geschrieben 2026 von Rautus Norvegicus (Rautus Norvegicus).
Veröffentlicht: 14.02.2026. Rubrik: Kinder und Jugend
Das Zeltlager - ein Quadruple-Drabble 999
Halb vier Uhr, quasi mitten in der Nacht, Anfang der neunzehnhundertachtziger Jahre. Sommer,
herrliches Wetter, eigentlich genau das richtige zum Helden zeugen.
Aber Frank, Bruno und ich hatten etwas anderes vor. Ein Pfadfinderlager, aufgeschlagen auf dem weitläufigen Gelände einer schönen, gotischen Kirche, auf der gegenüberliegenden Seite der breiten Hauptstraße, die in die Innenstadt führte. Gestern hatte Bruno, als wir auf dem Weg zur Schule waren, eine Kartoffel mit einer gezielten Bananenflanke á la Manfred Kaltz, dem ehemaligen Fußballspieler und
Freistoßkönig der neunzehnhundertsiebziger Jahre beim Hamburger Sportverein, aus dem
Fußgelenk heraus in eine offenstehende Garage hinein geschlenzt. Ein großer, teilweise
aufgeplatzter Sack, aus dem sich der Erdapfel mit einer größeren Anzahl seiner Artgenossen auf die
Straße gerollt hatte, stand am Rand des Bürgersteigs. Planmäßig stopften wir uns so viele wie möglich davon in Hosen- und Jackentaschen. Wie hatten die Absicht, dieses Pfadfinderlager aus dem Hinterhalt ein wenig aufzumischen.
Wir drei standen etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Meter entfernt, gut gedeckt von Hecken und Gebüschen, jeder von uns hatte eine Kartoffel in die Hand genommen. Auf dem Zeltplatz selber war es zu dieser weit fortgeschrittenen Uhrzeit ruhig. Bruno
nickte. „Los, Feuer frei,“ bellte er entschlossen, holte aus und begann, eine Kartoffel nach der anderen in Richtung der Zelte zu werfen. Frank und ich taten es ihm gleich und wir deckten die Zelte mit einem wahren Kartoffel-Hagel ein! Die Erdäpfel prasselten mit dumpfen Geräuschen auf die Zeltdächer, von denen sie meterweit zurück in die Nacht prallten. Unser Vorrat an den Wurfgeschossen war ruckzuck aufgebraucht.
Jetzt hatten die Pfadfinder auch bemerkt, dass sie
überfallmäßig in ihrer Nachtruhe gestört wurden und versammelten sich am großen Zelt ihres Häuptlings. Schließlich hatten sie uns entdeckt, ein schlaksiger, pickeliger Heranwachsender, das war wohl wahrscheinlich der Leiter der Gruppe, wies mit ausgestrecktem Arm in unsere Richtung. „Es wird Zeit,“ mit diesen Worten federte ich aus der Deckung und rannte los, als wäre der Teufel hinter mir her! Quer durch die Büsche über eine Wiese, ohne nach links oder rechts zu sehen, über eine vierspurige, breite Straße, in deren Mitte Straßenbahn-Schienen lagen. Zwei oder drei Straßen rannte ich tiefer ins Wohngebiet, versteckte mich mit pumpender Lunge in einem dichten Gesträuch neben einem großen Strom-/Trafokasten.
Bruno und Frank hatte ich ungewollt auf jeden Fall schon mal abgehängt und war auf mich allein gestellt. Eng an den Boden gedrückt, hörte ich, wie eine Handvoll jugendlicher Pfadies fluchend herumsuchte und dann abzog. Vorsichtshalber blieb ich noch fünf Minuten still auf der Erde liegen, bis sich mein Atem beruhigt hatte. Erst dann richtete ich mich auf, wischte Erde, Laub und wahrscheinlich ein paar eklige Käfer von Jeans und T-Shirt. Auf dem Weg heimwärts kam ich an dem Haus vorbei, wo Bruno Brand
wohnte und klingelte an, ob der schon wieder zurück war. Seine Mutter öffnete verschlafen und offensichtlich etwas sauer, sie stemmte die Arme in die Seiten: „Rautus, du wieder! Ich hätte es mir
denken können, wenn mein Sohn mit dir und diesen anderen Chaoten unterwegs ist, gibt es immer
Ärger. Was habt ihr wieder angestellt, ist er wieder im Krankenhaus gelandet?“.
