Kurzgeschichten-Stories
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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 1988 von Jens (Jens Richter).
Veröffentlicht: 20.08.2023. Rubrik: Abenteuerliches


Abenteuer bei den Menschen unter Allahs Sonne

Der Aufstand der Herero

"Die Nomadenvölker sind ja doch allesamt gleich", wehrte der Seemann verächtlich ab.
"Sie haben keine Kultur und schlagen sich oftmals gegenseitig tot."
"Du machst dir von den andersfarbigen Völkern ein völlig falsches Bild", belehrte ihn der Landsmann. "Meist sind wir Europäer es doch, die sie zu dem gemacht haben, was du eben kritisiert hast. Ich werde dir mal eine Geschichte erzählen, in der auch Nomaden Ehre im Leib haben und um ihr Recht bitter kämpften. Es war damals im Jahre 1904 in Südafrika. Die deutsche Kolonialarmee hatte das heutige Deutsch-Südwestafrika gerade erobert und bei ihren Feldzügen das große Volk der Bantu aus ihrem Lebensraum heraus in die raue Wüstensteppe Kalahari getrieben. Ihre Feldzüge waren außerdem noch von Landraub und massenweisen
Viehdiebstählen begleitet, so dass den Nomaden dazu noch ihre Nahrungsgrundlage entzogen wurde. Die Beckenlandschaft mit zahlreichen Teilbecken und Inselbergen im Inneren Südafrikas, in der es zum vorwiegenden Teil ausgedehnte Sandflächen mit Steppengräsern gibt. Der kleinere Teil ist Schwemmland mit seinen Salzpfannen und den tückischen Salzsümpfen.
Unbarmherzig prasselte die Sonne auf Hendriks Haupt nieder, der verzweifelt im dürren Gras kauerte und auf das scheußliche Panorama blickte, das sich vor ihm ausbreitete.
Da labten sich widerliche Geier an den Körpern seiner toten Freunde und
Stammesbrüder, die nach erbitterten Kämpfen an Wassermangel und ihren Verletzungen zugrunde gegangen sind.
"Diese elenden deutschen Hunde", schimpfte Hendrik. "Ich schwöre euch, dass auch ihr so verrecken werdet wie meine Freunde ums Leben kamen!"
Aus seinen traurigen Augen wischte der schwarze Jüngling die salzigen Tränen und dachte dabei: "Ich werde mich der Schar von Marenga anschließen und mit den Rebellen gegen die Kolonialisten kämpfen."
Hendrik hatte schon von Marengas Versteck gehört und plante, sich zu ihm auf den Weg zu machen. Anfangs fiel es ihm nicht leicht, von den Toten Abschied zu nehmen, doch die Rache trieb ihn von dem Ort des Sterbens fort. Nach einem zweistündigen Fußmarsch erreichte er eine wellige Fläche mit stark zerklüfteten Felsgruppen. Er spürte die Nähe einer Wasserstelle und der Rauch von geröstetem Fleisch kroch in seine Nase. Er war in Marengas Lager angelangt. Hier wimmelte es von bewaffneten Kriegern. Alles Leute vom Volk der Bantu, zu denen auch der Stamm der Herero, Hendriks Stamm, gehörte. Alle Krieger waren mit erbeuteten deutschen Gewehren bewaffnet, die sie ihren Feinden abgenommen hatten. Hendrik ließ sich von einem Krieger zum Häuptling Marenga führen. Hendrik war äußerst überrascht, dass der Häuptling nicht viel besser als er selbst gekleidet war.
"Ich weiß, dass du zu mir gekommen bist", begann Marenga nachdenklich, "nachdem du dem Tod in die Augen geblickt hast. Stimmt es?"
"Ja", antwortete Hendrik traurig.
"Und da hast du sicher Rache geschworen."
"Jawohl. Ich möchte das Unrecht, das an meinen Freunden begangen wurde den Deutschen heimzahlen."
"Das wollen wir alle. Ich brauche einen Krieger, der gut deutsch versteht, als Spion."
"Ich beherrsche die deutsche Sprache ganz gut, doch zu den Deutschen gehe ich nicht wieder. Mir widerstrebt dein Angebot, Marenga."
"Glaube mir, ich verstehe deine Gefühle. Doch wir haben nur eine Chance zu siegen, wenn jemand in ihr Lager geht, um sie zu belauschen. Wir müssen wissen, was die Deutschen vorhaben und wohin sie marschieren wollen."
Marenga hatte den jungen Hererokrieger überzeugt. Mit einem Grabstock für essbares Wurzelwerk ausgerüstet und voller Hoffnung wanderte Hendrik den langen Weg zurück, den er vor Stunden gekommen war. Sein Weg führte nochmals an der Ebene vorbei, auf der seine toten Freunde lagen. Nur ihre Gebeine hatten die üblen Kahlköpfe übriggelassen. Sichtlich erleichtert war er, als er das Gelände verlassen konnte.
Seine Freunde sollten nicht umsonst gestorben sein!
Später sah Hendrik in der Ferne winzige Punkte auf ihn zukommen, aus denen dann eine drei Mann starke Aufklärerpatrouille wurde. Der Trupp stoppte den scharfen Galopp der Pferde vor Hendrik. Die kleine Truppe bestand aus einem deutschen Feldwebel und zwei Lanzern. Der Feldwebel war ein junger Mann, der schätzungsweise dreißig Lenze auf dem Buckel hatte. Sein Gesicht war eben und von edlem Antlitz. Er trug eine mausgraue Uniform, deren Hose in enge schwarze Lederstiefel verlief. Auf dem Kopf saß ein großkrempiger Hut, der vor Wind und Sonne schützen sollte und in dieser rauen Gegend den idealen Sonnenschutz bot. Seine Bewaffnung bestand aus einem Karabinergewehr der Firma Mauser, das quer über seinem Rücken hing. Dieser deutsche Feldwebel war ein wahrer Hüne an Gestalt und hörte auf den bürgerlichen Namen Georg Bauer.
Die zwei anderen waren ebenso gekleidet wie er, hatten aber keine silbernen Beschläge und Verzierungen an ihrer Uniform. Sie hielten sich hinter ihrem Vorgesetzten zurück.
Der Feldwebel begann ein Gespräch mit dem Neger, den er von oben herab ansprach.
"Komm heran, Schwarzer. Kannst du für uns ein Wasserloch finden, um das unser Regiment ein Feldlager bauen könnte? Ich werde dir dafür einen guten Sold geben."
"Ja, weißer Herr", antwortete Hendrik, ärgerte sich aber darüber, dass der Deutsche ihn derart großspurig behandelte. Trotz seines Unmuts war das Angebot des Deutschen eine gute Chance, seine Bespitzelung zu beginnen. Darüber vergaß Hendrik seinen Zorn.
Hendrik durfte sich das Pferd mit einem der Lanzer teilen und saß hinter diesem auf.
Sie ritten durch eine enge Schlucht, die quer durch einen Inselberg führte. So gelangten sie zu einer steinigen Ebene. Hendrik sichtete grüne Büschel und saftige Gräser.
Sein Instinkt verriet ihm, dass dort eine Wasserstelle zu finden war. Er zeigte mit der Hand dort hin.
"Dort gibt es Wasser und der Platz ist für ein Zeltlager gut geeignet."
Sie kamen an die besagte Stelle und saßen ab.
"Tatsächlich, hier ist ein Wasserloch", staunte Bauer, als ihn das kühle Nass anschillerte.
"Ich möchte zu gerne mal wissen, wie ihr Schwarzen das macht."
Hendrik war stolz auf sich. Der Deutsche würde seine Qualitäten schon schätzen lernen. Bauer befahl einem der Lanzer zum Regiment zu reiten, um es hierherzuführen.
Feldwebel Bauer hatte wieder einmal seine Aufgabe erfüllt, eine Wasserstelle zu finden, um die das neue Lager für einige Zeit aufgeschlagen werden konnte. Das Lager sollte der Ausgangspunkt für eine militärische Expedition gegen den rebellischen Marenga sein.
Bauer war Soldat, der militärischen Erfolg gewohnt war. Dabei war in seinem bisherigen Leben nicht immer alles so glatt gelaufen. Er war als fünftes Kind einer Landarbeiterfamilie zur Welt gekommen, die für harte Arbeit kaum so viel verdiente, dass sie ihn jeden Abend satt ins Bett stecken konnte.
Er wuchs heran und träumte von einem besseren Leben in Wohlstand. Er meldete sich beim Militär. Mit Schweiß und hartem Drill wurde er zu einem Haudegen ausgebildet und nahm um die Jahrhundertwende als Freiwilliger an einem Feldzug gegen die Chinesen teil. Ein Jugendwunsch wurde damit Wirklichkeit, fremde Länder sehen. In den folgenden Jahren plasterten Tote seinen Weg. Er war zu einer Maschine geworden, die auf Befehl andere Völker skrupellos unterjochte. Er war so von der Sache überzeugt, dass er sich dem Afrikafeldzug anschloss, nur um neue Abenteuer zu erleben.
So stand Bauer hier in der Kalahariwüste neben einem schwarzen Helfer. Er verachtete die Neger zutiefst. Doch Hendrik war ihm von großem Nutzen und so duldete er ihn nur aus diesem Grunde.
Noch am selben Tag war das deutsche Feldlager an der Wasserstelle errichtet worden.
Der entsandte Soldat hatte die zwei hundert Mann starken Züge hergeführt. Die Truppen hatten emsig alle Zelte, etwa drei Dutzend an der Zahl, aufgeschlagen.
Die Zelte standen kreisförmig um die Wasserstelle herum. Außer einem Zelt, das ein paar Meter entfernt von den anderen errichtet war. In diesem Zelt arbeiteten die Führungsoffiziere und die eingeteilten Ordonnanzsoldaten.
Hendrik hatte für einen ansehnlichen Sold eine Stelle als "Mädchen für alles"
bekommen und versorgte nun die Truppen mit Wasser, fütterte die Pferde und wusch die anfallende Wäsche der Offiziere und Unteroffiziere. Bauer wies ihn dazu an und Hendrik führte die Befehle aus.
So verging eine lange Woche im Lager. Hendrik nutzte seinen Dienst, um hier und dort über das Ziel des deutschen Regiments ein paar Neuigkeiten zu erfahren. Doch genaue Informationen blieben aus. An Feldwebel Bauer und seine fiesen Sprüche hatte er sich längst gewöhnt.
Eines Abends aber, die Dunkelheit brach schnell herein, kam ein Spähtrupp vom Erkundungsritt zurück. Der vorgesetzte Unteroffizier eilte gleich nach der Ankunft ins Offizierszelt.
Hendrik ahnte, dass dort etwas Wichtiges besprochen wird. Er nahm einen
wassergefüllten Krug und eilte damit zu dem Zelt.
"Etwas frisches Wasser gefällig?" fragte er ins Innere des Zeltes hinein.
"Ja", dröhnte Major Dornbuschs raue Stimme heraus. Dornbusch war der
Kommandant des deutschen Regiments. Der Neger hob den schweren Krug wieder an und schleppte ihn ins Zelt hinein. Drinnen waren außer dem Major noch zwei Hauptmänner und die gesamten Unteroffiziere versammelt. Die Anwesenden saßen vor einem Berg Landkarten der Kalahariwüste.
"Kennst du Marenga, diesen dreckigen Rebellen?" fragte Dornbusch.
"Nein", log Hendrik überzeugend.
"Dein Glück, Schwarzer. Denn wir haben das Rebellenlager aufgespürt und werden die Teufelsbrut aufmischen. In zwei Tagen geht's los und dann machen wir kurzen Prozess."
Er lachte Hendrik finster an. Seine riesigen Hände symbolisierten den Untergang der Rebellenschar. Hendrik war überrascht, freute sich aber darüber, dass er endlich das Ziel der Deutschen kannte.
Major Dornbusch hatte in seinem Übereifer doch etwas zu viel geplaudert und Hendrik würde diesen Plan vereiteln. In der selben Nacht noch wollte er unauffällig verschwinden, um Häuptling Marenga zu warnen.
In der mondlosen Finsternis der Nacht war Hendrik aufgebrochen. Er hatte es im Morgengrauen des nächsten Tages nicht mehr weit bis zum Rebellenlager als plötzlich zwei deutsche Späher vor ihm standen. Sie lagen im dürren Gestrüpp und hatten Hendrik schon von weitem kommen sehen.
"Wo willst du denn hin?" fragte einer. "Du bist wohl zum Rebellenlager Marengas unterwegs?"
"Eh, eh, nein", stammelte Hendrik.
"Du Kurt, das ist doch der Hendrik, unser Wasserkuli", unkte der zweite Soldat. "Du bist bestimmt zu Marenga unterwegs? Willst Du den Halunken warnen, weil wir sein Lager aufgespürt haben."
"Wir nehmen ihn gefangen und bringen den Verräter in unser Feldlager zurück. Der Bauer wird ihm seine schwarze Rübe runter reißen", entschied der erste.
Hendrik wurde es mulmig im Bauch. Er kannte Feldwebel Bauer gut genug, um zu wissen, dass der wahr macht, was die Lanzer ihm androhten. Er ärgerte sich auch darüber, dass er den zwei Soldaten in die Falle getappt war. Jetzt gab es keine Chance mehr, Marenga zu warnen und ihn vom Vorhaben der Deutschen zu unterrichten. Er schloss seine Augen und sah in Gedanken die zahlreichen toten Stammesbrüder, die von den Kugeln der Eroberer gefallen waren und die in zwei, drei Tagen noch getötet werden.
Auf einmal fielen zwei Schüsse und die Soldaten sackten getroffen zusammen. Hendrik schlug die Augen wieder auf und sah einen Bantukrieger auf sich zukommen, die Waffe noch im Anschlag. Hendrik war im rechten Moment gerettet worden. Damit sollte sich alles zum Guten wenden.
"War höchste Zeit, Jakob", Hendrik atmete erleichtert auf. "Ich sah mich schon vor dem Exekutionskommando und eine Zahl Flinten auf mich gerichtet."
"Ich hatte die zwei Deutschen schon lange im Visier", winkte Jakob ab. "Doch dann sind sie dir zu nahe getreten und da habe ich ihnen den Garaus gemacht."
"Gut, lass uns jetzt zu Marenga gehen. Ich habe interessante Neuigkeiten für ihn."
Sie nahmen den toten Soldaten Waffen und Munition ab und machten sich gleich zum Rebellenlager auf. Hendrik wurde im Lager schon sehnsüchtig vom Häuptling Marenga erwartet.
"Hallo Hendrik", begrüßte der Häuptling Hendrik und Jakob. "Ich hoffe, dass du uns wichtige Neuigkeiten zu erzählen hast."
"Ja", erwiderte Hendrik, "aber es sind keine guten Neuigkeiten."
"Dann lass mich nicht im Unklaren."
"Ich habe von deutschen Offizieren erfahren, dass Späher unser Lager entdeckt haben und dass sie morgen aufbrechen werden, um uns zu vernichten."
"Morgen schon." Marenga brummte besorgt. "Was weißt du über die Stärke ihrer Truppen und die Bewaffnung ihrer Leute?"
"Es sind etwa zweihundert Lanzer, Fußvolk, die mit Karabinergewehren ausgerüstet sind, drei berittene Offiziere und vier Unteroffiziere. Kanonen oder Maschinengewehre habe ich bei ihnen im Lager nicht entdeckt."
"Dann sieht es ja gar nicht so ausweglos aus, wie ich anfangs angenommen habe."
"Wir müssten die Deutschen vielleicht in einen Hinterhalt locken."
"Hast du schon eine Vorstellung, wie wir das anstellen können. Hendrik?"
"Hhm. Auf dem Weg vom deutschen Lager zu euch habe ich einen Inselberg durchquert. Eine Schlucht, verstehst du. Ich bin extra dort durch, weil ich sonst einen enormen Umweg gelaufen wäre. Die Deutschen werden sicher auch diesen Weg wählen, da er für ihre Truppe durchaus gut begehbar ist. Wir haben dort die besten Aussichten, die Deutschen in einen Hinterhalt zu locken."
"Nicht schlecht deine Idee", lobte Marenga Hendriks Scharfsinn. "Ich habe nie daran gezweifelt, dass du deine Sache gut machst."
"Mag sein", stammelte Hendrik verlegen. "Ich will doch nur dir und unserem Volk helfen."
Marenga grübelte mehrere Augenblicke, runzelte die Stirn und sprach
anschließend wieder.
"Ich weiß wie wir es anstellen. Hört zu. In der Schlucht ist es ungünstig, ein Gefecht anzufangen, weil es zu einem Handgemenge kommen wird. Bei dem wir leicht unterliegen könnten. Vom Berg aus zu kämpfen ist ebenfalls nicht gut, weil wir viel Zeit benötigen, ehe wir oben am Gipfel sind. Diese Zeit haben wir nicht. Wir werden die Deutschen erst angreifen, wenn sie auf der hiesigen Seite aus der Schlucht heraustreten. Meine Männer ziehen einen großen Halbkreis um den Ausgang der Schlucht und warten ab, bis der letzte Soldat die Schlucht verlassen hat. Auf mein Kommando wird der Kreis geschlossen und das Feuer eröffnet."
"So schaffen wir es", Hendrik und Jakob waren begeistert. "Sie begreifen erst was los ist, wenn der größte Teil ihrer Armee schon überrumpelt ist."
"Doch eins muss ich euch noch sagen", sprach Marenga streng. "Sie wissen bereits, wo unser Lager zu finden ist. Wenn der Kampf ausgefochten ist, müssen wir uns um ein neues Lager bemühen. Die Deutschen sind keineswegs dumm. Sie haben bestimmt schon Kuriere ausgesandt, die diese Entdeckungen an deren Truppenverbände weitergemeldet haben. Der bevorstehende Kampf wird nicht der letzte sein. Glaubt mir. Es werden immer neue Regimenter kommen, die uns jagen. Die Deutschen werden erst Ruhe geben, wenn die Schätze unseres Landes in ihrer Hand sind."
Die Unterredung war beendet und die Vorbereitungen für den Kampf wurden getroffen. Noch in der Nacht, die den Tag ablöste, zog Marenga mit Hendrik als Führer und einer dreihundert Seelen starken Kriegerschar zum auserwählten Ort des Kampfes. Ein paar Bantumänner waren zurückgeblieben, die den Schutz der daheimgebliebenen Frauen und Kinder übernahmen.
Marengas Rebellenschar hatte kurz vor Sonnenaufgang des nächsten Tages den Inselberg erreicht. Die Krieger schwärmten zu einem Kreis von etwa tausend Schritten Durchmesser um den Ausgang der Schlucht aus und versteckten sich hinter ausgetrockneten Büschen und Gesteinsbrocken. Hendrik, Marenga und ein alter Bantuführer erklommen den Gipfel des Inselberges, um die Schlucht in ihrer gesamten Länge einsehen zu können. Sie mussten sich aber noch lange Zeit gedulden, ehe der nahende Feind in Sicht kam.
Erst in der neunten Stunde entdeckten die drei Bantumänner die zwei heranmarschierenden Züge der Deutschen in der Schlucht. Genau wie Hendrik es ausspionierte kamen sie, bis auf sieben Reiter vorneweg, zu Fuß. Die Reiter hatten höhere Dienstgrade und führten die Züge.
Als die Deutschen aus der Schlucht heraus waren, wurde der Kreis durch die Krieger geschlossen, die dem Berg am nächsten waren. Das geschah so leise, dass kein Laut zu den Deutschen drang. Als die Deutschen allesamt im Zentrum des Kreises waren, blies der Bantuführer vom Berg aus in seine Bambusfanfare. Er verkündete auf Marengas Befehl dieses vereinbarte Zeichen zum Angriff. Alle dreihundert Krieger schossen gezielt mit ihren Gewehren oder Speeren in die konzentrierte Menge der eingekesselten Deutschen.
Der Kampf dauerte nicht sehr lange. Das Regiment hatte keine Zeit, eine Gegenwehr zu organisieren. Nur vereinzelt leisteten noch deutsche Soldaten Gegenwehr. Marengas Krieger krochen hinter ihren Stellungen hervor und eilten zum dem überwältigten Haufen ihrer Gegner. Jeder einzelne Rebell wollte sich ein besseres Gewehr oder etwas Munition für seine jetzige Flinte ergattern. Für sie war ein toter Feind immer ein willkommener Waffenspender. Oft die einzige Möglichkeit, Nachschub zu bekommen. Zwei, drei Deutsche konnten unbeschadet dem Trubel entfliehen. Ansonsten war da noch ein Verletzter und das waren auch schon alle Überlebenden auf deutscher Seite.
Hendrik traute seinen Augen kaum, als er in dem Verletzten Feldwebel Bauer erkannte.
"Gib mir bitte Wasser", flehte er Hendrik an. Hendrik hatte Mitleid mit ihm, obwohl Feldwebel Bauer ihm oft das Leben zur Hölle machte. Er reichte ihm eine Korbflasche voller Wasser.
"Da nimm das Wasser", zischte Hendrik. "Das ist Wasser von einem Schwarzen."
Bauer schaute verlegen zu Boden. Doch dann zwang ihn der brennende Schmerz im rechten Oberschenkel und die ausgetrocknete Kehle das kühle Nass zu trinken. Er entleerte die Korbflasche in einem Zug und reichte Hendrik zögernd die Hand zum Dank.
"Du hättest mich hier verrecken lassen können und hast es nicht getan. Ich kann das nicht verstehen. Gerade ich habe dich doch erbarmungslos geschunden."
Statt eine Antwort zu geben, packte Hendrik den verwundeten Deutschen an und schleppte ihn gemeinsam mit Marenga den langen Weg ins Rebellenlager. Die Schar der Bantukrieger folgte den Beiden. Der Sieg über die Deutschen war für sie ein erster großer Triumph. Sie dachten die kommenden Tage nicht daran, dass es auch einmal anders kommen könnte. Nein, sie hat der heutige Sieg für weitere Freiheitskämpfe in der Zukunft motiviert.
In den folgenden Tagen tat Hendrik sein bestmögliches, um Bauer gesund zu pflegen, so dass er schon bald wieder voll zu Kräften kam.
Bauer hatte die Genesungszeit damit zugebracht, seine Vergangenheit aufzuarbeiten. Er dachte daran wie er für die feinen Leute über Leichen gegangen ist, um deren Interessen durchzusetzen. Er sah die Bilder von niedergemetzelten Menschen, wehrlosen und winselnden Opfern vor sich ablaufen, die er gepeinigt oder getötet hatte.
Bauer zog unter all das einen dicken Schlussstrich. Alle Menschen, egal welche Hautfarbe sie haben oder welcher Rasse sie angehören, haben ein Recht, so zu leben wie es schon ihre Vorfahren taten.
Nach seiner Genesung sagte er Hendrik zum Abschied: "Ich habe dir für vieles zu danken und hoffe, dass du mir alle Schikanen verzeihst, die ich dir einst angetan habe. Ich ziehe jetzt in den Norden und bete, dass die Bantumänner die Besatzer irgendwann aus ihrem Land jagen."

