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geschrieben 2009 von Andreas Mettler (metti).
Veröffentlicht: 15.05.2013. Rubrik: Fantastisches


Das Makroskop

Das Makroskop

Jahr 2076 – 1 Lichtjahr Entfernung von der Erde

Mit Björn kam der Schimmel. Tatsächlich hatten die schwarzen Flecken, die sich zunehmend auf der Seraphe ausbreiteten, etwas mit einem Fehler der Regluation der Luftfeuchtigkeit zu tun, aber der stockige Geruch, den unser Schiff seit Beginn der zweiten Mission umgab, fügte sich in bester Weise zu den mittlerweile regelrecht beißenden Körperausdünstungen meines korpulenten Technikers. Björn schien nicht sonderlich daran interessiert gewesen zu sein, sich mit diesem technischen Problem auseinander zu setzen und so hatten wir stillschweigende Einigung darüber gefunden, unsere Gewohnheiten der regelmäßigen Körperhygiene (falls dies für Björn überhaupt zuvor zuteffend war) in der Duschkabine zunehmend einzuschränken, um das Problem der erhöhten Luftfeuchtigkeit nicht weiter zu verschärfen. Wie gelangen Schimmelsporen in ein Raumschiff? Ich verstand von diesen technischen Angelegenheiten nicht allzu viel und ich war es leid, Björn nach solchen Belanglosigkeiten zu befragen. Längst musste er mitbekommen haben, dass ich die Anwesenheit seiner Person (mal bewusst, mal unbewusst) mit dem Niedergang der Seraphe in Verbindung brachte. Natürlich hatte Björn den Schimmel nicht mitgebracht. Dicke schimmeln nicht.

Björn klang geradezu enthusiastisch: „So, der Arbeitgeberpräsident müsste nun tot sein.“
„Dann mach ein paar schöne Aufnahmen von unserem Mann.“ Ich versuchte ebenfalls einen motivierten Eindruck in meiner Stimme zu erwecken. Ich hatte aber nicht den Eindruck, dass mir das sonderlich gut gelang.
„Da!“, hörte ich Björns Fistelstimme. „Unmaskiert und ein frontaler Blick in unsere Kamera.“
Warum nur haben dicke Männer so häufig ein Stimmorgan, das in einem solchen Widerspruch zur sonstigen Erscheinung steht?
„Ein voller Erfolg, was?“ Björns Kopf näherte sich meinem, was der Sensiblität meines Geruchssinns zunehmenden Kummer bereitete.
„Na, dann haben wir es diesmal wohl geschafft.“, meinte ich, während mein Kopf zielstrebend zurückwich.
„Du scheinst mir aber nicht recht begeistert zu sein?“
`Schlaumeier`, dachte ich. „Oh, naja. Als Verbrecherjäger sind wir wirklich sehr erfolgreich.“
Nach dem Jesus-Desaster war mir klar gewesen, dass die nächste Mission weniger spektakulär ausfallen würde. Und dann das: Ein Attentat auf einen Arbeitgeberpräsidenten. Und gewiss nicht das erste in der Geschichte.
„Du erinnerst mich an Micky Maus“, meinte Björn.
Ich verkniff mir jegliche Gedanken an das typische Klischee des fetten Comiclesers. „Aha?“ meinte ich stattdessen.
Björn begann begeistert zu erzählen: „In den frühen Cartoons war Micky Maus ein Abenteurer, der in jedem Kurzfilm die tollsten Geschichten erleben durfte.“
‚Blablabla’, dachte ich.
„Aber in den späteren Comics“ Björn hob den Zeigefinger. „In den Comics kehrte dann der Alltag ein. Micky Maus ging Verbrecher jagen und die Geschichten fanden ein gleichmäßigeres Schema. Man konnte ja nicht für jede Story ein neues großes Abenteuer erfinden.“
Ich dachte darüber nach, ob ich mir wünschen sollte, nun bis zur Rente (was eine zunehmend überschaubarere Zeitspanne wurde) Kriminalfälle zu lösen oder ob ich den verantwortlichen der Histora AG nicht besser vorschlagen sollte, das Projekt Makroskop allmählich zu beenden.


