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geschrieben 2026 von Phoberos (Phoberos).
Veröffentlicht: 17.05.2026. Rubrik: Satirisches


Montagmorgen 2046

Erde, Jahr 2046.

SatirepatzerSatirepatzerEntgegen aller Erwartungen lebt noch immer niemand dauerhaft auf dem Mars. Dafür verfügte inzwischen jeder Mensch über durchschnittlich 14 persönliche KIs, drei psychologische Sicherheitsfilter und ein staatlich garantiertes Grundeinkommen von 70 Prozent.

Die durchschnittlich notwendige Arbeitsleistung pro Bürger beträgt nur noch 30 Prozent. Offiziell gilt dies als größter Fortschritt der Menschheitsgeschichte.

Montage fühlen sich trotzdem noch immer wie Montage an.

„Also starten wir“, sagte Butler. „Kaffee oder Tee?“

„Er sollte heute Tee nehmen“, meinte Zen. „Das würde seinen Stresspegel stabilisieren.“

„Kaffee“, murmelte Tino. „Was denn sonst.“

Butler leitete die Bestellung an den Speisenzubereiter weiter. Dieser war direkt in den Tisch integriert. Sekunden später tauchte das Trinkgefäß lautlos aus der Tischplatte auf.

Tino nahm zwei Schlucke und fühlte sich etwas weniger tot.

„Vergessen Sie bitte Ihre Tabletten nicht“, sagte Medi.

Tino runzelte die Stirn. Zum gefühlt tausendsten Mal fragte er sich, warum die Medizin-KI auf höflich programmiert worden war und ihn siezte.

Tino stand auf und schlurfte ins Badezimmer.

Aus dem Spiegel ertönte die flötenartige Stimme von Orga.
„Tino, beeil dich. Dein Meeting beginnt in fünfzehn Minuten und Cash wollte die Taktik noch mit dir besprechen.“

Angenehme Stimme, dachte Tino. Wahrscheinlich gab er sich genau deshalb Mühe, seine Termine möglichst zuverlässig wahrzunehmen — was wirklich nicht einfach war.

„Ich verhandle heute selbst“, sagte Tino leicht genervt.

Sofort meldete sich Cash.
„Ist das wirklich die wirtschaftlich sinnvollste Vorgehensweise?“

„Ja.“

Tino fragte sich zum wiederholten Mal, warum Cash sich überall einmischen musste, sobald irgendwo Geld ausgegeben wurde. Eine Besprechung mit seinem Coiffeur über einen neuen Look würde er wohl noch selbst meistern.

Er zog ein frisches Hemd an. Die Hose ließ er weg — die sah sowieso keiner.

Im nächsten Zimmer setzte er sich an den Tisch und ließ sich von Orga mit Best Coiff verbinden.

Die Kunden-KI nahm das Gespräch entgegen.

In dem Moment tauchte eine Nachricht auf seinem Tischdisplay auf.

"Einen Moment bitte" sagte Tino und nervte sich sogleich, warum war er immer so höflich zu den KIs denen ist das doch egal, aber Irgendwie kam er nicht aus seiner Haut.

„Ich möchte einfach nur die Seiten etwas kürzer“, sagte Tino und übergab die weitere Besprechung an Orga, Cash und Style.

Während die drei KIs begannen, Frisurentrends, Budgetgrenzen und soziale Wirkungskurven zu analysieren, verschwand Tino ins Nebenzimmer.

Er aktivierte das Tischdisplay im Nebenzimmer.

Familienessen. Sonntag, 18 Uhr. Anwesenheit erwünscht.

Tino seufzte.

„Ghost könnte übernehmen“, schlug Orga vor.
Gleichzeitig diskutierte sie weiter mit der Kunden-KI von Best Coiff über die optimale Schläfenlänge und bereitete bereits Tinos nächsten Termin vor.

„Ich weiß.“

Tino hatte trotzdem ein schlechtes Gewissen. Andererseits hatte sich letztes Mal niemand beschwert. Im Gegenteil. Seine Mutter hatte später sogar geschrieben, wie aufmerksam und ausgeglichen er diesmal gewesen sei.

