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geschrieben 2026 von Marques Ron.
Veröffentlicht: 06.05.2026. Rubrik: Fantastisches


Die Geheime Galerie

Prag, 11. April 2026. Meine Frau und ich feiern den 25. Hochzeitstag. Wir quälen uns gerade über die Karlsbrücke. Das heißt: ich quäle mich. Sie genießt. Bleibt an jedem Kitschkiosk stehen. Macht zig Selfies mit mir. Und ich gute Miene. Schließlich, Silberne Hochzeit, aber das sagte ich schon.
Endlich haben wir die Brücke hinter uns. Weiter geht es im "Shop and Go"-Schritt. Wir erstehen eine Darth-Vader-Gummiente.
Schließlich, in einer verwinkelten Gasse, erregt ein Plakat meine Aufmerksamkeit: "Die Geheime Galerie" steht da. Und: "Lernen sie die (dunklen?) Geheimnisse der Stadt Prag kennen!" Ein Pfeil zeigt nach rechts, in einen halbbeleuchteten Gang. Mein Interesse ist sofort geweckt. "Gehen wir da mal rein?" - "Was? Das ist doch nur ein finsterer Gang!" - "Na die Galerie, hier auf dem Plakat" - "Was für ein Plakat?" - "Na vor Deiner Nase!" - "Da ist kein Plakat!". Sie scherzt nicht, spüre ich, dazu kenne ich sie gut genug. Etwas ist hier oberfaul. Ich nehme mein Handy, mache ein Foto von dem Plakat - d.h., ich will, aber am Bildschirm erscheint nur eine graue Hauswand. "Zwick mich mal!" Sie nimmt meine Hand und kneift fest hinein, dass mir Hören und Sehen vergehen. "Moment! Das Plakat war eben noch nicht da! Jetzt seh ich es auch!" - "Au!" Ich entreiße ihr meine inzwischen unerträglich schmerzende Hand. "Krass", sagt sie, "jetzt sehe ich es nicht mehr." Sie packt meine Hand und kneift erneut hinein. "Da!" - "Ich glaube Du musst mich nicht zwicken, es reicht die Berührung!" - "Tatsächlich: Da - Weg - Da - Weg" - "Genug! Gehen wir rein?"