Jahr 2071 – 2044 Lichtjahre Entfernung von der Erde

„Ich hab ihn klar im Bild.“ Das Gesicht von Jessica strahlte. Ein netter Anblick. Es gelang mir jedoch nicht, mich ihren Empfindungen anzuschließen. Zu lange schon, so vermutete ich, hatte die Reise der Seraphe und die Suche nach dem Messias gedauert. Zu unpräzise waren die bisherigen Ergebnisse.
„Taugt die Lippenanalyse was?“ fragte ich halb interessiert, halb skeptisch. Das Makroskop mochte in die Vergangenheit blicken, es konnte sie aber nicht hören.
Jessica nickte. „Er steht in einem guten Winkel. Das könnte was werden.“
Die Antwort des Computers hing noch in der Warteschleife. Das fahle Licht des Monitors zeichnete einen Schatten auf Jessicas Wangenknochen ab, der den schlanken Charakter ihres jungen Gesichts unterstrich. Ob es als eine nette Geste der Histora AG gedacht war, mir eine Frau als Technikerin zuzuteilen? Ich hatte mich in Beziehungsangelegenheiten immer etwas schwer getan und das mochte sich auch unter den Führungskräften der Histora mittlerweile herumgesprochen haben. `Geben wir dem armen Kerl doch eine Frau mit auf den Weg. Als einziger Mann auf der Seraphe, da muss es doch einmal funken`, so moche man gedacht haben. Getreu dem Motto: `Wenn ich der letzte Mann auf dem Planeten bin, dann muss auch ich mal eine Frau abbekommen.` Die Verwaltung hatte sich geirrt. Wir hatten uns in den ersten Tagen kennen gelernt und sind auf dieser Beziehungsebene dann auch geblieben. Irgendwann war der Zug schließlich abgefahren.

„Da haben wir es!“ Jessica klopfte mit der Fingerkuppe auf die Auswertungen auf dem Monitor. „Selig und reinen Herzens. Und schau hier: Ihrer ist das Himmelreich! Und dort oben nochmals: Friedfertigen!“
Ich nickte. Und mir wurde bewusst, dass ich wieder einmal viel zu wenig Begeisterung zeigte.
„Das ist eindeutig die Bergpredigt“, meinte sie.
Ich nickte weiter. „Ja, und leider nicht zu ersten mal.“ War das nun unser vierter oder schon der fünfte Jesus? War es Blasphemie, allmählich den Eindruck zu gewinnen, die Propheten dieser Zeit hätten alle den selben Ghostwriter beauftragt, bevor sie auf den Berg gestiegen sind?
„Schau Dir mal die Großaufnahme an“, meinte Jessica. „Die blauen Augen, das blonde Haar. Der gütige Blick.“
„Jeffery Hunter“, entgegnete ich und der zynische Unterton war nicht zu überhören. Warum tat ich sowas? Wäre ich etwas netter zu Jessica gewesen, was hätte aus dieser Mission werden können?
„Vergiss es!“ meinte ich. „Wenn du das Bild eines islamischen Terroristen auf dem Monitor hast, dann sag mir wieder Bescheid. Ein Iraker, ein Palästinenser. Ein Mann mit schwarzem Bart und zusammengewachsenen Augenbrauen.“ Einen westeuropäisierten Jesus, wie er die Kruzifixe unserer hiesigen Wanderwege ziert, hatte es gewiss niemals gegeben.

