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1xhab ich gern gelesen
geschrieben 2018 von Carl-Paul Hénry (Carl-Paul Hénry).
Veröffentlicht: 08.03.2018. Rubrik: Nachdenkliches


Reden ist SILBER - Schweigen ist ROST

Im deutschen Sprachgebrauch kennen wir eine Unzahl von Redensarten und geflügelten Worten, die wir allerdings manchmal auf ihre Richtigkeit und Stimmigkeit überprüfen sollten. Als ich heute Morgen mit meinem alten „Vorwerk“ von 1994 durch die Wohnung düste, dachte ich bei mir: Der macht wirklich einen ‚Höllenlärm’. Aber halt. Stimmt das eigentlich? Herrscht in der „Hölle“ wirklich Lärm?

Nehmen wir einmal an, es gäbe die theologische Hölle (Judentum, Christentum, Islam) wirklich – auf dieser Erde gibt es sie auf jeden Fall, wie wir sehen werden -, geht es da wirklich laut zu? Nun gut, ich war nicht dort, und ich kenne auch niemanden, der von dort zurück- gekommen ist, um mir zu berichten, wie es da zugeht. Aber die Hölle ist eigentlich dort, wo Totenstille herrscht, weil niemand mit dem anderen redet. Zum einen, weil er es gar nicht will und zum anderen, weil es darüber hinaus von zweithöchster Stelle auch untersagt ist. Irdischer Egoismus, weltliche Egozentrik und hybride Egomanie finden in der Hölle ihre ewige Fortsetzung.

Apropos. Das Wort „ewig“ hat in der alttestamentlichen biblischen Sprache (Hebräisch) keine quantitative Bedeutung im Sinne von „endlos“, sondern die der Qualität im Sinne von Wirkungsstärke, gleich Intensität. Da kommt mir die Redensart vom „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ in Erinnerung. Auch das stimmt leider oft nicht. Schweigen kann tödlich sein, ist also weder Silber noch Gold, sondern eher Rost = Tod. Den anderen ignorieren, ihn nicht ansprechen und ihm auch nicht antworten, das ist die Hölle auf Erden. Vor allem dann, wenn dieses Todes-Schweigen von einer ganzen Gruppe (Schulklasse, Firma, Nachbarschaft, Kirchengemeinde) einem einzelnen gegenüber praktiziert wird. Modern ausgedrückt sprechen wir hier vom psychischen Mobbing, das sogar im Deutschen Recht unter Strafe steht, wenn man es denn nachweisen kann.

Auch wenn dieser Begriff ausgelutscht ist: Der homo sapiens ist und bleibt ein soziales Wesen, das auf Kommunikation (lateinisch. = communicare = teilhaben lassen) als seelische Nahrung angewiesen ist, da es sonst sowohl psychisch und somatisch (physisch) stirbt. Nachgewiesen hat das einst Friedrich II. von Preußen. Bei seinem Experiment in einem Hospital wollte er feststellen, welche Sprache Kinder entwickeln, wenn sie ohne Ansprache und Zuneigung aufwachsen. Das Ergebnis seines Experiments war allerdings niederschmetternd: Alle Kinder starben auf Grund fehlender sensorischer Stimulation. Er schrieb dazu: »Sie vermochten nicht zu leben ohne das Händepatschen und das fröhliche Gesichterschneiden und die Koseworte ihrer Ammen.«

Aber bereits um das Jahr 500 v. Chr. gab es ein ähnliches Experiment. Der ägyptische König Psammetich I. setzte zwei neugeborene Kinder bei einem Ziegenhirten in der Wildnis aus, um die menschliche Ursprache zu erforschen. Der Ziegenhirte durfte mit den Kindern natürlich kein Wort reden. Ihre einzigen »Ansprechpartner« waren aber immerhin die Ziegen. Nach zwei Jahren war das einzige Wort, das die Kinder sprachen »bek bek« - eine Nachahmung des Meckerns der Ziegen.

Die Toten der Hölle werden also mit Stille gestraft, die wiederum zum Tod der Toten führt. Demnach liegt John Ronald Reuel Tolkien gar nicht so falsch, wenn er in der „Herr der Ringe“ – Trilogie vom Schattenheer der Untoten spricht, die von Isidur verflucht worden waren. Das wiederum deckt sich mit dem altgriechischen Denken der Aufklärung (und Neues Testament), wo der Begriff „ewig“ mehr die Bedeutung der Quantität (hier „endlos“) hat. Es gibt kein Entkommen. Das sollte uns zu denken geben --- solange wir noch denken können.

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