"Die Geschichte. die du mir eben erzählt hast, beeindruckt mich. Hast du sie von dem Neger Hendrik oder von Georg Bauer höchstpersönlich gehört?"
"Nein. Ich selbst war der deutsche Feldwebel. Ich will dir auch gleich sagen, dass mein Wunsch, den ich beim Abschied von Hendrik geäußert hatte, nicht in Erfüllung gegangen ist. Unsere Landsleute haben immer mehr neue Truppen angefordert, um die Gold- und Diamanten-reichen Länder der Hereros zu besetzen und trieben sie immer tiefer in die Kalahariwüste. Tausende von ihnen verdursteten. Doch für ihre Freiheit und für ihr Land werden sie nie aufhören zu kämpfen."
"Wenn du die Schwarzen so gütig erlebt hast, verstehe ich allerdings deinen inneren Wandel."
"Du kannst dich auch gerne selbst überzeugen, wenn du deinen Seemannsrock an den Nagel hängst. Ich reise seit diesem Erlebnis in Afrika und im Orient umher, umdie Lebensart fremder Völker kennenzulernen. Ich bin auch nicht abgeneigt, endlich einen Landsmann als Reisegefährten an meiner Seite zu haben."
"Nun, ich will dein Angebot annehmen", sprach der Seemann und reichte Georg Bauer seine Hand.
Seit diesem Abend in dem Café in Suez waren die beiden Männer gemeinsam unterwegs. Sie fochten unter den Namen Hadschi el Aleman und der Admiral gegen Ungerechtigkeit und bestanden gemeinsam unzählige Abenteuer, von denen ich hier nur einige aufgeschrieben habe.

