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geschrieben von Dan Prescot (Dan Prescot).
Veröffentlicht: 30.08.2019. Rubrik: Märchenhaftes


Die Schwestern Teil 1

Es waren einmal zwei Schwestern. Die eine hieß Stella und hatte helle Haare. Ihre Fröhlichkeit war so ansteckend, dass alles um sie herum vor Glück und Freude springen wollte. Sie hatte die Gabe die Insekten zu rufen. Diese Wesen liebten sie und folgten ihr in allem was sie ihnen auftrug.
Die zweite Schwester hieß Luna. Ihr Haar war dunkel und sie war so still und geheimnisvoll, dass alles um sie herum in Ruhe und Frieden sank. Ihr war die Gabe zu eigen, die Vögel zu rufen. Diese Tiere waren ihre Freunde und maßen ihren Worten große Achtung bei.
Beide Schwestern lebten in einem Haus in einer Lichtung eines alten Waldes. Oft streiften sie lange durch den Wald und alles Getier begegnete ihnen mit Zutrauen, da sie nie ein böses Wort oder eine zweifelhafte Tat begingen.
Eines Tages nun, hörte der König des Landes von den beiden Schwestern und ihre Gabe die Tiere zu rufen. So begab es sich denn, dass er sie zu sich in das Schloss rufen ließ, damit er sich mit eigenen Augen davon überzeugen konnte, was seine Untertanen ihm zugetragen hatten über die ungewöhnlichen Schwestern Stella und Luna. Zu der Zeit waren die Könige noch für ihr Volk verantwortlich und sorgten sich um dessen Wohlergehen. So machten sich die beiden Schwestern also auf und verließen ihren Wald. Sie gingen durch die Dörfer und Städte des Landes und überquerten den großen Fluss Numquam. Nach vielen beschwerlichen Tagen betraten sie dann das prunkvolle Schloss ihres Königs. Der König und sein Hofstaat empfingen die beiden Schwestern in einem großen Saal. Überrascht von der herzlichen Fröhlichkeit Stellas und dem tiefen Frieden Lunas, lud er sie zu einem großen Bankett ein, zudem sie als Höhepunkt ihre Gaben dem König darbieten sollten. Der gesamte Hofstaat sollte zugegen sein und Zeuge ihrer Darbietungen werden. Der König versprach für die Unversehrtheit seiner Gäste Sorge zu tragen, nachdem er den Argwohn der Schwestern bemerkte. Als dann der Abend nahte und sich der riesige Saal füllte wurden Stella und Luna von dem Zeremonienmeisten aus ihrem Quartier zu dem Fest geführt. Bald darauf erhob der König seinen Arm, der Hofstaat verstummte und wandte sich ihm zu:
„Alle Welt erzählt sich von den wundersamen Gaben, die den beiden Schwestern Stella und Luna zu eigen sind! Da ich der König über alles Lebende und Leblose in diesem Land bin, befinde ich, dass ihr nun jeweils eine Probe eures Könnens darbringt, um das Wohlwollen eures Königs zu gewinnen.“
Ein Raunen brauste durch den Hofstaat. Als dieser nicht verstummen wollte, hob der König erneut den Arm und nickte den Geschwistern zu:
„Nun, wer von euch ist gewillt zu beginnen? Stella? Luna? Oder soll das Los entscheiden?“
Eine der beiden Schwestern, Stella, trat einen Schritt vor:
„Mächtiger und weiser König, wenn ihr es erlaubt werde ich beginnen?“
Der König lächelte und nickte dem Mädchen zu:
„So sei es denn, beginne!“
Stella schloss die Augen und alles im Saal verstummte. Der ganze Hofstaat hielt den Atem an und lauschte dem Schauspiel das sich ihm bot. Leise wisperte Stella eine Weise, deren Melodie so fröhlich und unbestimmt war, wie der Tanz eines bunten, übermütigen Schmetterlings. Die Melodie wogte mal hierhin und mal dorthin. Mal hoch, mal tief. Doch nie lauter als ein Wispern, so zerbrechlich wie der Flügel einer Elfe. Alle ließen sich von der Melodie gefangen nehmen und ein Glück und eine Freude schwangen in ihren Herzen. Dann verstummte Stella. Das leise Wispern wehte mit einem Windhauch davon. Durch ein offenes Fenster flatterte ein blauer Schmetterling herein, der so groß war, wie die beiden Hände eines ausgewachsenen Mannes. Seine Farbe war so unbeschreiblich leuchtend und schön, dass diese aus sich heraus leuchtete. Jeder im Hofstaat reckte seinen Hals, um einen Blick auf das schillernde, leuchtende Geschöpf zu erhaschen. Der Schmetterling aber flog in einer Runde an dem König vorbei, um sich dann auf der Schulter von Stella nieder zu lassen. Stella lächelte und mit einem Knicks sprach sie zum König:
„Zu eurer kurzweiligen Erbauung, eure Majestät.“
Der König bemerkte, dass sein Mund vom Staunen offen stand und räusperte sich verlegen.
