Veröffentlicht: 04.01.2026. Rubrik: Menschliches
Ohnmacht
Dieses beklemmende Gefühl in der Brust. Das Gefühl, zu ersticken. Kein Ausweg. Kein Entrinnen aus dieser Situation. Ich greife nach meiner Jacke, schlüpfe hastig in meine Schuhe; die nackten Füße fühlen sich ungewohnt an im Inneren der Schuhe. Rasch ziehe ich den Reißverschluss hoch, schnappe mir die Schlüssel und verlasse das HAUS. Die feuchte Luft umhüllt mich. Feinster Nieselregen legt sich auf mein Gesicht und in mein Haar. Ich laufe in die Dunkelheit hinaus. Mein Herz pocht, und die Tränen fließen weiter. Warme Tränen, die sich mit den kühlen Regentropfen vermischen. Ich möchte diesen Schmerz loswerden. Ich will, dass er mit meinen tiefen Atemzügen aus meiner Brust entweicht. Ich atme tief ein. Doch der Schmerz breitet sich nur weiter in meinem Körper aus.
„Mache ich alles falsch?“ frage ich mich. Alles, was ich je über Erziehung gelesen habe, scheint mir nicht zu helfen. Diese idealisierten Vorstellungen bleiben in den Büchern und Ratgebern verhaftet. Doch sobald ich mich in der Realität wiederfinde, allein mit meinen Gefühlen und Gedanken, allein mit mir selbst, wird alles anders. Es ist egoistisch, so zu denken, schießt es mir durch den Kopf. Und doch schaffe ich es nicht, über mein eigenes verletztes Kind hinwegzusehen und mein 14-jähriges Kind mit seinen eigenen Emotionen und Gefühlen wahrzunehmen. Ich schaffe es einfach nicht. „Ich hätte niemals Kinder haben dürfen“, denke ich wieder und wieder. Dieser Gedanke gleitet aus meinem Kopf, sinkt tief in meine Kehle und bleibt dort stecken wie ein Kloß. Es gibt keinen Ausweg. Dieser Verantwortung kann ich nicht entfliehen.
Ich bleibe stehen. Mitten auf dem Gehweg. Der Regen wird stärker, oder ich spüre ihn erst jetzt. Meine Hände zittern. Ich presse sie gegen meine Brust, als könnte ich das Chaos darin zusammenhalten. Ein Atemzug. Dann noch einer. Sie tun weh, diese Atemzüge, als würden sie an etwas Entzündetem reiben.
Für einen Moment ist alles still. Kein Gedanke, kein Vorwurf. Nur dieses dumpfe Pochen, das mir sagt, dass ich noch da bin. Dass ich weiteratme, obwohl ich nicht weiß, wie. Ich wische mir über das Gesicht, schmecke Salz und Regen. Zurückgehen will ich noch nicht. Aber weglaufen kann ich auch nicht mehr.
Also stehe ich da. Und halte diesen Augenblick aus. Mehr schaffe ich nicht. Aber vielleicht reicht das.
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