Ende
(C) Jens Richter, 1986


Die Reise nach al Madina

Von Suez her kommend, erreichten zwei Männer bei herzlichstem Sonnenschein und ruhiger See Jiddah, die weiße Stadt am Roten Meer.
***
Der Eine war von merkwürdiger Gestalt.
Sein rundliches Gesicht war im Laufe der Zeit von der Sonne rotbraun gebrannt.
Aus seinem Gesicht ragte eine Nase hervor, die jeder x-beliebigen Sonnenuhr als Schattenspender dienen konnte, so groß war sie geraten.
Die Augen des Mannes, zur linken und rechten Seite des unheimlichen Riechers blitzten fröhlich her drein.
Der Mund blieb leider verborgen, er war hinter einem dichten Urwald von grauen Barthaaren versteckt.
Nur die kleine Tabakspfeife, die zwischen den beiden angenommenen Mundwinkeln hin- und hertänzelte bestätigte, dass dieser Mann dennoch einen Mund besaß.
Als Kopfbedeckung diente ihm ein roter Fez, der mit Kordelband am Haupt festgebunden war.
Am Leib trug er eine Maatsuniform der deutschen Marine.
Seine breiten Hüften schmückte ein breiter, verzierter Ledergürtel, in dem ein großer Revolver, ein Säbel und ein vorsintflutliches Teleskopfernrohr steckten.
Außerdem baumelte ein Beutel am Gürtel, der einen Vorrat an Patronen und Tabak beherbergte.
Dieser Mann war Peter Wolf.
Sein Partner war das ausgesprochene Gegenteil des Seebären.
Sein Gesicht war ebenmäßig ausgeprägt und von edlem Antlitz.
Seine Kleidung schien maßgeschneidert zu sein, ein graugrüner Tropenanzug, dessen weite Hosen in enge, braune Reitstiefel verliefen.
Zum Schutz vor der Sonne trug er ein weißes Kopftuch, welches durch ein geflochtenes Stirnband auf dem Kopf hielt.
Als Bewaffnung diente ihm nur eine deutsche Offizierspistole, die in einem Waffengurt steckte, der um seine Hüfte geschnallt war.
Der hier Beschriebene war der Weltenbummler Georg Bauer, der gemeinsam mit Peter Wolf in Nordafrika und im Orient unterwegs war.
***
Jiddah, deren Häuser, die aus dem grünen Wasser der Lagune bis zum Berghang emporgewachsen waren, lag zu dieser Tageszeit wie ausgestorben da.
Keine Seele ist in den schmalen, feuchten Gassen, in denen sich der Geruch von moderndem Holz mit den unzähligen Düften des Basars verbindet, zu sehen.
Die im Zenit stehende Sonne ließ alles Farbige verblassen, eine Hitze wie im Backofen.
Jeder Mensch hatte sich in den Schatten zurückgezogen und wartete auf den Abend, der eine frische kühle Brise vom Meer in die Stadt hereinträgt.
Begleitet von Mücken- und Fliegenschwärmen suchten die beiden Deutschen das Anwesen von Büchsenmacher Samuel Gunsmith.
Georg Bauer hatte dort vor einem Vierteljahr eine Bestellung zur Herstellung eines Trommelgewehres in Auftrag gegeben und nun war der Zeitpunkt für die Entgegennahme heran gerückt.
Sie erreichten einen Garten, der von einer mannhohen Mauer umgeben war und klopften mit dem schweren Eisenring gegen das hölzerne Tor.
Es wurde geöffnet und ein Bediensteter trat heraus.
Der Diener verrichtete für den alternden Büchsenmacher sämtliche Arbeiten im Anwesen.
"Was wünschen die Herren?", fragte er mechanisch.
"Wir möchten zu Mister Gunsmith.", erwiderte Georg Bauer.
"Einen Moment Geduld, bitte."
Der Diener schlurfte davon.
Ein geraumen Moment kam ein kleiner, aber durchaus kräftiger Mann herbei geeilt.
Er rundum mit ölverschmierten Gewändern bekleidet und wischte seine Finger an ihnen sauber, bevor er den beiden Deutschen seine Rechte zum Gruß reichte.
"Georg, ich ahnte bereits, dass du die Tage kommen würdest, um dein neues Gewehr abzuholen", empfing er die Deutschen freundlich, "und deshalb habe ich es noch einmal eingeölt."
"Ist ja gut, aber lass uns jetzt ein. Wir Beide sind ziemlich kaputt. Übrigens habe ich jetzt einen Landsmann als Reisegefährten, darum komme ich dieses Mal nicht alleine."
"Bring mit, wen du willst. Aufrechte Menschen sind jeder Zeit gern gesehene Gäste."
Sie gingen zusammen in den Garten.
Dieser Garten konnte jedem Vergleich mit einer idyllischen, kunstvoll bepflanzten Oase standhalten, so schön war er.
In der Mitte gab es einen nierenförmigen Goldfischteich, auf dessen Wasseroberfläche Seerosenblätter schaukelten und ringsherum standen Zierpalmen sowie Zypressen.
Hinter dem Grün lugte ein stattliches Blockhaus hervor, ganz und gar nach nordamerikanischen Vorstellungen erbaut, ein kleines Stück Erinnerung an die ehemalige Heimat des Büchsenmachers.
Jeden, der sich über den eigenwilligen Stil seines Heimes wunderte, klärte der freundliche Amerikaner auf, dass er im wilden Westen der USA in solch einem Haus glücklich gelebt hatte.
Er, so sagte er, hält es im Orient nur in einem Blockhaus aus.
Samuel Gunsmith war vor reichlich sechs Jahren hierher gekommen, auf Wunsch seiner geliebten Gattin.
Sie war eine in Amerika geborene Araberin und Gunsmith Sohn einer jüdischen Einwandererfamilie.
Trotz der Religionsunterschiede hatten sie sich lieben gelernt und zusammen ihre Tochter großgezogen.
Ann Mary hatte den Glauben des Vaters angenommen und das betrübte Ms. Gunsmith.
Sie lebte all die Jahre im fernen Amerika von dem Wunsch beseelt, einmal die heilige Stadt Mekka betreten zu dürfen.
Als die Zeit günstig war und die Familie genügend Geld zusammen gespart hatte, packten alle Drei die Koffer zusammen und reisten nach Arabien.
Doch auf der Überfahrt war Ms. Gunsmith erkrankt.
Nie wieder hatte sie sich von ihrer Krankheit erholt und ist hier in Jiddah verstorben.
Samuel hatte sie hier in stiller Trauer begraben und war mit seiner Tochter beim letzten Ruheort seiner Frau verblieben.
Da er das Handwerk des Büchsenmachers exzellent beherrschte und seine Arbeit allerorts für seine Qualität bekannt war, fasste er nach kurzer Zeit in der Region Fuß und wurde trotz seines jüdischen Glaubens ein angesehener und wohlhabender Mann.
Die drei Männer verschwanden im Inneren des Blockhauses.
Drinnen gab es nur eine Wohnstube, einen Waschraum mit Latrine und zu guter Letzt Samuels Werkstatt.
Sie gingen in die Wohnstube, in der auch seine Tochter weilte.
Sie erhob sich erfreut, legte ihre Stickereien aus den Händen und reichte den eintretenden Gästen die Hand zum Gruß.
"Oh, wie ich mich freue, Mr. Bauer.", schnatterte sie aufgeregt los. "Es ist schön, dass sie uns wieder beehren."
"Ja, Ann Mary, ein Vierteljahr war schnell vorüber und nun wollte ich mein bestelltes Gewehr abholen."
"Mir scheint, dass ihnen die Waffe wichtiger ist, als wir."
"Oh nein. Ich besuche gern liebe Leute. Aber wenn nicht diese Bestellung wäre, das gebe ich wohl zu, dann würde ich jetzt in einem ganz anderen Winkel der Welt anzutreffen sein. Mal hier, mal da."
"Sie haben noch einen Landsmann mit, Mr. Bauer?"
"Ja, das ist mein Freund und Reisegefährte, Peter Wolf."
Peter Wolf verbeugte sich vor Ann Mary, deutete einen Handkuss an wie es ein englischer Lord nicht perfekter gebracht hätte.
"Liebe Freunde", sie lenkte verlegen wegen dieser Höflichkeit ab. "da werde ich mal einen Kaffee aufsetzen und uns eine kleine Stärkung vorbereiten."
"Gute Idee.", warf der alte Gunsmith ein. "Ich habe Hunger wie ein Grizzlybär."
"Sehen wir uns jetzt mal das Gewehr an.", quengelte Georg.
"Warte ab, Freund." sprach der Alte und rempelte Peter Wolf flachsend in die Seite. "So ist Georg immer. Er ist neugierig wie ein Junge im Entdeckeralter. Aber er soll sich gedulden. Am Nachmittag führe ich euch die Waffe vor."
"Ja, soll er soll sich gedulden.", meinte auch Peter.
Georg wollte zwar etwas einwenden, aber der Büchsenmacher gab nicht nach.
Sie setzten sich zu Tisch und plauderte noch einige Zeit, bis Ann Mary das Essen angerichtet hatte.
Nach einem vorzüglichen Mahl von Pasteten und gebackenem Seefisch, gönnte man sich einen vorzüglichen tiefschwarzen Kaffee.
Im Anschluss hielt man Mittagsruhe.
Nur Ann Mary war fleißig.
Sie spülte das benutzte Geschirr ab.
Im Anschluss verschwand sie mit ihrer Stickerei im Garten.
***
Aufgrund lautstarken Gezeters wurde die Mittagsruhe jäh gestört.
Die drei Männer stürmten in den Garten und fanden den Diener bewusstlos vor, der niedergeschlagen am Gartentor lag.
Gunsmith richtete ihn auf und verpasste ihm nach Cowboymanier links und rechts eine schallende Ohrfeige, so dass er zu sich kam.
"Was ist geschehen?, fragte der Büchsenmacher aufgebracht. "Wo ist Ann Mary?"
"Der junge Abdul hat sie entführt."
"Ich ahnte es bereits, dass es einmal so kommen würde. Dieser räudige Hund hat es doch tatsächlich gewagt meine Tochter zu entführen."
"Wer ist dieser Abdul?", wollte Georg Bauer wissen.
"Er verehrt meine Tochter schon seit längeren und ein wenig mein Geld. Er ist der König der Straßendiebe. Bislang hatte ich ihn stets wegjagen können, doch heute hatte ich das Nachsehen."
"Kommt, wir suchen ihn. Er kann noch nicht weit gekommen sein."
"Das ist zwecklos! In den engen Gassen findest du Abdul niemals."
"Und was soll jetzt deiner Meinung nach werden, Samuel?"
"Er kann Ann Mary nicht so ohne weiteres zur Frau haben. Er ist Moslem und sie ist Jüdin. Er müsste sie zu seinem Glauben bekehren, so ist es hierzulande üblich. Selbst wenn Ann Mary aus freiem Willen eine Muslima werden möchte, müssten beide in eine der heiligen Städte pilgern, nach Mekka oder Medina. Mekka käme schon mal nicht in Frage, weil Abdul, dieser zerlumpte Gauner dort niemals zum Heiligtum vorgelassen werden würde. Darum tippe ich darauf, dass er mit ihr nach Medina unterwegs ist. Das gilt es zu verhindern."
"Und wenn er sie an Menschenhändler verkauft?"
"Nein, Georg. Wir haben es hier ernsthaft mit einem Verliebten zu tun, der Ann Mary zur Frau haben möchte."
"Deine Worte beruhigen mich fürs erste. So lass uns keine Zeit verlieren und nach Medina aufbrechen, um deine Tochter aus Abduls Fittichen zu befreien. Bei dieser Gelegenheit werde ich mein neues Gewehr auf Herz und Nieren testen können."
"Ja und ich erlebe ein richtiges Abenteuer.", murmelte der bisher schweigsame Peter Wolf.
"Ein Abenteuer, welches du nicht gleich wieder vergisst.", ergänzte der alte Gunsmith.
***
Am späten Nachmittag verlässt die dreiköpfige Truppe Jiddah.
Ihr erstes Ziel ist die 250 Meilen nördlich gelegene Ortschaft Rabegh.
Sie hatte trotz aller Eile drei gute Reitpferde erstanden und sich orientalische Kleidung zugelegt.
Diese landestypische Kleidung sollte außerdem vor der sengenden Hitze am Tag sowie der klirrenden Kälte in den Nächten schützen.
Die Männer galten als Ungläubige und durften nur unter Berücksichtigung dieser Maßnahmen in das Innere Arabiens reiten.
Ein Besuch von Medina konnte da schon lebensgefährlich sein.
Sie mussten es um Ann Marys Heil dennoch wagen.
Nach einer Woche straffen Ritts erreichten sie Rabegh.
Hier ruhten sie bis zur Abenddämmerung und brachen bei Anbruch der Nacht wieder auf.
Nach durchrittener Nacht begannen die Ausläufer der Berge und die flachen Ebenen gingen allmählich in Dünen der Küstenwüste über.
Die Pferde verhaspelten sich auf dem Untergrund häufig.
Stürzt ein Tier, so gibt es einen schmerzhaften Fall für den Reiter und das mussten sie unbedingt vermeiden.
Außer Sand und Lavabrocken gab es hier keinerlei Anzeichen von Leben.
Mittags ist der Wadi Fura erreicht.
Doch was für ein böses Erwachen bei den Freunden, lockeres Gestrüpp, abgestorbene Dornenbäume und die Überreste eines eingefallenen Brunnens sind alles, was sie vorfinden.
Sie legten trotzdem eine Rastpause ein.
Die Freunde schliefen fest und zogen später deutlich erholt in Richtung Medina weiter.
Längst war die Wüste einer rauen Gebirgslandschaft gewichen.
Schmale Täler, tief eingeschnitten in gelbes Gestein.
Die Steine waren poliert vom ständig wehenden Wüstenwind und strahlten eine singende Hitze ab.
Zwar blies ein Wind, aber der war ebenso heiß und brachte daher auch nicht die gewünschte Abkühlung.
Im Laufe der Zeit waren die Lippen der Männer aufgesprungen und sie hatten Brandblasen im Gesicht.
Völlig abgeschlagen bereuten sie es schon, überhaupt die Reise angetreten zu haben.
Es gab für alle nur noch ein Gedanken, die Wüste schnell hinter sich zu lassen.
Wie ging es jetzt wohl Ann Mary?
Die junge Frau musste doch unter Strapazen ganz besonders leiden.
Der alte Gunsmith machte sich immer mehr Gedanken um seine geliebte Tochter, denn nirgendwo fanden sie ein Lebenszeichen von ihr.
Die drei Freunde ahnten zu jenem Zeitpunkt noch nicht, dass am nahen Wadi Safra eine böse Überraschung auf sie warten würde.
Wieder war ein Berghang vor ihnen, der wievielte eigentlich schon auf diese Reise.
Graue verwitterte Felsen, ein kahles Geröllfeld, kein Grün, keine Sträucher, nur stetig ansteigendes Terrain.
