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geschrieben 2015 von OmaKunterbunt (OmaKunterbunt).
Veröffentlicht: 05.03.2016. Rubrik: Persönliches


Gesichter

Meine Hände greifen nach dem blauen Polster in der Straßenbahn. Es fühlt sich abgenutzt an, als hätten es alle Hände der Welt berührt. Ich setze mich hin. Die Bahn ist leer. Ich blicke aus dem Fenster, sehe Kinder auf Fahrrädern, den Schuster, die Frau aus der Apotheke und etliche Fußgänger beschäftigt an mir vorbei ziehen. Zwei Haltestellen später betreten ein Mann und eine Frau die Straßenbahn, sie setzen sich mir schräg gegenüber. Leise unterhalten sie sich, dann schaut er in die Gesichter, die mit uns abwesend in der Bahn sitzen, sie schaut aus dem Fenster. Kurze Momente später legt sie sich langsam und schwer die Hand vor die Augen, sie wirkt ganz ruhig. Ich sehe sie an. Bemerke, dass ihre Unterlippe leicht zittert. Sie weint. Kurz darauf sehe ich eine leise Träne im Sonnenlicht schimmern. Sie ist ganz ruhig. Greift still nach einem Taschentuch in ihrer Tasche, wischt die Träne weg. Sie hebt den Kopf und sieht wieder konzentriert aus dem Fenster. Eine Minute lang ist sie beherrscht, ihr Blick wie ein Tunnel, ab und an erhascht sie ihr Spiegelbild in der Scheibe, um ihren Mund zuckt es wieder. Die Straßenbahn hält an, ein paar Leute steigen ein, ein paar Leute steigen aus. Niemand bemerkt sie. Niemand bemerkt mich. Leise rollt eine weitere Träne aus ihrem Auge, sie wischt sie nicht weg. Sie weiß, es kommen noch mehr. Still sitzt sie auf ihrem Platz, die Hände auf dem Schoß, die Augen geschlossen. Beinahe unbemerkt kullern weitere Tränen über ihre Wangen. Sie versucht sich zu kontrollieren, ruhig zu atmen und zupft ihr Kopftuch zurecht. Immer wieder schafft sie es, kurz aufzuhören, still da zu sitzen und aus dem Fenster zu sehen. Als ich die nächste Träne auf den bereits getrockneten Wangen glitzern sehe, schließe ich die Augen und stelle mir vor, wie ich aufstehe. Ich setze mich neben sie, schaue sie kurz an und lege meine Hand auf ihre. Sie ist warm und ein bisschen feucht. Ich lasse meine Hand liegen und schließe die Augen. Wir kennen uns nicht und wir werden uns nicht kennenlernen. Ich frage sie nicht nach ihrem Namen, ich frage nicht, warum sie traurig ist. Ich sitze nur still neben ihr. Kann ihr nichts nehmen um sie zu erleichtern, kann ihr nichts geben, um es zu erleichtern. Die Bahn rüttelt, kein Mensch sieht uns an. Niemand bemerkt etwas. Ich bleibe sitzen, spüre ihre Hand und ihren schweren, fast unhörbaren Atem. Sie ist stark. Plötzlich klingelt die Straßenbahn: „Nächster Halt: Hauptbahnhof“. Meine Augen gehen auf, sie sitzt immer noch am selben Platz, der Blick nach draußen, die Augen glasig. Das nasse Taschentuch mit beiden Händen umfasst. Ich kann meine Hand in ihrer Nähe nicht finden. War ich gar nicht aufgestanden?

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