Vielleicht zu ausgeglichen.

Ghost könnte übernehmen. Schwang es noch in seinen Ohren.

Wahrscheinlich würde es nicht einmal auffallen.

Ghost hört aufmerksam zu, unterbricht niemanden und stellt regelmäßig empathische Rückfragen. Außerdem erinnert er sich zuverlässig an Geburtstage und hat letztes Weihnachten fast vierzig Minuten mit Tante Erika über Zimmerpflanzen gesprochen.

Tino selbst hatte nicht einmal gewusst, dass Tante Erika Zimmerpflanzen mochte.

„Tino“, meldete sich plötzlich Style aus dem Nebenraum. „Die Kunden-KI bittet darum, dass Sie kurz aufstehen.“

„Wieso?“

„Für die Ganzkörperanalyse.“

Tino sah an sich herunter.

Verdammt. Die Hose.

Nicht schon wieder ein Scan, dachte Tino.
Der 3D-Scanner zickte ohnehin schon seit Wochen herum.

„Verwendet einfach den Weihnachtsscan von letztem Jahr“, sagte er genervt. „Das reicht völlig. Und ich möchte den Vorschlag als optronische Datei erhalten, damit ich ihn mit dem Holoprojektor ansehen kann.“

„Die Kunden-KI weist darauf hin, dass der Weihnachtsscan nur den Oberkörper enthält“, meldete sich Style.
„Für eine vollständige Stilbewertung wäre ein Ganzkörperscan hilfreich“, ergänzte Style höflich.

Tino erstarrte kurz.

Verdammt. Die Hose.

"Für diesmal wird es reichen." sagte Tino bereits etwas gereizt.

"In Ordnung, wir waren sowieso schon fertig, der Scan wurde nur für die optronische Datei gebraucht." hauchte Orga. "Ich werde die Datei gleich in den Holoprojektor laden sobald sie ankommt."

"Mach das, danke." schon wieder so höflich. Tinos Gedanken schweiften ab:

Best Coiff war längst kein klassischer Friseursalon mehr.
Seit der Einführung des DysonCut Pro 8 arbeiteten die meisten Coiffeure nur noch als zertifizierte Stilberater und Schnittdesigner.

Die eigentliche Arbeit erledigte zuhause ein halbautonomes Schneidesystem.

Offiziell galt dies als hygienischer, effizienter und emotional stressfreier.

Trotzdem hatten sich die durchschnittlichen Diskussionen über Frisuren seit 2038 verdreifacht.

Der Holoprojektor schaltete sich ein und ein Abbild von Tino erschien mitten im Raum.

Tino betrachtete sich von allen Seiten.

Sieht gut aus, dachte er.

Moment… haben die meine Schläfen gebleicht?

Naja. Wahrscheinlich war das gerade modern.

„Ich bin zufrieden. Best Coiff soll die Schnittdatei senden. Cash, du erledigst die Zahlung.“

„Ich konnte einen fünfzehnprozentigen Rabatt aushandeln“, ließ Cash verlauten.

"Gut gemacht."

Einen Moment später runzelte Tino die Stirn.

Hatte er gerade eine KI gelobt?

Und noch viel wichtiger:
War das von Cash beabsichtigt gewesen?
Sprich: Positive Verstärkung. Konditionierung.

Tino schüttelte den Gedanken sofort wieder ab.

Was für ein Bockmist.

„Die Schnittdatei wurde erfolgreich übertragen“, meldete Style.

Sekunden später fuhr der DysonCut langsam aus der Badezimmerwand.

Tino betrachtete das Gerät misstrauisch.

„Beim letzten Mal sah ich danach aus wie ein pensionierter E-Sport-Kommentator.“

Während der DysonCut summend seine Arbeit begann, erhielt Tino eine neue Nachricht.

Mutti:
„Falls du wieder Ghost schickst, richte ihm liebe Grüße aus. Er hat sich letztes Mal übrigens auch sehr gut mit Ghost von deiner Schwester verstanden.“

Tino schwieg einen Moment.
„Style“, sagte er schließlich trocken.
„Mach die Schläfen wieder dunkler.“

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