Die Reiter überließen es ihren Pferden, den richtigen Weg zu finden.
Plötzlich gab es den lange ersehnten Lichtblick.
Sie hatten einen Kamm überschritten und vor ihnen lag der Wadi Safra, unwirklich wie eine Fata Morgana.
Die unruhigen Pferde witterten das nahe Wasser.
Einen Flusslauf, der schon nach wenigen Metern wieder unter den Felsen verschwand.
Dazu saftig Wiesen und und hohe Palmen, die sich im Winde wiegten.
An diesem herrlichen Ort fühlten sich unsere Freunde wie neu geboren.
Hier im blühenden Grün rasteten sie und gönnten sich eine ausgiebige, wohltuende Körperpflege.
Sie waren von der bisherigen Reise erschöpft und mussten ihren Schlafbedarf ausgleichen.
***
Sie wurden von bewaffneten Männer wachgerüttelt.
"Da wird sich unser Omar Pascha sehr freuen", frohlockte einer von ihnen, "wenn wir ihm ein paar Sklaven bringen, die er in Stambul verkaufen kann."
"Ja", grinste ein Zweiter, "seitdem ich mich euch angeschlossen habe und gutes Geld verdiene, hat sich mein Leben zum Guten gewendet."
Georg Bauer, Old Gunsmith und Peter Wolf waren schockiert.
Nach all den überstandenen Naturgewalten mussten sie zu allem Übel ausgerechnet in die Hände von Menschenhändlern fallen.
Gunsmith war jetzt völlig am Boden.
Er befürchtete in diesem Augenblick, Ann Mary niemals wieder zu sehen und auch Georg Bauer erging es nicht viel besser.
Der Einzige von den Freunden, der einen kühlen Kopf bewahrte, war Peter Wolf.
Er überlegte einen kurzen Moment und fand, dass die Dinge für sie gar nicht allzu schlecht standen.
Aufgebracht rappelte er sich hoch und fauchte die Menschenhändler zornig an.
"Euer Omar Pascha wird euch die Hölle heiß machen, wenn er meint, er könnte zwei Männer aus Alemannia festhalten."
"Schweig!", schrie ein Dritter und stieß Peter Wolf den Gewehrkolben in den Magen.
Trotz der dumpfen Schmerzen in der Magengegend ließ Peter Wolf nicht locker.
"Ihr solltet mir Glauben schenken. Der ehrwürdige Sultan und der Kaiser der Alemannen sind gut befreundet. Er sieht es bestimmt nicht gern, wenn den Alemannen ein Leid geschieht."
Die Menschenhändler steckten die Köpfe zusammen und debattierten wild gestikulierend.
Nach einer Weile sprach einer von ihnen gebieterisch.
"Vorerst seid ihr unsere Gefangenen. Omar Pascha wird über eure Freiheit entscheiden. Aber der Jude wird verkauft."
Peter Wolf war für den Anfang zufrieden und erahnte schon die Entscheidung ihres Herrn.
Er gab daher vorerst Ruhe.
Die Schurken nahmen ihren Gefangenen die Waffen sowie die Pferde ab, banden ihre Hände auf den Rücken und trieben die Freunde einem unbestimmten Ort entgegen
***
In der Nähe der Oase gab es eine verlassene Siedlung, das Ziel der Menschenhändler.
Die Gefangenen wurden in eine Lehmhütte gepfercht, die außer einer hölzernen Brettertür zwar keine Fensteröffnungen hatte, bei der jedoch das Tageslicht durch das kaputte Schilfdach hineinschien.
So konnten sie zwei weitere Gefangene erkennen, die ebenfalls in der Hütte festgehalten wurden.
Gunsmith traute seinen Augen nicht, eine der beiden Gefangenen war seine Tochter Ann Mary.
Seine Freude war trotz der misslichen Lage groß.
Der andere Gefangene war natürlich Abdul, der König der Straßendiebe.
"Ann Mary", Gunsmith umarmte seine Tochter glücklich. "Gott sei Dank, dass wir uns wiederhaben. Ich habe unzählige Ängste ausgestanden."
"Vater", Ann Mary weinte vor Freude.
Ihre Tränen kullerten in Gunsmiths Nacken.
"Es ist mir mit Abdul nicht so schlecht ergangen, als du vielleicht denkst."
"Dann habe ich Abdul wohl völlig falsch eingeschätzt?"
"Er liebt mich von ganzem Herzen und hat sich auf dem strapaziösen Weg bisher rührend um mich gekümmert."
"Wenn Abdul doch wenigstens ein nützliches Handwerk erlernt hätte, dann könnte er dich ohne weiteres zur Frau bekommen, aber er streckt meinen Diener nieder und entführt dich obendrein in dies Gegend, wo sich die Füchse gute Nacht sagen. Das verzeihe ich ihm nie und nimmer."
"Aber Effendi Gunsmith", erwiderte Abdul säuerlich, "mein Handwerk ist ebenso ehrbar wie das ihrige! Sie stellen Waffen her, mit denen Menschen getötet werden können und verlangen für dieses Mordwerkzeug obendrein viel Geld. Ich dagegen stehle nur von denen, die genügend Reichtümer besitzen. Was also finden sie schlecht an mir? Keiner von uns sollte das Tun des anderen kritisieren, wenn doch beide Handwerke einen bitteren Nachgeschmack haben."
Der alte Gunsmith schaute verlegen bei Seite.
Abdul sah sich als ebenso ehrbarer Bürger in Jiddah wie Old Gunsmith, obwohl er nicht an seinen materiellen Verhältnissen gemessen werden wollte.
Natürlich durfte Old Gunsmith nach seinem Cowboyverständnis nicht gelten lassen und konterte gleich, "Und warum entführst du dann so klammheimlich meine Tochter, wenn du doch so ein ehrbarer Bürger bist? Dein Allah möge dich dafür hart bestrafen."
"Es war die einzige Chance, Ann Mary jemals zur Frau zu bekommen. Wenn diese Menschenhändler nicht gewesen wären, dann hätte Ann Mary bereits meinen Glauben angenommen und ich hätte alles für sie getan, um gut für sie zu sorgen."
"Lass gut sein! Ich möchte dich keinesfalls in meiner Familie haben."
Ann Mary war mit den Ausführungen ihres Vater ganz und gar nicht einverstanden.
Traurig sprach sie, "Vater, ich möchte, dass du weißt, dass ich für Abdul tiefe Sympathien empfinde und du ihm eine Chance gibst. Er muss mir aber vor Gott versichern, dass er ein solides Handwerk erlernt."
"Das ist doch nicht etwa dein ernst!", tobte Gunsmith. "Meine Tochter wird flügge. Aber wenn du so darauf drängst, dann könnte ich Abdul auch in meiner Werkstatt beschäftigen."
Abdul war überglücklich, dass Ann Mary zu ihm gestanden hatte, doch seine Freude war nur von kurzer Dauer.
***
Ein dicker Türke mit gezwirbeltem Bart öffnete die Tür und wies die beiden Deutschen an, nach Außen zu kommen.
"Ihr seid die beiden Alemannen?", vergewisserte er sich.
"Ja, das erkennen sie ja wohl an unserer Sprache.", antwortete Georg Bauer dem Türken.
"Ihr seid frei, weil ihr Menschen von einem befreundeten Volk unseres verehrten Padischahs seid."
"Und unsere Freunde in der Hütte?"
"Das sind keine Alemannen und werden von uns als Sklaven verkauft. Seid nur froh, dass wir euch so gnädig sind. Wir hätten euch auch die Zunge herausschneiden können, dann hätte keiner mitbekommen, dass ihr aus Alemannia seid."
"Hab Dank großer Omar Pascha", verneigte sich Peter Wolf mit schelmischem Gesicht, "dass du großmütig zu uns bist. Wir werden dir das natürlich niemals vergessen."
Die drei Mitstreiter des Türken gaben den Deutschen auf Omar Paschas Geheiß die Pferde und die Waffen zurück.
Nur Georg Bauers neues Gewehr fehlte.
Er fragte deswegen.
"Darf ich mein Gewehr auch zurück haben?"
"Nein", triumphierte Omar Pascha. "Diese edle Waffe wird zukünftig meine Satteltasche schmücken."
Zähneknirschend wegen des Verlustes der Waffe, bestieg Georg Bauer sein Pferd und preschte davon.
***
Peter Wolf hatte Mühe seinem Freund zu folgen.
Er hörte noch die Menschenhändler hämisch lachen, die in der verlassenen Siedlung zurück blieben.
Peter wusste nur zu gut, dass sein Freund Georg die Gefangenen befreien würde und sich obendrein das Gewehr zurückholt.
***
Zwei Männer pirschten sich in dunkler Nacht zum verlassenen Dorf vor, dass nur durch die züngelnden Flammen eines kleinen Feuers ausgeleuchtet war, an dem wiederum vier andere Männer, eingehüllt in dicke Wolldecken, saßen.
"Schade", sprach Omar Pascha zu seinen Kumpanen, "uns sind dreihundert Piaster verloren gegangen, weil unser erhabener Großherr mit diesen bleichen Alemans gemeinsame Sache macht."
"Dafür bringt uns der Rest gute Vierhundert ein."
"Das ist ja ungemein beruhigend", spottete der Türke. "Es hätten aber Siebenhundert sein können."
"Dann müssen wir demnächst bei passender Gelegenheit erneut zuschlagen. Das Gebiet ist gut bereist und so werden wir schon bald neues Menschenmaterial einfangen. Aber denkt daran, immer alle Spuren zu beseitigen. Ich verspüre gar keine Lust in die Hände der Milizen von Medina zu fallen."
Omar Pascha zog mit der Handkante am Hals entlang, was bedeutete, dass es ihnen dann an den Kragen geht.
"Schlafen wir jetzt. Wir müssen morgen Früh zum Meer aufbrechen, wo uns ein Segelschiff erwartet."
Georg Bauer und Peter Wolf hatten lautlos das Lager erreicht und das Gespräch der Sklavenjäger mit angehört.
Beide hielten den Moment für günstig, den vier Schurken ihre Revolver unter die Nase zu halten.
Sie zielten mit den Waffen auf ihre Gegner.
Georg sprach zu ihnen höhnisch, "ich glaube mit Sicherheit, dass ihr die anderen vierhundert Piaster ebenfalls einbüßen werdet. Glaubt ihr ernsthaft, dass sich Freunde im Stich lassen?"
Erschrocken fuhren die Menschenhändler auf.
"Ist das der Dank", jammerte Omar Pascha, "dass ich euch laufen ließ?"
"Wir werden euch gar nichts antun", beruhigte ihn Peter Wolf, "seid also unbesorgt. Wir holen nur unsere drei Freunde zurück und stecken euch dafür in die Hütte, in die ihr die Gefangenen einpfercht habt. Was dann mit euch geschieht, entscheiden wir später. Euer Betragen wird dabei eine wesentliche Rolle spielen."
Georg nahm den Männern die Waffen ab und legte sie auf einen Haufen.
Nur sein neues Gewehr nahm er an sich.
Er wollte es um keinen Preis der Welt wieder aus der Hand geben.
Er strich über den blanken Lauf.
Danach führten die beiden Freunde die Banditen zur Hütte.
Omar Pascha öffnete die Tür und beorderte die drei Gefangenen heraus.
Natürlich war die Wiedersehensfreude groß und nachdem die Menschenhändler in der Hütte einsaßen, lag man sich in den Armen.
Old Gunsmith klopfte Peter Wolf väterlich auf die Schulter und lobte ihn.
Du Kerl bist besser als manch ein Prärieläufer, obwohl es dein erstes großes Abenteuer war. Von dir kann selbst Georg noch das Eine oder Andere lernen."
"Du hast recht", brummte Georg Bauer verlegen, "auf den Gedanken mit der Freundschaft der beiden Kaiser wäre ich im Leben nie gekommen. Das hat uns die Freiheit gerettet."
"Als Seemann kam ich auf der Welt herum und da habe von Dingen erfahren, die sich als nützlich erweisen können."
***
Peter Wolfs erstes großes Abenteuer war hier zu Ende.
Georg Bauer erklärte sich bereit, mit Abdul und Ann Mary nach Medina zu reisen.
Er wollte ein echter Hadschi werden.
Er hatte hier unter Allahs Sonne eine neue Heimat gefunden und so wollte er selbst auf die traditionelle Hadsch.
Am nächsten Morgen brachen die Drei also nach Medina auf.
Derweil blieben Peter Wolf und Gunsmith im Dorf zurück.
Sie hielten hier Wache und erhalten sich von den bisherigen Strapazen der vergangenen Tage.
Die anderen erreichten am späten Nachmittag die Oasenstadt Al Madina, von den Europäern Medina genannt, mit ihren ausgedehnten Dattelhainen und den farbenfrohen Gemüsegärten.
Diese Stadt war neben Mekka seit Menschengedenken der zweitwichtigste Wallfahrtsort der Muslime.
Die gläubigen Pilger reisten hierher, um in der großen Moschee an den Gräbern von Mohammed, seiner Tochter Fatima, den Kalifen Abu Bakr und Omar ihre Gebete zu verrichten.
Diese Reisen nennen Muslime die kleine Hadsch und dürfen den Titel Hadschi vor ihrem eigentlichen Namen tragen.
Diese Zeremonie wurde vollendet, als die Drei sich vor den Gräbern der Genannten niederbeugten.
Georg Bauer und Abdul waren jetzt Hadschis, außerdem konnte Abdul endlich seine angebetete Ann Mary zur Frau nehmen.
***
Nach ihrer aller Rückkehr fand in Jiddah eine Heirat in kleiner Runde statt.
Als eingeladene Gäste waren nur die zwei Deutschen dabei.
Während das junge Paar sich in die stillen Ecken des Gartens zurückzog, um sich mit Zärtlichkeiten zu verwöhnen, stritten die Freunde und Gunsmith, damit sie einen geeigneten Namen für Georg Bauer fänden.
Dabei erhitzten sich ihre Gemüter.
Old Gunsmith fand im Streit einen durchaus geeigneten Namen für Georg.
"Ich glaube, dass wir dich Hadschi el Aleman, Reisender vom Stamme der deutschen Väter nennen."
Dass dieser Name dann allen gut gefiel, war auch dem Umstand zu verdanken, dass Gunsmith in seiner Werkstatt einen guten Tropfen Whisky gelagert hatte, mit dem sie auf den Namen anstießen.
Im Großen und Ganzen waren alle mit dem Ausgang der Geschichte zufrieden.
Gunsmith hatte einen Gesellen, der seinen traditionellen Beruf über seine Tage weiterführen würde.
Ann Mary hatte einen Ehemann, der sie alles auf der Welt verehrt und aufrichtig liebt.
Ihnen allen bleibt die Erinnerung an die Reise nach Medina.