Händchenhaltend gehen wir bis ans Ende des Ganges. Da geht es nicht weiter, Felsgestein bildet den Abschluss. "Was nun?" - "Vielleicht sollten wir mal klopfen?" Sie macht Anstalten, mit der Faust gegen den Felsen zu schlagen, aber bevor sie ihn noch berührt, teilt dieser sich und die Hälften gleiten knirschend nach rechts und links davon. Vor uns steht ein zauberhaftes Wesen. Alles an ihr ist schwarz/weiß: Die Pluderhose, die weite Bluse, ihre schwarzen Fingernägel, die weiße Haut, die kleinen schwarzen Ohrringe, die weißen Ohren mit der schwarzen Spitze(!). Verwirrt starren wir sie an, immer noch händchenhaltend. "Willkommen!" säuselt die Elfe und haucht uns beiden je einen Kuss auf die Wange. "Moment!" Sie hängt meiner Frau eine Kette mit einem blauen Stein um. "Jetzt braucht ihr nicht mehr Händchen zu halten!" Sie sieht mich an: "Falls du es nicht weißt, du bist ein Magieverstärker. Der Stein übernimmt nun deine Aufgabe."
In der kleinen Halle spielt ein Gartenzwerg "Die Moldau" auf dem Klavier. Unsere Elfe führt uns die Stiegen hinab zu einem Zweiertisch am Rande. Überall sind magische Wesen eifrig bei der Arbeit. Da wird herausgeputzt, gemalt, gebastelt. Gäste werden hurtig bedient. Über all dem liegt ein angenehmes Raunen und Summen. Ich bestelle ein Tschechisches Frühstück, meine Frau Waffeln mit Erdbeeren.
Das Essen wird prompt serviert. Es schmeckt zauberhaft, die Waffeln schmeckt man schon, bevor man sie überhaupt in den Mund steckt und sie zerschmelzen wie Pulverschnee im Mund. Auch das Frühstück ist das beste was ich jemals gegessen habe.
Aus dem Obergeschoß tönen auf einmal Lachen und Musik zu uns herunter. "Was ist denn da oben los?" frage ich 'unsere' Elfe. "Ach nur ein Flohmarkt für Zauberpilze." ist die Antwort. "Liebling, lass uns raufgehen!" bittet meine Herzallerliebste. "Ach Schatz, ich bin von der Herumrennerei völlig fertig. Pilze interessieren mich nun wirklich nicht. Tut mir leid!" Ich gähne demonstrativ. Mein Schatz zieht eine Schnute und macht sich dann davon.
Nach einiger Zeit setzen sich vier vornehme, besonders spitzohrige Elfinnen an den Nachbartisch und unterhalten sich angeregt. Ich kann es nicht recht einordnen, schwanke zwischen Italienisch und Spanisch. "Are you from Italy?" frage ich schließlich. Die vier drehen sich synchron zu mir her. Vier Paar spitze Ohren zucken amüsiert "Spain, Barcelona" sagt die Schönste von ihnen (rabenschwarzes Haar, silberne Augen). Alles klar, Katalanisch verstehe ich kaum, im Gegensatz zum Castellano. Wir stellen uns gegenseitig ein wenig vor. Unterhalten uns bald angeregt. Sie rutschen zusammen, bieten mir einen Platz an ihrem Tisch an. Wir unterhalten uns in einer Mischung aus Englisch, Portugiesisch und Spanisch, einfach weil es Spaß macht. "Seid ihr hier wegen des Eros Ramazotti-Konzertes?" frage ich. "Ja genau, wir sind große Fans von Eros!" seufzt die Silberäugige. Dann sieht sie mich schmachtend an, umarmt mich und gibt mir einen langen Kuss auf die Nase. "Hey, ich bin nicht Eros .. und außerdem verheiratet!" versuche ich mich aus der Umarmung zu befreien. "Und seine Frau steht da oben und filmt uns schon die ganze Zeit!" lacht eine andere. Die Erwähnte steigt gerade die Treppe von ersten Stock herunter, das Handy noch locker in der Hand. "Schatz - darf ich Dir vorstellen: Elfinnen aus Barcelona. Sie gehen auch zum Konzert!" Ich tue, als wäre nichts gewesen, sie setzt sich zu uns und wir unterhalten uns weiter sehr ausgelassen. Nach einiger Zeit sagt sie laut zu mir: "Jetzt habe ich den Beweis, du Schurke! Wenn Du mit mir unterwegs bist, bist Du nie so motiviert!" "Naja, hier muss ich mir auch nicht stundenlang die Beine in den Leib stehen, Schatz" Ich werfe ihr einen Hundeblick zu. "Was hast Du denn da oben eingekauft?" neugierig und um das Thema zu wechseln, schaue ich auf die Schachtel vor ihr auf dem Tisch. Sie öffnet sie, zieht einen Riesensteinpilz heraus. "Na einen Zauberpilz! Das wird ein Festessen!" - "Untersteht euch, mich zu kochen!" schreit der Pilz mit angstverzerrtem Gesicht und hoher Fistelstimme. "Ihr müsst mich in Euren Garten setzen und regelmäßig gießen. Dann bringe ich euch Glück und Reichtum für euer Leben."
Die Elfinnen und wir beschließen, gemeinsam zum Konzert und vielleicht danach noch ins Hardrock Cafe zu gehen. Als wir die Galerie verlassen, sagt unsere Schwarzweißelfe freundlich "Kommt bald wieder. Und gib mir die Kette bitte. Der Stein darf diese Hallen auf keinen Fall verlassen." Der blaue Stein leuchtet einmal kurz auf, als wolle er sich verabschieden.

Zwei Tage später im Zug nach Hause: Meine Frau scrollt durch ihr Handy und lacht leise.
„Schau mal, in Tschechien haben sie dieses Jahr Haschisch legalisiert. Meinst du, das erklärt unser Erlebnis?“

Ich schaue hinüber zu dem riesigen Steinpilz, der friedlich in einer Plastiktasse mit etwas Wasser auf dem Klapptisch steht.
„Nein“, sage ich und zwinkere ihm zu. „Das war echt.“

Der Pilz zwinkert zurück aber nur ich kann es sehen.
Und irgendwo in Prag, tief in einer verwinkelten Gasse, spielt ein Gartenzwerg vermutlich immer noch „Die Moldau“.

***
Es gibt in Prag tatsächlich einen Ort namens "The Secret Gallery".

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Butterblume am 06.05.2026:
Kommentar gern gelesen.
Ich mag Prag sehr.

"Die Moldau"

Meine Lieblings-Sinfonie.





geschrieben von Marques Ron am 06.05.2026:

Eine wunderschöne Stadt. Sie hat uns "verzaubert" :-)

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