen Zentauren, einigen Heinzelmännchen und dem chronisch betrunkenen Kobold Murphy Flascheleer O‘Gluckivan. Sie schwenkten die irische Fahne und grölten das Lied vom letzten Einhorn.
Und dann war der große Augenblick gekommen. Als Letzte betraten der Engel Ari-Pekka, mit dem offiziellen WM-Ball des Turniers, der Fußballobermotz der Elementarwesen, Geister und Wolpertinger, Quasselstrippus Gibmichdiekirsche, der kein Wort sagte, und ich die „Halle des Bergkönigs“. Ari-Pekka hatte es so arrangiert, dass ein regenbogenfarbenes Nordlicht die Decke der Halle beleuchtete. Ein Spot wurde auf die Siegestrophäe gerichtet, die ich hineintragen durfte. Unglaublicher Jubel. Ja, das war eine Trophäe, für die es sich lohnte zu kämpfen. Gemeinsam sang man dann noch die Nationalhymne des Gastgeberlandes „Nordkalotten“. Es ist der Choral „Herre Gud, ditt dyre navn og ære“ des Norwegers Peter Daas. Wir drehten uns zum Fahnenmast um uns sangen:
Herre Gud, ditt dyre navn og ære / over verden høyt i akt skal være, / og alle sjele, / det trette træle, / alt som har mæle, / de skal fortelle din ære.
Die Übersetzung wurde in allen Sprachen mit einer Laserkugel an die Wand der Halle der Bergkönigs geworfen.    
Herre Gott, dein teurer Name und Ehre / soll auf der Welt hochgeachtet werden, / und alle Seelen, / die müden Sklaven, / alles, was Stimme hat, / soll deine Ehre erzählen.
Eine Meisterleistung des transsilvanischen Fernsehens.
An der Bergkristallorgel meiner Halle wurde dieses schöne Kirchenlied von dem bekannten Gnomorganisten Johannes Sebastianus Bächlein aus Stendal begleitet. Er war es auch, der nach dem letzten Ton von der Orgelbank fiel und rief: „Die Trophäe ist weg!“ Wir drehten uns überrascht um. Nach einer dreiviertel Sekunde des Schocks brach ein Sturm der Entrüstung los. Was tun? Hier war ich als Veranstalter gefragt. Und so sagte ich bestimmt: „Ruhe meine Freunde, Ruhe! Ich, Rålw, der Generalsekretär des Organisationskomitees und Veranstalter dieses Turniers, werde sofort eine Untersuchung einleiten, um die Trophäe wieder zu beschaffen. Wer meldet sich freiwillig für die Suche? Und falls wir sie nicht wiederkriegen, werde ich eine Nachbildung anfertigen lassen und ansonsten bin ich dafür, dass wir jetzt mit dem Eröffnungsspiel der WM fortfahren.“ „Ja, hier!“ riefen da einige Heinzelmännchen aus Mainz. Sie wollten innerhalb der nächsten Tage eine Nachbildung der Trophäe aus Granit fertigen. Und für die Nachforschungen stellte sich die Weihnachtsmannfraktion zur Verfügung. Väterchen Frost, Santa Claus, St. Nikolaus, der Weihnachtsmann und Joulupukki mit seinen Weihnachtswichteln nahmen ihre Nachforschungen sofort nach dem Eröffnungsspiel auf.
Das Eröffnungsspiel verloren übrigens die isländischen Elfen mit 0:2 gegen die Erdgeister. Die Elfen versuchten immer wieder die Abwehrkette um den umsichtigen schwarzgelben Gartenzwerg Wolfgang O‘Schräuble auszutanzen, aber die Räume waren zu eng. Und da es während des Turniers verboten war die magischen Kräfte zu benutzen, kam es wirklich nur auf Kraft, Ausdauer, Geschick und Teamgeist an. Leider mangelte es bei meinen Island-Elfen an Kraft. Das Spiel war für sie so schwer, als ob sie bergauf auf einem Spielfeld am Hang spielen mussten. Und gegen den Mittelstürmertroll der Erdgeister, Jürgen Sparnochmehrwasser aus Magdeburg, war kein Kraut gewachsen, will sagen, wo er hintrat wuchs kein Islandmoos mehr. Beide Mannschaften hielten sich auch gewissenhaft an den zweiten Grundsatz des Turniers, nämlich das Fairplay. So reichte man sich nach dem Schlusspfiff die Hände zum fairen Shakehands und verschwand in den Umkleidekavernen um im eiskalten Gletscherwasser zu duschen.