***Ende***
(C) Jens Richter, 1988


Im Tal der Toten

Wer das Leben und Handeln der Tuareg verstehen möchte, der sollte die nachstehenden Worte des führenden Ahaggar-Stammesoberhauptes Semi ag Thora überdenken, mit denen er seine treuen Gefolgsleute erfolgreich gegen die französischen Besatzer und die zahlreichen Räuberbanden in den Kampf führte.
Er sprach: "Ihr wisst, was wir zu behüten haben. Uns geht es nicht um die Steine unserer Berge, um den Sand unserer Wüste, um die Wege der Karawanen. Uns geht es um unser freies Leben. Dieses Land gehört uns und wir sind seine Herren. Aller Reichtum ist unser, auch wenn wir es nicht verstehen ihn zu heben und arm bleiben im Wandel unserer Tage. So soll es bleiben. Niemand soll das Geheimnis unserer Vergangenheit lüften dürfen, niemand soll in die Schluchten des Hoggar steigen und nach den Wegen der Ahnen forschen. Sie müssen unser Geheimnis sein. Kein Fremder soll die Pracht der Bilder in den Höhlen und an den Felsen mit seinen machtgierigen Blicken besudeln. Jene Bilder, die unsere Vorfahren vor tausenden Generationen an die Felswände malten, als noch die wilden Tiere des Südens auf saftigen, grünen Hängen in Es-ssaharad weideten. Denn all das ist unser Leben, unsere Freiheit. Es gibt keine Herren über uns. Darum Brüder, wer in unser Land kommt mit Waffen und hat uns nicht gefragt und um unsere Gastfreundschaft gebeten, der ist unser Feind und soll von unseren Waffen sterben."
***
Es war einmal in den zwanziger Jahren diese Jahrhunderts, als die grüne Oase In Salah noch ziemlich dicht besiedelt war.
Die Bevölkerung dieses grünen Einods bestand größtenteils aus Beduinen und Tuareg, einer Hand voll Chaambani und etlichen ausgemusterten französischen Legionären.
Hier gab es weißgetünchte Hütten und einen Karawanserei für durchreisende Händler und Kaufleute in den Süden.
In diesem Serei hatte sich ein Händler eingerichtet, der all die Dinge des alltäglichen Bedarfs anbot und Reisende mit Kaffee, Tabak, Wasser und Essbarem versorgte.
Dazu genoss der Serei weithin den Ruf, eine vorzügliche Herberge zu sein.
Wenn nicht...
Also in diesem Serei begann meine kleine Geschichte.
***
Im Gastraum rasteten acht Männer, deren finsteres Antlitz es schon verriet, dass sie ihren Lebensunterhalt mit keinem ehrbaren Gewerbe verdienten.
Sie nippten gelangweilt an ihrem Kaffee, als ein Junge von etwa achtzehn Jahren eintrat.
Er war mit einer Karawane bis nach In Salah gekommen und wurde hier abgesetzt.
Der Name des Jungen war Franz Sommer.
Vorher hatte er sein Pferd untergebracht und es ausgiebig mit Wasser versorgt.
Da an dem langen Tisch kein Platz frei war und es auch sonst keinen weiteren Tisch mit freien Plätzen gab, ging er gleich zu dem Besitzer.
"Einen guten Tag", begrüßte der Junge alle Anwesenden.
"Tag", knurrten die Männer zurück.
"Womit kann ich ihnen dienen, junger Freund?", fragte der Händler geschäftig.
"Eine Kanne nicht zu starken Tee und eine gute Portion zu essen", antwortete der Junge.
"Sind sie allein in der Gegend hier?"
"Ja. Warum fragen sie?"
"Ist eine gefährliche Gegend hier. Die Ahaggar sind sehr unruhig, weil sich sehr viel Gesindel und auch die Franzosen für ihre Gegend interessieren."
"Das soll mich nicht kümmern! Ich möchte zu den Ahaggar, zum Wadi el Tuareg, wo mein Vater lebt."
"Was will er bei den denen?"
"So weit ich weiß hat er einen Amrar* von einer schweren Krankheit geheilt und aus Dankbarkeit einige Diamanten aus einem heiligen Tal von ihm versprochen bekommen. Ich reise zum Wadi, um meinen Vater dort abzuholen."
Im Gastraum erstarb jedes begonnene Gespräch.
Die acht Männer hatten der Unterhaltung nebenbei zugehört, standen jetzt auf und bedrängten den jungen Franz Sommer.
"Von Diamanten redest du? Das können wir dir nicht recht glauben", fragte einer lauernd.
"Kannst du das überhaupt beweisen?"
"Ja. Ich habe einen Brief von meinem Vater, in dem er alles genau beschrieben hatte. Ein Karawanenführer hat ihn mir übergeben, dem Vater den Brief mitgab."
"Zeig uns den Brief!"
"Nein. Der Brief gehört mir und ich zeige ihn keinem."
Was folgte, war voraus zu sehen.
Ein heftiger Fausthieb ins Gesicht steckte den Jungen nieder.
Die Meute stürzte sich auf ihn und man suchte bei dem Jungen den Brief.
Einer der Spießgesellen fand den Brief in der Jackentasche des Jungen und schrie: "Hier ist der Brief!"
Triumphierend hielt er ihn hoch.
"Wir nehmen den Jungen gefangen und tauschen ihn bei seinem Vater gegen Diamanten ein."
"Unsinn. Wir machen den Bastard kalt. Was sollen wir ihn durchfüttern. Wir haben den Brief und bekommen die Diamanten auf jeden Fall.", erwiderte ein Anderer.
"Machen wir ihn kalt", stimmte die Mehrheit zu.
Der Anführer nahm den Brief an sich und zog seinen Krummdolch aus dem Gürtel.
Er wollte schon zum tödlichen Stoß ausholen, als es hinter der Meute "Halt" schrie.
Zwei Hünen waren in diesem Augenblick in den Gastraum eingetreten.
***
Einer der Hünen war eine fröhliche Gestalt.
Sein Gesicht war im Laufe der Zeit von der Sonne rotbraun gebrannt.
Aus diesem Gesicht eine spitze Nase hervor, die jeder beliebigen Sonnenuhr als Schattenspender dienen konnte, so lang war sie geraten.
Die hellen Augen zur linken und rechten Seite des Riechers blitzten wachsam her drein.
Der Mund blieb verborgen, er war hinter einem Urwald aus grauen Barthaaren versteckt.
Nur die kleine Tabakspfeife, die hin und her tänzelte deutete an, dass der Hüne einen Mund besaß.
Als Kopfschutz diente ihm ein Kopftuch, welches ein schwarzes Kordelband zusammen hielt.
Am Leib trug der Hüne eine verschlissene Uniform der deutschen Marine und seine Hüfte schmückte ein breiter, reich verzierter Ledergürtel, in dem eine große Pistole, ein Offiziersmesser und ein vorsintflutliches, ausziehbares Fernrohr steckte.
Außerdem baumelte da noch ein Lederbeutel, der gewiss Munition und Tabak enthielt.
Dieser Mann hieß Peter Wolf und wurde allerorts "Admiral" genannt.
Der andere war eigentlich das Gegenteil des "Admiral".
Sein Gesicht war ebenmäßig und von edlem, fast romantischem Aussehen.
Seine Kleidung bestand aus einem graugrünen Anzug, dessen weite Hosen in enge, braune Schaftstiefel mündeten.
Genau wie bei seinem Pendant diente auch ihm ein weißes Tuch als Kopfschutz, dass ein Stirnband bei einander hielt.
Seine einzige Bewaffnung war ein doppelläufiges Gewehr, dass quer über seinem Rücken hing.
Dieses Gewehr, der Elefantentöter, gehörte einst dem berühmten Jäger Harry Quatermain.
Der Hüne hatte es einem befreundeten Waffenmeister aus al Madina abgekauft.
Doch das ist eine ganz andere Geschichte.
Dieser Hüne war der berühmte Hadschi el Aleman, der im fernen Deutschland unter dem bürgerlichen Namen Georg Bauer bekannt war.
Beide Männer waren Abenteurer, die im Norden des afrikanischen Kontinents umher reisten.
Sie zogen wie Nomaden durch die Wüste und waren rein zufällig in den Serei eingetreten, um eine ausgiebige Rast einzulegen.
"Hört ihr nicht!", mahnte der "Admiral".
"Lasst den Jungen ungeschoren oder ihr lernt uns gehörig kennen."
Der Anführer belächelte die Aufforderung des "Admiral".
"Ist euch die Sonne nicht bekommen? Wir sind acht Leute und ihr seid zu zweit."
"Werdet es schon sehen", brummte Hadschi el Aleman, "wie wir mit euch fertig werden!"
Mit diesen Worten sprangen die Zwei tollkühn auf die Meute ein und hämmerten mit den Fäusten auf die räuberische Brut ein.
Schlag auf Schlag saß und wenig später lagen die Räuber überwältigt am Boden.
Die beiden Hünen knebelten die Räuber und Hadschi el Aleman sprach zu dem Händler: "Ihr könnt die Banditen in zwei Stunden wieder laufenlassen. Wir sind dann längst über alle Berge, so dass sie uns nichts mehr anhaben können."
"So soll es geschehen. Ich bewundere eure Handschrift, Monsieurs. Es wäre auch schade um den Jungen gewesen. Es ist immer gut, wenn solches Gesindel tüchtig die Leviten gelesen bekommt. Dadurch wird denen klar ihre Grenze aufgezeigt."
Nachdem Franz Sommer zu sich kam, verließen die Drei den Karawanserei und holten ihre Pferde herbei.
"Wir werden mit dir reiten Junge", sprach der "Admiral" väterlich, "bis du sicher am Ziel deiner Reise bist. Du kannst uns beiden vertrauen, denn wir führen nichts Unrechtes im Schilde."
Man stellte sich einander vor und Franz Sommer gab das Ziel seiner Reise bekannt.
An dieser Stelle hätte die Geschichte enden können, aber der Junge hatte völlig vergessen den Brief den gefangenen Räubern wieder abzunehmen.
Im Serei war er viel zu sehr mit sich und seinem brummenden Schädel beschäftigt.
Sein Kopf schmerzte noch von dem harten Faustschlag und er war auch ganz froh darüber, mit dem Leben aus dieser missligen Lage davongekommen zu sein.
So fiel ihm der Verlust des brisanten Schriftstückes erst auf dem Weg zum Wadi el Tuareg ein.
***
Gegen Abend, die zwei Stunden waren längst abgelaufen, ließ der Händler, unter dem Schutz hinzugeholter französischer Legionäre, seine Gefangenen frei.
Er musste zwar eine Menge Schimpfworte und Morddrohungen ertragen, als sie den Serai verließen, aber er hatte ein dickes Fell und ertrug tapfer das zornige Lamentieren der Acht.
Die Banditen packten ihre Sachen zusammen, organisierten sich noch eine große Anzahl von Schachtwerkzeugen und reichlich Verpflegung.
Bei Anbruch der abendlichen Dämmerung verließen sie In Salah.
Alle Acht waren von dem Wahnsinn beflügelt, schnell zu dem Fundort der Diamanten zu gelangen und folgten der Richtung, die die drei Deutschen vor wenigen Stunden eingeschlagen hatten.
***
Die drei Deutschen ritten, abgesehen von mehreren Verschnaufpausen für Mensch und Tier, vier Tage und Nächte hindurch zum Wadi el Tuareg.
Hadschi el Aleman kannte den Weg von einer früheren Reise und führte somit die kleine Gesellschaft,
Vor vielen Jahren legte er am Wadi el Tuareg eine größere Ruhepause ein und genoss die Gastfreundschaft der Ahaggar.
Der Weg von In Salah bis zum Muydir-Gebirge verläuft ganz allmählich ansteigend.
Der Untergrund ist gipshaltig und eignet sich daher gut für einen straffen Ritt.
Im Muydir durchquerten sie zerrissene Schluchten, ritten vorbei an steilen Felswänden bis eine Hochebene das Gebirge ablöste.
Hier und da ragten Felssäulen aus dem heißen Sand.
Von hier ab verlief die Reise mühsamer.
Sie quälten sich über ein aufgeheiztes Sandmeer und mit Abschnitten auf losem Gestein.
Doch bald endete die Hochebene und erste Berge tauchten aus dem Sand auf wie eine Fata Morgana.
Die Deutschen waren im Hochland des Hoggar angelangt und drangen in die Bergwelt ein.
Im Zentrum dieser gespenstigen Bergwelt erreichten sie ein grünes Tal, in dessen Sohle das glasklare Wasser eines Bergsees das Licht in alle Himmelsrichtungen reflektierte.
Der Wadi el Tuareg.
Im Tal gab es saftiges Gras, wuchsen bunte Sträucher voller exotischer Früchte und Palmen, in deren Schatten die Zelte der Ahaggar aufgeschlagen waren.
Die Tuareg bewohnten diesen idyllischen Ort, in dem sonst so kargen Bergland, schon seit vielen Generationen.
Den Reitern kam etliche Ahaggar entgegen, geführt von Ihrem Stammesoberhaupt, dem Amrar.
Neben ihm schritt ein Europäer, Karl Sommer.
Die Ahaggar trugen allesamt dunkelblaue Gewänder und waren mit Lanzen, Schwertern oder vorsintflutlichen Flinten bewaffnet.
Frauen waren in der Menge nicht auszumachen.
Diese verrichteten traditionell ihre Arbeit bei den Zelten, kümmerten sich um die Verpflegung der Familien oder versorgten die Schafe auf den Talhängen mit Frischwasser.
Hier und da huschte mal eine vorüber und schaute neugierig auf das Treiben der Männer.
Ihre Gesichter verbargen die Frauen hinter Tüchern und nur ein schmaler Sehschlitz zeigte ihre Augen.
Im Gegensatz zu den Frauen kümmerten sich die Männer um den Handel, die Pflege der Waffen, trainierten die Jungen bei Kampfspielen und zogen auf Erkundungsritten durch die Berge.
"Franz", rief der Europäer erfreut.
"Endlich bist du angekommen. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht!"
"Vater, endlich sehe ich dich wieder?"
Sie umarmten sich.
Besorgt fragte der Vater: "Wer sind die beiden Männer da?"
"Keine Sorge, Vater. Das ist Hadschi el Aleman und der "Admiral"! Die Zwei haben mir in In Salah aus der Patsche geholfen und mir bis hierher ihren Schutz angeboten."
"Bitte erzähle mir alles, Franz!"
Franz erzählte das Erlebte seinem Vater, der sich dankend an die beiden Hünen wandte.
"Monsieurs, ich verdanke ihnen das Leben meines Sohnes und möchte sie als Gäste in mein Zelt einladen."
Darauf unterrichtete Dr. Sommer den Amrar von dem Gespräch der vier Deutschen und dieser stimmte der Einladung seines Freundes zu.
Die versammelten Tuareg verstreuten sich im Gelände und die Deutschen gingen zu Dr. Sommers Zelt.
Auf einem großflächigen, prächtig verzierten Teppich ließen sie sich nieder und führten eine rege Unterhaltung.
"Es war zwar unüberlegt von Franz, das Geheimnis der Diamanten ausgeplaudert zu haben und dass obendrein der Brief in die Hände von Räubern gelangt ist", meinte Dr. Sommer, "aber die werden keine Diamanten erbeuten. Die Höhle liegt im Tal ihrer Toten und kein Ort im Hoggar wird sorgfältiger von den Ahaggar bewacht. Es gilt als Todsünde, die Ruhe ihrer Toten zu stören."
Sie berieten, dass man am kommenden Morgen zum Tal der Toten reiten will, um im Falle, dass die Räuber auftauchen, ihnen einen gebührenden Empfang zu bereiten.
***
Doch die Ereignisse sollten sich noch weit günstiger entwickeln, als von den Deutschen im Augenblick erahnt.
***
Als es bereits dunkel war, erzählte Dr. Sommer am Lagerfeuer seinen Gästen, wie er in das Geheimnis der Diamantenhöhle eingeweiht wurde.
"Vor zwei Jahren gab es keinen Tag in Algier, an dem nicht Gerüchte umgingen, dass es in der Sahara Schätze von sagenhaftem Wert gibt. Mein Beruf ist Arzt, aber eine eigene Praxis konnte ich mir nicht leisten. Ich arbeitete in einem Hospital, aber dieser Wunsch ließ mich nicht mehr los. Den Gerüchten folgend, brach ich in die Sahara auf, um nach diesen Schätzen zu suchen. Ich wollte auf diesem Weg an das Geld für eine eigene Praxis kommen. Meinen Jungen ließ ich in Algier bei der Familie einer Stationsschwester zurück, die eng mit mir im Hospital zusammen gearbeitet hatte. Ich hätte Franz bei ihr abgeholt, sobald ich das Geld für meine Praxis zusammen getragen hatte. Schätze fand ich in der Sahara keine, aber überall gab es Leidenende und Verunfallte, denen ich als Arzt helfen konnte. So auch dem Amrar dieses Stammes. Mir erzählte ein Karawanenführer von seinem Leid und brachte mich zu diesem Ort hier. Der Amrar war schwer gestürzt und lag mit geschwollenen Gliedmaßen schon tagelang im Fieber. Er verweigerte dem Geisterbeschwörer alles Essen und Trinken. Ich schiente seine gebrochenen Glieder, kühlte Tag und Nacht seine Stirn, bis das Fieber endlich zurückwich. Während der gesamten Zeit flößte ich dem Kranken Kräutertee und aufgeweichten Zwieback ein. Beide hatte ich ursprünglich zum eigenen Bedarf mit auf meine Reise genommen. Der Amrar kam rasch zu Kräften und schon bald spazierte er, anfangs recht klapprig, später aber schon sicherer im Gelände umher. Während der langen zeit seiner Genesung freundeten wir uns an und im Vertrauen führte er mich zur Diamantenhöhle im Tal ihrer Toten. Er versprach mir, mich mit so vielen Diamanten zu beschenken, wie ich für die Einrichtung und für den Kauf meiner Praxis benötigte."
***
In der Dunkelheit jener Nacht erreichten die Räuber das Gebiet um den Wadi.
Ihre Pferde ließen sie in einer Schlucht zurück, damit sie nicht durch das Schnaufen der Tiere verraten wurden.
Lautlos folgten sie hastig einem Pfad tief in die Berge.
Der Brief des deutschen Arztes wies ihnen den Weg.
Der anfangs enge Pfad mündete in ein steiniges Tal, zu beiden Seiten mit längst verwitterten Kraterketten eingeschlossen.
Lange schlängelte sich das Tal zwischen Kraterbergen hindurch, ehe es mit einem gewaltigen Talkessel endete.
Die Räuber waren im Tal der Toten angelangt und entdeckten dem vom Mondschein angestrahlten Eingang der Diamantenhöhle.
Der Talkessel selbst bot ihnen ein schauriges Bild.
Überall waren Steinhaufen in die Höhe gestapelt, die Gräber der verstorbenen Ahaggar.
Jahrhunderte hindurch diente das Tal als letzte Ruhestätte der Toten.
Hier wurden ihre Ruhe von Allah und den guten Geistern der Berge beschützt.
Inmitten dieser friedlichen Stille platzten die Banditen herein.
Mit lautstarken Getöse folgten sie dem Mondschein und verschwanden im Inneren der Höhle.
***
Hoch oben auf den Bergen verfolgten zwei Ahaggar das Treiben im Talkessel.
Es waren die Wächter des Tales, die über die Ruhe der Toten wachten.
Da den Beiden die Anzahl der Eindringlinge für einen Überraschungsangriff zu groß war, hielten sie davon ab, die Räuber mit ihren Flinten zurück zu jagen.
Statt dessen eilten sie zum Wadi, um Hilfe von den Stammesbrüdern herbei zu holen.
Noch vor Morgengrauen gelangten sie im Wadi an und besprachen gleich die Ereignisse mit dem Amrar.
Der Stammeshäuptling trommelte seine Leute zusammen und zog auch die Deutschen hinzu.
Die Ahaggar mussten die Räuber vernichten, den diese störten die Ruhe der toten Ahnen und missachteten ihr wichtigstes Heiligtum.
Nicht einer sollte aus dem Tal mit dem Leben davonkommen.
Eilig formierte sich eine große Schar der Ahaggar und folgte dem Pfad zum Tal der Toten.
Die Deutschen liefen hinterher.
Sie durften nur als Beobachter der bevorstehenden Kampfhandlung beiwohnen, denn als Gäste der Ahaggar hatten sie sich in deren Angelegenheiten nicht einzumischen.
Die Tuareg waren stolze Krieger mit Kampferfahrung, die sie bei jahrelangen Auseinandersetzungen mit Wüstenräubern, Schatzjägern und französischen Legionären erworben hatten.
Damit man den Eindringlingen nicht unter die Augen kam, bezog man Stellung auf den anliegenden Bergen, geschützt von Fels- und Gesteinsblöcken.
Hier konnten sie geduldig ausharren, bis die Gegner in die Schussweite ihrer Flinten kamen.
Es sollte jedoch noch etwas Zeit verstreichen, ehe alle Todgeweihten die Höhle wieder verließen.
Im Inneren der Höhle durchforsteten die Räuber die bizarren Labyrinthe nach Diamantenrohlingen und unterbrachen erst zur Mittagszeit ihre Suche.
Ermüdet schleppten sie sich vor die Höhle, um draußen ein Mittagsmahl einzunehmen.
Der beste Zeitpunkt für den Angriff.
Ein greller Pfiff des Amrars hallte durch die Berge.
Danach knatterten aus allen Himmelsrichtungen die Flinten der Ahaggar.
***
Der Angriff fand ein schnelles Ende, denn den überraschten Räubern blieb keine Chance das Leben zu verteidigen und sich Schutz zu suchen.
Ihre Körper lagen über den Boden des Talkessels verstreut.
Die Tuareg versammelten sich vor der Höhle.
"Meine Brüder und meine Freunde", sprach der Amrar würdevoll.
"Wir haben gemäß unseres alten Schwurs unsere Schuldigkeit getan. Der Ruhe unser teuren Ahnen droht keine Gefahr mehr. Lasst uns die toten Feinde begraben und dann ziehen wir zu Wadi zurück."
Er wandte sich an die Sommers.
"Meinen Freunden aus dem fernen Alemannia erlaube ich, so viele von den klaren Steinen zu nehmen, wie euer Herz begehrt."
"Danke dir, edler Freund.", antwortete Dr. Sommer und ging mit seinem Sohn zur Höhle.
Im Inneren schimmerte es an allen Stellen.
Die kostbaren Edelsteine waren an den Höhlenwänden angewachsen und reflektierten das vom Höhleneingang einfallende Tageslicht.
Die beiden Sommers betrachteten fasziniert die Schönheit dieser Höhle.
Es kam ihnen vor, als währen beide in eine phantastische Welt eingedrungen.
Die Räuber hatte bereits ganze Arbeit geleistet und etlige Diamanten von den Höhlenwänden abgeschlagen.
Diese Steine waren am Höhlenboden zu einem kleinen Häufchen aufgeschüttet.
Dr. Sommer nahm sich eine Hand voll der begehrten Steine und verstaute sie in den Taschen seiner Begleitung.
Für die beiden Hünen packte er ebenfalls ein paar kostbare Steine in sein Taschentuch ab.
"Nun steht meinem Traum von einer eigenen Praxis nichts mehr im Wege.", jubelte der Arzt. "Wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet?"
"Ja, Vater!", freute sich Franz mit ihm.
Nachdem beide Sommers die Höhle verlassen hatten und Dr. Sommer Hadschi el Aleman das gefüllte Tuch übergab, raunte dieser dem "Admiral" zu: "Die Diamanten haben ihren Wert, aber das Erlebnis im Tal der Toten wird für mich unvergesslich bleiben."
Der Angesprochene nickte.
"Na dann auf zu unserem nächsten Abenteuer! Ich glaube in dieser Gegend brauchen wir allzu lange darauf warten."
***
Und wenn die Vier nicht gestorben sind, dann praktiziert Dr. Sommer längst in seiner eigenen Praxis, Franz studiert vielleicht Medizin und die beiden Hünen reisen irgendwo im Norden Afrikas umher.