„Erstaunlich, wirklich ganz erstaunlich! Nun du, Luna!“
Luna knickste vor dem König und nickte. Dann schloss auch sie die Augen. Schrill erhob sich ein Pfiff über den Hofstaat und viele blinzelten überrascht. Danach begann sie ein Trällern, das man glauben konnte, einen Vogel in seinem Lied zu hören. Wenn man die Augen schloss und der Melodie lauschte, sah man einen Wald, über dem sich die Abenddämmerung senkte. Das Lied schloss mit dem letzten weichenden Licht. Durch dasselbe offene Fenster flog ein Geschöpf herein, das nur aus dem Paradies kommen konnte. Sein buntes Gefieder das in allen Farben strahlte endete in den Schwanzfedern die ihm wie eine Schleppe nachfolgten. Auch er flog an dem König vorbei und ließ sich auf der Schulter von Luna nieder. Als der Vogel sich gesetzt hatte erhob sich sein Gesang über die Menge. Alle lauschten dem Lied, welches einem Ruhe und Frieden schenkte. Als der Vogel sein Gesang beendete, lächelte Luna, senkte den Blick und mit einem Knicks sprach sie zu dem König:
„Zu eurer kurzweiligen Zerstreuung, Majestät.“
Alle Blicke ruhten auf dem König. Dieser wurde sich der Aufmerksamkeit bewusst und richtete sich in seinem Sessel aufrecht hin.
„Ganz erstaunlich, wunderbar! Nie sah ich anmutigere Tiere, nie solche Schönheit! Ich befinde, dass sie in diesem Palast bleiben sollen!“
Stella furchte ihre Stirn und sprach:
„Herr, ihr gabt euer Wort, dass unseren Freunden nichts geschehen sollte.“
„Du sprichst wahr Stella, doch diese Tiere sind von solch erlesener Schönheit. Ich will sie behüten wie einen Schatz, jegliche Gefahr von ihnen abwenden, an nichts soll es ihnen mangeln. Doch sie müssen hier bleiben.“
„Herr, es sind freie Wesen. Geboren in Freiheit und ein Käfig würde ihnen den Tod bringen.“
„Dann wird ihre Voliere eben den ganzen königlichen Garten umfassen. Aber sie bleiben hier! Das befindet ihr König!“
„Herr, tut das nicht, ihr gabt euer Wort.“
Wütend schaute der König die beiden Schwestern an.