Jahr 2033 – Die Erde

Ich hätte lieber am Computer gearbeitet. Und das war durchaus wörtlich zu verstehen. Für andere Jungs in meinem Alter war der Computer vor allem eine Spielemaschine. Ich liebte es hingegen, mich in die authistische Welt der Programmiersprachen einzuarbeiten, automatisierte Abläufe zu entwickeln und mich als Nutzer meiner eigenen Software in eine Welt einzufügen, die ich selbst erschaffen hatte.
Es war kalt, aber der Himmel war klar.
„Ich hab das Makroskop jetzt auf den großen Wagen eingestellt“, meinte mein Vater.
Makroskop - mein Vater benutzte immer wieder Begriffe, die es eigentlich überhaupt nicht gab. Für jeden anderen Menschen war das ein Fernrohr, vielleicht auch noch ein Teleskop, aber das Wort Makroskop benutzte sonst niemand. Warum machte er das?
„Schau doch mal durch“, versuchte er mich zu ermuntern. Ich blickte durch das Rohr und sah die Lichterpunkte des Himmels nun eben ein klein wenig größer. Keine Ahnung, ob dies wirklich der große Wagen oder irgendwelche anderen Sterne gewesen waren. Ich kannte mich damit nicht aus und ich bezweifelte, dass mein Vater auf diesem Gebiet viel schlauer war.
Stillschweigend entfernte ich meinen Blick wieder vom Makroskop und verlor mich in den Gedanken an meine Computerprogramme.
„Ist es nicht schön, dass wir so etwas zusammen unternehmen können?“
Schuld an diesem Ausflug in den Garten war sicherlich diese Psychologin. ‚Nicht beziehungsfähig’ hatte sie mich genannt. Ich sei ein Junge, der nur wenig Interesse daran zeigt, Freunde finden zu wollen, der zur Abkapselung neigt und der sich im späteren Leben sicherlich einmal recht schwer tun würde.
Im Moment tat ich mich schwer darin, meinem Vater die Anerkennung zu heucheln, die er für seine Bemühungen vielleicht verdient gehabt hätte. „Ziemlich viele Sterne da oben“, war ein bemühter Beitrag zu dieser Angelegenheit, den ich murmelnd hervorbrachte.
Und nun sprudelte es aus ihm heraus: „Aber weißt du was uns das Makroskop da wirklich zeigt? Das ist das Licht der Sterne, die vielleicht vor zig Millionen Jahren einmal existierten. Sterne, die vielleicht schon längst erloschen sind. Kannst du dir das vorstellen?“
„Hm, ja.“
„Verstehst du, das Universum vergisst nichts. Aus der richtigen Entfernung, mit einem viel stärkeren Makroskop könntest du die Geschichte eines jeden Planeten im Universum beobachten. Man könnte alles überprüfen, was ein Mensch jemals getan hat und vielleicht müsste man hier und dort die Geschichte neu schreiben.“
Ich hatte mich gerade in dieser Zeit von einem Glauben an den lieben Gott verabschiedet. Ich mochte den Gedanken an einen alten Mann nicht, der mich Tag und Nacht beobachtet. Ich war in einem Alter, in dem ich insbesondere Nachts auf keinen Fall beobachtet werden wollte. Und nun eröffnete mir mein Vater die Idee von einer theoretischen Option der ultimativen Sicht in jede Zeit an jeden Ort. Und dies auch noch ohne dass hierfür ein lieber Gott hätte bemüht werden müssen.
„Ein solch starkes Teleskop“, und ich benutzte ganz bewusst diesen Begriff „wird es niemals geben.“
Versuchte ich ihn davon zu überzeugen oder nur mich selbst? „Außerdem müsste man dann schneller fliegen als das Licht. Denn selbst bei einer Reise mit Lichtgeschwindigkeit würde man stets nur die Welt in der Zeit des Abflugs sehen.“
„Aber wer weiß“, schleimte mein Vater. „Du bist ein kluger Junge. Vielleicht bist du es, der eines Tages beide Probleme löst.“
Ich wusste, dass ich irgendwann einmal etwas Großartiges leisten würde. Ich wusste aber auch, dass dies in jedem Fall niemals etwas mit Raumfahrten und Makroskopen zu tun haben würde. Hoffentlich nahm dieser Ausflug ins Freie bald ein Ende. Ich wollte mich in den Verzweigungen und Schleifen meiner Computerprogramme verlieren und irgendetwas programmieren, was die Welt noch nie zuvor gesehen hat.

Titelbild: bogitw / pixabay.com (public domain)

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