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geschrieben 2020 von Seelenbalsam2020 (Seelenbalsam 2020).
Veröffentlicht: 23.10.2020. Rubrik: Persönliches


Pflegekind und Adoption, Gedanken

Gedanken


Stell dir bitte einmal folgende Situation vor. Du wächst bei deinen Eltern auf, mit deinen Geschwistern. Alles läuft, wie es laufen soll. Dein Leben ist perfekt. Wenn da nicht eine Sache wäre, die dich an manchen Tagen herunterzieht und dich traurig stimmt. Wie ein bohrender Schmerz in deinem Herz und deinem Kopf, der manchmal nicht zu unterdrücken ist.

Du willst ihn nicht wahrnehmen, denn du hast alles, was man sich vorstellen kann. Andere Menschen haben nicht das Privileg, eine tolle Familie zu haben.
Wovon spreche ich, fragst du dich vielleicht gerade… ich erzähle es Dir.

Ich spreche von dem Gedanken, der mich immer wieder aufschrecken lässt. Die Wahrheit. Dass ich einmal von einer Frau geboren wurde, die mich 9 Monate unter dem Herzen getragen hat und mich bis zum heutigen Tag liebt. Und ich weiß, dass ich alles für sie bin. Obwohl wir nur eine kurze Zeit zusammen hatten. Und ich weiß, dass sie meine Mutter ist. Jeder erwartet tiefgründige Gefühle für die Eltern. Für die Mutter, für den Vater. Wie oft stelle ich mir die Frage, ob ich undankbar bin. Immerhin haben sie mir mein Leben geschenkt und sich auf mich gefreut.
Haben sie sich auf mich gefreut, als ich unterwegs war? Oder wollte dein Vater, dass du gar nicht geboren wirst? Wollte er vielleicht nicht, dass sich das Leben ändert? Oder war es umgekehrt? Hat meine Mutter einen Baby Body gekauft mit den Worten „Papa“, um meinem Vater mitzuteilen, dass sie schwanger ist? So möchte ich es einmal machen. Wie war es? War es so?

Unendlich viele Fragen, die sich immer wieder in meine Gedanken drängen. Was muss das für ein Gefühl sein, sein leibliches Kind nicht mehr zu sehen. Es nach kurzer Zeit verloren zu haben. War dies der Weg, den das Schicksal auserkoren hat?


Dankbarkeit… Ich bin meiner Mutter dankbar, dass sie sich Hilfe geholt hat. Wie unfassbar stark muss diese Frau sein und ihr eigenes Fleisch und Blut zu seinem Schutz abzugeben. Zu erkennen, dass ihr eigenes Kind bei ihr nicht gut aufgehoben ist. Sie musste etliche Gewalttaten miterleben. Heute noch am Telefon erzählt sie mir zusammenhanglos teilweise wirre Taten aus ihrem Leben. Manchmal weiß ich nicht, ob sie in dem Moment weiß, das sie sich nicht in der Vergangenheit befindet. Ob die Dinge alle stimmen?

Ich versuch in den Momenten für sie da zu sein. Die Gespräche belasten mich. Kann es wirklich sein, dass meine eigene Mutter so viel schlimmes erlebt hat? Und trotzdem hat sie sich selbst noch viel Schlimmeres angetan und mich abgegeben. Ich bin stolz auf meine Mutter. Ich vermisse sie. Täglich denke ich an sie. Wie es ihr wohl geht. Ob sie mich vermisst? Das bemerkenswerte an ihr ist, dass ich ihre Liebe förmlich durch das Telefon fühlen kann. Es wärmt alles in mir. Auf der einen Seite ist sie eine fremde Frau, auf der anderen Seite meine Mutter. Es ist ein zerreißendes Gefühl. Und immer wieder die Frage: Warum ist das alles passiert? Was für einen Grund hat alles im Leben. Weswegen passiert alles so, wie passiert.

Oft denke ich, wie schön es ist, wenn andere Eltern und Kinder auf die optischen Ähnlichkeiten ansprechen. Das vermisse ich ab und zu. Wie es wäre über Dinge zu lachen. Zum Beispiel, dass meine Mutter in der Schwangerschaft kein Zimt riechen konnte, ohne dass ihr schlecht wurde. Oder dass sie Heißhunger hatte und mein Vater oft los ist mitten in der Nacht und ein Eis von Mc Donalds geholt hat. So stelle ich mir das vor, wenn man schwanger ist.

Wenn meine Mutter am Telefon lacht, erkenne ich mich darin wieder. Ich lache genau gleich. Komisch zu wissen, dass sie 50% von mir ausmacht und mir trotzdem so fremd ist.
Ich habe nur alte Bilder. Auf einem davon sind wir in einem Streichelzoo und ich bin vielleicht 3 Jahre alt. Ich habe eine Latzhose an und meinen Finger im Mund. Wir stehen im Ziegengehege und ich erkenne meine Statur und vor allem die dicken, festen Haare bei ihr wieder. gerne würde ich wissen, was ich als Kleiner Mensch in diesem Moment gefühlt habe. Wenn ich da schon gewusst hätte, dass es nicht mehr lange geht, bis sie nach Italien geht. Was hätte ich gemacht? Klar, ich war da klein und hätte es nicht verstanden.
Aber was hat das mit meiner Kinderseele gemacht?
Aus Erzählungen weiß ich, dass ich in der Kindheit schlimme seelische Erfahrungen erlebt habe.
Kommen daher meine extremen Verlustängste? Kommt daher mein aufopferndes Wesen für meine engsten Freunde oder meine Familie?
Kommt daher mein Drang einen sozialen Beruf auszuüben?