Bruno hatte sich nämlich vor zwei Jahren mal den Arm gebrochen, während wir zu dritt um die Häuser zogen und Spaß hatten! „Nein, Frau Brandt, natürlich nicht, Bruno ist gesund und munter! Wir sind nur noch etwas spazieren gewesen,“ beruhigte ich sie scheinheilig, musterte dabei verstohlen ihre schönen,
bestrumphten Beine. Sie trug einen sexy kurzen Rock. „Ist Bruno denn noch nicht da?“ fragte ich
sie unschuldig und mein Blick verlor sich kurz auf ihren durchaus appetitlichen Brüsten. Sie war ja
noch jung, ich schätzte sie auf Mitte dreißig, für mich ein gutes Alter, denn ich stand auf ältere
Semester! Irgendwie schien sie meine Blicke jetzt zu spüren, ihr Ton wurde schärfer, knapp pflaumte sie mich an. „Rautus, du bist der Älteste von euch, du trägst die Verantwortung!“
Nun ja, ich war einmal sitzen geblieben, wodurch ich in Brunos und Franks Klasse landete, aber es
widerstrebte mir, deshalb irgendeine Verantwortung tragen zu müssen. Bevor die Befragung für mich richtig unangenehm wurde, erklangen schnell näher kommende Schritte, unterlegt von aufgeregtem Gemurmel auf dem Bürgersteig. Bruno, geführt in der Mitte von zwei stämmigen Jugendlichen in Pfadfinder-Kluft! Davor wohl der Pfadfinder Anführer, deutlich älter, ein langer Typ mit Pickeln im Gesicht, Schweinskopf mit Hängebäckchen und runder Brille. Schweinskopf mit Brille erkannte natürlich sofort Frau Brand als Mutter, Ansprechpartnerin oder weiß der Geier was. Er baute sich vor ihr auf. „Ihre Jungs haben unser Zeltlager überfallen. Sie haben uns gerade mitten in der Nachtruhe mit Steinen beschmissen, da hätte den Kindern wer-weiß-was passieren können!“ Richtig unfreundlich moserte er sie an.
„Aber es war doch nur ein Streich, wie er normal
ist unter gleichaltrigen Pfadfinder-Gruppen,“ versuchte Frau Brand ihn zu beschwichtigen, “ich
bezweifle auch, dass es Steine waren!“ „Nein, so geht das nicht!“ Schweinskopf mit Brille hatte sich
scheinbar in Rage geredet. Er schüttelte energisch seinen Kopf. „Kameradschaftliche Überfälle sind
nur unter richtig organisierten Pfadfindern ein Brauch. Wir verlangen eine Entschuldigung!“ Die arme Frau Brand stand jetzt hilflos vor ihm und musste seinen Redeschwall über sich ergehen lassen. Sie tat mir leid und es reichte nun! „Jetzt mach mal halblang,“ mischte ich mich ein. „Es war nur ein Scherz, nichts ist passiert. Du gehst jetzt besser und meinetwegen tut es uns leid,"(dass wir euch nicht besser getroffen haben), ergänzte ich in Gedanken.
Ich wollte nicht, dass der harmlose Streich noch weiter eskalierte. Frank und ich waren zusammen breiter als der FähnleinFieselschweif Gruppenführer. Und wir hatten sowieso vor keinem Angst, haben Frau Brand schützend in unsere Mitte genommen und versuchten, aggressiv zu gucken. „Bitte gehen sie jetzt, ich rede nochmal mit den Jungs.“ Frau Brand wirkte nun müde. Mit einem letzten grimmigen Blick auf uns drehte sich Schweinskopf mit Brille um und stapfte zurück ins Lager.
Ich fragte mich, wo liegt der Sinn eines harmlosen Streichs, wenn sich Spießer einmischen und alles so todernst nehmen? Wie sich aber Frau Brand damals hinter ihren Sohn und uns gestellt hat, fand ich einfach klasse! Sie war wirklich eine tolle Frau!
.............................Ende.......................................
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