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geschrieben 2026 von Ansgar Kummerfeld (Ansgar Kummerfeld).
Veröffentlicht: 17.05.2026. Rubrik: Märchenhaftes


Der Bass, der eine Gitarre sein wollte

Der Bass, der eine Gitarre sein wollte

Eine vierköpfige Musikband spielte in ihrem Proberaum. Sie waren nicht sonderlich gut - aber auch alles andere als schlecht.
Das Schlagzeug hielt den Rhythmus, die Gitarre griff saubere Akkorde, das Keyboard begleitete alles und der Bass dröhnte und brummte, als würde er ein Streitgespräch mit dem Schlagzeug führen.
Alles ganz normal.
Bis eines Tages ein neuer Musiker in den Raum kam. Er sollte eine zweite Gitarre spielen - eine E-Gitarre. Und er sollte bei einem ihrer Stücke ein kleines Solo mit einbauen.
Die anderen Musiker bewunderten die neue Gitarre, weil sie so glänzte, einen ganz besonderen Klang hatte und ein wirklich edles Stück war.
Selbst die anderen Instrumente schienen die neue Gitarre zu bewundern.

Nach der ersten Probe wurde es still in dem kleinen Raum und die Instrumente blieben allein zurück.
Die alte Gitarre lag in einem offenen Koffer, der Bass hing in seiner Halterung an der Wand und die neue Gitarre stand blitzend und blinkend in einem extra Ständer.
Wenn man genau hinhörte, trommelte das Schlagzeug ganz leise im Schlaf vor sich hin und das Keyboard hatte sich im Traum versehentlich selbst eingeschaltet und schnarchte in C-Dur.
Nur der Bass schien keine Ruhe zu finden. Neidisch schaute er auf die neue Gitarre.
„Ach“, jammerte der Bass, „wenn ich doch auch nur einen so schönen schlanken Hals hätte …“
Er sah an sich herunter.
„Und nur halb so dicke Saiten“, seufzte er weiter.
„Bei mir klingt immer alles so tief ... als würde meine Mensur durch einen dunklen Keller marschieren.“
Die neue E-Gitarre ließ ihre Saiten leise in einem schnippischen Cis erklingen.
„Tja, nicht jeder ist für große Soli gemacht.“
Der Bass ließ traurig seine E-Saite nachschwingen.
„Ich wäre eben auch gern mal im Rampenlicht …“
Die alte Gitarre ließ den Akkord G7 sauber erklingen.
„Hör auf zu jammern, Bass! Deine Töne sind gut, so wie sie sind.“
Das Keyboard gab einen schiefen Akkord von sich und war plötzlich hellwach.
„Ich find tiefe Töne gemütlich“, murmelte es verträumt. „Da kann man immer so lustige Melodien drüber legen …“ und sofort fing es an ein wenig zu klimpern.
„Ruhe!“
Das Schlagzeug ließ das Crash-Becken scheppern. Anschließend zischte die Hi-Hat leise: „Ihr benehmt euch ja wie Streichinstrumente.“
Augenblicklich verstummten alle Instrumente.
Nur das Keyboard kicherte noch ein wenig in Dur.
„Bass“, sagte das Schlagzeug und begann einen leisen Wirbel auf der Snare.
„Zusammen sind wir unschlagbar, alter Freund!“
Der Bass seufzte und ließ noch einmal seine E-Saite nachschwingen. Dann sagte er ganz leise, im festen Glauben, dass niemand ihn hören würde: „Wenn ich doch auch nur eine Gitarre sein könnte …“
„Sei nicht albern!“ antwortete das Schlagzeug mit einem dumpfen Ton von der Floor-Tom.
Das Keyboard stellte gleich einen neuen Sound ein - von Piano auf Gitarre und begann eine kleine Melodie zu spielen.
„Wenn du eine Gitarre wärst, an wem sollte ich mich denn orientieren?“ fragte die alte Gitarre.
Die E-Gitarre konnte sich nicht mehr halten vor Lachen: „Du und eine Gitarre? - Ha! Dir fehlen doch zwei Saiten! Wie soll das denn gehen?“
Der Bass verstummte.
Traurig und missverstanden.
Aber sein Entschluss stand fest: Ab morgen wollte er eine Gitarre sein – und er hatte auch schon eine ganz tolle Idee. Der neuen E-Gitarre wollte er es zeigen …