„Ich gab mein Wort, nichts würde ihnen geschehen. So sei es. Aber sie bleiben! Ihr aber, könnt nun gehen. Ich entlasse euch aus meinen Diensten. Geht, ehe ich meinen Schutz auch von euch nehme!“
„Mein König, es geht nicht!“ Sagte Luna. „Wir können nicht zulassen unseren Freunden, die uns vertrauen ein solch großes Unrecht anzutun. Ihr würdet es bereuen.“
Der König wurde still. Langsam erhob er sich sich und ging mit betont gemessenen und ruhigen Schritten durch die Gästemenge, die rasch zur Seite wichen, auf die beiden Schwestern zu. Einen Schritt vor ihnen blieb er stehen. „Ihr droht mir?“ Fragte er leise. „Ihr droht eurem König? Wachen!“ Schrie er. Die Garde des Königs stürzte durch die Gästemenge, die entsetzt auswich. „In den Kerker mit diesen undankbaren Schwestern!“ Die Wache richtete ihre Waffen auf die Schwestern, verharrte aber unsicher wie sie mit diesen zwei ruhigen und friedvollen Mädchen umgehen sollte. Es ging keinerlei Bedrohung von ihnen und den wundervollen Geschöpfen auf ihren Schultern aus.
„König, tut dies nicht!“ Entgegnete Luna mit traurigen Blick.
„Hinaus mit ihnen! In den Kerker und fangt die Tiere! Ich will die Tiere für meinen Garten!“ Der Bann war gebrochen. Die Wachen fassten die Schwestern an den Armen und fingen die Tiere vorsichtig von den Schultern. Goldene Käfige wurden hereingetragen, die Tiere eingesperrt und die Mädchen in das Verlies unter das Schloss geführt.
Die Tage vergingen. An jeden einzelnen Tag mehrmals erfreute sich der König an den wundervollen Geschöpfen. Bis er bemerkte, das sie weder flogen noch sangen. Zwar hatten sie unglaubliche Volieren, doch kaum das sie sich bewegten. In dem König wuchs das Unbehagen. Weitere Tage vergingen. Nur noch einmal pro Tag besuchte er die Tiere. Jeden Tag wurde die Zeit kürzer, die er bei ihnen verbrachte. Mitnichten spendeten sie die Freude, die sie am Anfang vermittelten. Nachdenklich schritt er an einem Nachmittag, eine volle Woche nach dem Bankett durch seinen großen Schlossgarten. Mit einem Mal erschrak der König ohne zu wissen warum. Er schaute sich um. Niemand störte seine Ruhe. Auch kein Geräusch lenkte ihn ab. Er konnte einfach nicht sagen, was ihn bis ins Mark erschütterte. Es fröstelte ihn. Dann überkam ihn eine große Furcht. Eiligen Schrittes kehrte er zurück zum Schloss. An den Stufen angekommen wurde er langsamer. Seine Ruhe kehrte zurück. Der König drehte sich abermals um, doch seine Furcht war nur noch ein vages Gefühl, das er schnell abschüttelte. Am nächsten Tag ereilte ihn dasselbe Gefühl wie am Vortag. Wieder hastete er zurück zum Schloss. Erneut verschwand seine Furcht auf den Stufen zum Eingang. Er fühlte sich eingesperrt in sein eigenem Schloss. Auch am darauffolgendem Tag das gleiche Phänomen. Kurz vor den Stufen blieb er stehen. Die rettende Zuflucht in greifbare Nähe wusste er plötzlich woher die Furcht kam. Eine unnatürliche Stille lastete auf dem Park. Kein Rascheln oder Knacken, weder Vogelgesang noch brummende Insekten, selbst die Bäume schienen ihn zu meiden. So seltsam es anmutete, er selbst floh vor Büsche und Sträucher weil sie sein Gemüt belasten. Mitleid und Verachtung gingen von ihnen aus. Der Park, seine Zuflucht und sein Herz war nicht mehr Seins, war nie Seins gewesen. Es lastete eine dumpfe Verzweiflung über dem Grün. Die Farbe der Pflanzen war nicht länger frisch und lebendig sondern matt und krankhaft. Nun dämmerte ihm, das die vermeintliche Drohung der Schwestern nur eine Warnung gewesen war. Er hatte etwas auf sich aufmerksam gemacht, über das er keine Macht besaß. Etwas das sich nicht beeindrucken noch beeinflussen ließ. Entsetzt verkroch er sich in seinen Räumen und verließ sie nicht mehr. Die Tage verstrichen. Eine dumpfe Mattigkeit hatte den König ergriffen. Der Hofstaat vermochte nicht für die notwendige Ablenkung zu sorgen. Die Bediensteten und Adligen scheuten die Begegnung mit dem König. Jeden Tag fühlte er sich weiter isoliert und entfremdet. In der zweiten Woche nach dem Bankett war er ein gebrochener Mann. Er stieg die Stufen zum Verlies hinab, um die Schwestern um Hilfe zu bitten. Vor der geöffneten Kerkerzelle entließ er die Wachen und trat in die Zelle.