*Häuptling

***Ende***


Die letzte Mission

Magdalena
Wir kamen bei eintretender Abenddämmerung im Fort Miribel an, um zu verschnaufen und die ermüdeten Reitpferde zu versorgen.
Das Fort war seit jeher eine größere Wehranlage.
Hier standen ein gutes Dutzend flache, weißgetünchte Bauten, denen es Türen und Fenstern fehlte.
Statt dessen hingen Vorhänge in den Türrahmen und ölgetränktes Pergament war in die Fensteröffnungen gespannt.
In diesen Zweckbauten lebten französische Legionäre, andere dienten als Ställe für ihre Reitpferde.
Um das gesamte Fort war ein Schutzwall aus losem Gestein und Sand aufgeschüttet, von einer Höhe, die jeden Angreifer davon abhalten sollte, ihn zu überwinden.
Der einzige Zugang zum Inneren des Fort war ein Wachturm mit Tor.
Auf einem Bau wehte die Trikolore und über deren Eingang mit schwarzen Buchstaben " LE COMMANDANT" stand.
Hier saß der Kommandeur der Einheit.
***
Als Reisende mussten wir uns bei ihm melden, so verlangten es die Anordnungen des französischen Militärs.
Hadschi el Aleman zog es vor, die Pferde zu versorgen und an mir blieb es hängen, das Formelle zu erledigen.
Gerade als ich den Vorgang der Türöffnung zur Seite gezogen hatte, stürzte mir eine junge Frau schluchzend entgegen.
Dicke Tränen kullerten ihr über die Wangen.
Wir prallten aneinander.
Ohne sich bei mir zu entschuldigen, rannte sie davon und warf sich vor einer Hütte nieder.
Sie weinte laut und schlug mit ihren kleinen Fäusten in den sandigen Boden.
Mir tat die junge Frau leid.
So trat ich zu ihr hin.
Beim Kommandanten konnte ich uns auch später ankündigen.
"Hallo junge Frau, kann ich ihnen helfen?", fragte ich. "Ist ihnen etwas Schlimmes widerfahren?"
Sie sammelte sich und schaute zu mir auf.
Mit der linken Hand wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und musterte mich.
Die Frau war eine Schönheit.
Lange braune Haare wallten von ihrem Kopf und rahmten ihr hübsches Gesicht ein.
Zwei dunkle Augen sahen mich forschend an.
Ihre Nase war klein und spitz.
Ihr rosafarbener Mund und die dunklen Augenbrauen gaben ihrem Gesicht einen edlen, fast romanischen Ausdruck.
Von ihrem Körper konnte ich in diesem Augenblick nichts erkennen, der war mit einen Umhang behangen, der bis zu den Füßen hinunterreichte.
Mit bebender Stimme sprach sie zu mir: "Da sie einen vertrauenswürdigen Eindruck auf mich machen, möchte ich ihnen gern erzählen, was mich so sehr belastet. Es geht um die Ehre meiner Familie."
Ich stellte mich kurz vor.
"Ich bin Peter Wolf, ein Deutscher, der die Sahara bereist. Meine Intuition verrät mir, dass sie dringend Hilfe benötigen. Wollen sie mir sagen, was ihnen auf der Seele lastet."
Sie zögerte kurz, doch dann begann sie.
"Mein Vater, ein angesehener Offizier war Führer einer Expedition, die Erz- und Mineralvorkommen in der Sahara erforschen sollte. Die Expedition gilt als verschollen, da bis auf einen verwirrten Geologen, keiner wieder lebend aufgefunden worden war. Der Kommandant dieses Forts, dessen Unterstellter mein Vater war, wirft ihm vor, dass mein Vater sich mit der Ausbeute der Expedition aus dem Staub gemacht hat. Meinem Vater wurden alle Ehren zum Vaterland anerkannt. Aus diesem Grund lehnt der Kommandant es kategorisch ab, nach dem Verbleib der Expedition zu suchen. Ich kann diesen Vorwurf gegen meinen Vater so nicht stehen lassen. Ihm ging das Vaterland stets über alles. Außerdem hätte mich Vater nie und nimmer allein in dieser Einöde zurückgelassen. Bitte sagen sie mir, ob ein Offizier so gehandelt hätte, stand er doch stets treu und ergeben zum Vaterland."
"Was ich von der Sache halte, fragen sie Mademoiselle? Ich kenne ihren Vater nicht und erlaube mir daher kein Urteil über ihn. Ich kann ihnen anbieten, dass mein Gefährte Hadschi El Aleman und ich ihnen bei der Suche nach der verschollenen Expedition behilflich ist. Vielleicht lässt sich die Ehre, die ihrem Vater versagt wurde, dadurch wieder herstellen."
Die junge Frau schluchzte herzzerreißend.
Ich fuhr fort: "Die Wege in der Sahara sind unergründlich. Die Vater kann in die Hände von Räubern oder Menschenhändlern gefallen sein. Ebenso ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Expedition von den Ahaggar, einem tapferen Tuaregstamm aufgerieben worden ist, als sie in das Territorium dieses Volkes eingedrungen sind. Wer weiß das schon. Gibt es denn außer diesem bemitleidenswerten Mann, der seine Sinne verloren hat, keine verwertbaren Spuren? Dort könnten wir mit unsere Nachforschungen ansetzen."
"Dieser Verrückte ist Leutnant Bernard. Er bringt kaum noch zusammenhängende Sätze über seine Lippen. Eine berittene Patrouille hatte ihn dehydriert und halb verhungert in der Wüste aufgelesen."
"Er steht wegen der erlittenen Strapazen sicherlich unter einem schweren Schock.", unterbrach mein Freund und Gefährte unser Gespräch.
Die junge Frau und ich waren so in unser Gespräch vertieft, dass keiner von uns beiden mitbekommen hatte, dass Hadschi el Aleman uns bereits ein Weile zugehört hatte.
"Wer sind sie?", fragte die Frau erschrocken. "Sie haben uns belauscht und unsere Unterhaltung gestört."
"Ich bin Georg Bauer und trage hier in der Wüste den Ehrennamen Hadschi el Aleman. Wenn es ihnen nichts ausmacht Mademoiselle, würde ich jetzt ihren verehrten Namen erfahren.
Er lächelte sie bei seinen Worten an.
Mir war in diesen Moment selbst erst aufgefallen, dass ich tatsächlich versäumt hatte, ihren Namen zu erfragen.
"Ich bin Magdalena Depardier und mein Vater, um den es hauptsächlich geht, ist Colonel Depardier."
"Was mich interessiert", forschte Hadschi el Aleman weiter, "hat dieser Leutnant Bernard irgendwelche Worte in seinem Zustand gesprochen?"
"So ist es. Er murmelt unentwegt: Singender Fels - Häuptlingsgrab - Schatz in tiefer Schlucht", erinnerte sich Magdalena.
Unser Gespräch fand eine kurze Unterbrechung.
Hadschi el Aleman dachte angespannt nach.
Schließlich meinte er: "Ich kenne das Grab am Singenden Felsen. Es ist die Ruhestätte eines großen Häuptlings der Ahaggar. Diese Grabstätte ist mit reichlich Geschmeide und prunkvoll verzierten Waffen ausgeschmückt. Wenn sich die Männer der Expedition an diesem Grab vergriffen haben, so wurden sie allesamt vernichtet. In den Bergen haben die Felsen Augen und schnell sind die Ahaggar gewarnt. Und bei Gott, sie verstehen in dieser Hinsicht keinerlei Spaß."
"Die Barbaren", heulte die junge Frau auf.
"Nein", stritt Hadschi el Aleman ab. "Dieses Volk hat das Recht seine Heiligtümer zu schützen, denn sie haben mit den Franzosen schon des öfteren schlechte Erfahrungen gemacht."
Hadschi el Aleman machte erneut eine kleine Pause, ehe er das Gespräch fortführte.
"Wir brechen morgen früh zeitig auf, nehmen reichlich Wasser und Proviant mit und reisen direkt zu den Ahaggar. Sicher wird sich bei ihnen das Rätsel um die verschollene Expedition aufklären. Magdalena, besorgen sie sich ein kräftiges Pferd, ein gutes Gewehr für den Notfall und Munition. Ich bin mir sicher, dass sie sich als Offizierstochter damit gut auskennen."
Die letzte Bemerkung sprach mein Gefährte nicht ohne ein Quäntchen Ironie aus.
Aber Hadschi el Aleman meinte es meist nicht so.
Er kannte einige Offizierstöchter aus vergangenen Tagen.
Die meisten waren ebenso mutig und draufgängerisch wie ihre Väter.
Magdalenas Reisevorbereitung würde bestimmt keine schlechte sein.
"Eine kurze Frage noch", Magdalena fragte zögerlich, "warum seid ihr Beiden so sicher, dass wir nicht auch von den Tuareg überfallen werden?"
"Weil Hadschi el Aleman ein guter Freund der Ahaggar ist und von ihnen als großer Krieger verehrt wird."
Meine Worte räumten bei Magdalena die letzten Zweifel aus.
Sie bedankte sich für unsere Unterstützung und verabschiedete sich für heute von uns.
Später meldeten wir uns Beide noch in der Kommandantur, ehe wir uns im Freien, eingehüllt in Schafwolldecken, schlafen legten.
Unser Dach war das Himmelszelt.