Als die nächste Probe begann lief nichts wie geplant: Der Bass hatte sich absichtlich um eine Terz nach oben verstimmt.
Verzweifelt versuchte der Bassist sein Instrument wieder in „die richtige“ Stimmlage zu bekommen. Aber der Bass war genauso hartnäckig. Immer wieder spannte er seine Saiten heimlich höher.
Das Schlagzeug geriet kurzfristig aus dem Takt.
„Wir sprechen nachher darüber“, raunte es und gab seinem Unmut mit der Bass-Drum Nachdruck. Das Keyboard verlor zwischendurch seine Harmonien und rutschte versehentlich in „Hänschen Klein“ hinein.
Nur die alte Gitarre schrabbelte souverän ihre Akkorde und ließ sich nicht irritieren, obwohl ihr anzumerken war, dass sie langsam böse wurde.
Die E-Gitarre aber konnte sich ihr Lachen kaum verkneifen. Vor Anstrengung, nicht laut loszubrüllen, tat ihr schon der ganze Korpus weh.

Die Musiker brachen ihre Probe ab. Enttäuscht verließen sie den Proberaum, waren aber überzeugt, sie hätten heute einfach nur einen schlechten Tag erwischt, scherzten und lachten und waren sich sicher, dass nächste Woche alles wieder besser laufen würde.

Als die Instrumente wieder unter sich waren polterte das Schlagzeug los: „Was ist denn in dich gefahren, alter Bass!“
Die alte Gitarre ließ ruhig ein A-Moll erklingen.
„Du hast die ganze Probe versaut, mein Bässter!“
„Also ich fand das alles halb so schlimm“, klimperte das Keyboard fröhlich.
Die E-Gitarre konnte sich jetzt nicht mehr halten.
„Wie du heute geklungen hast ...“, japste sie nach Luft.
„Wie eine Ukulele im Stimmbruch …“
„Ruhe!“, polterte das Schlagzeug und ließ die Glocke des Ride-Beckens hell erklingen.
„So geht das nicht, Bass. Wie sollen wir uns denn verständigen, wenn du ständig deine Saiten verstimmst?“
Der Bass wurde wieder traurig. Er hatte sich doch so viel Mühe gegeben. Und jetzt waren alle wütend auf ihn. Dabei wollte er doch nur einmal etwas Besonderes sein, einmal auch im Rampenlicht stehen.
Die ganze Woche über blieb der Bass einsilbig, während die anderen Instrumente in ihren üblichen Tratsch verfielen.
Immer wieder rief das Schlagzeug seine Freunde zur Ruhe und die E-Gitarre war eingebildeter als zuvor. Immer wieder ließ sie spitze Bemerkungen in Richtung des Basses fallen.
Anfangs kicherten die anderen noch darüber, später wurde es aber auch ihnen zu viel.
„Sei doch nicht immer so gehässig!“ sagte das Keyboard schließlich und suchte sich den Sound einer Oboe dafür heraus.

Dann kam die nächste Probe und der Bass dachte: Euch zeig ich’s …

Als die Probe begann, dröhnte und brummte der Bass wie nie zuvor. Mitten in einem Stück fing er plötzlich an zu slappen und legte ein wildes Solo mit Tapping, Picking und Popping hin. Er groovte so sehr, dass die Gitarre und das Keyboard einfach mitziehen mussten und das Schlagzeug verstummte kurzfristig - nur um den Bass den nötigen Raum zu bieten, natürlich.
Die E-Gitarre aber staunte, was der Bass, den sie bisher ja immer verspottet hatte, eigentlich so alles drauf hatte.
Sie wurde erst leiser und verstummte schließlich ganz. Denn sie konnte nicht anders als den tiefen Tönen bewundernd zu lauschen. Fast hätte sie darüber hinaus ihren Einsatz verpasst, so fasziniert war sie vom Spiel des Basses.

Als die Probe vorbei war und die Musiker zufrieden ihren Raum verließen, wandte sich die E-Gitarre an den Bass: „Kannst du mir zeigen, wie so was geht?“
Der Bass lächelte nur.
„Das, liebe E-Gitarre, funktioniert eben nur, wenn man ein Bass ist. Dir würden dabei die Saiten reißen - und du weißt, wie unangenehm das ist!“

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Phoberos am 17.05.2026:

Was für eine gut erzählte Geschichte mit wunderbarer Allegorie.