Die Bilder von meiner Mutter und mir wirken so unbeschwert…

Ich habe auch Bilder von meinem Vater.
Manchmal blitzen Erinnerungen auf.
Wir saßen im Auto mit meinem Stiefbruder und mein Vater holte und ein Eis an der Tankstelle. Im Auto roch es eklig. Mittlerweile weiß ich, dass das kalter Rauchgeruch war. Auch sein kratziger Bart, den ich als Kind gerne angefasst habe und sein Aftershave oder Parfum kommen immer wieder als Fetzen in meine Gedanken.
Aber der präsenteste Gedanke und auch einer der Schlimmsten, die ich habe, ist folgender:

Wir haben Käsekuchen gebacken und warten auf den Besuch von meinem Vater. Ich habe extra etwas Schönes angezogen und warte. Und warte… Und warte… Es kommt keiner... Ich sitze vor dem Käsekuchen am länglichen Esstisch und warte immer noch. Bis ich verstehe, dass er nicht mehr kommen wird. Und er kam nicht mehr. Wie alt war ich da? Ich kann höchstens 7 Jahre alt gewesen sein. Genau weiß ich das nicht mehr.
Es dauerte bis zu meinem 18. Geburtstag, bis er sich meldete. und das war damals wie ein Schlag ins Gesicht.
Einmal auf dem Weg zur Arbeit sah ich ihn in seinem Auto. Er wohnte einen Ort weiter. Die Möglichkeit Kontakt aufzubauen war immer gewesen. Ich weiß nicht, ob ich das gewollt hätte, aber es kam einfach kein Versuch und das beschäftigt mich ….
Nach der Begegnung im Auto war ich geschockt. Ich wusste gleich, dass er es gewesen war. Ich weiß noch, wie sich meine Brust zugeschnürt hatte und ich weinen musste.

Auch frage ich mich, wie es wohl ihm damit ging. Ich kann es nur immer wieder betonen... Das Gefühl, sich dafür zu entscheiden, das eigene Kind im Stich zu lassen. Das ihn das nicht zerrissen hat? Vielleicht hat es aber genau das getan. Später habe ich herausgefunden, dass er ein Alkoholproblem hat/hatte... Ich bin nicht sauer auf ihn. Anfangs war ich, als ich größer wurde enttäuscht. Nun kann ich das Gefühl nur als Leere beschreiben. Und ich empfinde Mitleid. Ich möchte eigentlich das Geschehene mit ihm aufarbeiten, aber alles in mir sträubt sich das Kapitel nochmal aufzuschlagen. er hat nicht um mich gekämpft.
Einfach nicht gekämpft. Mich alleine gelassen. Das sollte kein Kind fühlen müssen.


Umso mehr bin ich dankbar für meine ECHTE Familie.
Blut ist dicker als Wasser hört man immer wieder. Da muss ich schmunzeln. „Kinder adoptieren, das wäre nichts für mich. Das können nie deine richtigen Kinder werden“
Wie oft habe ich solche Sätze gehört. Meine Familie ist der lebendige Beweis, dass das alles Humbug ist. Wir sind alle zusammengewürfelt. meine 2 Geschwister sind adoptiert. Keiner ist blutsverwandt. Und wir sind aber alle eine Familie. Jeden Tag bin ich dankbar dafür, wie wir von klein auf damit aufwuchsen, „anders“ zu sein. Wir hatten alles im Doppelpack. 2 Mamas, 2 Papas. Es gab für uns nie ein böses Erwachen „Hey hör mal, du bist adoptiert“. Es war für uns immer normal.
Was die Stärke meiner Eltern auch nochmal hervorhebt, ist die Tatsache, dass ich nie allein gelassen wurde mit meinen Ängsten oder meinen Fragen zu dem Thema Leibliche Eltern.
Sie haben immer mit Respekt von meinen leiblichen Eltern gesprochen und heute auch noch. Nie haben sie versucht, sich in ein besseres Licht zu stellen oder ähnliches. Selbst nach dem Tag mit dem Käsekuchen kam ihnen ein schlechtes Wort über die Lippen. Einfach nur stark und unfassbar vorbildhaft!

Auch, wenn man sich oft rechtfertigen musste oder in der Schule gehänselt wurde, sobald etwas rumgesprochen wurde. „Warum hast du einen anderen Nachnamen? Deine Eltern wollten dich nicht und haben dich abgegeben. Die kriegt Mitleidsbonus von den Lehrern, weil sie Pflegekind ist… „Das sind Einige der Sätze, mit denen man sich täglich auseinandersetzen musste. Meine Eltern haben für uns 3 gekämpft. Es geht nicht einfach mal so „Hey, lass uns ein Kind adoptieren“. Da stecken sehr viel Enttäuschung, Wut, Trauer und Schmerz dahinter. Wieviel Kraft die Menschen aufbringen müssen sieht keiner. und leider ist die Gesellschaftliche Einstellung zu dem Thema Adoption etc. immer noch nicht auf dem Aktuellen Stand.


Und heute noch, 20 Jahre später merkt man, wie es meine Familie zerrissen hat, als ich kurzzeitig aus der Pflege genommen und wieder zu meiner Mutter gebracht wurde. Sie hatten gedacht, dass sie mich nie wiedersehen würden.
So viel Wirbel um mich. Um einen kleinen Menschen, der einfach nur ankommen wollte. Was haben wir alle mitmachen müssen. Und trotzdem sind wir aus Allem stärker geworden.


DANKE FÜR ALLES

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