Der Kara
Am darauf folgenden Morgen brachen wir gen Süden auf
Magdalena erkannten wir kaum wieder.
Sie trug eine zweckmäßige enge Reitkleidung und passende Stiefel.
Ihr Reisegepäck war über dem Hinterteil ihres Pferdes, eines vorzüglichen Tieres verstaut.
Außerdem hatte sie ein französisches Karabinergewehr dabei, dass in der linken Seite in einer Satteltasche steckte.
Fünf volle Tage brauchten wir, um zur Oase In Salah zu gelangen.
Unser Weg führte dabei über weit gestreckte Sandebenen und steinige, felsige Gebiete.
Der Ritt war mühselig, doch unsere Reisegefährtin hielt ausgezeichnet durch.
Ich fand genügend Zeit, um Magdalena zu betrachten.
Sie bemerkte meine Blicke und lächelte mir verlegen zu.
Ab und an legten wir Rastpausen ein.
Dann aßen und tranken wir ausgiebig und versorgten auch unsere Pferde von dem mitgeführten Wasservorrat.
Nach diesen Mahlzeiten schliefen wir meist ein, zwei Stunden, bis uns Hadschi el Aleman zum Aufbruch drängte.
***
In In Salah waren wir längere Zeit nicht gewesen und mussten feststellen, dass sich die grüne Oase kaum verändert hatte.
Zu jener Zeit war die Oase für Wüstenverhältnisse bereits ziemlich stark besiedelt.
Da lebten größtenteils Beduinen, Chaambani und einige Franzosen.
In der Oase gab es weißgetünchte Hütten, einen Karawanserei für Reisende und Kaufleute und einen kleinen See mit quell klarem Wasser.
Wir sprangen von unseren Pferden und brachten unser Gepäck in den Serai.
Hadschi el Aleman hatte beschlossen, hier die Nacht zu verbringen.
Dieser luxuriöse Bau war die beste Herberge weit und breit, da es ringsherum nur Sand und loses Gestein gibt.
Im Gastraum des Karawanserei richteten wir unser Lager ein.
Kaum war eine Stunde verstrichen, da gesellte sich eine Karawane zu uns.
Ihr Weg führte sie nach Norden und da er die Oase tangierte, nutzten sie ebenfalls die Gelegenheit für eine Rast.
Die Karawane zählte fünf Männer und ein gutes Dutzend Kamele.
Wir saßen mit den Männern beisammen, aßen, tranken und führten rege Gespräche miteinander.
Einer von ihnen war ein Hakawati, ein Geschichtenerzähler.
Er trug eine Geschichte vor, die Hadschi el Aleman und ich vor Jahren selbst erlebt hatten.
Er hatte irgendwo unser Abenteuer aufgeschnappt und trug es interessierten Frauen, Männern und Kindern vor.
Auf diese Art verbreiteten sich in Afrika die spannendsten Geschichten wie in Deutschland einst die Volksmärchen.
Ich habe die Geschichte des Hakawati absichtlich aus dieser Erzählung herausgenommen, um sie im vorliegenden Band etwas ausführlicher unter dem Titel "Im Tal der Toten" zu veröffentlichen.
Nachdem der Hakawati seine Geschichte beendet hatte, musste ich laut lachen, denn mein Aussehen hatte er doch etwas übertrieben dargestellt.
Der Hakawati entzürnte sich über mein Lachen.
"Wenn dir meine Geschichte nicht gefallen hat", fauchte er mich an, "dann erzähle uns doch eine bessere!"
Auch seine Leute setzten eine beleidigte Miene auf.
"Ich lache doch nicht über deine Geschichte", wehrte ich entschuldigend ab. "Sie gefällt mir außerordentlich gut. Doch soll ich, der Admiral wirklich so drollig aussehen?"
"Was, du bist der berühmte Admiral?"
Der Hakawati war jetzt doch verblüfft.
"Ja, ich bin Peter Wolf, der Admiral."
"Ist dann dein Gefährte Hadschi el Aleman?"
"So ist es! Wir Beide sind hier auf der Durchreise, um für die junge Mademoiselle einen wichtigen Auftrag zu erfüllen."
"Dann fühlen wir uns sehr geehrt, mit den legendären Helden der Wüste zusammen ein Mahl eingenommen zu haben."
***
"Was für eine Mission?", fragte eine fremde Stimme aus dem Hintergrund.
Die ganze Runde hatte nicht bemerkt, dass ein Fremder den Gastraum des Serails betreten hatte.
Das war gewiss in der Zeit geschehen, als wir gespannt dem Hakawati lauschten.
Hadschi el Aleman und ich beantworteten die Frage nicht.
Der Unbekannte war von großer Statur.
Er trug einen dichten, dunklen Vollbart.
Seine Augen funkelten unheimlich.
Sein gesamter Leib war mit einem glänzenden, schwarzen Brokatmantel bedeckt, der soweit hinunterreichte, dass nur die Spitzen seiner Stiefel hervorschauten.
"Mein Herr", sprach Hadschi el Aleman scharf, "wir möchten gern wissen, mit wem wir es zu tun haben. Außerdem geht es niemanden etwas an, wessen Auftrag wir zu erfüllen haben. Es geht um die Ehre eines hochrangigen, französischen Offiziers."
Der Fremde zog sich in eine Ecke zurück und schwieg.
Hadschi el Aleman hatte ihm eine deutliche Abfuhr erteilt.
In der Sahara muss man auf jedes Wort genau achten, denn es kann schnell passieren, dass man von Sklavenjägern oder Räubern aufgelauert wird.
Ebenso lebensbedrohlich kann es werden, zwischen die Blutfehde verfeindeter Nomadenstämme zu kommen.
In beiden Fällen ist dann das Leben keinen Dreier mehr wert.
Die Männer der Karawane legten sich zum Schlafen nieder.
Ihnen blieb nicht verborgen, dass unsere Aufmerksamkeit jetzt dem mysteriösen Fremden galt.
Wir mussten auf der Hut sein, denn er schien sich weiterhin für uns zu interessieren.
Doch unsere Vorsicht half nichts, denn Magdalena witterte keine Gefahr und plauderte dem Fremden unbedarft das Ziel unser Reise aus.
Hadschi el Aleman winkte mich zu sich heran.
Dabei flüsterte er mir zu: "Dieses Weib ist einfach nur naiv. Der Fremde ist vermutlich der berüchtigte Kara, ein äußerst gefährlicher Wüstenräuber. Sein Aussehen deckt sich mit den Aussagen seiner zahlreichen Opfer. Es wäre von Vorteil, wenn du im Schutz der Dunkelheit zu den Ahaggar aufbrichst und Abu Seif um Unterstützung bittest. Der Fremde weiß jetzt von dem Grab und ich bin mir sicher, dass er auf die Schätze abgesehen hat. Ich werde mit Magdalena am Morgen nachfolgen."
***
Als alles schlief, verabschiedete ich mich von meinem Freund.
Darauf nahm ich mein Gepäck und meine Waffen, sattelte mein treues Pferd und schlug den Weg zum Hochland des Hoggar ein.
Ich konnte in diesem Moment nicht erahnen, dass ich Hadschi el Aleman ein letztes Mal die Hände drückten sollte.

