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geschrieben 1999 von Andreas Mettler (metti).
Veröffentlicht: 06.02.2014. Rubrik: Total Verrücktes


Die Rettung der Welt

Die Rettung der Welt

"5 Minuten zu spät", ermahnte ich ihn. "Du weißt ja, was heute auf dem Spiel steht."
   Gerhard löste den Autogurt und stieg eilig aus seinem grünen Fiat. "Tut mir leid. Ehrlich." Hektisch schmiss er die Autotüre zu und begann mit dem Schlüssel am Autoschloss herumzuorgeln. "Das alte Schloss macht mir schon lange Kummer."
   Wir verloren also weitere Zeit. "Ich glaube, Du hast immer noch nicht begriffen, wie wichtig es ist, dass wir sofort handeln!" Ich blickte auf die Uhr. Es war bereits sechs Minuten nach zwei. "Wenn dann die Welt untergegangen ist, wird dich niemand mehr danach fragen, ob du heute dein Auto verschlossen hast oder nicht."
   "Jadoch, du hast ja recht. Ich mach das auch nie wieder, wenn wir es so eilig haben." Das Schloss rastete ein. "Das verspreche ich Dir." Er steckte seinen Schlüssel in die Hosentasche. "Wenn wir jetzt die Treppe hinaufrennen, dann können wir die verlorene Zeit schon fast wieder aufholen."
   Ich hatte die Haustüre bereits aufgeschlossen. "Na, Gerhard, das ist ein Wort! Wer zuerst oben ist, hat gewonnen! Ich gebe das Kommando."
   Gerhard winkte ab. "Ne, so haben wir nicht gewettet. Du stehst ja schon direkt vor der Haustüre. Jetzt stell dich mal schön neben mich, damit wir auch die gleiche Chance haben."
   Ich ging einen Meter zurück und stellte mich neben Gerhard mit dem Rücken zum Auto. "Du hast recht. Was sein muß, muss sein." Ich blickte ihn ein wenig vorwurfsvoll an. "Ausserdem hättest du nachher bestimmt behauptet, dass ich gar nicht wirklich gewonnen hätte."
   Er schob betroffen die Oberlippe nach vorne. "Schon möglich. Und dann hätten wir alles noch einmal wiederholen müssen."
   "Und was das Zeit gekostet hätte. Nicht auszudenken, wenn inzwischen die Welt untergegangen wäre."
   "Aber jetzt los. Damit wir das Ganze bald hinter uns haben."
   "Also gut." Ich ging in Startposition.
   "Ich starte im Stehen. Mein Anzug ist ein bißchen eng geworden." Er hob eine Augenbraue. "Die vielen Schnitzel, Du weißt schon."
   "Das gilt aber nicht als Handicap."
   Gerhard winkte ab. "Neinnein, keinesfalls. Wenn du gewinnst, dann hast du auch gewonnen. Nun gib schon das Kommando."
   "Achtung!" rief ich.
   "Fertig!" Ich hob die Hüfte etwas an.
   Kurz bevor ich "Los!" rief, rannte ich schon los. Gerhard konnte meine kleine Trickserei nicht bemerkt haben.

David Bowie hatte es sich bereits am Konferenztisch gemütlich gemacht und rauchte eine Zigarette. Auf dem Tisch stand mein Camel-Aschenbecher, der in einer meiner vergangenen Wohnungen zur Möblierung gehört hatte und seither bei jedem Umzug wieder mit eingepackt worden war, obwohl ich alle Umzugshelfer stets darauf hingewiesen hatte, den Aschenbecher stehen zu lassen. Da der Aschenbecher nun einmal in der Wohnung war, blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Besuchern das Rauchen zu gestatten. In meiner nächsten Wohnung würde ich das ändern müssen.

"Mensch David", rief ich. "Ich war schneller als Gerhard Schröder im Die-Treppe-Hochrennen."
   "Donnerwetter!", rief David verdutzt.
   Gerhard schüttelte enttäuscht den Kopf. "Ich hätte den Andreas vielleicht packen können. Kurz vor der Haustüre hatte ich ihn fast, aber dann wurde es einfach zu eng - so zu zweit durch die Türe durch - und ich bin wieder einen halben Meter zurückgefallen."
   Ich wuschelte ihm freundschaftlich mit der Hand durch die Frisur. "Na, dafür bist du ein guter Verlierer."
   "Stimmt. Früher hätte ich das vielleicht nicht so gut weggesteckt. Aber ich glaube, durch die ersten hundert Tage als Kanzler kann ich sowas jetzt besser verkraften als vorher."
   "Dafür bist du in den letzten Monaten ziemlich gealtert, so im Gesicht rum", warf Bowie ein.
   Ich mußte laut lachen. "Das mußt ausgerechnet du sagen, David. Dein Gesicht ist schon ziemlich schrumpelig für einen Fünfzigjährigen."
   Da mußte auch Bowie lachen. Sein Lachen klang nicht sehr gesund. Er hustete einmal kräftig und wurde wieder ernst. "Ne, eigentlich stimmt das gar nicht. Meine Haut ist schon seit einiger Zeit so schrumpelig. Vom vielen Rauchen und so, weißt du. Aber früher hab ich es noch besser wegschminken können. Jetzt hab ich diesen dusseligen Neunzigerjahrebart, da wird das alles viel schwierigier mit dem Schminken."