Erst erkennen, wer man ist, und das dann konsequent ausleben.

Berührt, spendet Trost und lässt einen auch etwas über sich selbst erkennen. Danke für diese Zeilen.




geschrieben von lüdel am 17.05.2026:


Ich könnte mir vorstellen, dass es durchaus so eine musikalische Unterhaltung zwischen Musikinstrumenten geben könnte. Ich war ganz beim Bass, habe mit ihm mitgelitten und mich gefreut, dass er doch noch die Saiten gestrafft hat.
Lüdel 🌥️🧚‍♂️




geschrieben von Endzeit Rockers am 17.05.2026:

Ich liebe den Bass.
Bestes Instrument.

Von allen Instrument Charakteren, Archetypen, wenn man so will,
ist der Bass mit allen Wassern gesegnet.

Kaum ein Instrument ist so Anfängerfreundlich.
Man kann von Anfang an ein zwei Einzelne Noten/Töne kombinieren und fertig.
Keine Griffe Nötig und alles funktioniert überall.
Und man muss Musik nur marginal begreifen.
Einfach Ton drücken, kucken wie es klingt und noch zwei Töne,
endscheiden obs gut klingt, Text schreibe = Lied fertig.

Kein Instrument ist so belastbar, so rücksichtsvoll
und kann gleicher maßen alles im Wutrausch in Schutt und Asche legen.
Wenn ich da an Wagners Werke denke, oder Motörhead.

Ich selbst spiele das Instrument seid ich 16 bin und das bis heute nicht sonderlich gut.
Da ich keine Theorie kann, kaputte Hände habe.
Aber dennoch hilft das Instrument mir, Lieder zu spielen, zu Rekorden.
Man ist auch längeren nicht spielen, schnell wieder drin, wenn man seinen eigenen Besteckkasten nutzt.

Und da man mit Effekten gut kaschieren kann, das man nicht der versierteste ist,
kann man mit extremer Zerre heftige Töne zaubern.

Da ich damals einfach bissel bei Lemmy abgeschaut habe,
wurde mir mein Lebenslang gesagt, dein Bass klingt wie ne E Gitarre.

Ist also im Grunde ein Alleskönner.
Von grob, bis feinmotorisch, bis begleite Instrument, bis hin zur absoluten Dominanz, kann man damit alles machen.

Ich denke auch, das Bands wie Motörhead, bis hin zu neueren Bands wie Primus, die auch sehr Experimentell sind, wirklich Türen geöffnet haben, das der Bass durchaus in der Lage ist aus dem steten Standard heraus zu brechen.


Leider habe ich durch meinen Stiel, Art der Musik, nie Mitstreiter gefunden.
Seid etwa 3 Monaten spiel ich bisschen E Gitarre, weil mir wer eine ausgeliehen hat.
Mach es also selber.
Ist aber Einsam.
Und Rekorde direkt damit.
Aber da ich auf dem Bass bissel besser bin, ist er im Grunde das Fokusinstrument
und die E Gitarre ist eben die Begleitung, durch grobe Power Akkorde, bissel Quietsche Noten, alles an fetten, aufwerten, oder herabsetzen.

Solos hab ich keine.
Jede schiefe Note, jedes Ding und Dong und alles was mit dem Whammy Effekt,
ins extreme verunglimpfen von Tönen geht, das sind meine Solos.


Einzig was am Bass sehr negativ ist,- Er ist größer, ergo schwerer.
Die Seiten sind deutlich teurer, allgemein ist Bass Instrument Material teurer,- Die Effekte, Verstärker usw.

Ist also nicht sehr gleichberechtigt. :D

Aus Psychologischer Sicht ist der Bass einfach Legende.

Der Bass wird immer ein Schattendasein führen,
aber in der Dunkelheit glänzt es dann doch am besten.

Ich finde das der Bass auch am edelsten wirkt.
Einfach weil der Hals deutlich länger ist.
Wie die Kavallerie auf die man sehnsüchtig wartet.
Das Artillerie dröhnen, das dir den Weg einstimmt.


https://www.youtube.com/watch?v=YPhO5g39vpg



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