In den kommenden Tagen spielten alle 7 Teams gegeneinander. Die isländischen Elfen verloren leider 4 weitere Spiele zu null. Im fünften Spiel gegen die römischen Teufelchen erzielten sie ihr erstes Tor und verloren trotzdem 1:2. Im letzten Spiel gegen die schon für das Finale qualifizierten Wittenberger Engelchen gab es sogar den ersten Sieg. Das ganze Spiel hindurch drückten die Elfen kräftig auf die Tube und nagelten den Ball 3 mal ans Lattenkreuz, ehe es dann hinter dem Wittenberger Schlussmann Jens von Königsmark klingelte. Die Mannschaftskapitänin der Elfen, Jana Stefansdottir, hatte aus 35 Metern einfach mal abgezogen und so den Keeper der Jahresendflügelträger überrascht. Die isländischen Elfen freuten sich wie die Schneekönige, pardon, wie die Schneeköniginnen und feierten ihren ersten Sieg wie die Wikinger mit Bier, Spießbraten, Tanz und Musik.
Für das Finale qualifizierten sich, wie gesagt, die Wittenberger Engelchen und die Zauberwesen. Und alle freuten sich auf das Endspiel am 3. Sonntag nach Epiphanias. Bis dahin waren es noch 2 Tage. Bis dahin musste aber die Siegestrophäe wieder her. Die Heinzelmännchen waren mit ihrer Nachbildung fast fertig. Die Weihnachtsmannfraktion tappte aber immer noch im Dunkeln. Ein Zeuge hatte ein weglaufendes Wesen mit Flügeln gesehen, und im Schnee fanden sich auch einige unleserliche Spuren, die nach Norden ins Nachbardorf Skibotn führten, aber ansonsten: keine Verdächtigen, keine Indizien und keine weiteren Spuren. Schließlich war es die Prophetin Hanna, die die Gebetshäuser der Welt in- und auswendig kannte, die den rettenden Hinweis gab. Da alle Verstecke der Umgegend zu Wasser, zu Lande und in der Luft abgesucht worden waren, konnte die Siegestrophäe nur an einem Ort sein, der den Elementarwesen, Geistern und Wolpertingern verwehrt war. Also das Gebetshaus in Skibotn. Ein Engelchen, Camillo von Genf, wusste auch von strengem Kieferngeruch bei der letzten Gottesdienstversammlung zu berichten. Ja, ein strenggläubiger Prädikant, genannt ‚das Maschinengewehr Gottes‘, hatte die armen Menschen Skibotns mit so markerschütternden Worten von Hölle, Teufel und Sünde erschreckt, dass man zwischen den Kirchenbänken sogar den Schwefelrauch der Hölle hatte aufsteigen sehen und riechen können. Nach der Versammlung schlichen die reuigen Sünder kleinlaut und ganz verängstigt heim. Hier lohnten sich Nachforschungen. Da aber der heilige Ort für alle außer den Engeln und Propheten tabu war, musste ein Engel im Skibotner Gebetshaus suchen. Camillo wollte das tun. Vor der Hintertür fand er eine vollkommen verweinte Dämonin. Es war Alice Weichei, die mit der großen Klappe und nichts dahinter, die da zusammengesunken, frierend und ganz kleinlaut vor sich hin wimmerte. Als Camillo auftauchte legte sie sofort ein umfangreiches Geständnis ab. Sie habe die Siegestrophäe nur mal anfassen wollen, und da sei sie ihr aus der Hand gefallen und zerbrochen. Sie habe die beiden Teile dann während des Singens der Nationalhymne des Gastgeberlandes Nordkalotten unter ihren Kaftan genommen und sie versteckt. Und in dem Moment als der höllische Schwefelrauch zwischen den Bänken aufstieg habe sie dann die beiden Teile der Siegestrophäe im Altar des Gebetshauses versteckt. Aber nun sei der Rauch abgezogen und sie käme nicht mehr hinein, um die beiden Teile der Siegestrophäe wieder zurückzugeben und alles zu gestehen. Der Engel Camillo sprach ihr unter Handauflegung die Vergebung der Sünden zu und schmunzelte innerlich. „Ein höllisches Wesen, das bereut! Da soll noch jemand sagen, dass das Fegefeuer abgeschafft wäre.“ Mit den beiden Teilen der Trophäe kam Camillo schließlich wieder zurück in die „Halle des Bergkönigs“. Jesus von Nazareth nahm die Überbleibsel und die steinerne Nachbildung der Heinzelmännchen aus Mainz gleich mit in die Schiedsrichterkabine und brachte die Sache durch ein kleines Wunder in Ordnung. Dies Wunder sollte aber eine Überraschung für alle sein.