Das Grab am Singenden Felsen
Ich ritt vier Tage zum Wadi el Tuareg.
Den Weg kannte ich noch von einem früheren Abenteuer und somit kam ich ganz zügig voran.
Von In Salah zum Muydirgebirge steigt das Terrain sanft an.
Der Untergrund ist gipshaltig und eignet sich ausgezeichnet für einen straffen Ritt.
Im Muydirgebirge durchquerte ich zerrissene Schluchten, ritt an steilen Felswänden entlang bis eine Hochebene das Gebirge ablöste.
Hier und da ragten hohe Felssäulen aus dem heißen Sand.
Meine Reise verlief jetzt mühsamer.
Soweit das Auge reichte, glühender Sand und loses Gestein.
Doch irgendwann endete die Hochebene und vor mir tauchten die ersten Berge auf.
Ich war im Hoggar angelangt und drang in das Innere der Bergwelt ein.
Nach einer Weile erreichte ich ein grünes Tal, in dessen Talsohle ein kleiner See schimmerte.
Der Wadi el Tuareg.
Im Tal wuchsen Palmen, Buschwerk und saftige Gräser.
Mein Pferd wieherte verzückt.
Unter den Palmen waren die Zelte der Ahaggar aufgeschlagen.
Die Tuareg waren hier an diesem grünen Fleck zu Hause, einem der wenigen in der sonst so kargen Bergwelt.
Viele Menschen schritten mir entgegen, angeführt von ihrem Stammesoberhaupt und unserem Freund Abu Seif.
Abu Seif war ein großer, hagerer Mann.
Er trug wie alle Stammesbrüder ein weißes Gewand und ein schweres Schwert an der Hüfte.
Die Ahaggarfrauen waren von Kopf bis Fuß in blaue oder dunklere Gewänder eingehüllt.
Alle jubelten begeistert: "Der Gefährte unseres Freundes Hadschi el Aleman ist gekommen!"
"Peter Wolf", sprach der Amrar, "sei uns willkommen. Was führt dich zu uns?"
"Ich komme in einer ernsten Sache zu euch. Doch sei mir nicht böse, wenn ich erst einmal verschnaufen möchte. Mein Weg von In Salah zu eurem Dorf war anstrengend und ich hatte unterwegs mir kaum Ruhe gegönnt. Ich werde dir alles wichtige erzählen, wenn ich wieder bei Kräften bin."
"Ich werde mich gedulden und warten. Nimm mein Zelt, es steht jederzeit für dich offen. Hadschi el Alemans Freunde sind auch mein Freunde."
Ich ließ mich vom Pferd gleiten, um das sich sogleich ein Krieger kümmerte.
Mein braves Reitpferd wurde am Ufer des Sees angepflockt.
Ich folgte in Abu Seifs Zelt.
Nachdem er mich kurz eingewiesen hatte, ging er eigene Wege.
Ich wusch mich ausgiebig und sank müde in ein Lager aus Schafsfellen.
Durch ein energisches Rütteln am Körper wachte ich ungefähr nachmittags auf.
Abu Seif hatte mich geweckt.
"Mein Freund, du hast beinahe einen ganzen Tag geschlafen. Ich musste dich jetzt wecken."
"Was, ich habe einen ganzen Tag verschlafen?", fragte ich entsetzt. "Dann ist unbedingt Eile geboten."
"Bleib ruhig, Peter. Erzähle mir erst einmal, in welcher dringenden Angelegenheit du mich sprechen möchtest."
"Nun gut. Vor geraumer Zeit war vermutlich eine Expedition im Tal der Singenden Felsen gewesen. Habt ihr vielleicht Kenntnis davon, was mit dieser Expedition geschehen ist?"
"Abu Seif hat seinen Kriegern befohlen, diese Franzosen zu vernichten. Sie haben das heilige Grab im Tal entdeckt und es stand zu befürchten, dass sie es ausplündern würden. Kein Fremder darf je die Ruhe Toten stören und die Gräber schänden. Doch woher weiß mein Freund davon?"
"Eine junge Französin, Magdalena Depardier, möchte mit unserer Hilfe in Erfahrung bringen, wo ihr Vater abgeblieben ist. Ihr Vater ist ein französischer Colonel, der jene Expedition geleitet hatte. Ein gewisser Leutnant Bernard ist mit dem Leben davongekommen und wurde in der Wüste von einer Militärpatrouille aufgefunden. Dieser Leutnant faselt wirre Dinge. Aus diesen Wortfetzen hatte sich Hadschi el Aleman zusammengereimt, dass es sich um das Tal am Singenden Felsen handeln muss. Jetzt befindet sich Hadschi el Aleman mit der Französin auf dem Weg dahin."
"Hadschi el Aleman ist ein weißer Krieger. Er errät alles."
"Aber das ist nicht alles! In In Salah hat die französische Mademoiselle die Geschichte einem Fremden erzählt. Und Hadschi el Aleman ist sich sicher, dass dieser Fremde der berüchtigte Kara ist."
"Vom Kara sprichst du? Dieser Schuft! Mit diesem ungläubigen Hund haben wir schon lange eine Rechnung offen. Er raubt uns unsere Frauen und unsere Schafe. Sollten wir ihn in die Finger bekommen, dann ist sein Leben soviel wert wie der Sand in deiner Hand. Bei Allah!"
"Hadschi el Aleman glaubt, dass der Kara mit seinen Räubern zusammenkommt, um dann gemeinsam zum Singenden Felsen zu reiten. Schicke bitte deine besten Krieger dorthin, um den Kara abzufangen. Ich werde das ungute Gefühl nicht los, dass sich Hadschi el Aleman und Magdalena in großer Gefahr befinden."
"Mein Freund, für heute ist es zu spät, um zum Tal aufzubrechen. Es wird bald dunkel. Morgen beim ersten Sonnenstrahl brechen wir auf. Meine besten Krieger werden mit uns reiten."
Da alles Wichtige besprochen war, ging Abu Seif zu seinem Zelt.
Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen und saß bis zum Morgengrauen am Wadi.
In der gesamten Zeit dachte ich an den bevorstehenden Tag.
Die Sorge um den geliebten Freund und Magdalena ließen mich keine Ruhe finden.
Warum hatte ich bloß so fest und lange geschlafen?
***
Am frühen Morgen, mit aufgehender Sonne brachen wir auf.
Ich hielt mich an Abu Seif, der dicht neben mir schritt, denn in den verzweigten Tälern konnte man schnell die Orientierung verlieren.
Hinter uns die Kriegerschar.
Sie alle trugen lange Flinten, Schwerter an den Hüften und auf dem Rücken mittelalterliche Schilde.
Wir sahen sicherlich wie eine Schar aus, die einst gegen die Kreuzfahrer ins Feld gezogen waren.
***
Nach geraumer Zeit durchquerten wir ein breites Tal.
Abu Seif gebot seinen Kriegern, dass sie sich ruhig verhalten sollten.
Zu mir sprach er im Flüsterton: "Gleich erreichen wir den Talkessel, in dem sich das Grab am Singende Felsen befindet. Falls der Kara und seine Männer sich schon Vorort befinden, nutzen wir den Überraschungsmoment und greifen sie unverzüglich an."
Vorsichtig pirschten wir vorwärts.
Die Räuber waren wie von uns bereits vermutet, am Häuptlingsgrab.
Sie hatten die Grabstätte aufgerissen und den wertvollen Inhalt beiseite geräumt.
An einen Felsen gelehnt saßen Hadschi el Aleman und Magdalena.
Ihre Hände waren auf dem Rücken gefesselt.
Mit lautem Kampfgeschrei stürmten die Ahaggar voran.
Ein heftiger Schusswechsel folgte.
Plötzlich ein Aufbäumen von Hadschi el Aleman.
Dann fiel er getroffen in den Sand.
Ich ließ mein Gewehr fallen und eilte, jede Gefahr außer Acht lassend, zu meinem Freund.
Ich wollte es nicht wahrhaben.
Hadschi el Aleman war tot, mit einem Einschussloch im Nacken.
Eine verirrte Kugel musste vom Felsen abgeprallt sein und hatte den Hünen getroffen.
Auch Magdalena schaute erschrocken zu dem teuren Toten.
***
Genau in diesem Augenblick blies ein Windzug durchs Tal.
Der riesige Singende Felsen bot dem Wind Widerstand und begann eine schaurige Melodie zu pfeifen.
Ein eiskalter Schauer lief an mir hinunter.
Meine Augen brannten vor Schmerz.
Der Kampf um uns herum fand ein schnelles Ende.
Der Kara und seine Räuberbande waren vernichtet.
Ich löste Magdalenas Fesseln, während Abu Seif zu uns trat.
"Der große Krieger Hadschi el Aleman ist bei Allah angekommen. Der Singende Felsen hat es verkündet.", sprach er würdevoll.
"Gott sei seiner guten Seele gnädig", flüsterte ich.
Magdalena legte ihre Arme um meinen Hals und weinte bitter.
Das heiße Nass ihrer Tränen rannte mir den Nacken hinunter.
"Es ist meine Schuld", schluchzte sie, "hätte ich dem Kara nicht alles ausgeplaudert, so wären wir nicht in diese Misere gekommen."
"Unsinn. Das Schicksal hat es so verfügt. Bitte sage mir, was geschehen war, nachdem ich In Salah verlassen hatte?"
Magdalena erzählte mir in knapper Ausführung das Geschehene.
Am nächsten Morgen verließen die Beiden den Serail.
Der Kara gab sich ihnen als frommer Missionar aus und bat darum, dass er sich ihnen anschließen dürfe.
Hadschi el Aleman blieb dem Kara gegenüber jedoch auf der gesamten Reise misstrauisch.
Er bekam recht schnell mit, dass sie mit großem Abstand von etlichen Reitern verfolgt wurden.
In den zerklüfteten Schluchten des Muydirgebirge wurden sie von den Verfolgern recht schnell eingeholt.
Hadschi el Aleman und Magdalena mussten sich der Übermacht recht schnell geschlagen geben.
Wie es Hadschi el Aleman von Anfang an vermutet hatte, war ihr Begleiter der berüchtigte Kara, der sogleich das Kommando übernahm.
Unter Androhung von körperlicher Gewalt führte Hadschi el Aleman den Kara und seine Männer zum Grab am Singenden Felsen.
Dann plötzlich der Angriff der Ahaggar, der das Tun der Räuber vereitelte.
***
Zwischenzeitlich hatten die Ahaggar das Grab wieder hergerichtet.
Außerdem begruben sie die toten Räuber.
***
Je länger ich darüber nachdachte, ergab das hier alles keinen Sinn.
Darum sprach ich zu Abu Seif und Magdalena: "Die Waffen und der Schmuck aus dem Grab können doch nicht von diesem Wert sein, dass Leutnant Bernard damit einen Schatz gemeint hat. Zumal das Grab von der französischen Expedition nicht einmal geöffnet wurden ist. Wir sollten den seitlichen Arm der Schlucht dort näher untersuchen, ob irgendetwas zu finden ist."
Ich wies zu einer schmalen Schlucht, die seitlich vom Talkessel weg führte.
Erst vor wenigen Minuten hatte ich den Spalt rein zufällig entdeckt und mich sogleich daran erinnert, dass der arme Bernard von einem "Schatz in enger Schlucht versteckt" sprach.
Wir mussten die Schlucht gemeinsam erkunden.
Die Schlucht war nicht sehr lang.
Es bereitete uns keine große Mühe sie Stück für Stück zu durchkämmen.
Wir stocherten dabei den sandigen Untergrund ab.
Schon nach zwanzig Schritten stießen wir auf einen prall gefüllten Leinensack.
Erwartungsvoll öffneten wir den Fund.
Lauter rohe Diamanten befanden sich darin.
"Magdalena!", rief ich in die Runde. "Das ist der wahre Schatz. Nur diesen kann Leutnant Bernard gemeint haben. Frage mich nicht wie wertvoll der Inhalt dieses Sackes ist."
"Doch warum hat Bernard ihn hier versteckt?"
"Als damals die Ahaggar angegriffen hatten, besaß Bernard die Geistesgegenwart, die Ausbeute der Expedition in dieser engen Schlucht zu verstecken. Das rettete ihm nebenher auch das Leben. In diesem Versteck war der Fund sicher vor dem Zugriff Unbefugter und hätte später jederzeit abgeholt werden können. Da der arme Leutnant wegen der erlittenen Strapazen einen Schock erlitten hatte, der sein Bewusstsein eintrübte, hatte niemand sein Gestammel ernst genommen."
"Peter", Magdalena hielt meine Hand fest, "wir sollten den Fund wieder eingraben. Es ist schon zu viel Blut wegen dieser Diamanten geflossen. Und tief in meinem Herzen weiß ich jetzt, dass mein Vater ein ehrenwerter Offizier war."
Während wir den Sack wieder eingruben, erzählte ich Magdalena wie ihr Vater und seine Männer ums Leben kamen.
Er war gestorben durch die Hand von Tuareg.
***
Tage später standen Abu Seif, Magdalena und ich am Grab Hadschi el Alemans.
Die letzten Tage waren von stiller Trauer und alten Erinnerungen an den Toten Freund begleitet.
Hier ruhte er nun...
Und irgendwann wird sein Grab vom Sand der Sahara bedeckt sein.
Der Tradition der Ahaggar folgend, legte ich Hadschi el Alemans Gewehr als Beigabe auf den Grabhügel.
Dann kehrte ich zum Wadi zurück.
***
Abu Seif zeigte Magdalena im Anschluss noch die Gräber der toten Franzosen, die die Tuareg in den Bergen bestattet hatten.
***
Wir Beiden verweilten noch einige Wochen im Wadi el Tuareg, bis mich die Sehnsucht nach meinem geliebten Deutschland quälte.
Wir packten unsere Sachen und verließen die Ahaggar.
Ich muss zugeben, dass ich unter den Tuareg wahre Freunde fand, die mir stets in guter Erinnerung bleiben werden.
Und so endeten auch meine Abenteuer bei den Menschen unter Allahs Sonne.
***
Irgendwann auf dem langen Ritt gen Heimat fragte mich Magdalena schüchtern: "Würdest du mich mit zu dir nach Deutschland nehmen? Nach allem was wir erlebt haben, möchte ich mir ein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen."
Glücklich und gleichzeitig verlegen brummte ich: "Ja!"

***Ende***
(C) Jens Richter

counter3xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Jo Hannes Coltitz am 27.01.2026:
Kommentar gern gelesen.
Hallo @Jens, ich habe es in vier Abschnitten geschafft Deine Geschichten zu lesen. Musste vorher erst einen Ausdruck generieren.
Sie erinnern mich ein wenig an die Orientabenteuer, die ich als Jugendlicher regelrecht verschlungen hatte.
Auf jeden Fall spannende Abenteuer, die ich sehr gern gelesen habe. Schade, dass Du Deinen Haupthelden sterben lassen hast.
Viele Grüße, Jo




geschrieben von Jens Richter am 27.01.2026:

Hallo Jo, ich habe nicht schlecht gestaunt, dass diese Geschichten im Forum überhaupt jemand gelesen, bewertet und kommentiert hat. Es ist offenbar für die Meisten zuviel Text.
Vielen Dank dafür!
Ja, nach fünf Orienterzählungen wollte ich im Bereich Mysterieabenteuer schreiben. (Die eigentliche vierte Geschichte "Der alte vom Berg" ist bei mir abhanden gekommen.)
Deshalb musste Hadschi el Aleman literarisch sterben.
Viele Grüße von Jens




geschrieben von lüdel am 28.01.2026:
Kommentar gern gelesen.

Hallo Jens, nach einigen Abschnitten und Pausen – „Wow“, sehr spannend, wie immer detailgetreu geschrieben.
Lüdel🧚‍♂️




geschrieben von Jens Richter am 28.01.2026:

Hallo Lydia,
Hallo Rautus,
erst einmal vielen Dank, dass Ihr meine 'Jugendsünden' gelesen und bewertet habt.
Ich habe um ehrlich zu sein gar nicht mehr damit gerechnet.
Als Jugendlicher habe ich gerne Reiseberichte gelesen und die Tuareg haben es mir schon immer angetan.
Als dann die Karl-May-Welle aus dem Westen in den Osten überschwappte, wollte ich auch Orienterzählungen schreiben.
So sind die vier (und die verschollene Fünfte) Geschichten entstanden.
Viele Grüße von Jens





geschrieben von lüdel am 28.01.2026:
Kommentar gern gelesen.
❤🐯❤

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