Wir plauderten noch ein wenig weiter. Plötzlich machte Gerhard ein sehr besorgtes Gesicht und deutete mit dem Zeigefinger auf seine Uhr.
   "Huch! Da haben wir doch tatsächlich ein wenig Zeit vertrödelt." Es war bereits halb drei. "So wie der Gerhard vorhin, der viel zu spät gekommen ist."
   Empört lehnte sich Gerhard nach vorne. "Gar nicht wahr! Gar nicht wahr! Ich hab die Zeit nicht vertrödelt. Ich hab noch eine alte Frau nach Hause fahren müssen." Er lehnte sich wieder zurück und verschränkte die Arme. "Ja, sowas muß man halt ab und zu machen, wenn man Bundeskanzler ist. Aber davon habt ihr ja überhaupt keine Ahnung."
   "Sicher," verhöhnte ich ihn, "da geht heute vielleicht die Welt unter, aber der liebe Gerhard, der muss natürlich noch eine alte Oma nach Hause fahren."
   Gerhard sah seinen Fehler ein. "Schongut. Schongut. Zum Glück ist die Welt ja noch nicht untergegangen."
   David zündete sich eine neue Zigarette an. "Dann lasst uns aber schnell ein paar Gedanken darüber machen, was wir dafür tun können, damit es erst gar nicht soweit kommt."
   "Na, du hast es jetzt aber auf einmal eilig", versuchte ich David aus der Reserve zu locken. "Hattest du früher nicht Zeiten, in denen es du es nicht erwarten konntest mit dem Weltuntergang?"
   "Die Zeiten sind vorbei. Ich bin jetzt ein ganz anderer Mensch. Ich nehme ja auch keine Drogen mehr und bin nicht mehr schwul. Und ich spiele keine Charaktere mehr auf der Bühne. Das heißt, ich spiele eigentlich doch wieder Charaktere auf der Bühne und nehme eigentlich auch Drogen, wenn es sein muß..."
   Gerhard stand auf und wedelte mit den Armen hoch durch die Luft. "Nein! Nicht das schon wieder. Bitte David, hör doch damit auf. Wir machen hier kein Interview auf ´Arte´ sondern wir wollen - verdammt nochmal - die Welt retten."
   "Ja, du hast ja recht. Ich kann es eigentlich selbst schon gar nicht mehr hören. Früher hab ich sowas selber sehr gerne gehört, aber seit ich die ausgereifte Person bin, die ich heute nunmal bin, höre ich sowas gar nicht mehr gerne. Eigentlich sage ich solche Dinge heute gar nicht mehr..."
   Gerhard holte mit der Faust aus. "David!" brüllte er.
   "Ok, ich bin schon still."
   "Ich könnte langsam was zu essen vertragen.", sagte Gerhard.
   Ich fand den Gedanken eher etwas unangenehm. Sicherlich hatten meine Gäste ein Recht auf eine gewisse Bewirtung, aber ich wußte auch, daß mein Kühlschrank - wie immer - nicht viel hergab.
   "Es muss ja nichts großartiges sein.", bot David an.
   "Na gut," sagte ich, "da wollen wir mal sehen, was ich noch finden kann. Aber nicht, dass ihr solange mit der Rettung der Welt schon ohne mich anfangt. Da will ich mit dabei sein."
   "Können wir solange ein bisschen Fernsehen?" fragte Gerhard.
   "Oh, was hast du denn da für Videos?" wollte David wissen und wühlte am Regal rum.
   "Paß aber auf daß du nichts durcheinanderbringst. Die Videos sind nach Nummern sortiert. Die CDs nach Farben. Manche Nummern kommen doppelt vor. Manche Farben auch. Guck mal, das hier sind die CDs von Varese mit der rotbraunen Farbe auf der Hinterseite. Das sind alles Filmsoundtracks. Davon hab ich ganz viele."
   Auch Gerhard ging jetzt zum Regal. "Na da haben wir ja eine tolle Auswahl. Geh du nur mal was zu essen machen. Wir werden schon das richtige finden."

Ich hatte noch etwas angegrauten Feldsalat im Kühlschrank, den ich selbst nicht mehr mochte, und reicherte ihn in der Glasschüssel mit Essig an. In der Mikrowelle machte ich nacheinander drei Gläser mit Früchtetee, der schon nach zwei Tagen jeglichen Geschmack verloren hatte, heiß. Ich pflückte ein paar Pilze, die am Klorohr wuchsen, und erhitzte sie in der Pfanne mit ein wenig Bratensoße. Fertig war das Menu.