Dann konnte das denkwürdige Finale zwischen den Zauberwesen und den Wittenberger Engelchen beginnen. Gleich nach dem Anpfiff war Schluss mit lustig und alle kämpften mit offenem Visier. Die Fans aus aller Welt und die Hooligans der Teufelchen und Wolpertinger, berauscht durch alkohöllischen und exorbitanten Fusel, verwandelten die „Halle des Bergkönigs“ in einen Hexenkessel. Es ging rauf und runter. Bibi Blocksberg schaffte es zweimal die Abwehr der Wittenberger aus zu tanzen und das runde Leder in den Maschen des Tores zu versenken. Die Abwehrspieler der Wittenberger Engelchen, „Schu und Schu“ aus der Region Bismark und das Ehepaar Janus von der Sandaue fühlten sich, als ob man ihnen einen Knoten in die Beine getanzt hätte. Aber Zauberei war ebenso verboten wie Fußballgebete und taktische Fouls. Leider schwächelten die Zauberwesen auch in der Abwehr. Die Feen-Viererkette zerbröselte zweimal. Angespielt von der überragenden Wittenberger Mittelfeldregisseurin Friederike, einer Leihgabe von Arminia Fürchtegott Bielefeld, gelang Engel Michael von Mühlhausen zu Salzwedel und Stendal, sie wissen schon, der mit den wenigen Haaren auf dem Haupt, dem Musketierbärtchen und dem Ohrring, zweimal der Ausgleich. Nach 45 gespielten Minuten liefen alle auf Reservetank. Ende im Gelände. Nichts ging mehr. Nach der Pause kamen Bibi Blocksberg und Engel Michael auf das Spielfeld zu Schiedsrichter Jesus und sagten gleichzeitig: „Wir sind mit den Kräften am Ende und geben auf!“ Dann guckten beide ziemlich verdutzt, lachten und reichten sich die Hände. Schiedsrichter Jesus lächelte und sagte zu den beiden Verdutzten: „Ich habe schon damit gerechnet. Kommt mal mit in die Schiedsrichterkabine!“ Nach 5 Minuten kamen Jesus, Bibi und Michael wieder aus der Kabine. Jesus hatte die steinerne Trophäe der Heinzelmännchen aus Mainz ebenfalls zerteilt und sie dann jeweils mit den Teilen der hölzernen Trophäe verschmolzen, sodass die Zauberwesen und die Wittenberger Engelchen jeweils mit einer steinern-hölzernen Siegestrophäe nach Hause ziehen konnten. Wozu braucht man einen Sieger, wenn es beim Fairplay keine Verlierer geben sollte.
Die Zuschauer sahen zwar zuerst etwas bedröppelt aus, als sie merkten, dass das Spiel zu Ende war. Aber als es dann bei der Siegesfeier für alle Möltebeertorte und Kaffee gab, kam es zu Fanverbrüderungen und -verschwesterungen auf den Tribünen und auf dem Spielfeld.
Die Fairplaytrophäe in Form eines Schmetterlings ging an die Isländischen Elfen. Ihr könnt euch sicher denken, dass ich darüber sehr, sehr glücklich war. Die teilnehmenden Mannschaften der Fußball-WM der Elementarwesen, Geister und Wolpertinger und ihr Obermotz Quasselstrippus Gibmichdiekirsche ernannten mich zum Dank vor ihrer Abreise noch zum weltweiten Ehrenspielführer und Ehrengast. In den kommenden Jahren werde ich Rålw, der Trelf aus dem Hutberg, in der ganzen Welt herumreisen als Botschafter des guten Willens und Freund des Fußballs. Meine Einsamkeit ist für immer vorbei. Freunde, ich komme!
P.S.: Und kein normaler Mensch hat das große Spektakel in der Halle des Bergkönigs mitbekommen.
Auf Wiedersehen, und gute Nacht!

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