„Ihr hattet mich gewarnt. In meinem Hochmut und meiner Begierde habe ich euch nicht gehört. Ich war blind. Bitte vergebt mir. Ihr könnt gehen und eure Tiere oder was immer euch beliebt mit euch nehmen. Ich habe verstanden, das nichts von dem ich annahm es wäre mein Eigen, jemals wirklich mir gehörte. Ich fühle mich wie der geringste unter den Menschen, über die ich glaubte zu herrschen.“
Die Schwestern traten zu dem König.
„Herr, in dieser Welt gehörte niemals jemanden etwas. Manchmal wird uns genug Vertrauen entgegengebracht, um die Illusion von Macht zu erzeugen. Verantwortung und Besitz sind eine Bürde, die den Starken und Wahrhaftigen eigen sind. Der Geringste in eurem Reich ist der Freieste.“
Der König schwieg. Die beiden Mädchen, die er zu seiner Unterhaltung in sein Schloss beordert hatte, nahmen ihn ohne Gewalt oder Waffe sein Reich und seine Macht. Nun verstand er das Ausmaß ihrer Güte und Großmutes. Schweigend trat er aus der Zelle. Bedächtig ging er zurück in seine Gemächer. Erschöpft fiel der König in sein Bett und schlief tief und traumlos die ganze Nacht hindurch. Am nächsten Morgen als der König erwachte, bemerkte er eine Veränderung. Nicht sofort eher wie ein vages Gefühl, eine Ahnung. Die Sonne fiel durch die Fenster in sein Schlafgemach, in das er gestern erschöpft und in seiner vollen Bekleidung gesunken war. Er nahm den Geruch von Erde und frischen Gras war. Dann wurde er gewahr, dass die Geräusche zurückgekehrt waren. Eilig ging er von seiner Schlafstatt durch den Palast in den Garten. Die Insekten summten durch die Luft, die Vögel sangen in den Bäumen und die Pflanzen erstrahlten in dem intensivsten grün. Das Herz des Königs füllte sich mit Freude und eine tiefe Zufriedenheit erfasste ihn. Dann sah er wie Stella und Luna zu ihm kamen.
„Ich danke euch für meine Rettung.“
„Herr, gerettet habt ihr euch selber.“
„Eure Macht übersteigt die der weltlichen Könige bei weitem.“
„Macht obliegt uns nicht. Einzig Wahrheit und Gerechtigkeit sind unsere Mittel. Nichts kann bestehen in Unrecht, ohne Gleichgewicht.“
„Ich verspreche, fortan gerecht und wahrhaftig zu leben. Mein Königreich ist vergangen die Menschen fort. Nichts bindet mich noch.“
„Dann Herr, habt ihr alles gewonnen. Die Menschen werden zurückkehren. Eure Einsicht und Gerechtigkeit wird euer Reich größer und reicher erstehen lassen als es jemals war. Einmal im Jahr werdet ihr Besuch von unseren Freunden erhalten, zum Gedenken an den heutigen Tag.“
„So soll es sein. Darf ich auch in Zukunft auf euren Rat hoffen?“
„Wir kehren zurück in unseren Wald. Doch unsere Wege werden sich wieder kreuzen. In Freundschaft.“

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