In der Stereoanlage lief der Soundtrack zu ´Fievel der Mauswanderer´. "Ich habe leider nur zwei Teller.", sagte ich, als ich das Wohnzimmer betrat. "Einer von uns muß aus der Glasschüssel essen.". Plötzlich zwinkerte mir David zu. Gerhard konnte das nicht sehen.
   Ich hatte verstanden. "Der Gerhard, der Gerhard, der Gerhard bekommt die Salatschüssel!", sangen wir wie aus einem Munde.
   "Verdammt", sagte Gerhard. "Wieder Pech gehabt."

David Bowie leckte den Soßenrest vom Teller. "Eigentlich ist es jetzt schon ziemlich spät."
   Gerhard nickte nachdenklich. "Ein Glück ist die Welt noch nicht untergegangen."
   "Wollen wir noch ein bißchen weiterarbeiten an der Rettung der Welt nach dem Essen?"
   David kniff die Augen zusammen und schüttelte mit dem Kopf. Viele kleine Falten wechselten ihren Platz im Gesicht. "Och nö, nicht noch mehr von diesem Thema."
   Gerhard stimmte ihm zu. "Jetzt sind wir schon so viele Stunden hier. Ich glaube das langt für heute für die Rettung der Welt."
   "Genau", unterstützte ihn Bowie nochmals. "Wir haben für heute genug getan."
   Und außerdem", warf Gerhard abschließend ein. "Man soll es ja auch nicht übertreiben mit der Weltretterei. Das sage ich dir auch aus meiner Erfahrung als Bundeskanzler heraus."
   "Nagut, ihr habt mich überstimmt. Ein schöner Nachmittag war es allemal."
   "Ja eben. Das werden wir bestimmt noch öfters machen", sagte Gerhard.
   "Wenn die Welt dann noch steht", warf Bowie ein.
   "Na du bist mir ja so ein alter Scherzkecks", sagte ich freundschaftlich.

Gerhard blickte aus dem Fenster. "Huch, ist das schon dunkel da draußen."
   David stand nun ebenfalls auf und schaute hinaus. "Heieiei, und da sollen wir nach Hause fahren?"
   "Guck mal die Wolken", Gerhard zeigte zum Himmel. "Wenn wir Pech haben, kommt es nachher noch zum Regnen."
   "Bist Du mit dem Fiat gekommen? Da wäre ich aber etwas vorsichtig", ermahnte David.
   David drehte sich um und blickte mich etwas flehend an. "Du Andreas, können wir heute nacht bei dir bleiben?"
   "Ja, bitte, bitte, bitte!", flehte nun auch Gerhard.

"Wo hascht du denn die Zahnputschbecher?", fragte David. Er sah schrecklich aus ohne Zähne.
   "Ich hab keine", mußte ich zugeben. "Wenn Gerhard und ich mit dem Zähneputzen fertig sind, fülle ich das Waschbecken mit warmen Wasser. Da kannst du dann dein Gebiß reinlegen."
   "Jetzt müssen wir nur noch das Problem mit den Schlafgelegenheiten lösen", brachte Gerhard auf den Punkt.
   "Also ich habe ein Bett, in dem zwei Personen Platz haben und eine Luftmatratze für eine Person."
   Gerhard streckte den Finger in die Höhe. "Ich nehme die Luftmatratze!"
   "Au dasch isch schön.", entgegnete David. "Dann schlaf isch mit Andreasch im Bett."
"Aber daß du mal dann mal schön brav auf deiner Seite bleibst", ermahnte ich David.
   "Haha, früher hab isch schowasch mal gemacht, aber heute, scheit isch diesche auschgereifte Perschon bin, die isch heute bin,..."
   "Halt die Klappe", sagte Gerhard und machte das Licht aus.

"Spielen wir noch ´was schenkt mir?´", hörte ich Gerhard fragen.
   "Ok", sagte ich. "Machst du mit David?"
   "Schon rescht."
   Was schenkt mir Jürgen Trittin?"
   "Ein Atomkraftwerk."
   "Was schenkt mir Frau Brugger?"
   "Eine Unterhose aus Haaren gestrickt."
   "Was schenkt mir Iggy Pop?"
   "Eine Spritze."
   "..."
   "..."
   "..."
"Hab ich euch schonmal erzählt, wie ich damals am Zaun des Kanzleramtes stand und gerufen hab ´ich will hier rein´?"
   "Ja"
   "Gute Nacht"
   "Gute Nacht"
   "Gute Nascht"

Titelbild: Hans / pixabay.com (public domain)

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von metti am 06.02.2014:
Das war Trash ohne Ziel und ohne Sinn :-)

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